Motorradparkplätze in China

Ein ziemlich aufgeräumter Motorradparkplatz auf dem Gehweg. An Wochenenden kann man hier kaum laufen, und manchmal muss man ziemlich weit fahren, um noch einen freien Stellplatz zu finden.
Ein ziemlich aufgeräumter Motorradparkplatz auf dem Gehweg. An Wochenenden kann man hier kaum laufen, und manchmal muss man ziemlich weit fahren, um noch einen freien Stellplatz zu finden.

Heute auf dem Weg zum Sport geschah es wieder: Es war wieder einmal einer jener Momente, die einen mit einem Kopfschütteln, mit einem breiten Grinsen oder - im Falle des Hardcore-Spießers - mit einem lauten Schimpfen zurücklassen können. 


Zweiter Oktober, wir befinden uns in der sogenannten „Goldenen Woche“, die Zeit, in der scheinbar ganz China auf Urlaub hat und auf Reisen ist. 

 

Ganz China?

 

Nein, nur die wohlhabende Mittelschicht und alle darüber. Denn die Supermärkte, Kinos, Restaurants, eigentlich fast alles, hat trotzdem geöffnet. Und die ärmeren Leute dürfen schuften, während die Mehrheit der Chinesen davon blogt, dass wieder „ganz China“ auf Reisen wäre weil alle Urlaub hätten...  

 

Unser Fitness-Studio hat auch drei Tage geschlossen, aber nicht, weil die Angestellten Urlaub verdient hätten, sondern weil die meisten Kunden zur Mittelschicht gehören, und die sind selbstverständlich im Urlaub. 

 

Wer etwas auf sich hält, fährt nach Hongkong, nach Macao, nach Taiwan oder gar nach Japan. Wer lieber auf dem Teppich bleiben möchte, fährt ins Heimatdorf der Eltern oder in irgendein Ferienressort. Für einige Studenten im ersten Semester, die gerade das obligatorische Militär-Training und die ersten zwei Wochen ernsthafter Unterrichtsversuche über sich ergehen lassen haben, ist diese Ferienwoche die erste Gelegenheit, selbstbestimmt Urlaub zu machen. 

 

Oder sie fahren doch zurück in die Heimat. Schließlich war man ja schon einen ganzen Monat nicht zu Hause. Studiert wird in China in der Regel nämlich nicht am Heimatort. Naja, es ist keine Regel, aber eben oft doch so. 

Doch darum geht es hier eigentlich gar nicht. 

 

Der Innenhof des Einkaufszentrums, eigentlich nur eines Drittels des Einkaufszentrums, denn dieser "alte" Teil hat noch einen riesigen Anbau erhalten. Unser Fitness-Studio befindet sich im 3. und 4. Stock.
Der Innenhof des Einkaufszentrums, eigentlich nur eines Drittels des Einkaufszentrums, denn dieser "alte" Teil hat noch einen riesigen Anbau erhalten. Unser Fitness-Studio befindet sich im 3. und 4. Stock.

Unser Fitness-Studio war geschlossen, und so fuhren wir einmal quer durch die Stadt zu einer anderen Filiale, die geöffnet war. Ausnahmsweise durften wir dort auch mal trainieren. 

 

Das Studio befand sich in einer der größten Super-Malls der Stadt. Schwer zu beschreiben. Von außen ein Koloss von einem Einkaufszentrum, innen mit einem riesigen Innenhof, in dem die Luft seltsamerweise noch schlechter war als im Rest der Stadt sowieso schon. 

 

Es ist einer jener Orte, derentwegen ich China liebe. Man sieht unglaublich viele Menschen auf relativ engem Raum, und obwohl viele im deutschen Ausland oft denken, die Asiaten würden alle mehr oder weniger gleich aussehen, kann man hier eine unglaubliche Vielfalt and Gesichtern, Staturen, modischen Geschmäckern, sozialen Schichten und Altersgruppen sehen. 

 

Das neugierige Umherschauen sei mir vergönnt, schließlich bin ich auch oft der einzige weiße Ausländer weit und breit und werde nicht nur angestarrt, sondern Eltern mit kleinen Kindern zeigen mit dem Finger auf mich, während sie laut rufen: „Schau mal, da ist ein Ausländer!“ 

 

Wie oft so etwas geschieht? An Tagen wie heute ungefähr einmal in drei Minuten. Hörbar. Unhörbar vermutlich häufiger. 

 

Begonnen hatte alles heute mit der Parkplatzsuche vor dem Einkaufszentrum. Es gibt da ein mehr oder weniger bewachtes Gelände, auf dem man 1 Yuan an den Aufpasser bezahlen muss (früher war es mal billiger…), und dadurch kann man dann die Wahrscheinlichkeit erhöhen, nach den Erledigungen das eigene Fahrzeug wieder vorzufinden. 

 

Es sind Ferien, und deshalb war sogar der Motorrad-Parkplatz wirklich übervoll. 

 

Was man in China lernt, das ist, gelassen zu bleiben, vor allem in Situationen, in denen manch ein Deutscher vielleicht die Nerven verlieren würde. Statt sich zu fragen, wo man denn nun das Moped hinstellen soll, fährt man einfach ganz langsam, höchstens im Schritt-Tempo in den bereits völlig unübersichtlichen Parkplatz ein. 

 

Dabei sollte man sich in einem möglichst entspannten, wenn nicht gleichgültigen Gesichtsausdruck üben. Lächeln ist in diesen Situationen kontraproduktiv, das habe ich schon mehrfach ausgetestet. Ernst oder wütend schauen, bringt gleich zweimal nichts. Entspannt, besser: gleichgültig schauen, das ist hier zielführend. Daher kommt dieser für Mitteleuropäer manchmal auch allzu gleichgültig wirkende Gesichtsausdruck mancher Chinesen: Man erreicht so in China oft am meisten.

 

Ich fuhr also langsam rein, ein Mann mit dem 1-Yuan-Bündel in der Hand wies sich durch dasselbe als Parkwart aus. 

 

Ich fragte ihn: „Überall schon voll, nicht wahr?“ 

Er: „Ja. Alles voll. Ferien.“

Ich: „Und da drüben, ist da vielleicht noch was?“

Er: „Nein, alles voll. Alles voll!“

Ich: „Hm.“

 

Er drehte sich einmal im Kreis, während er kontrollierte, ob nicht jemand, ohne zu bezahlen, sein Moped abstellen wollte.

 

Ich: „Oh, so kompliziert heute. … Was machen wir denn jetzt?“

(那,怎么办?- na4 zen3 me5 ban4? - Einer der überhaupt nützlichsten Sätze in China.)

 

Der Parkplatzwächter sagte: „Na, stell es doch einfach hier hin.“

Ich: „Wo?“

 

Dann packte er beherzt drei Elektro-Mopeds an, verschob sie um 20 cm und meinte, ich solle mich davor stellen. Eigentlich mitten in den Weg, aber das war ja nicht mein Problem. Er war ja schließlich der Chef hier.

 

Ich: „Wow, so was von gut!“

Er: „Kein Problem.“

Ich: „Na, wir geh’n dann mal.“

Er: „Geh langsam.“

 

(Die zwei letzten Sätze sind in China häufig zu hörende Abschiedsfloskeln. „Auf Wiedersehen“ sagt man hier in der Regel nicht, auch wenn die Chinesisch-Lehrbücher uns Ausländern etwas Anderes vorgaukeln. Das Besondere: Mit einem Parkwächter führt man so eine Konversation in der Regel nicht.)

 

Ich habe mich hier ziemlich un-chinesisch verhalten, also eigentlich adäquat, denn ich bin ja auch kein Chinese. Man führt kein so „umfangreiches“ Gespräch mit dem Parkwächter. Der Parkwächter hat mir dann noch ein „Dein Chinesisch ist wirklich gut!“ Hinterhergerufen, was ich mit einem „Nein, nein.“ quittierte.

 

Auf dem Weg zum Fitness-Studio musste ich immer wieder schmunzeln. Denn das war ja nun wirklich alles ganz anders als in Deutschland. 

 

Ich stelle mir das ungefähr so vor: 

Wenn man in Deutschland mitten auf einem Parkplatz vom Parkwächter gesagt bekäme, dass sowieso kein Platz mehr frei wäre, dann würde man in der Regel einen Protestkommentar oder eine Beschwerde vom Autofahrer hören. 

 

In China hilft da der einfache Satz: „Na, und was machen wir jetzt?“ Und dann löst sich das Problem wie von allein.

 

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