Soziales und kulturelles Engagement in China - ein Erfahrungsbericht (Teil 1)

Chorkonzert am 17. Januar 2015 in Fuzhou, Fujian (Südostchina). Der krönende Abschluss intensiver Probenwochen und hoffentlich der Beginn vieler weiterer Stunden gemeinsamen Musizierens.
Chorkonzert am 17. Januar 2015 in Fuzhou, Fujian (Südostchina). Der krönende Abschluss intensiver Probenwochen und hoffentlich der Beginn vieler weiterer Stunden gemeinsamen Musizierens.


Editorial: Politische Neutralität und soziale Integration


Auf China. Mittendrin. soll über vieles berichtet werden, das in anderen Veröffentlichungen über China vielleicht zu kurz kommt. 


Dabei soll vor allem auch all das ausgeklammert werden, das wir täglich in den Nachrichten oder auf anderen Blogs zu hören bekommen: die Kritik an China, an der Kultur, an der Lebensweise und vor allem auch am politischen System.


So weit wie möglich soll dieser Blog politisch neutral bleiben. Und das mag viele Menschen im Westen verärgern. Sie mögen sagen: „Wie kann man angesichts von XYZ neutral bleiben?“ Nun, wenn ich sprachbegabter wäre und vielleicht etwas „Vernünftiges“, also Ingenieurwissenschaften oder Betriebswirtschaft, studiert hätte, dann wäre ich vielleicht in ein noch verschlosseneres Land mit einer noch exotischeren Sprache gezogen als nach China. Denn das ist es, was mich interessiert. Gelandet bin ich aber nun eben in China. Deshalb die Berichte von hier.


Dieser Blog möchte keine Türen zuschlagen, sondern öffnen. Weil aber die großen kulturellen Unterschiede oft nur mit einer gehörigen Portion Humor zu ertragen sind, ist es fast unmöglich, über den Alltag in China zu berichten, ohne manchmal ein paar bissige oder alberne Bemerkungen zu machen. Außerdem ist es für manche Leser vielleicht kurzweiliger als eine abgehobene, sogenannte objektive Berichterstattung. 


Ich bin nach China gekommen, um China von innen zu erfahren, zu erleben, mich auf das einzulassen, was man nicht in oder aus Büchern lernen kann. Das ist manchmal urkomisch, manchmal berührend oder herzerwärmend, manchmal lästig oder unangenehm, und oft schlicht faszinierend. 


Äußerlich scheint sich China immer weiter an den Westen anzunähern - man sieht hier ja schon beinahe mehr deutsche Autos auf den Straßen als in Deutschland. Innerlich finden wir hier jedoch eine völlig andere Welt vor. Und die aktuelle Regierung ist mehr denn je darum bemüht, die kulturelle und nationale Identität klar zu definieren und in allen Gesellschaftsbereichen zu vermitteln.



Aus Fehlern kann man lernen - auch im Ausland 


Während der letzten fünf Jahre lebte und arbeitete ich fachfremd an der Germanistikabteilung einer Universität, leistete unzählige, unbezahlte Überstunden, vernachlässigte dabei meine Gesundheit und verlor beinahe das eigentliche Ziel meines Aufenthaltes in China aus den Augen: zu lernen und hoffentlich ein Stück weit zu verstehen. Im Sommer 2014 zog ich den Schlussstrich unter dieses Kapitel und nahm ein Stellenangebot an einer deutsch-chinesischen Kooperationseinrichtung in einer anderen Stadt an. 


Seit dem Umzug in die Provinzhauptstadt und dem Wechsel auf die neue Arbeitsstelle stellte sich nach und nach heraus, dass ich ich nicht nur in einer Stadt mit viel Natur, Bergen und Wandermöglichkeiten gelandet war, was gut für die Gesundheit ist. Darüber hinaus wurde ich in einen ortsansässigen Chor eingeladen. Und die Aufnahme in diese Gruppe ermöglichte endlich das, was mir in den letzten Jahren in China und in Deutschland aufgrund der Arbeitsbelastung und der gesundheitlichen Probleme gefehlt hat: ein Hobby und gesellschaftliches Engagement.


Darüber soll dieser Artikel und die folgenden berichten.



Späte Einsicht: Was das Leben in einer fremden Kultur lehren kann


Dies soll eigentlich kein persönlicher oder gar privater Blog sein. Aber ohne ein Stück weit Einblick in private Erlebnisse zu bieten, ist es kaum möglich, über gesellschaftliches oder kulturelles Engagement zu schreiben. 


Was sich in den letzten Monaten vor allem verändert hat, das ist mein Blick auf China und auf Teile der chinesischen Gesellschaft, die ich vorher nur aus Gerüchten kannte und auf die ich - um ehrlich zu sein - oft herabgeblickt hatte.


Einmal mehr bin ich nun gezwungen zuzugeben, dass ich mich geirrt habe. Ich hatte vielen Menschen - auch hier in China - Unrecht getan. Überhaupt hat mich der Umzug nach China vor allem einiges gelehrt, das vielleicht längst überfällig war: 


  • Respekt und Verständnis ist nicht das, das mir entgegengebracht wird, sondern das ich anderen (Menschen und Institutionen) entgegenbringe. 
  • Freiheit ist nicht das, das ich selbst genieße, sondern das ich anderen einräume. 
  • Schutz und Geborgenheit ist nicht in erster Linie das, das mir gegeben wird, sondern das ich anderen anbiete.
  • Und schließlich: Geduld ist nicht das, das andere mit mir haben, sondern das ich mit anderen habe. Und Geduld verdient nur dann ihren Namen, wenn man unter ihr nicht leidet oder zu leiden glaubt.


Eine Chorprobe mit 陈光辉 (Chen2 Guang1 Hui1), dem wohl bekanntesten und prominentesten Chorleiter und Ausbilder in China.
Eine Chorprobe mit 陈光辉 (Chen2 Guang1 Hui1), dem wohl bekanntesten und prominentesten Chorleiter und Ausbilder in China.

Soziale Regeln und soziale Kontrolle in China

 

Die soziale Kontrolle im Großen und im Kleinen ist in China enorm, allgegenwärtig. Aber vielleicht nicht stärker als in ländlichen Gebieten in westlichen Ländern. Und vor allem: Sie funktioniert völlig anders.

 

Die wichtigsten Unterschiede zwischen den Kontrollmechanismen in China scheinen mir vorläufig so beschrieben werden zu können: 

 

  • Die Regeln sind stets unveränderlich, unverbrüchlich und unerbittlich. Veränderungen werden stets von der obersten Ebene, die in der Regel absolut außer Reichweite (für Kritik, Diskussion o.ä.) liegt, ex cathedra verkündet.
  • Von manchen Regeln gibt es zeitlich oder lokal begrenzte Ausnahmen, von anderen nicht. 
  • Gute Beziehungen ermöglichen das Außerkraftsetzen bestimmter Regeln und Vorschriften, wenn dadurch ein größeres, wichtigeres gemeinsames Ziel erreicht werden kann bzw. wenn dadurch kein allzu großer Konflikt mit anderen, höheren Zielen entsteht.
  • Es gibt fast immer eine zweite Chance, oft sogar eine dritte oder vierte. Aber wenn der Geduldsfaden einmal gerissen ist, dann wird alles dafür getan, um die ursprüngliche Situation wiederherzustellen. Das Ausland bekommt in der Regel nur die letzte Eskalationsstufe zu sehen („Dissidenten“). Was zuvor passiert ist, bleibt Außenstehenden in der Regel verborgen. 
  • Während in vielen westlichen Ländern Ethik, christliche Werte oder ähnliches die höchsten Ziele oder Prinzipien zu sein scheinen, so sind dies in China soziale Stabilität und nicht zuletzt die Staatsräson.
  • Kommunikation erfolgt in der Regel nur auf derselben organisatorischen Hierarchie-Ebene und mit dem direkten Führer (Sekretär, Manager, Leiter, Supervisor). Das Überspringen auch nur einer Hierarchie-Ebene ist höchst riskant und muss ggf. in vertraulichem Rahmen erfolgen.
  • Die Übertragung von Verantwortungen erfolgt stets von oben nach unten, die Abhängigkeit von den übergeordneten Ebenen ist elementar.
  • Innovationen, Entscheidungen, Veränderungen von unten sind grundsätzlich weder eingeplant noch vorgesehen. Wird eine untere Ebene zu lautstark, so kann ihr vorläufig zugestimmt werden, um dann im Nachhinein sämtliche Zugeständnisse wieder außer Kraft zu setzen.
  • Die allermeisten solcher sozialen Regeln scheinen in sämtlichen Lebensbereichen zu gelten, auch in der Familie und unter Freunden. Ausnahmen scheinen in manchen Fällen Kleinkinder zu sein, die nach Strich und Faden verwöhnt werden und die sich oft zu rechten Tyrannen entwickeln können. Auf den zweiten Blick ist dies jedoch keine Ausnahme, denn durch das Außerkraftsetzen einer Regel wird hier ein höheres Ziel erreicht: Die Kinder sind oft Symbol für soziales Prestige der Eltern und Großeltern und in manchen Gegenden mit niedrigem Einkommen noch Altersvorsorge. 

 

 

Wenn man diese (unvollständige) Liste der Prinzipien der sozialen Struktur in China in Betracht zieht, scheint es zunehmend logisch, warum Menschenrechte, Rechtsstaatlichkeit, Demokratie und ähnliche westlichen Werte in China einen anderen Stellenwert haben.  

 

Das aber für uns Deutsche wohl Überraschende ist, dass man im Rahmen dieses Regelsystems und dieser Strukturen ein durchaus glückliches, erfülltes und relativ sicheres Leben führen kann. 

 

 

Sind Ausländer Freiwild?

 

Viele Ausländer lernen China nur als Touristen oder im Rahmen wirtschaftlicher Zusammenarbeit kennen. Weil die Mitgliedschaft im Chor und das Engagement im Hobby in China für Ausländer recht selten ist, scheint es sinnvoll zu sein, hier einen Einblick in mein Privatleben zu bieten. 

 

Übrigens gibt es gute Argumente dafür, die altbekannten Vorurteile über China aufrechtzuerhalten. Diese wären hier: 

  1. Die Chormitglieder engagieren sich, um mehr soziales Prestige zu erwerben, also ihre Karriere zu fördern.
  2. Die Chormitglieder profitieren von den engen Beziehungen und der dadurch entstehenden zusätzlichen Chancen bei der Umgehung bestimmter Regeln und bei der Beförderung oder bei der Anbahnung von Geschäftsbeziehungen.
  3. Die zwei Ausländer im Chor (von denen einer leider nur selten an den Proben teilnehmen konnte) werden nur deshalb hofiert, weil sie auf die eine oder andere Art ausgebeutet werden sollen. Sie sollen dabei helfen, den „Chinesischen Traum“ wahr werden zu lassen, nämlich in allen Bereichen die Weltführung zu übernehmen. Auch in der Kultur.
  4. Schließlich: Die Mitgliedschaft von Ausländern ist a priori eine Illusion. Ausländer sind und bleiben „draußen“. Die chinesische Sprache macht das immer wieder deutlich. Man gaukelt den anwesenden Ausländern also nur vor, integriert zu sein. 

 

Es gibt wirklich gute Gründe dafür, dass in einzelnen Momenten diese vier häufig gegenüber Chinesen geäußerten Vorurteile zutreffen. Aber dieses Urteil kann man nur von einer Außen-Perspektive aus fällen. 

 

In diesem Blog geht es um die Innen-Perspektive: Wie ist es, wenn man mit Chinesen zusammen in China lebt, arbeitet und das Hobby und gesellschaftliche Aktivitäten teilt?

 

China. Mittendrin. möchte darüber berichten.

 

(Fortsetzung)

 

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Kommentare: 1
  • #1

    Picnic Locations in Delhi NCR (Montag, 19 Januar 2015 05:16)

    I really appreciate your professional approach. These are pieces of very useful information that will be of great use for me in future.

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