冷死了 (Leng Si Le)!

Das Wetter am 17. Dezember 2014 in Fuzhou (Fujian), China
Das Wetter am 17. Dezember 2014 in Fuzhou (Fujian), China

 

Der Winter ist da. 

 

Unleugbar. Unübersehbar. Und fühlbar.

 

Die gestrige Tagesschau zeigte ähnliches Wetter für Deutschland wie für die Provinz Fujian im Süd-Osten Chinas, gegenüber von Taiwan. An einigen Tagen ist das Wetter hier sogar deutlich schöner, weil zur Zeit die Sonne scheint und es höchstens einmal pro Woche regnet. Tagsüber wird es fast 20 Grad warm, nachts bleibt es deutlich oberhalb von 7 Grad. Plus, wohlbemerkt!

 

Ja, und dennoch gibt es hier überhaupt nur einen einzigen passenden Satz zu dieser Situation: 冷死了 (leng3 si3 le5). Wörtlich übersetzt: sterbenskalt. Tatsächlich bedeutet es eher so etwas wie „verdammt kalt“ oder „scheißkalt“. Es gibt einfach kein besseres Wort für dieses Gefühl. Es ist nicht nur einfach bitterkalt hier...

 

Und dabei haben wir es ja noch richtig gut. Im Norden herrschen Temperaturen deutlich unter Null. Ganz im Norden zweistellige Minusgrade. Sogar in Shanghai ist es in der Regel im Winter kälter als hier, weshalb ich auch auf gar keinen Fall in Shanghai wohnen möchte.

 

Heizungen in China

 

Was viele nicht wissen: In Südchina gibt es keine Zentralheizungen. Mao hat das dereinst so entschieden, und deshalb bleibt es auch so. Im Süden gibt es keine Heizung. Punkt.

 

Dicht schließende Fenster gibt es wohl überhaupt nirgendwo in China. Doppel- oder gar Dreifachverglasung höchstens in den Luxusapartments der High Society. In Peking scheinen mir die Fenster generell weit besser dicht zu halten als bei uns hier. Und in Peking und den anderen Städten im Norden gibt es ja auch noch die Fernheizung. 

 

Hier im Süden kaufen wir (also die Ausländer) uns kleine Heizlüfter. Wir heizen allerdings eher für die Straße. Oder für die Blumen auf dem Balkon, denn wenn man die Heizung auch nur 10 Minuten lang ausschaltet, ist es im Zimmer fast wieder so kalt wie zuvor. 

 

Außerdem kriecht die Kälte über den Fußboden. Es gibt eine ganz raffinierte Erfindung hierfür: Heizkissen, in die man die Füße stecken kann. Das heißt, man sitzt am Schreibtisch, zieht die Schuhe oder Hausschuhe aus und schiebt die (hoffentlich gewaschenen) Füße in eben jenes Heizkissen. 

 

Außerdem braucht man lange (oft dick gefütterte) Unterhosen. Ich trage manchmal zusätzlich noch Wadenwärmer aus dicker Wolle. Wenn man nämlich ein paar Stunden am Schreibtisch sitzt (die Arbeitsfläche ist natürlich auch kalt!), dann kriecht die Kälte wirklich die Knochen hoch. 

 

Manche Ausländer schwören auf Klimaanlagen, die auch heizen können. Das konnte ich noch nie verstehen. Denn die Klimaanlagen sind unter der Decke angebracht. Man heißt also die Stirn, während die Füße nach wie vor eiskalt bleiben. Ich brauche eher warme Füße, aber keinen glühenden Kopf. Wenn meine Chefin im Büro ihre Klimaanlagen-Heizung anwirft, bin ich daher nur noch Gelegenheitsbesucher, weil ich dort bestenfalls Kopfweh bekomme oder müde werde.

Gewohnheitssache, vermute ich. 

 

An den Schulen und in der Uni - und auch in den allermeisten Wohnungen der Einheimischen - ist dies die Jahreszeit, in der man alle Fenster öffnet und die meiste Zeit mit Durchzug lebt. Auch wenn man seinen Heizlüfter im Zimmer stehen hat. Aber, wie bereits gesagt, der Durchschnittschinese in Südchina - auch der reiche! - hat keine Heizung zu Hause. 

 

Warum man die Fenster im Winter öffnet, dafür gibt es ganz viele verschiedene Begründungen, wenn man die Leute hier fragt:

 

  • Wenn man das Fenster zumacht, fängt es an zu stinken. (Ein chinesischer Student sagte mir einmal: Füße waschen oder Strümpfe wechseln würde auch helfen.)
  • Man würde krank werden, wenn die Fenster zu blieben. (Ich vermute, weil die Bakterien nicht schockgefroren werden.)
  • Es wäre besser fürs Abwehrsystem. Klingt logisch. Ich bin in China praktisch nie krank.
  • Die frische Luft tut doch gut und macht gute Laune!
  • Wenn jemand im Hause krank ist, werden sowieso alle Fenster aufgerissen, denn Krankheiten werden ja - wie jeder weiß - von bösen Geistern verursacht, die dann das Haus wenigstens durch die Fenster verlassen können. 


In der sog. chinesischen Medizin heißen diese Dinger natürlich nicht „böse Geister“, sondern „Hitze“, „Feuchte“, „kranke Dämpfe“ oder ähnliches. Aber wenn man die Menschen im täglichen Umgang mit diesen „Naturkräften“ beobachtet, dann kann man als zynischer Beobachter schon manchmal den Eindruck bekommen, die Leute hier wären ganz schön abergläubisch.

 

In Deutschland ist das aber eigentlich auch nicht anders. In vielen Gegenden hängt man Hexen ins Fenster oder kauft sich Kristalle. Auch viele Deutsche glauben an Feng Shui, und eine Bekannte erzählte mir gerade, dass sie endlich passende Räume für ihre psychologische Praxis in Süddeutschland gefunden hätte, nachdem der Wünschelrutengänger die Lage inspiziert und für gut befunden hätte.

 

Mein verstorbener Vater, selbst Ingenieur und ein äußerst sarkastischer Feind jeglichen Aberglaubens hatte während seines Studiums im Nebenjob auch als Wünschelrutengänger gearbeitet. Denn der Markt hierfür war schon immer da. Ich fand es trotzdem unethisch. Er fand es höchstens amüsant.

 

Ich will damit nur sagen, dass es in meinem Weltbild keinen Sinn macht, wenn jemand krank ist, ihn noch weiter auszukühlen, indem man im Winter Dauer-Durchzug schafft. Aber ich bin ja kein Arzt und auch kein Esoterik-Experte.

Ich friere nur. Furchtbar. So sehr, dass ich im Winter sogar noch häufiger Sport mache als im Sommer, nur damit ich jeden Tag wenigstens für kurze Zeit Wärme in meinem Körper spüre. In der übrigen Zeit heißt es: frieren oder das Heizkissen auspacken.

 


Unten ohne ist schick


Hier in Südchina verbreitete sich in den letzten Jahren eine Mode, gemäß der vor allem Männer keine Strümpfe tragen sondern höchstens kurze Socken oder Füßlinge. Die Hosen kauft man dann zwei Nummern zu klein oder krempelt sie bis zu den Waden hoch. Die männlichen Fesseln scheinen also zu so etwas wie einem Sex-Symbol oder zumindest einem modischen Attribut hochstilisiert worden zu sein. 

 

Ja, es sieht manchmal auch tatsächlich gut aus. Bei Teenagern oder Studenten zumindest. Bei Ü30-Menschen eher weniger. Und bei Menschen mit einem BMI über 30 auch weniger. Aber sie tun es trotzdem, denn es gilt hier momentan als ultra-cool.

 

Da ich einerseits zu den BMI-Ü30 und andererseits auch altersmäßig längst zu den Ü40-Menschen gehöre, hat sich das Thema für mich eh auch erübrigt. Ich lasse die Finger davon. Es hilft aber wenig. Denn schon alleine vom Zuschauen friert’s einen. Wie machen die das nur?

 

Plump wie ich bin, frage ich dann manchmal an der roten Ampel den jungen Motorradfahrer neben mir, während ich auf seine orange- oder blaugefrorenen Fesseln schaue: „Ist dir eigentlich nicht kalt?“ - Er: „Nö, geht so.“ Manchmal kommt ein: „Ja, ein bisschen, aber dagegen kann man halt nichts machen. Es ist eben Winter.“

 

Doch! Kann man: Strümpfe anziehen. Aber als Ausländer ist man da einfach viel zu beschränkt. Und als Ü40-Ausländer doppelt!

 

Ich bin offen gestanden nur neidisch. Diese Leute frieren nämlich nicht. Ich wäre auch gerne so „heißblütig“. 

 

Ein junger chinesischer Freund friert auch. Er schüttelt immer nur den Kopf und sagt: „Die spinnen!“ Sein bester Kumpel sagt dann manchmal: „Du redest schon wie ein Ausländer!“

 

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Kommentare: 4
  • #1

    Ting ting (Mittwoch, 17 Dezember 2014 18:04)

    Lach, kann dir wieder mal voll und ganz zustimmen. Wobei ich jetzt richtig froh wär 11 Grad zu haben. Hier in Ningbo (neben Shanghai) haben wir die letzten Tage schon minus Grade. Wohlgemerkt auch ohne Heizung^^ und die Fenster...bei uns auch total undicht....obwohl das auch egal wär, die sind ja sowieso immer auf -.-
    In den Norden würden mich jetzt keine 10 Pferde hin treiben...
    Die Fusswärmer habe ich mir vor einem Monat auch zugelegt, sehr praktisch!

  • #2

    Rainald Runge (Mittwoch, 17 Dezember 2014 23:34)

    Liebe Tingting, danke für Deine Ergänzung. Ihr seid ja echt mutig in Ningbo. Minusgrade und offene Fenster. Wow! 冷死了。真的!

  • #3

    YYS (Freitag, 19 Dezember 2014 15:47)

    "Wir haben uns schon daran gewöhnt." ist wirklich ein Motto in China.

    Die Köche vor dem Westtor, genauer gesagt, die Inhaber der mobilen Imbissständer, rauchen auf einer total verrauchten Straße. Sie kochen mit aller Arten Pfeffer, Bergpfeffer und Peperoni, natürlich auch mit Knoblauch und verschiedenen hausgemachten scharfen Soßen. Ich könnte nie länger als zehn Sekunden neben einem Dreirad stehen. Ansonsten weine und huste ich ohne Ende. Die Köche kochen oder braten sicher mehr als 50 Portionen Essen pro Nacht und sie arbeiten sicher 6 Stunden lang neben ihrem Dreirad. (Ansonsten hätten sie überhaupt keinen Gewinn erzielen können, wenn alle Arten Kosten und Bußgelder mit einbezogen werden.)

    Immer wenn ich sie frage, wie sie es aushalten können, antworten sie mit dem gleichen Satz: "hab mich daran gewöhnt".

    Es hat ein Jahr gedauert, bis ich mich an den Winter in Xiamen gewöhnt habe. Das erste Jahr war wirklich furchtbar.

  • #4

    Mevrouwtje (Samstag, 27 Februar 2016 14:30)

    Ja wir deutschen sind überraschender weiße abergläubischer als wir denken.
    Und selbst ich wage es nicht jemandem vor seinem Geburtstag zu gratulieren
    ( nicht das er noch denkt ich würde wollen das er unglück(lich) wird)

    So ein quatsch egl ;'D

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