Hakenkreuze in China

Dies ist kein Schlüssel zu einem Mercedes-Benz, sondern so sehen die Schlüssel zu den Elektro-Mofas eines Herstellers in China aus. Nichts ist vor den Fälschern und Raubkopierern sicher.
Dies ist kein Schlüssel zu einem Mercedes-Benz, sondern so sehen die Schlüssel zu den Elektro-Mofas eines Herstellers in China aus. Nichts ist vor den Fälschern und Raubkopierern sicher.


Es vergeht kaum eine Woche, in der mir nicht irgendein Chinese sagt, dass Adolf Hitler der berühmteste oder der bewundernswerteste Deutsche wäre. Und es kam schon einige Male vor, dass ein Chinese mir erzählte, dass er das „typisch deutsche Symbol“, das Hakenkreuz, auch verehren würde. 


Wenn man in Peking, Shanghai, Kanton oder Hongkong lebt oder fast nur mit Angehörigen des Geldadels verkehrt, dann kann es schon sein, dass der neueste Maserati oder der neueste Porsche wichtigere Themen sind als die deutsche Geschichte. Hier, im Südosten Chinas, wo die Städte klein sind - also nur vier bis sechs Millionen Einwohner zählen - und Wirtschaft und Gesellschaft noch „weniger entwickelt“ sind, wie es im Propaganda-Slang heißt, da gilt Deutschland nicht oder nicht nur wegen der deutschen Qualitätsprodukte etwas, sondern vor allem wegen der militärischen Stärke und der überragenden historischen Rolle, die Deutschland im 20. Jahrhundert gespielt hat. 

Dass Deutschland zwei Weltkriege angezettelt und verloren hat, scheint hier niemand zu wissen. Das alle Menschen in Deutschland aber sehr reich sind, das glauben viele Leute hier zu wissen. Deutschland ist ein Vorbild der (militärischen) Stärke und des wirtschaftlichen Erfolges. Dass die Deutschen „nur“ eine Frau als Regierungschefin haben, kann man ihnen dann schon nachsehen. Sie sind ja schließlich keine Chinesen und begehen schon alleine deshalb Fehler.


An manchen Tagen kann einem schon das Genick schmerzen vom vielen Kopfschütteln angesichts dieser vielen „Weisheiten“, die über einem ausgegossen werden.


Der neueste Coup aus dieser Reihe trug sich letzte Woche zu. Ich kaufte mir einen kleinen Elektroroller, weil Motorräder im Stadtzentrum verboten sind. Zum Glück sind diese Dinger nicht besonders teuer, und sie werden dankenswerterweise inklusive Rost ausgeliefert. Man braucht also nicht erst ein paar Monate oder gar Jahre zu warten, bis einem das Ding unterm Hintern zusammenrostet. Es beginnt schon vor dem Verkauf.


Irgendwann im Verkaufsgespräch hatte sich dann auch um uns eine Traube von Menschen gebildet: Freunde, Nachbarn und Geschäftspartner (d. h. Angehörige der örtlichen Mafia) des Motorradhändlers wollten das Gespräch mit dem Ausländer verfolgen. Wir unterhielten uns über alles Mögliche, nachdem irgendwie klar war, dass wir ins Geschäft kommen würden. Nur die Details waren noch offen. 


Einem der „Freunde“ wurde ich als der Professor des Motorradhändlers vorgestellt, weshalb er mir Sonderkonditionen geben würde. Einem anderen gegenüber war ich der alte Freund aus der Heimatstadt. Irgendwann erzählte mir der Händler, dass er bereits einmal einem Ausländer ein Moped verkauft hatte, der hier auch in der Nähe wohnen würde. Er wäre „auch Amerikaner“. 


Da erwiderte ich: „Wie kommst du auf die Idee, dass ich Amerikaner wäre?“ 

„Ja, bist du das nicht?“

„Nein. Ganz sicher nicht.“

„Na, woher kommst du dann?“

„Rate mal.“

„England?“

„Nein.“

„Russland?“

„Niemals.“

„Deutschland?“

„Gut geraten!“


Am nächsten Tag holte ich also das Moped ab. Er erklärte mir noch einmal die wichtigsten Funktionen und Schalter, öffnete den Koffer auf dem Gepäckträger und sagte: „Ich hab dir noch ein Schloss dazu spendiert, damit du das Motorrad sicher abschließen kannst.“


Das war nett, aber eigentlich nicht nötig, da ich die Schlösser von den letzten Fahrrad- und Motorradkäufen noch zu Hause hatte.


Zu Hause packte ich dann das Schloss aus, eines jener U-förmigen Ringschlösser, wie sie hier in China so beliebt sind. Der Schlüssel sah ungewöhnlich aus. Im Halbdunkel der Garage fummelte ich eine Zeitlang herum, bis ich schließlich auf die Idee kam, das Licht einzuschalten. 


Als ich das Schloss und den Schlüssel deutlich sah, fiel mir dann doch die Kinnlade herunter.


Ich weiß nicht, ob das der neue Sicherheitsstandard in manchen Motorrad-Zubehör-Geschäften ist.  Eigentlich vermute ich vielmehr, dass der Motorradhändler mir eine Freude bereiten wollte. Schließlich wusste er, dass ich Deutscher bin, und wahrscheinlich wollte er mir eine Freude machen, indem er ein Schloss mit „meinem“ Nationalsymbol geschenkt hat. 


Am liebsten würde ich ja gleich wieder zu ihm gehen und ihn fragen, was er sich dabei gedacht hat. Das geht aber leider nicht. Es würde ein sehr komplexes Gespräch daraus entstehen, dass ihn sicher zum Schwindeln verführen würde und keinerlei neue Erkenntnisse bringen würde. 


Und falls ich auf die Idee kommen würde, ihn dessen zu belehren, dass das Hakenkreuz nicht das deutsche Nationalsymbol ist (… und dass es auch nicht auf der deutschen Nationalflagge zu sehen ist!), das wäre auch vergebliche Liebesmüh. Er würde es mir entweder nicht glauben, oder er würde irgendwie dumm dastehen, weil er mir mit diesem Schandsymbol nicht nur keine Freude gemacht hat, sondern weil er sich auch als absoluter Deutschland-Nicht-Kenner geoutet hätte.


In jedem Fall wäre ein Gespräch über das Thema „Schloss“ sinnlos, unfruchtbar und würde den Schenkenden mit einem unguten Gefühl zurücklassen. So etwas tut man in China auf gar keinen Fall. Und deshalb lasse ich es auch. 


Dafür habe ich jetzt ein Elektro-Moped mit einem Hakenkreuz-Schloss.


Rainald Runge

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Kommentare: 2
  • #1

    Frank (Freitag, 30 Oktober 2015 01:46)

    Hallo,
    Das Hakenkreuz ist in Asian schon seither ein buddhistisches Symbol.
    Die nationalistische Bedeutung bekam es erst in Deutschland im dritten Reich.
    Ich denke nicht, dass der Verkäufer auf die deutsche Interpretation dieses Symbols angespielt hat, sondern wohl eher die Originale meinte.

  • #2

    Rainald Runge (Freitag, 30 Oktober 2015 02:55)

    Hallo Frank,
    es ist schade, dass das Augenzwinkern, mit dem ich den Artikel geschrieben hatte, bei Dir nicht ankam.

    Der Verkäufer hat sich vermutlich überhaupt nichts dabei gedacht. Er hat in eine große Kiste mit Schlössern gegriffen und nicht darauf geachtet, was genau er mir gab.
    Mir ist allerdings in China immer wieder aufgefallen, wie groß die Bewunderung vieler Menschen für Hitler und alles was mit der Nazi-Zeit zusammenhängt, ist. Das ist möglicherweise regional unterschiedlich oder hängt vom sozialen Kontext ab.
    Auch die Choreografie bei allen Sport-Großveranstaltungen ist an die in Leni Reifenstahls Filmen angelehnt. Was im Westen ein Tabu ist, wird im Osten mitunter ganz anders gesehen.
    Man könnte lange darüber diskutieren ...

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