Gesund leben in China - Trinkwasser (Teil 4)

Ein trockener Winter. Normalerweise regnet es relativ viel im Winter in Südostchina. Eines der Wasserreservoirs der Stadt liegt aber schon Ende Dezember fast trocken.
Ein trockener Winter. Normalerweise regnet es relativ viel im Winter in Südostchina. Eines der Wasserreservoirs der Stadt liegt aber schon Ende Dezember fast trocken.

Dies ist eine Fortsetzung des Textes Gesund leben in China - Trinkwasser (Teil 3)



Geschirr mit Tee spülen


Manche - vor allem ältere Chinesen - verlangen in manchen Gegenden im Restaurant vor dem Essen eine große Kanne heißen Tee und eine Schüssel. In manchen ländlichen Regionen bekommt man das ungefragt serviert. Und wenn der unbedarfte Ausländer nun beginnt, diesen Tee zu trinken, dann brechen die anwesenden Chinesen entweder in Panik oder in Gelächter aus. 

Der Tee ist nämlich nicht zum Trinken, sondern zum Ausspülen des Geschirrs da. 


Als ich nach China kam, habe ich in Restaurants immer wieder Gäste beobachtet, die nach dem Tee und einer großen Schüssel fragten. Anschließend habe ich sie dabei beobachtet, wie sie beinahe andächtig den Tee über die Geschirrteile schütten, in der festen Überzeugung, sie würden dadurch das Geschirr reinigen. 


Meine chinesischen Freunde - alte wie junge - haben stets steif und fest behauptet, dass niemand so etwas jemals tun würde. Das wäre allenfalls früher in ländlichen Gebieten der Brauch gewesen. Als ich aber vor zwei Jahren einmal einen längeren Urlaub in Guangzhou (Kanton) machte, beobachtete ich das aber bei fast jedem Restaurantbesuch. Es muss regional auch heute noch weit verbreitet sein. 


Daraus kann man lernen, wie Waschen oder Spülen in China verstanden wird: eine Flüssigkeit mit einer besonderen Wirksamkeit über einen Gegenstand fließen lassen. Händewaschen (z. B. nach dem Toilettengang) funktioniert oft ähnlich: Wasserhahn auf, Hände kurz drunter halten, Wasserhahn zu, Hände ausschütteln. Will man einen Fenstersims, einen Balkon oder den Vorplatz eines Restaurants putzen, dann geht das auch so: Man nehme einen Eimer voll Wasser und leere ihn mit Schwung über der zu putzenden Fläche aus. Das war’s. Natürlich kann man auch Menschen beim Wischen oder Schrubben beobachten. Das wäre dann sozusagen die Intensivreinigung. 


Geschirr im Restaurant desinfiziert man aber tatsächlich, indem man heißen Tee über das Geschirr laufen lässt. Fertig.

Man könnte auch sagen, dass es sich beim Abspülen des Geschirrs um eine symbolische Handlung handelt, ebenso wie das Servieren des Essens mit dem eigenen Essbesteck oder den eigenen Händen. Auch das ist schwer zu erklären. Der Gastgeber oder der Ranghöchste (an Alter oder an Macht oder an Ansehen) am Tisch legt dem Ehrengast (der sitzt meist zu seiner Rechten) das beste Stück Fleisch auf den Teller. Das ist so ziemlich die höchste Ehrerbietung, die man jemandem bei Tisch erweisen kann.


Das Spülen der Teller im Restaurant mit Tee zeigt eigentlich drei typische Aspekte des Lebens in China: Erstens traut man niemandem, schon gar nicht dem Tellerwäscher. Zweitens ist Tee ein Allheilmittel, ein Desinfektionsmittel, Medizin. Drittens kann man als Gastgeber durch das Ausführen besonderer Tätigkeiten seine Position klarstellen (Heute zahle ich!) und auch die Fürsorge für die Anwesenden demonstrieren (Ich bin ein guter Gastgeber, Freund, Geschäftspartner, Lover, Ehemann…). Man wertet sich durch die Übernahme bestimmter Tätigkeiten oder Verantwortlichkeiten innerhalb der Gruppe auf. Auch das erklärt, warum manche Chinesen sich buchstäblich um das Bezahlen der Rechnung prügeln. Ich hab’s ein paar Mal auch probiert. Aber da ich Ausländer bin, funktioniert das Spiel nicht, wenn ich einer der Teilnehmer bin. Schade.


So kommt in vielen einfachen Restaurants das Geschirr auf den Tisch. Sieht sauber aus. Und es macht auch einen Heidenspaß, es auszupacken. Vor allem junge Chinesen lassen die Plastikhaut ploppen, indem sie mit den Essstäbchen schwungvoll hineinstechen.
So kommt in vielen einfachen Restaurants das Geschirr auf den Tisch. Sieht sauber aus. Und es macht auch einen Heidenspaß, es auszupacken. Vor allem junge Chinesen lassen die Plastikhaut ploppen, indem sie mit den Essstäbchen schwungvoll hineinstechen.

Der Tee, mit dem man die Teller im Restaurant ausspült, ist oft übrigens nicht mit gut abgekochten, sondern nur erhitztem Wasser aufgegossen worden. Die Teeblätter wurden in der Regel auf der Straße getrocknet und gerollt, auf dem Feld kamen viele Pestizide zum Einsatz. Ich denke daher, die beste Möglichkeit, das Geschirr mit einer Schicht Gift zu überziehen, ist das Abspülen mit Tee. 

 

Vielleicht machte dieser Brauch in alter Zeit Sinn. Aber in der heutigen Zeit schadet das eher, als es nützt - aus hygienischer Sicht.

 

Wenn ich von Freunden, die aus sehr einfachen Verhältnissen kommen, ins Restaurant eingeladen werde, muss ich dennoch hin und wieder dieses Procedere über mich ergehen lassen und dabei brav lächeln. 

 

Das wirklich Groteske dabei ist: In den meisten - auch billigen - Restaurants erhält man das Geschirr als Päckchen eingeschweißt. Es ist gespült und (angeblich) desinfiziert. Es macht auf mich einen sauberen Eindruck. Deshalb käme ich nie auf die Idee, das mit Tee-Brühe abzuspülen. Ich habe aber schon zweimal gesehen, wie Leute diese desinfizierten Geschirr-Päckchen geöffnet haben, um die Teile dann erst einmal mit Tee abzuspülen.


 

Hier ein Beispiel für das Essen in unsere Mensa: Gebratener Tintenfisch (Kenner werden jetzt sagen, das sei kein Tintenfisch...), Lotuswurzeln, Mais und Pak Choi (der kantonesische Name für 小白菜).
Hier ein Beispiel für das Essen in unsere Mensa: Gebratener Tintenfisch (Kenner werden jetzt sagen, das sei kein Tintenfisch...), Lotuswurzeln, Mais und Pak Choi (der kantonesische Name für 小白菜).

Spülküche in der Uni-Mensa

 

Bei uns an der Uni in der Mensa ist die Spülküche im Speisesaal. Man sieht also, wie das Geschirr gespült wird. Das Geschirr, das sind Blechnäpfe, Holzstäbchen und kleine Porzellanlöffel, wird per Hand mit kaltem Leitungswasser und mit sehr wenig Spülmittel gespült. „Von Hand“, das heißt oft ohne Spüllappen, bzw. mit einem Lappen, der nicht vertrauenserweckend aussieht. „Von Hand“, das heißt auch, nach der Zigaretten- oder Toilettenpause kehrt man, ohne die Hände zu waschen, an den Arbeitsplatz zurück, denn bei der Arbeit werden die Hände ja sowieso gewaschen. 

 

Trotzdem gehe ich täglich in die Mensa. Denn ich mag das Essen dort. Außerdem ist es günstig, und die Damen an der Theke, die das Essen austeilen, sind wirklich auf Zack. Es gibt keine langen Schlangen und kein Gedränge. Das ist ungewöhnlich, und das schätze ich ganz besonders an der Mensa an unserer Uni. 

 

Wenn man die Spülmethode in der Mensa einmal gesehen hat, dann verwundert es auch nicht mehr, wenn man einmal oder zweimal im Jahr nach dem Essen eine furchtbare Magenverstimmung oder explosionsartigen Durchfall bekommt. Das liegt vermutlich nicht an der Küche, sondern an dem nicht wirklich sauberen Geschirr.

 

Und auch hier würden die meisten Chinesen, die ich kenne, sagen: 没办法 - mei3 ban4 fa3 (da kann man eben nichts machen)

 

(Fortsetzung)


Kommentar schreiben

Kommentare: 0
TopBlogs.de das Original - Blogverzeichnis | Blog Top Liste Blogverzeichnis > </a> </body> </html>
blogwolke.de - Das Blog-Verzeichnis </body
Blogverzeichnis