Plastikgeschirr im Restaurant

Auf dem Foto ist ein in Plastikfolie eingeschweißtes Plastik-Gedeck zu sehen, das uns kürzlich in einem Restaurant angeboten wurde. 

 

Es ist kein kleines, billiges Restaurant, sondern ein sehr großes mit einem sehr umfangreichen Angebot an verschiedenen Speisen aus Nord- und Südchina. Man kann hier sehr günstig, aber auch sehr teuer essen. Es hängt eben ganz davon ab, was man bestellt. 

 

Wir kommen hierher wegen des frischen Gemüses und wegen der typisch nordchinesischen, kalten Vorspeisen.

 

Diesmal hat sogar mein chinesischer Begleiter die Nase gerümpft, als ihm dieses extrem billige Plastikgeschirr vorgesetzt wurde. 

 

Ich dachte: Lieber von schlecht gespültem Porzellan-Geschirr essen als von diesem scheußlichen Zeug. 

 

Ich vermutete zuerst eine Sparmaßnahme, dann dachte ich, vielleicht wäre das Wasser aufgrund des ungewöhnlich trockenen Winters rationiert worden, ähnlich wie in Südamerika. Dann meinten wir, vielleicht wären die Tellerwäscher zum Frühlingsfest nach Hause gefahren, und die Spülküche wäre verwaist. Aber eigentlich waren uns die Gründe egal. Wir wollten nicht von dem extrem billigen und übel riechenden Plastikschirr essen.

 

Die Leute an den anderen Tischen kamen - typisch chinesisch! - nicht auf die Idee, sich zu beschweren. Ich bat die Bedienung, sie möge uns doch normales Geschirr, eine Reisschale und einen kleinen Teller und ein Glas für das heiße Wasser bringen. Sie meinte: „Das gibt es nicht mehr. Der Chef hat das abgeschafft.“

 

Wir saßen hier in einem unserer Stamm-Restaurants. Dem Chef gehört nicht nur dieses Restaurant, sondern die gesamte Straße mit ungefähr einem Dutzend Restaurants und Bars, einschließlich einem Hotel. Am Hungertuch nagt der sicher nicht. Und für uns war klar: Entweder wir bekommen normales Geschirr, oder wir essen woanders.

 

Man sollte im Restaurant - oder überhaupt im öffentlichen Raum - auf gar keinen Fall einen Streit vom Zaun brechen. Und auch wenn manche Restaurant-Gäste in China ziemlich abfällig mit dem Personal sprechen, kam das für mich nicht in die Tüte. 

 

Die Bedienung hatte nämlich das Zauberwort gesprochen: „Der Chef hat das so entschieden.“ Und da kann man eben nichts machen, die Bedienung ganz sicher nicht. Die Hierarchien in China sind unmissverständlich und klar geregelt. 

Wir brauchten also einen Plan B.

 

Plan B bedeutete, wir mussten die Regel oder Vorschrift mithilfe guter Beziehungen umgehen. Da wir mit der Bedienung aber keine (Freundschafts- oder Abhängigkeits-) Beziehung unterhielten, brauchten wir Plan C.

 

Plan C bedeutete in diesem Fall entweder, dass man sich als Ausländer dumm stellte („Ich spreche kein Chinesisch.“), oder man flippte aus (Das kann ich auch sehr gut spielen, wenn’s sinnvoll ist…), oder man versuchte es ganz plump auf die charmante Tour („Schönes Fräulein, könnten Sie vielleicht…“), oder man stellte sich stur, solange, bis es dem Gegenüber zu dumm werden würde und er oder sie quasi aus Verzweiflung helfen würde.

 

Wir saßen in sofern am längeren Hebel, als dass wir uns bereits entschieden hatten: Wir würden nicht von diesem Plastikgeschirr essen. Also würden wir entweder richtiges Geschirr bekommen, oder wir würden gehen. Wir waren ja erst gerade beim Bestellen.

 

Alle Tische waren besetzt, und die Gäste beobachteten uns ganz sicher schon, war ich doch der einzige Ausländer im gesamten Restaurant. 

 

Mein chinesischer Freund holte gerade Luft, und mir war klar, er würde weder leise sprechen, noch etwas Charmantes sagen. Also bat ich ihn, wieder auszuatmen und versuchte es einmal selbst.

 

 

Ich sagte (und ich versuche hier wörtlich zu übersetzen, was auf Deutsch wirklich durchgeknallt klingen wird…) ungefähr folgendes:

 

„Schöne Frau, wir sind Stammkunden und kommen mindestens einmal pro Woche hierher. Wir haben schon viele Male hier gegessen, immer von normalen Tellern. Und das möchten wir auch heute. Also bitte bringen Sie uns auch heute normales Geschirr. Verzeihen Sie, wenn wir Ihnen Umstände bereiten. Wenn das mehr kostet, dann zahlen wir das auch.“

 

Die „schöne Frau“ (美女 - mei3 nü3) ist eine in Südostchina übliche Anrede für Bedienungen oder Servicepersonal. Das Wort hierfür habe ich nie in einem Lehrbuch gefunden. Manchmal sagt man auch „kleine jüngere Schwester“ (小妹 - xiao3 mei4) oder „große ältere Schwester“ (大姐 - da4 jie3) zu den weiblichen Bedienungen. Den männlichen Bedienungen gegenüber kann man die entsprechenden männlichen Formen als Anrede verwenden. Man muss eben immer auch auf den Altersunterschied achten. 

 

Im Lehrbuch steht oft ein anderes Wort (小姐 - xiao3 jie3), das in Südchina „Prostituierte“ bedeutet. Sagen Sie das besser nicht in Südchina, zu niemandem! Und das eigentlich aus der Mao-Zeit stammende Wort für Bedienung (服务员 - fu2 wu4 yuan2) gebraucht man nur in Nordchina im Restaurant. Hier im Südosten outet man sich durch den Gebrauch dieser Anrede als Tourist oder als Zugereister. Auch das kann im Restaurant also manchmal eher kontraproduktiv sein. 

 

Die Anrede „schöne Frau“ schmeichelte ihr hier ganz sicher, weil sie von einem Ausländer kam, und brachte sie in Bedrängnis, denn sie musste nun eine Gegenleistung dafür bringen, dass ich sie für eine Sekunde glücklich gemacht hatte. 

 

(Insgeheim dachte ich, sie wäre jünger als ich, aber sie dachte sicher, sie wäre älter als ich. Deshalb wirkte dieser Ausdruck auf sie sicher positiv. Der Hinweis auf sie äußere Schönheit ist in China übrigens deutlich häufiger zu hören als in westlichen Kulturen. Das Äußere spielt in der Kommunikation auch eine viel dominantere Rolle als in Deutschland, wo ein Kompliment oft als anbiedernd oder unpassend empfunden wird. Das ist in China wirklich ganz anders.)

 

Die Gegenleistung, die ich forderte, war aber eindeutig viel zu groß, nämlich richtiges Geschirr, was gegen die Anweisung des Chefs gewesen wäre.

 

Der Stammkunde war aber ein weiterer Faktor. Denn ein Stammkunde ist immer potentiell der gute Kumpel eines der Manager oder sogar des Chefs. Und dann war ich ja noch Ausländer, noch dazu ein Ausländer, der ein wenig Chinesisch sprach. 

 

Gegenüber Ausländern möchten Chinesen manchmal (leider nicht immer) ihr Sonntagsgesicht zeigen. Man bekommt manchmal mehr als  die einheimischen Kunden oder Gäste. (Aber nicht immer. Manchmal wird man auch einfach abgezockt…)

 

Mein Schluss-Satz, dass wir gegebenenfalls Aufpreis zahlen würden, war allerdings sowohl frech und unverschämt als auch angeberisch. Den hätte ich auch einfach bleiben lassen können.

 

Sie tat, was sie tun musste: „Es tut mir furchtbar leid, aber ich kann Ihnen kein Geschirr bringen, wir haben keines mehr.“

 

Jetzt musste ich stur spielen: „Du machst wohl Witze. Klar habt ihr Geschirr. Ich weiß, ich bereite dir damit Umstände, aber wir kommen so oft hierher, wir möchten heute auch wieder glücklich zu Abend essen und nicht so viel diskutieren.“

 

Das sagte ich natürlich lächelnd und mit lustiger und ruhiger Stimme. Es ist in der Kommunikation durchaus üblich, manche Argumente einfach vom Tisch zu wischen, und andere einfach zu überhören. Man darf aber eben nicht mit Nachdruck sprechen, nicht stark akzentuiert, denn das bedeutet entweder einen direkten Angriff, oder - was leider auch häufig bei uns Ausländern vorkommt - es klingt für viele Chinesen so, als wären wir geistig minderbemittelt. "Richtiges", gutes Chinesisch klingt für unsere Ohren eher genuschelt, nicht klar und deutlich akzentuiert.

 

Im Restaurant war jetzt übrigens eine Situation entstanden, in der sie aus Verzweiflung helfen würde. Denn die Alternative wäre gewesen, dass sie mit uns einen Streit vom Zaun brechen müsste, und das tun meiner Erfahrung nach die allerwenigsten Kellner in China, wenngleich sie auch manchmal ruppig wirken mögen.

 

Sie verdrehte die Augen, brachte zuerst zwei schöne Whiskey-Gläser als Teegläser und dann zwei kleine Teller und zwei Reisschüsseln. 

 

Ich sagte beiläufig „danke“, und das Beiläufige war hier wichtig, denn ein explizites Dankeschön kann in China eine ziemlich komplexe Situation erschaffen, was aber an anderer Stelle erklärt werden muss. 

 

(Kurz gesagt: Ausländer bedanken sich immer zur falschen Zeit, am falschen Punkt in der Konversation und oft mit den falschen Wörtern. Auch hier, fürchte ich, sind wohl die Chinesisch-Lehrbücher schuld dran. Vielen Ausländern ist es auch nach vielen Jahren in China nicht klar, wie und wann man hier eigentlich „Bitte“ und „Danke“ sagt.)

 

Die Kellnerin nahm in ziemlich kumpelhafter Art die Bestellung auf. Vielleicht war das jetzt die von ihr geforderte Gegenleistung. Durch ihre Hilfe hatte sie jetzt eine gute Beziehung mit uns aufgebaut. Die Gegenleistung dafür bestand darin, dass sie sich uns gegenüber nicht mehr unterwürfig geben musste. 

 

Das Essen kam noch schneller als sonst. Und es war gut.

 

Ich glaube, diese gesamte Aktion hatte bewirkt, dass die junge Dame ein Erfolgserlebnis hatte. Ich war also nicht, wie zuerst befürchtet, zu vorlaut oder frech gewesen. Und ich hatte sie wohl auch nicht verärgert. 

 

So ganz sicher war ich mir dabei aber nicht. Mein chinesischer Freund am Tisch grinste über alle vier Backen und meinte nur: „Wie hast du das nur wieder angestellt? Wir sind der einzige Tisch in einem riesigen Restaurant mit richtigem Geschirr.“ 

 

 

Unbeabsichtigte Auswirkungen auf den Nachbartisch

 

Am Tisch neben uns saß ein junges Pärchen Mitte 20. Der Mann versucht, uns zu ignorieren, denn er aß vom billigen Plastikgeschirr. Seine Freundin schien plötzlich ausgesprochen unzufrieden mit der Situation, schielte zuerst ihren Freund an und pfiff dann die Kellnerin herbei, wies sie darauf hin, dass sie von dem Plastikgeschirr nicht essen könnte, und verlangte auch einen Porzellanteller. 

 

Die Kellnerin verdrehte wieder die Augen und brachte ihr schnell einen Teller, bevor das noch weitere Kreise ziehen konnte.

 

Der junge Mann starrte dabei auf sein Essen und versuchte anschließend, so schnell wie möglich ein belangloses Gesprächsthema zu finden. Es war für ihn eine unangenehme Situation, weil der Typ am Nachbartisch irgendwie cooler war als er. Seine Macho-Seele war gekränkt, und das tat mir in diesem Moment dann auch wirklich leid. Rückblickend hätte ich ihm zuliebe mit dem Plastikgeschirr vorlieb nehmen sollen.

 

Als ich später am Abend meinen chinesischen Freund nach seiner Meinung dazu fragte, meinte er dann aber nur (auch typisch Chinesisch): „Du denkst wieder zu viel. Ignoriere die anderen Leute einfach. Das sind Fremde, die gehen uns nichts an. Der Typ am Nachbartisch ist doch völlig egal.“

 

 

Und die Moral von der Geschichte

 

Alles, was man in China in der Öffentlichkeit tut - vor allem als Ausländer - hat unerwartete Folgen für die nicht unmittelbar betroffene Umgebung. Unser Verhalten zieht viel weitere Kreise in China als wir das in Deutschland gewöhnt sein mögen. Und auch mir fällt auf, dass ich manchmal noch zu kleinlich, kritisch oder unnachgiebig bin. Wenn ich dann aber mit meinen deutschen Kollegen, die noch nicht so lange in China sind, unterwegs bin, dann bin ich oft erleichtert. Die finden nämlich immer und überall ein Haar in der Suppe. Wir Deutsche stehen uns in der interkulturellen Kommunikation manchmal selbst im Wege, so scheint es.

 

Mit anderen Worten: Um ein Haar hatte ich in dem Restaurant in kleines Chaos ausgelöst. 

 

Im öffentlichen Raum in China gibt es keine Privatsphäre. Und ganz sicher nicht für Ausländer. Ein Ausländer wird immer beobachtet. Und wenn der Ausländer eine Sonderbehandlung bekommt, dann fühlen sich die anwesenden Chinesen möglicherweise zurückgesetzt und möchten ggf. die gleiche Behandlung erhalten. Im Restaurant macht man es damit vor allen den Kellnern unnötig schwer. Und den anwesenden Chinesen kann man damit ganz schön den Abend vermiesen. 

 

Ich tue so etwas nur, wenn ich ein paar neue chinesische Sätze ausprobieren möchte…

 

In China bin ich grundsätzlich zurückhaltender geworden und bestehe vor allem nicht ständig auf „mein Recht“, wie wir das in Deutschland quasi anerzogen bekommen haben. Ein langjähriger China-Aufenthalt ist somit möglicherweise die beste Therapie für (angehende) Querulanten.

 

 

Fazit

 

Für uns war allerdings nach diesem Erlebnis klar, dass das Restaurant an Qualität so weit eingebüßt hatte, dass wir uns ein neues Stammrestaurant suchen sollten. In einer 5-Millionen-Stadt dürfte das kein Problem sein.

 

Wir lachten noch einige Male in den folgenden Tagen über dieses Erlebnis, und diese Geschichte wurde zu einer weiteren Anekdote, die mein Freund über mich jetzt herumerzählt. 

 

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Kommentare: 1
  • #1

    Mevrouwtje (Dienstag, 23 Februar 2016 08:47)

    Sehr interessanter Beitrag.
    Gerne mehr davon! :)
    Besonders diese kleinen Feinheiten mit dem anreden der Kellnerin.

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