Soziales und kulturelles Engagement in China - ein Erfahrungsbericht (Teil 2)

Der Eingang des West-See-Parks in Fuzhou (Fujian, Südostchina). Eine malerische Kulisse für einen kurzen Fernseh-Dreh an einem wunderschönen Januarmittag.
Der Eingang des West-See-Parks in Fuzhou (Fujian, Südostchina). Eine malerische Kulisse für einen kurzen Fernseh-Dreh an einem wunderschönen Januarmittag.

Dies ist eine Fortsetzung des Artikels Soziales und kulturelles Engagement in China - ein Erfahrungsbericht (Teil 1)

 

 

Keine lokale Berühmtheit!

 

Eigentlich war geplant, diese Artikelserie in kürzeren Abständen erscheinen zu lassen. Doch aufgrund des Engagements im Chor und des relativ erfolgreichen Konzerts gab es nicht nur Grund zum Feiern, sondern auch einige Termine mit den örtlichen Medien. 

 

Hier nun ein Bericht von einer der Begegnungen. Es war ein ausgesprochen positives und interessantes Erlebnis. Und während ich immer wieder über dieses Erlebnis nachdachte, stellte ich mir selbst die Fragen, die mir wohl meine deutschen Freunde gestellt hätten, wenn sie dabei gewesen wären. Diese Fragen versuchte ich dann, im Text zu beantworten. 

 


Mir wurde dabei bewusst, dass manche Deutsche, wenn Sie uns beobachtet hätten, viele Momente als seltsam oder rätselhaft empfunden hätten. Sie hätten vielleicht nicht verstanden, wer wann und warum gesprochen hat. Sie hätten sicher gefragt, warum ich so oder so gehandelt habe und manchmal besonders ernst und manchmal besonders albern gewirkt haben mag. 


Es fällt mir zunehmend schwerer, den Alltag in China mit deutschen - sozusagen nicht vorbelasteten Augen - zu sehen. An manchen Stellen scheint der Text vielleicht unklar zu sein, an anderen Stellen wirkt er irgendwie unbeabsichtigt ironisch. 


Fühlen Sie sich frei, Fragen zu stellen oder Kommentare dazu abzugeben. 


Los geht’s!



Ich wurde zu einer Fernsehshow eingeladen, deren Ziel im weitesten Sinne es war, Ausländer vorzuführen. 

 


Exkurs: Humor ist, wenn man Andere auslacht

 

Wenn man in China lebt und arbeitet, dann fällt einem auf, dass Chinesen aus anderen Gründen lachen und zu anderen Zeitpunkten als wir. Manchmal scheinen sie fast albern zu sein, und oft halten uns die Chinesen für ziemlich albern. 

 

Es gibt für Chinesen viele Gründe zu lachen, aber oft sind sie für Deutsche nicht nachvollziehbar.

 

Oft lacht man, um Tränen zu verhindern oder um einen peinlichen Fehler quasi wegzulachen. Aus deutscher Sicht wird die Peinlichkeit dadurch eher verschlimmert. Chinesen sehen das anders. Genauso wie Deutsche manches in China belächeln, so belächeln Chinesen auch vieles an den Ausländern in China. Aber sie zeigen es nicht immer so direkt. Manchmal schon, aber eben nicht immer.

 

Es ist auch durchaus in Ordnung, online und auch in den etablierten Medien drollige oder groteske Berichte mit oder über Ausländer auszustrahlen, bei deren Betrachtung jeder normale Chinese sich schief lacht. Zu Hause natürlich, während kein Ausländer zuschaut. Spricht man den Lachenden darauf an, warum er lacht, bekommt man dann vielleicht zu hören, dass man nur lachen würde, weil schließlich alle die Ausländer verehren, bewundern oder gar beneiden. 

 

Das wäre dann also kein Lachen über einen Witz, sondern ein ehrerbietiges Anlächeln.

 

Ein wichtiger Schritt für mich in China war zu akzeptieren, dass man mich oft eben nicht an- sondern auslacht. Ich musste aber gleichzeitig so tun, als hätte man mich angelacht oder bewundert. 

 

Das gehört dazu.


Mit fast 50 zum ersten Mal im Fernsehen. Nervöser kann man schon kaum aussehen. Aber die Moderatoren und das übrige Team waren schlicht goldig. Sympathische Profis bei der Arbeit!
Mit fast 50 zum ersten Mal im Fernsehen. Nervöser kann man schon kaum aussehen. Aber die Moderatoren und das übrige Team waren schlicht goldig. Sympathische Profis bei der Arbeit!

Die Chinesen sind fest davon überzeugt, dass alle Ausländer, vor allem aber die im Westen, ein äußerst einfaches, problemloses, unkompliziertes und entspanntes Leben angefüllt mit Reichtum und Freizeit haben. Sie sprechen oft davon, wie hoch der Druck wäre, der auf Ihnen lasten würde. Und wie viel besser es doch den Ausländern gehen würde. Man ist mitunter auch ganz offensichtlich neidisch. Und auch das mag ein Grund dafür sein, warum man auf Straßenmärkten als Ausländer gerne abgezockt wird. 

 

Der Globetrotter weiß natürlich, dass das fast allen Touristen in fast allen Ländern der Welt passieren kann. 

 

Und weil das so ist, weil es den Chinesen so viel schlechter geht als dem Rest der Welt, deshalb darf man sich - um des Ausgleichs willen sozusagen - über die Ausländer lustig machen. 

 

Eine Möglichkeit dazu bieten TV-Shows, in denen Ausländer wie in einem Kuriositätenkabinett vorgeführt werden. Man schaut ihnen dabei zu, wie sie irgendwelche Rätsel lösen oder Aufgaben bewältigen, die irgendwie auf Grundschulniveau liegen. Das Interessante dabei ist, wie seltsam oder clever sich die Ausländer dabei anstellen. 

 

Man hört dabei dann immer „Ohhs“ und „Ahhs“ der Anerkennung, im Anschluss wird dann aber auch gerne darüber gewitzelt.

 

Das gehört dazu. Und darauf sollte man sich einstellen, wenn man länger in China lebt. Ich finde es im Übrigen auch völlig in Ordnung und sogar fair, denn ich kenne so viele Ausländer, die sich über die Chinesen lustig machen. Mich eingeschlossen, denn ich habe sicher in den letzten Jahren mehr als einmal bewiesen, dass ich nicht nur keine Ahnung von China hatte, sondern dass ich auch ein Musterbeispiel von Intoleranz und Kulturchauvinismus war. Ich hoffe, dass man mir das mittlerweile nicht mehr vorwerfen kann. 

 

Die Tafel war Notizblock und Spickzettel zugleich. Die nette Dame wiederholte geduldig immer und wieder den viel zu langen Satz im Fuzhou-Dialekt, den ich auswendig lernen sollte.
Die Tafel war Notizblock und Spickzettel zugleich. Die nette Dame wiederholte geduldig immer und wieder den viel zu langen Satz im Fuzhou-Dialekt, den ich auswendig lernen sollte.

Harmonie bedeutet, die Rolle, die einem zugeteilt wird, mitzuspielen

 

Eines muss man den Chinesen lassen: Sie können überaus charmant sein. Und je länger ich hier bin, desto mehr weiß ich das zu schätzen.

 

Die Fernsehshow wurde mir übrigens als eine tolle Gelegenheit, in kurzer Zeit viel Geld zu verdienen, angekündigt. Mir war klar, dass dieser Termin - wie fast alle Begegnungen in China - so etwas wie ein Vorstellungsgespräch, ein Assessment-Center, werden würde. 

 

Es geht also nicht darum, dass ich Geld verdienen sollte, sondern man war wieder einmal auf der Suche nach neuen Gesichtern fürs Fernsehen. Ich halte mich nicht für fotogen oder gar fernsehtauglich. Deshalb ging ich eigentlich nur hin, weil ich den Bekannten, der offenbar den Termin eingefädelt hat, nicht vor den Kopf stoßen wollte.

 

 

Termin beim Fernsehen

 

Tatsächlich lief es ungefähr so ab: Ich wurde mit einem Lieferwagen am Tor unseres Campus abgeholt. Wir fuhren zu einem großen Park in der Nähe. Das Wetter war wunderbar, und das Fernsehteam wartete schon. 

 

Auf dem Weg dorthin genoss ich das Geplänkel mit dem Fahrer, der ja im Prinzip in der Hierarchie des Fernsehteams völlig unwichtig war, und vielleicht genoss ich auch gerade deshalb das Gespräch mit ihm. Denn wir konnten uns über Belangloses unterhalten, einfach nur zum Zeitvertreib. Ich fand ihn überaus sympathisch und stieg daher am Park schon wesentlich entspannter aus dem Auto.


Dort wurde ich einer jungen Dame vorstellt, die so etwas wie meine Liaison, meine Kontaktperson, war. Man könnte auch sagen, der Kopfjäger, der mich entdeckt hatte. Sie war vermutlich eine entfernte Bekannte eines Chormitglieds und war einmal bei uns zur Chorprobe zu Gast, um die Möglichkeit einer Fernseh-Berichterstattung zu eruieren. Später kam sie dann möglicherweise auf die Idee, mich irgendwie in eine Fernsehshow einzubauen. Ausländer machen sich immer gut in TV-Shows, und irgendwie fand sie mich sympathisch. So erzählte sie es mir zumindest während unseres Spaziergangs zum Set. 



Exkurs: Verhalten beim ersten Kontakt


In China gehört es übrigens dazu, beim ersten Gespräch Verbindungen herzustellen: Welche gemeinsamen Freunde und Bekannten hat man? Woher kennt man sich (möglicherweise) schon? Wie kam der Kontakt zustande? Welche (positiven!) Dinge hat man schon voneinander gehört? Wenn der gemeinsame Kontakt identifiziert ist, tauscht man Komplimente über diesen gemeinsamen Freund oder Bekannten aus. Das ist ganz wichtig.


Ich empfinde das auch als angenehm. Vielleicht tut man das manchmal in Deutschland ja auch so, aber erst in China ist mir deutlich aufgefallen, dass das Muster immer das gleiche ist. Ich spiele dieses Spiel gerne mit, denn es tut allen Beteiligten gut. 



Angekommen am Set im Park


Wir schlenderten durch den Park, wo uns schließlich das gesamte Fernsehteam über den Weg lief. Ungefähr ein Dutzend Leute, und es galt möglichst schnell herauszufinden, wie hier die Hierarchien strukturiert sind. Denn den „Falschen“ (also nicht den Wichtigsten) zuerst anzusprechen wäre unhöflich, und mit einer zu „unbedeutenden“ Person zu lange im Smalltalk vertieft zu bleiben, würde einen selbst degradieren oder unmöglich machen. Man muss sich an diese Regeln unbedingt halten und sich zunächst einmal von allen Gedanken der Gleichberechtigung, des Humanismus, der Emanzipation oder der westlichen Höflichkeit verabschieden.


Das ist kein Beinbruch, denn an die Stelle dieser Werte tritt kein Vakuum, sondern andere, in diesem Kulturraum passendere Werte. Die zu erlernen ist mindestens ebenso schwierig wie das Aufgeben der vertrauten Gewohnheiten und Perspektiven.

 

Nicht lustig: Versuchen Sie mal, sich zu konzentrieren, während man von drei Seiten gleichzeitig auf Sie einredet. Anders gesagt: Der Ausländer auf dem Bild hier ist viel zu verkrampft bei der Sache. In China lernt man, locker zu bleiben.
Nicht lustig: Versuchen Sie mal, sich zu konzentrieren, während man von drei Seiten gleichzeitig auf Sie einredet. Anders gesagt: Der Ausländer auf dem Bild hier ist viel zu verkrampft bei der Sache. In China lernt man, locker zu bleiben.

Meist (aber nicht immer!) ist es relativ einfach, die Position eines Menschen auf die Schnelle zu erraten: Je dicker, desto mächtiger. Je teurer das Outfit, desto einflussreicher. Manchmal sind die Gucci-Schuhe offensichtlich, manchmal muss man genau aufpassen, bis man die Omega oder IWC aus Gold oder Platin sieht. Wer sich ein wenig in der Welt der Mode-Accessoires auskennt, der wird damit keine Probleme haben. 

 

Ein teures Mobiltelefon ist längst kein Symbol für Luxus oder Reichtum mehr. Ein iPhone 6 Plus, in Gold natürlich, gehört inzwischen zur Standard-Ausstattung aller Hipster und karriereorientierten Menschen in China. In wenigen Monaten wird vermutlich es die (goldene) Apple Watch sein.

 

Warten wir’s ab.

 


Es kam aber dann doch anders. Es wurde nämlich einfacher. Ein etwas dicker, junger Mann mit mehreren Sport-Armbändern und teurer Freizeitkleidung stellte sich breitbeinig vor mich und fragte mich mit lauter Stimme, ob ich der Herr Lehrer wäre. Einige sich betont niedlich gebenden Damen in (echter) Kleidung italienischer Modedesigner waren offenbar auch wichtig. Die Schlüsselpersonen im Vordergrund stellten sich auf diese Weise selbst vor. 

 

Das ist untypisch für das traditionelle China, aber relativ üblich im modernen, materialistischen China.

Die Damen und Herren hatten offenbar wenig Erfahrung im Umgang mit Ausländern, waren aber trotzdem locker und irgendwie zugänglich. Das war wirklich eine ungemein positive Überraschung. Ich spürte eine Welle der Sympathie ihnen gegenüber in mir hochsteigen. Das Eis war gebrochen. Spätestens jetzt freute mich auf die Zusammenarbeit mit ihnen.

 

Und hier das Ergebnis der kläglichen Bemühungen, in 3 Minuten eine Lautschrift für eine völlig unbekannte, neue Sprache zu entwickeln. Die "4" ist hier natürlich unsinnig, das wissen alle Chinesisch-Sprecher. Ich war zu nervös, ich bitte um Verständnis.
Und hier das Ergebnis der kläglichen Bemühungen, in 3 Minuten eine Lautschrift für eine völlig unbekannte, neue Sprache zu entwickeln. Die "4" ist hier natürlich unsinnig, das wissen alle Chinesisch-Sprecher. Ich war zu nervös, ich bitte um Verständnis.

Als Ausländer negative Vorurteile überwinden

 

Und wieder einmal ertappte ich mich dabei, dass ich mit einer negativen, skeptischen oder sogar herablassenden Einstellung in ein Treffen gegangen war. Das passiert mir immer noch manchmal, zwar viel seltener als früher oder auch als in Deutschland, aber es ist wirklich so unnötig wie ein Kropf.

 

Die Damen und Herren waren zum Arbeiten hier. Sie waren hochprofessionell. Und weil man ein lustiges Fernsehprogramm am ehesten und am glaubwürdigsten dann machen kann, wenn man selbst relativ locker ist, waren sie alle ziemlich entspannt, aber konzentriert bei der Sache. 

 

Ich blieb also auch höflich, kommunikativ, aber nicht zu sehr, freundlich, aber nicht albern - immer in dem Bewusstsein, dass das Zeigen von allzu viel Emotionen (im nüchternen Zustand) in China als kindisch, unreif oder dumm rüberkommt und ich als Deutscher schließlich dem Image des ernsten, leicht verbissenen, überkorrekten Ausländers entsprechen musste. Von der Erwartung abzuweichen käme einem Eigentor gleich. Also spielte ich mit. 

 

Als Ausländer musste ich im Interview auch ein paar Peinlichkeiten äußern, ein paar typische Grammatik-Fehler einbauen und überhaupt nicht „zu chinesisch“ rüberkommen. Auch diesen Gefallen tat ich ihnen. Das Entsprechen der Erwartungen - auch der Stereotype - hat in China einen noch weit höheren Stellenwert als in Deutschland.

 

Ja, man muss auf vieles achten, vor allem auf viele Kleinigkeiten. Sogenannt natürliches oder authentisches Verhalten ist in China absolut fehl am Platze. Wer also im Westen sozialisiert ist, der muss sich erst einmal daran gewöhnen, dass fast alles, was er oder sie von Kindesbeinen an als „guter Ton“ oder Authentizität gelernt hat, hier ein wenig anders funktioniert.

 

 

Rücksicht auf die Reputation der Menschen im Hintergrund

 

Unsicher, ernst und konzentriert wirken, das konnte ich auch ganz gut. Denn ich war immer noch nervös. Trotz allem positiven Drumherum. Ich war nervös, weil ich nichts falsch machen wollte. Ich wollte diejenigen, die diesen Kontakt offensichtlich eingefädelt hatten, nicht blamieren. 

 

In China hängen so viele Menschen und Beziehungen von einander ab, und das Wichtigste bei allem ist, einen positiven Beitrag zum Image eines anderen zu leisten. Man bekommt das in gleicher Weise auch zurück. Es ist ein sehr schöner, angenehmer Austausch - nicht nur von oberflächlichen Nettigkeiten, sondern wirklich von zum Ausdruck gebrachter gegenseitiger Wertschätzung. Aber für Neulinge in China ist das zunächst vor allem eines: anstrengend.

 

 

Die TV-Show

 

Das Thema der TV-Show war übrigens, dass ein Ausländer einen Satz im örtlichen Dialekt auswendig lernen und dann anschließend einen wildfremden Einheimischen ansprechen sollte. Wenn der Einheimische den Satz korrekt verstehen könnte, dann würde man Geld bekommen. 

 

Wie viel Geld?

 

 

Schon sichtlich entspannter beim Abschluss-Interview. Ich hoffe nur, dass es für die Zuschauer auch ein wenig lustig sein wird.
Schon sichtlich entspannter beim Abschluss-Interview. Ich hoffe nur, dass es für die Zuschauer auch ein wenig lustig sein wird.

Zu Beginn der Show bekam ich 3 Bälle unter die Nase gehalten. Im rosa Ball befand sich der leichteste Satz und die Chance auf 100 RMB (ca. 10 EUR). Im blauen Ball war die 200-RMB-Aufgabe und im gelben die 300-RMB-Aufgabe, die schwierigste. Ich wählte natürlich den mittelschweren Satz, und das war auch gut so. Denn schon dieser Satz hatte es in sich.

 

 

Fuzhou-Dialekt in 5 Minuten lernen

 

Der Satz bedeutete sinngemäß: „Ich will Dich nicht verarschen, ich mach bloß Spaß.“ Und bitte verstehen Sie das im Raum Stuttgart durchaus nicht vulgäre Wort „verarschen“ im mehrfachen Sinne: betrügen, verärgern, reinlegen, bloßstellen. Genau diese Konnotationen hat das entsprechende Wort hier auch. 

 

Das wäre nun ganz einfach gewesen, wenn es Chinesisch gewesen wäre. Es war aber Fuzhou-Dialekt. Auf Chinesisch hätte ich das sagen können, denn solche Sätze gehören in China zum Alltags-Vokabular. 

 

Der örtliche Dialekt ist aber vom Chinesischen (dem Mandarin-Chinesisch) ungefähr so weit entfernt wie Französisch vom Deutschen. Mit anderen Worten: Nicht einmal die Wort-Anzahl oder die Satzstellung ist identisch.

 

Dazu kommt noch, dass der örtliche Dialekt von Lauten erfüllt ist, die in der Nase, in der Kehle halb verschluckt und an ganz anderen, komischen Stellen ausgesprochen werden. Zum Beispiel gibt es hier - wie auch im Londoner Englisch oder im Koreanischen Konsonanten, die nur als Verschlusslaute oder als Stopp-Laute dienen. Man hört diese Buchstaben also als Ausländer zunächst nicht.  

 

Hier im örtlichen Dialekt Fuzhous gibt es den Schluss-Laut mit einem „k“. Wenn man die Aussprache dieses Lautes üben möchte, dann klingt das zu Beginn wie ein Schluckauf.

 

Nasale, also z. B. ein in der Nase ausgesprochenes „i“ gibt es auch in einigen Dialekten hier. Für das Spiel in der TV-Show hatte ich daher auch einen Satz mit Nasalen befürchtet. Der Satz, den ich dann aber bekam, der war wirklich fast nicht auszusprechen.

 

 

Eine Sprache lernen - vor laufender Kamera

 

Die nette Fernsehmoderatorin sprach den Satz 10-20 Mal langsam und schnell vor, aber da ich ja überhaupt keine Technik kannte, das irgendwie aufzuschreiben, war es für mich wirklich eine schier unlösbare Aufgabe. Ich kam mir vor wie ein dummer, kleiner Junge. Und das vor laufender Kamera. Man hätte mir eigentlich 3000 RMB Schmerzensgeld zahlen müssen! (hier stellen Sie sich bitte einen schluchzenden, kleinen Jungen vor)

 

Aber das gehört dazu. Der Ausländer ist der Clown. Also habe ich auch mitgespielt …

 

Ich bekam als Hilfsmittel eine tragbare, grüne Schultafel unter die Nase gehalten. Und um die Verwirrung komplett zu machen, bekam ich keine Kreide dazu, sondern einen schwarzen Filzstift. Hier war meine Logik dann völlig überfordert. Mit einem schwarzen Filzschreiber auf eine Schultafel schreiben? Das hätte zu meiner Schulzeit etliche Stunden Nachsitzen gegeben!

 

Vor allem war ich jetzt so weit abgelenkt, dass ich mich überhaupt nicht mehr konzentrieren konnte. Ich gab mir aber Mühe, ich dachte nur: „Augen zu und durch!“

 

 

Unverhofft kommt oft

 

Das Fernsehteam schien völlig baff, als sie mich etwas notieren sahen. Ich benutzte eine Mischung aus chinesischer und englischer Lautschrift, um die Worte, die ich hörte, irgendwie abzubilden (siehe Foto). Es gelang mir, ein paar für die Zuhörer vertraut klingende Worte zu produzieren. Das Fernsehteam feuerte mich an, als würde ein Fußball-Superstar aufs gegnerische Tor zielen.

 

Aber der ganze Satz war einfach viel zu lang. Es war wirklich viel zu schwer, so einfach aus dem Stand eine völlig fremde Sprache zu erlernen - noch dazu wenn man dauernd in Gespräche verwickelt und dadurch abgelenkt wird. Wir Deutschen haben es einfach nicht drauf, etwas ohne Konzentration zu lernen. Der Lehrer sagte uns in der Schule ja auch immer, wir sollten immer „ganz bei der Sache“ sein. Das hat man nun davon! Ein bisschen Hintergrundgeräusche und ein paar nette Leute stehen um einen herum, und plötzlich funktionierte nichts mehr. Ich bekam einen Blackout. Man genehmigte mir schließlich die Tafel als Spickzettel. Das war eine gewisse  Erleichterung. 

 

Im örtlichen Dialekt, wie auch im Kantonesischen, gibt es übrigens mehr „Töne“ als im Mandarin-Chinesisch. Im nordchinesischen Mandarin-Dialekt, den quasi jeder in China in der Schule lernen muss, gibt es - je nach Zählung - 4 bis 5 Töne. Die „Töne“ sind Melodie-Folgen oder Tonhöhen, auf denen die Silben quasi „gesungen“ werden müssen. Singt man falsch, dann wird der Satz unverständlich oder erhält einen anderen (meist peinlichen) Sinn. 

 

Im örtlichen Dialekt habe ich mindestens 7 Töne gezählt. Es war wirklich verdammt schwer, innerhalb kurzer Zeit vor laufender Kamera eine völlig fremde Sprache zu lernen. Und wenn es auch nur ein einziger Satz war. Ich empfand es als hart. Ich war eigentlich auch fasziniert, vor laufender Kamera zu üben, aber an irgendeinem Punkt war mir das alles ganz einfach peinlich. 

 

 

Typisch chinesisch - die Spielregeln ändern

 

Mir war übrigens vor Drehbeginn gesagt worden, ich bekäme eine Stunde Zeit zum Üben. Tatsächlich bekam ich kaum 10 Minuten. Und mir wurde dauernd irgendwie dazwischen gesprochen, damit ich mich ja nicht konzentrieren konnte. Das war fürs Fernsehteam lustig, aber ich war der Verzweiflung nahe. 

 

„Scheiß Perfektionismus!“ möchte ich rückblickend darüber sagen. In China lernt man, lockerer zu werden. Ich bin noch ein Anfänger im Locker-Sein. Wirklich! Ich muss noch viel, viel, viel lockerer werden.

 

Das Fernseh-Team war goldig, nett, freundlich, höflich, herzlich. Ich kann wirklich nur freundliche Worte für diese Männer und Frauen finden. Ich hab’s mir selbst schwer gemacht. Ich wollte es gut machen und kam buchstäblich ins Schwitzen. 

 

Das Ende eines kurzen Drehtages. Typisch China: Nach Abschluss eines Projektes geht man immer noch gemeinsam zum Essen. Das Essen war wieder mal phantastisch, die Konversation am Tisch ausgesprochen anregend und ausgelassen.
Das Ende eines kurzen Drehtages. Typisch China: Nach Abschluss eines Projektes geht man immer noch gemeinsam zum Essen. Das Essen war wieder mal phantastisch, die Konversation am Tisch ausgesprochen anregend und ausgelassen.

Wir erspähten schließlich eine ältere Frau, die offensichtlich den örtlichen Dialekt sprach. Ich musste den neu gelernten Satz 2-3 Mal sagen, bevor sie ihn verstand. Dann wiederholte sie ihn, wie er „richtig“ hätte ausgesprochen werden sollen. Das klang aus ihrem Mund auch ganz anders als aus dem Mund der Fernseh-Moderatorin, die ursprünglich meine „Lehrerin“ war. Einer von beiden kam also nicht aus der eigentlichen Stadt Fuzhou, sondern aus einem Dorf in der Nähe. 


Sowas gibt’s ja in Deutschland auch: Jedes Dorf hat in manchen Gegenden ja auch gewissermaßen seinen eigenen Dialekt. Nur sind die Unterschiede in China weit gravierender. 


Es war wirklich faszinierend, die alte Frau den örtlichen Dialekt sprechen zu hören. Es klang wie Musik in den Ohren: elegant, melodiös, nicht so verzwungen wie die Laute, die ich ausstieß. 


Und damit war mein nächstes Projekt aus der Taufe gehoben: Ich nehme ab sofort Sprachunterricht. Das will ich auch lernen! So eine faszinierende Sprache habe ich wirklich noch nie gehört! Ein paar Leute bei uns im Chor sprechen den örtlichen Dialekt. Ein junger Mann möchte gerne Deutsch lernen, weil er gerne deutsche Opern hört. Und wir trafen sofort eine Abmachung: Ich bringe ihm Deutsch bei, und er bringt mir den Fuzhou-Dialekt bei. 



Das Honorar und das Mittagessen


Oh, ich hab’ noch etwas vergessen!


Ich bekam also 200 RMB für den gestammelten Satz, und anschließend gingen wir in ein einfaches Restaurant, wo uns unglaublich leckeres Essen serviert wurde. Plötzlich saßen dann auch noch mehr Leute am Tisch, zwei davon mit auffällig teurer Designer-Kleidung, die sich im Gespräch auffallend zurückhielten. Das waren also offenbar die eigentlichen Chefs des Fernseh-Programms. Ich fand sie auch ziemlich sympathisch, als ich mit ihnen ins Gespräch kam. Sie waren wortgewandt, freundlich, zugewandt und im positivsten aller Sinne professionell.


Während des Essens gab der dicke Moderator einen Kalauer nach dem anderen zum Besten. Vor allem erzählte er auch viele Geschichten von seltsamen Kulturen, die er während seiner zahlreichen Reisen beobachtet und erlebt hatte. 



Stell dein Licht nicht unter den Scheffel!


In China ist es wichtig, im Gespräch unmissverständlich darzustellen, wie weit man es im Leben gebracht hat. Und das tat er wirklich sehr virtuos. In Deutschland würde so etwas affig oder kindisch wirken. In China ist das aber oft wirklich wichtig. Nicht immer, aber oft. 


Understatement ist nur dann angebracht, wenn man ganz oben angekommen ist. Während man die Leiter nach oben klettert, muss man potentielle Konkurrenten ausstechen oder ausschalten. Das erfordert viel Geschick, und ich bin Lichtjahre davon entfernt zu begreifen, wie das im Einzelnen geht. Wenn ich das mal verstanden habe, schreibe ich ein Buch darüber. In der Zwischenzeit beobachte ich erst einmal.


Die Geschichten des Moderators waren wirklich sehr amüsant, und er war ein sehr guter Entertainer. Es war angenehm, ihm zuzuhören. 


Die meisten meiner deutschen Freunde hätten vermutlich die Augen verdreht, wenn sie ihm zugehört hätten. Ich genoss es. Ich mag es, mit Menschen zusammen am Tisch zu sitzen, die die Initiative ergreifen und eine ganze Runde unterhalten können. Und in China findet man solche Menschen an jedem Tisch. Ganz selten ist mir diese Rolle schon zugefallen.



Fazit


Es waren ein sehr schöner Vormittag und Mittag. Wir hatten ungeheuer viel Spaß miteinander, und ich hoffe, die Fernseh-Leute hatten einen positiven Eindruck und konnten ihre (hoffentlich positiven) Vorurteile über Deutsche bestätigt bekommen. Denn auch das gehört dazu.


Meine Vorurteile über Fernseh-Leute in China wurden allerdings gründlich widerlegt.


Wenn man mit Chinesen zusammen ist und die einem zugedachte Rolle einnimmt und gut mitspielt, dann verläuft das Zusammensein überaus harmonisch, anregend, angenehm, locker. Sand im Getriebe gibt’s erst, wenn jemand die Spielregeln verletzt oder den anderen das Spiel verdirbt. Das kann man vermeiden. Der Anreiz dazu ist, dass es dann auch noch mehr Spaß macht.


Während wir das Restaurant verließen, nahm einer der Chefs einen der Redakteure beiseite und murmelte: „Jetzt haben wir endlich einen Ausländer gefunden, der etwas Chinesisch spricht und locker kommunizieren kann. Das ist gut!“


Kurz nach der Verabschiedung bekam ich zwei Kurz-Mitteilungen von zwei Chormitgliedern, die sich bei mir bedankten. Sie sagten, das Fernsehteam hätte einen sehr guten Eindruck von mir gewonnen und freut sich darauf, mich bald wieder zur Zusammenarbeit einzuladen. 


Vorstellungsgespräch bestanden.



Nachtrag


Natürlich werde ich jetzt kein Fernsehstar. Auch kein C-Promi. Das will ich ja auch gar nicht. Aber an jenem Tag konnte ich einen Teil der chinesischen Alltagskultur erleben, der mir in den letzten Jahren verschlossen geblieben war. 


Und wie bei fast allen neuen Erlebnissen und Erfahrungen in China, war ich positiv überrascht und angenehm berührt. Wenn Sie sich auf China einlassen und genug Offenheit und Lernbereitschaft mitbringen, dann wird es für Sie und die anderen Beteiligten sicher eine angenehme Erfahrung.


Ich wünsche Ihnen viel Freude und Erfolg dabei!


(Fortsetzung folgt)

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