Wie kompliziert ist China eigentlich?

Nicht alle Menschen sind gleich, und Ausländer gleich gar nicht. Ein Schild an einer touristischen Attraktion. Es führt zu der kürzeren Warteschlange.
Nicht alle Menschen sind gleich, und Ausländer gleich gar nicht. Ein Schild an einer touristischen Attraktion. Es führt zu der kürzeren Warteschlange.

 

Wie bereitet man sich auf China vor?

Wenn jemand ein anderes Land oder eine andere Kultur kennen lernen möchte, dann kann man es ihm besonders einfach machen oder besonders schwer.

 

 

Ist die Welt einfach oder kompliziert?

An der Universität lernen viele Studenten, auf Details zu achten. Naturwissenschaftler sollten genau hinschauen, präzise Experimente machen und alles auf Basis solider statistischer Methoden auswerten - so der Anspruch. Geisteswissenschaftler lernen unter anderem die deutschen Philosophen der letzten 150 Jahre zu schätzen, die besonders für kaum verständliche Bandwurmsätze bekannt sind. 

 

Es gibt nach Meinung vieler Wissenschaftler keine einfachen, simplen, kurzen Antworten. Einer meiner Professoren wiederholte mindestens einmal pro Monat seine Überzeugung, die  „deutsche Wissenschaft“ wäre für ihre Komplexität und Genauigkeit bekannt, die amerikanische bestenfalls für ihre Oberflächlichkeit und Marketingtauglichkeit. 

 

Sie merken schon: Ich bin in meiner Ausbildung recht seltsamen Menschen begegnet.

 

Wer auf einfache Erklärungsmodelle herabblickt, der wird Kommunikations- oder Beratungsmodelle wie das NLP oder simple Entspannungs-Techniken wie das Autogene Training oder Progressive Muskelentspannung nach Jacobson auch eher geringschätzen. Funktioniert aber trotzdem. Aber eben nicht immer und nicht überall.

 

Im Rahmen von interkulturellen Trainings könnte man auch zwei Extreme beschreiben: 

 

Da sind auf der einen Seite diejenigen, die vor Fettnäpfchen warnen und von einem „China-Knigge“ sprechen, so als gäbe es lediglich eine Liste von Dingen, die man tun oder bleiben lassen sollte. Kurz gesagt meinen Sie: Lerne, was richtig und falsch ist, und dann wirst Du schon erfolgreich sein.

Zu simpel.

 

Auf der anderen Seite gibt es Menschen, die der Meinung sind, dass man zuerst Sinologie studieren, Chinesisch lernen und die chinesischen Klassiker lesen müsste (natürlich im Original!), bevor man sich eine Meinung über China erlauben dürfte. Ich habe in China zahlreiche Deutsche getroffen, die gerne erwähnen, dass sie „Sinologie und außerdem XY“ studiert hätten, was sie wohl ganz besonders für irgendwas qualifizieren würde.

Ich halte also beide Standpunkte für unzulässige, reichlich überflüssige, wenn nicht sogar hinderliche extreme Standpunkte auf einer Skala. 

 

 

Für jede Aufgabe ein anderes Werkzeug

 

Wenn Sie zum ersten Mal etwas über China lernen möchten, wenn Sie nur ein Abendessen mit Chinesen überstehen müssen, dann brauchen Sie eben nur 3 Dos und Don’ts, fertig!

 

Wenn Sie in China (erfolgreich) unterrichten oder arbeiten möchten, dann kommen Sie damit allerdings nicht weit. 

Und wenn Sie darüber hinaus eine Beziehung mit einer chinesischen Frau oder einem chinesischen Mann eingehen, dann werden Sie sowieso schnell merken, dass Sie fast alles, was in Büchern und Seminaren über China erwähnt wurde, über Bord werfen können. 

 

Dreimal dürfen Sie raten, zu welcher Gruppe ich gehöre…

 

 

Geht’s nicht auch ein bisschen einfacher?

 

Seit langem suche ich nach drei bis fünf Punkten, mit deren Hilfe man die Unterschiede zwischen China und Deutschland auf den Punkt bringen könnte.

 

Manchmal wünsche ich mir auch, einfach nur einen einzigen Satz zu haben. Sozusagen einen Haken oder eine Öse, an der man alles aufhängen könnte. So könnte man doch wenigstens den Einstieg in China etwas leichter oder einfacher gestalten. Schwieriger wird es später sowieso. Keine Sorge! Komplizierter auch. 

Aber auch schöner. 

 

Ja, China wird schön. China wird interessant. China wird zu einer Bereicherung. Man braucht aber manchmal dazu einen langen Atem. 

 

Dies ist zum Beispiel typisch für China (aus meiner Sicht…):

Alles braucht länger.

 

Eine erfolgreiche Beziehung (im Beruf und im Privatleben) aufzubauen, das braucht entschieden länger als in Deutschland. 

 

Für Neu-Ankömmlinge scheint es dagegen, als ginge in China vieles so schnell und so einfach und so unkompliziert. Und genau das ist der erste große Irrtum, dem viele Ausländer in China erliegen.

 

Hier könnte man auch gleich einen zweiten Merksatz für China formulieren:

Vieles ist ganz anders, als es aussieht.

 

Dazu gehört auch die für viele Ausländer komplizierte oder unverständliche Kommunikationsweise der „indirekten Kommunikation“, die eigentlich in vielen Kulturen zu den Selbstverständlichkeiten gehört. Auch im Deutschen übrigens. Aber wir deutsche Muttersprachler merken überhaupt nicht, wo und wann wir sehr indirekt formulieren und handeln. Natürlich können wir indirekt kommunizieren. Natürlich kommunizieren Deutsche oft indirekt. Es ist vielen nur nicht bewusst.

 

Der Schlüsselsatz für interkulturelle Grenzgänger müsste also ungefähr so lauten:

Die Unterschiede liegen nicht in dem WAS man tun (oder sagen) darf und was nicht. 

Die Unterschiede liegen darin, WANN man WAS sagt und wann es eher unangebracht erscheint.

 

Oh, und hier noch etwas, was ich ganz oft ganz vielen Journalisten und Autoren, die über China schreiben, sagen würde: 

„Vergessen Sie endlich die Legende vom Gesichtsverlust!“

 

Natürlich gibt es Gesichtsverlust. In China - aber auch in Deutschland. Aber das Thema ist so komplex, besonders für einen Nicht-Chinesen, dass es - zumindest für einen Neuling - absolut irrelevant ist.

 

Wenn etwas im Geschäftsleben schief geht, wenn Ihre Freundin Sie sitzen lässt, wenn der Schwiegervater in Spe etwas gegen Sie hat, wenn der Taxifahrer Sie übers Ohr haut, dann können Sie sagen oder denken, was Sie wollen, aber bitte vergessen Sie einfach den Gedanken an den Gesichtsverlust. Der bringt Sie hier nämlich keinen Millimeter weiter!

Merken Sie, worauf ich hinaus möchte? - Interkulturelle Begegnung ist dann erfolgreich, wenn sie (einigermaßen) funktioniert, wenn es also zu positiven Ergebnissen kommt, und wenn sich der Kollateralschaden einigermaßen im Rahmen hält.

 

Ich denke wirklich, dass ein „China-Knigge“ im Sinne einiger Verhaltens-Tipps völlig an der Realität vorbei geht.

Gleichzeitig habe ich das Gefühl, dass viele wohlmeinende China-Experten alles viel zu kompliziert und viel zu umständlich machen. 

 

 

Auf den Punkt gebracht

 

Deshalb würde ich mich freuen, wenn Sie für heute folgende Tipps mitnehmen könnten, wenn Sie an China denken oder sich für China vorbereiten:

 

  1. Vergessen Sie das Thema „Gesichtsverlust“!
    Auch ohne diesen Ausdruck werden Sie schnell merken, wenn Sie Mist gebaut haben oder dummes Zeug geredet haben. Das kann jedem passieren. Und Chinesen sind vor allem eines: geduldig und verständnisvoll mit uneinsichtigen Ausländern.
  2. Vieles braucht in China länger, obwohl man oft den Eindruck hat, als ginge alles besonders schnell.
  3. Vieles ist ganz anders, als es scheint.
    Das heißt: Die wichtigen Details sind an anderer Stelle zu finden als im deutschen Kontext.

 

Vielleicht klingt das alles jetzt noch viel zu theoretisch und trocken und akademisch. Ich bitte um Entschuldigung. Schließlich ist der Blog hier ja nur so etwas wie mein Notizblock, viele Gedanken sind also noch ein wenig unausgegoren.

 

Vielleicht versuche ich auch einfach, Ihnen im nächsten Artikel ein paar Beispiele zu diesen drei Punkten zu geben.

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Kommentare: 2
  • #1

    YYS (Sonntag, 14 Dezember 2014 12:08)

    Verglichen mit Deinen anderen Texten bezieht sich dieser Text mehr auf Theorie. Meiner Meinung nach teilen sich Chinesen in zwei Gruppen: Gesichtsverlust unbedenklich und Gesichtsverlust undenkbar. Leider gehöre ich zu den typischen Beispielen der zweiten Gruppe, obwohl die Menschen in der ersten Gruppe offenbar glücklicher und wohlhabender in China leben können.

  • #2

    Rainald Runge (Dienstag, 16 Dezember 2014 03:49)

    Danke für Deinen Kommentar, lieber YYS.
    Du sprichst hier einen Punkt an, den ich später gerne noch weiter diskutieren würde. Du schreibst, dass Du in Bezug auf dieses Thema die Chinesen in zwei Gruppen einteilen würdest.
    Diese "digitale" Wahrnehmung der Welt ist mir in China schon oft aufgefallen. Es gibt wenige Abstufungen, Schattierungen oder Grautöne. Die Positionen sind in China oft klarer als ich es aus Deutschland kenne. Gleichzeitig legt man sich im Gespräch aber nicht so eindeutig fest. Für Außenstehende wirkt China so vage und verwirrend unklar. Wenn man in China (mittendrin sozusagen) lebt, dann sind die Unterschiede oft relativ klar oder deutlicher.
    Ich weiß nicht, ob meine Worte an dieser Stelle Sinn machen.
    Du hast auch Recht: In den letzten Monaten denke ich immer mehr über theoretische Aspekte nach. Vielleicht hat das damit zu tun, dass ich in meinem neuen Umfeld mehr Zeit und Ruhe dazu habe. Das ist eigentlich eine gute Sache. Hoffentlich kann ich aber wieder konkreter schreiben und mehr Beispiele finden. Ich denke einmal darüber nach.

    Auf jeden Fall nochmals herzlichen Dank für Deinen Kommentar hier!

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