Genmanipulierte Babys in China geboren (2)

Dies ist die Fortsetzung des Artikels "Genmanipulierte Babys in China geboren (1)"

 

 

Herrschaft meint die Herrschaft über die Deutungshoheit

 

Mit „Deutungshoheit“ sei hier das Recht gemeint zu entscheiden, was publiziert werden darf, wann und auf welchem Wege es publiziert wird und was die Publikation für die Menschen und die Regierung in China bedeutet. Eben die Interpretation oder Deutung des publizierten Materials. Unter Xi Jinping ist dies wichtiger denn je geworden.  

 

Die Deutungshoheit liegt in China ausschließlich in den Händen der Zensurbehörde. 

 

Der chinesische Wissenschaftler He Jiankui behauptet, dass vor kurzem Zwillinge geboren wurden (Lulu und Nana), die im Reagenzglas gezeugt worden waren und deren genetischer Code mithilfe der Crispr/Cas9-Methode editiert und verändert worden war. 

 

He Jiankuis YouTube-Videos sind vordergründig ganz klar Werbe-Filme mit dem Ziel, die Prominenz des Forschers, seines Teams und letztlich seines privaten Unternehmens zu steigern. Es geht um Geld, um Ruhm, und es ist nicht ganz klar, welches von beiden ihm hier wichtiger ist. 

 

Klar ist allerdings, dass He berechnend ist - oder unglaublich dumm. 

 

Die Veröffentlichung wirft drei nicht triviale Fragen auf: 

1. Was genau hat dieses Labor gemacht und von wie vielen Misserfolgen und Erfolgen müssten wir eigentlich sprechen? 

2. Wie gehen die offizielle Stellen in China damit um, und was wird sich für die Wissenschaft in China und auf der ganzen Welt verändern?

3. Was wird in den Videos und in der sich anschließenden Diskussion in China eigentlich verschwiegen oder unter den Tisch zu kehren versucht?

 

 

Was genau hat das Forschungsteam von He Jiankui gemacht?

 

Er spricht in seinen Videos davon, dass vor einer „ganz normalen IVF-Schwangerschaft“ die Embryos mithilfe der Crispr/Cas9-Methode behandelt wurden, um sie gegen das HIV Virus immun zu machen.

 

Hier sollte man das Video bereits als das bezeichnen, was es tatsächlich ist: ein reiner Werbe-Film. 

 

Nur ein Privatunternehmen, das wirtschaftlich davon profitiert, würde die IVF-Methode (in vitro fertilisation oder künstliche Befruchtung) als „ganz normal“ bezeichnen. Es ist in vielen Ländern Standard bei der medizinischen Behandlung von Paaren, denen es nicht möglich ist, auf natürlichem Wege Kinder zu bekommen. Aber diese Behandlung ist wie jede Behandlung von Risiken und Nebenwirkungen begleitet und ist alles andere als eine alltägliche Normalität. Es ist nicht die normale, alltägliche Art, wie Menschen Babys zeugen. 

Nach der Behandlung stellte sich heraus, dass nur das Genom eines der beiden Embryos tatsächlich die Genveränderung trug.

 

Trotzdem wurden beide Embryos der Mutter eingepflanzt, was in China eher unüblich ist. Hier gelten laxere ethische Standards. Problematische Embryos werden in der Regel „entsorgt“, was hier aber nicht geschah. (Ich möchte selbstverständlich damit nicht sagen, dass ich die Tötung von Embryos befürworte!)  

 

Vermutlich wollte He Jiankui auch gleich in diesem ersten Experiment dafür sorgen, dass es später „Material“ für eine  Zwillingsstudie geben würde. 

 

He hatte das Projekt vor einiger Zeit in eine chinesische Datenbank für entsprechende Forschungsprojekte eingetragen, es war also kein Geheimprojekt. Es gibt die Möglichkeit, online die Forschungsprotokolle einzusehen. Es gibt aber (noch) keine Fotos und keine Geburtsurkunde der Kinder, keinen medizinischen oder juristischen Nachweis für die Geburt oder Existenz der Kinder. 

 

Natürlich wurde zuerst nur von dem letzten, vorläufig größten Erfolg, berichtet, denn es handelt sich ja schließlich um einen Marketing-Coup. Auf dem Kongress sprach er von weiteren Babys, die bald geboren würden. Wie viele Experimente er tatsächlich unternommen hat, wie viele Babys noch unterwegs sind, das wissen wir bis heute nicht. 

 

 

Wie gehen die offizielle Stellen in China damit um?

 

He Jiankui wurde ohne Fortführung der Gehaltszahlung vorläufig suspendiert. Das Gehalt eines Uni-Dozenten ist in China relativ gering. Wer an der Uni arbeitet, hat in der Regel - vor allem als karrierebewusster Mensch - mindestens einen Nebenerwerb, in der Regel mindestens ein Unternehmen. 

 

Viele DozentInnen und ProfessorInnen in China sind also de facto sehr wohlhabend, aber nicht durch ihr Uni-Gehalt, sondern durch die Nebeneinnahmen, die man durch eine Beschäftigung an der Uni kreieren kann. Vor allem im naturwissenschaftlichen Bereich ist das ganz normal.

 

He Jiankui ist nicht nur Forscher an der Uni, sondern auch Geschäftsführer eines Gentechnik-Unternehmens. Finanzielle Sorgen hatte er nicht und wird sie wohl auch in Zukunft nicht haben. Es gibt in China genug sehr, sehr reiche Familien, die ihn aufsuchen werden, weil er nun dafür bekannt geworden ist, dass er auf ethische Bedenken kaum Rücksicht nimmt. 

 

über 100 „renommierte“ chinesische Wissenschaftler haben einen offenen Brief unterzeichnet, in dem sie diese Experimente verurteilen, weil sie der internationalen Reputation chinesischer Forscher und chinesischer Universitäten großen Schaden zufügten.

 

In einem Radio-Interview mit einem westlichen Journalisten sagte ein chinesischer Wissenschaftler, er kenne He Jiankui nicht. Dieser wäre ein in der gesamten Wissenschaft gänzlich unbekannter Neuling. Crispr/CAS9 sei außerdem eine relativ leicht anzuwendende Methode, weshalb es wohl einem unbekannten und relativ unerfahrenen Wissenschaftler möglich gewesen sei, sie anzuwenden.

 

Bei der staatlichen Ethikkommission wäre dieses Experiment nicht beantragt worden und von dort hätte deshalb natürlich auch keine Zustimmung erfolgt. Implizit soll das wohl heißen, dass sie auch nie gegeben worden wäre.

 

Aber He hatte wohl die Zustimmung der Ethikkommission der örtlichen Universität erhalten. Das behauptete er zumindest.

 

Von offizieller Seite haben nach Veröffentlichung der Videos Untersuchungen begonnen, die auch festlegen sollten, welche Konsequenzen das Verhalten für He Jiankui langfristig haben wird. 

 

He Jiankui selbst erwähnt es ja in einem seiner Videos: „Irgendjemand hätte irgendwo irgendwann damit angefangen, wir sind jetzt eben die ersten. Über die ethischen Implikationen sollten andere jetzt diskutieren.“ (sinngemäße Übersetzung)

 

Er tut so, als hätte er lediglich einen Ball ins Spielfeld werfen wollen. Die anderen könnten ja dann sehen, was sie damit machen wollten. Dass es sich hierbei allerdings um Menschenleben und um eine Risikobelastung künftiger Generationen handelt, das erwähnt er mit keinem Wort.

 

Wenn man lange in China lebt, dann wundert einen das übrigens nicht, wie weit der Schaden an der chinesischen Reputation im Vordergrund steht. Denn in der Tat ist das hier in dem vorliegenden Fall aus Sicht der chinesischen Wissenschaft und aus Sicht der Partei (also der Regierung) das Hauptproblem.

 

Am 29. November verkündeten staatliche Stellen via chinesisches Staatsfernsehen, dass diese Art von Experimenten sofort einzustellen sind und (vorerst) nicht fortgeführt werden dürfen. Die Begründung lautet „wegen Verstoß gegen nationale Gesetze und Vorschriften (Rules & Regulations, ein in China geläufiger Terminus) und gegen ethische Richtlinien.“ 

 

Wenn man nur diesen einen Satz hört oder liest, wird freilich nicht klar, was diese Ethischen Normen sind. Geht es um Bio-Ethik bzw. Medizin-Ethik oder geht es um das korrekte Verhalten gegenüber Partei und Staatsmacht? 

 

Die erwähnte Ethikkommission in Shenzhen behauptet übrigens, von dem Experiment nichts zu wissen und betont, dass keine Prüfung stattgefunden hat. 

 

(Fortsetzung folgt)

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