Gesund leben in China - Trinkwasser (Teil 3)

Ein Fluss am Stadtrand von Xiamen, Südostchina. Das ist Südostchina. Kühe grasen im Flussbett, Hügel und im Hintergrund das Meer.
Ein Fluss am Stadtrand von Xiamen, Südostchina. Das ist Südostchina. Kühe grasen im Flussbett, Hügel und im Hintergrund das Meer.

Dies ist eine Fortsetzung des Textes Gesund leben in China - Trinkwasser (Teil 2)

 

 

Wasserfilter in der Wohnung

 

Weil wir in der Familie und im Bekanntenkreis kürzlich über Wasserfilter diskutiert haben, dachte ich, auf diesem Blog müsste dieses Thema auch einmal zur Sprache kommen. 

 

Wer es sich leisten kann, der lässt einen Wasserfilter in seiner Wohnung installieren. Diese Dinger gibt es schon ab 500 RMB bis weit über 20.000 RMB und sie funktionieren ganz gut - sagt man. Sie werden entweder neben einem Waschbecken installiert, das Trinkwasser kommt dann aus einem separaten Wasserhahn. Oder sie werden gleich an der Stelle, an der die Hauptwasserleitung in die Wohnung gelangt, eingebaut. Auf diese Weise ist dann das gesamte Wasser sauber. 

 

Absolut sauber, trinkbar, keimfrei und gesund!

 

Und so funktioniert das: Man schließt eine bis drei röhrenförmige Dinger an die Wasserleitung, und dann - plötzlich - sind alle Probleme gelöst. Und genau das glauben ganz viele Menschen, auch hier in China.


Seriöse Untersuchungen nach objektiven Kriterien stimmen dem teilweise zu, sind aber vorsichtiger. Mir geht es nicht um die Frage, ob Wasserfilter helfen oder nicht. Mir geht es darum, dass unsere Angst vor Krankheiten und unsichtbaren Giften im Trinkwasser so groß ist, dass wir lieber auf einen Wasserfilter hoffen, als auf den Mars zu ziehen. 


Aber ich habe auch gehört, dass das Trinkwasser auf dem Mars nicht gerade ideal wäre. Ebenso wenig die Luft dort. Also bleibe ich wie viele andere Menschen vorläufig auf der Erde wohnen…



Brita rettet die Welt


Sie kennen ja auch in Deutschland diese kleinen Wasserfilter. Man kauft sich einen 1-3 Liter großen Wasserkrug, oben im Deckel ist der Filter installiert, das Leitungswasser läuft dann langsam durch den Filter. Angeblich wird das Wasser dadurch enorm gesund. Millionen Teetrinker und besorgte Mütter können nicht irren: Brita Filter verbessern die Wasserqualität, den Geschmack, und verhelfen zu einem gesünderen Leben. Amen.


Wenn jemand einen solchen Filter besitzt, verändert sich seine oder ihre Sicht auf die Welt in einer ähnlichen Weise, wie es bei Neu-Bekehrten Mitgliedern einer Sekte der Fall ist: Er oder sie wird unbelehrbar und versteht jegliches Anzweifeln der Wirksamkeit des Filters als Angriff auf die persönliche Integrität. Das ist bedauerlich und überhaupt nicht lustig, denn es führt zu Konflikten mit anderen Menschen, nur weil sie nicht „an Brita glauben“.  


Aber so ist es auch oft mit der Astrologie, mit der Homöopathie, dem Familienstellen und der sogenannten traditionellen chinesischen Medizin. Wer nicht dran glaubt, wird von deren Anhängern angefeindet oder zumindest von oben herab belächelt. Mir tut das persönlich leid und weh. Ich nehme auch homöopathische Mittelchen, aber ich weiß, dass es hier bestenfalls einen Placebo-Effekt gibt. Placebos helfen, das ist wissenschaftlich bewiesen. Ob ein Placebo gegen Umweltschäden hilft, das wage ich aber dann doch zu bezweifeln.


Letzten Monate haben wir ernsthaft überlegt, einen Wasserfilter zu installieren, denn einige Leute in unserem Bekanntenkreis hatten gesagt, dass mein dünner werdendes Haar mit den Giften im Wasser zu tun hat. Ein Wasserfilter als Haarwuchsmittel, eine klasse Geschäftsidee!


Mit Ende 40 ist Haarausfall aber eigentlich ein relativ normaler Prozess. Und meine Nachbarn haben alle noch volles Haar, obwohl sie mit demselben Wasser duschen. Deshalb haben wir immer noch keinen Wasserfilter.


Sonnenuntergang über dem Min-Fluss in Fuzhou (Südostchina). Kein Photoshop! Es ist wirklich so schön. Fast jeden Tag. Die Mündung ins Meer ist ca. 30 km entfernt. Menschen baden täglich hier - im Abflussrohr der größten Fabriken der Provinz.
Sonnenuntergang über dem Min-Fluss in Fuzhou (Südostchina). Kein Photoshop! Es ist wirklich so schön. Fast jeden Tag. Die Mündung ins Meer ist ca. 30 km entfernt. Menschen baden täglich hier - im Abflussrohr der größten Fabriken der Provinz.


Brita in China


Gestern habe ich im Supermarkt eine Palette mit einem riesigen Stapel eben jener Wasserfilter (importiert aus Deutschland!) gesehen. Und schon wieder war ich kurz davor, Geld für einen Wasserfilter auszugeben. Denn erst kürzlich hatte mir ein Freund gesagt, dass die Familie seit der Anschaffung eines „Brita“ viel gesünder wäre.  


Zu einem Preis von 248 RMB, wohl bemerkt. Bitte denken Sie einfach, 1 RMB entsprächen, gemessen am Durchschnittseinkommen, gefühlt 1 EUR. Dann können sie die Kaufkraft im Alltag abschätzen. Von diesem Betrag kann ich in der Mensa locker 20-25 Tage essen. Hier bekommt man dafür einen Plastikkrug mit Filterdeckel und einer zunächst nur versprochenen Wirksamkeit.


Natürlich wirken diese Filter!


Natürlich ist das Wasser, das unten herauskommt, nach Meinung vieler Menschen deutlich besser, sauberer und wohlschmeckender. Wer danach im Internet sucht, kann allerdings auch relativ seriöse Untersuchungen finden, deren Ergebnisse zeigen, dass diese Aktivkohlefilter oft eine Brutstätte für recht hartnäckige Bakterien sind. 


Davon Abhilfe schafft nur ein regelmäßiger Wechsel der Filterkartusche. Und genau das tun die wenigsten Chinesen! Weder im Haus bei den großen, fest installierten Filtern, noch bei den Plastik-Krügen in der Küche. Wenn man außerdem in China eine Ersatzkartusche kauft, dann kann es sein, dass man eine Fälschung oder eine nicht gut gereinigte, recycelte Kartusche bekommt, die alles nur noch schlimmer macht. Auch damit kann man Geschäfte machen. Online gibt es viele Händler, die versprechen, dass ihre Filterkartuschen „direkt und originalverschlossen“ aus Deutschland gekommen wären. 


Ein sehr praktisches Mitbringsel von einer Deutschlandreise ist daher auch ein Brita-Filtereinsatz für Freunde und Familienangehörige.


Das Schlimmste aber - und dafür sind die Menschen hier selten empfänglich - ist die Tatsache, dass der Filter höchstens in der Lage ist, Schwebstoffe und weniger schlimme Stoffe herauszufiltern. Wer in China Geld für einen Wasserfilter ausgibt, der will aber auch unbedingt glauben, dass das dann auch seine Berechtigung und seinen Sinn hat. Der Glaube überwindet die Logik und den Zweifel. Auch hier.


Tatsächlich ist ein Wasserfilter in China sozusagen „Kosmetik fürs Trinkwasser“, keine Beseitigung der Gifte.


Alltägliche Umweltzerstörung


In China gibt es zu viele Kleinbauern, die Unmengen von Pestiziden und Dünger auf ihre Felder schütten, weil sie oft nicht genau wissen, wie viel und wie oft nötig ist. Viele kleinere und größere Fabriken leiten ihre Abwässer ungeklärt in Flüsse oder in Seen. 


Ich war letzte Woche (Dezember 2014) in einem Industriepark am Stadtrand. Dort bestanden einige natürliche Flüsse aus pechschwarzem, zähflüssigen Wasser, das nach einem Mix von verschiedenen Kohlenwasserstoffen oder Desinfektionsmitteln roch. Diese Stoffe sickern fast in jeder Stadt und in der Nähe fast jeder Fabrik in China ungeklärt ins Grundwasser oder werden direkt in die Flüsse geleitet. 


Das ist auch heute noch - im Jahr 2015 - leider vielerorts Alltag in China. Und obwohl ich sicher bin, dass die chinesische Regierung sich dieses Problems bereits angenommen hat und in Zukunft das mit noch mehr Nachdruck tun wird, sieht es heute noch so aus, als ob man auf sehr viele persönliche Beziehungen Rücksicht nehmen würde und viele alten Kader schützt - alles auf Kosten der Umwelt und von Menschenleben. 


Für die reichen Chinesen kein Problem, denn sie trinken nur importiertes Wasser in Flaschen. Kein Witz! Ich kenne Leute, die trinken wirklich nur importiertes, französisches Quellwasser.



Umweltzerstörung in China - dank westlicher Wirtschaftskontakte


Früher war es für die großen Konzerne dieser Welt leicht, die Umweltverschmutzung zu exportieren: Hochgiftige Prozesse wurden ins ferne Asien oder Afrika ausgelagert. Als Kind wusste ich nichts davon. Jetzt lebe ich in China und werde täglich damit konfrontiert, was die westlichen Industrienationen jahrzehntelang den Chinesen beigebracht haben: Aus den Augen, aus dem Sinn! 


Schade, dass die Politiker und die Industriebosse, die das damals eingefädelt haben, heute schon längst im Ruhestand sind oder nicht mehr leben. Wir Europäer sollten uns was schämen, andere Länder zu verseuchen und dann anschließend mit dem Finger auf sie zu zeigen, wenn sie mit unseren Methoden selbständig weiterarbeiten. 


Der Westen gilt vielerorts noch als Vorbild. Und es kommt einem Tabu gleich zu behaupten, dass die Methode, an der Umwelt Raubbau zu betreiben, vom Westen importiert wurde. Niemand mag so etwas sagen, oder zumindest nur sehr wenige.


Wenn ich vor einem völlig verseuchten Fluss stehe, dann denke ich eigentlich fast nie, dass dies ein Fehler der Chinesen wäre. Ich denke oft: „Das haben sie ja von uns gelernt. Warum haben wir den Chinesen früher nicht gezeigt, dass Quecksilber, Kadmium und Blei nicht einfach verschwinden, sobald man sie den Gully hinunterspült?“ 


Heute sind nach offiziellen Verlautbarungen 60-70% allen Reises aus der Provinz Hunan mit Schwermetallen so hoch belastet, dass man ihn eigentlich nicht mehr verzehren sollte, schon gar nicht jeden Tag. Guten Appetit!



Sonnenuntergang über dem Min-Fluss in Fuzhou (Südostchina).
Sonnenuntergang über dem Min-Fluss in Fuzhou (Südostchina).

Wasserfilter - nichts für China?

 

Die Wasserfilter enthalten - wie Sie vermutlich wissen - unter anderem Aktivkohle, können bestimmte Stoffe herausfiltern, aber eben keine Bakterien. Im Gegenteil: Im Filter können sich zahlreiche Bakterien - auch höchst gefährliche - vermehren. Ob Blei, Cadmium, Quecksilber und ähnliche Gifte vollständig oder größtenteils herausgefiltert werden können, bleibt anzuzweifeln. Und die anderen Gifte, die es hier im Grundwasser gibt, z.B. Reste von Benzin, Öl, Lacken und Farben, Dünger, Insektiziden und Pestiziden? Meinen Sie wirklich, das das ein Filter einfach so herausfiltern kann?

 

Ja. In China sind die meisten Menschen, die einen solchen Filter haben, fest davon überzeugt. Die übrigen wissen überhaupt nicht, was chemische Gifte sind.

 

Ein Klempner (oder Flaschner) erzählte mir kürzlich ganz stolz: „Wir haben schon viele Wasserfilter in Wohnungen installiert. In den letzten 5 Jahren musste noch nie jemand die Filterkartusche austauschen.“ Er meinte wohl, das würde für die Qualität der Filter sprechen. Ich denke, es spricht dafür, dass niemand verbrauchte oder verunreinigte Filterkartuschen auswechselt. Also auch hier ein zweifelhaftes Ergebnis der Absicht hinter dem Filter-Kauf.

 

Der Wasserfilter kann als Symbol für die Hilflosigkeit angesichts der Umweltverschmutzung in China gelten. 

 

(Fortsetzung)

 

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Kommentare: 1
  • #1

    Zhu (Donnerstag, 30 Juli 2015 16:12)

    "1 RMB entsprächen, gemessen am Durchschnittseinkommen, gefühlt 1 EUR. ", so ein Quatsch ! Glaubst du dass der durchschnittliche Chinese nur 2500 rmb im Monat verdient ? Weg mit deiner Arroganz und deine Reise Einsicht.

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