Fünf Jahre Xiamen - Teil 2

Xiamen am späten Vormittag vom 19. Stock aus. Von wegen kein Smog! Selbst die Einheimischen sind traurig, weil seit 2013 auch hier der Smog zum Alltag gehört.
Xiamen am späten Vormittag vom 19. Stock aus. Von wegen kein Smog! Selbst die Einheimischen sind traurig, weil seit 2013 auch hier der Smog zum Alltag gehört.

Dies ist eine Fortsetzung des Textes Fünf Jahre Xiamen - Teil 1

 

 

Harmonische Gespräche

 

Gegenseitiges Bauchpinseln ist auch eine Grundkompetenz in Gesprächen in China.

 

Aber ich fühlte mich schon ein wenig überfordert, als mir kürzlich ein junger Rekrut am Strand einen langen Vortrag darüber hielt, dass Deutschlands Größe und wirtschaftliche Stärke eine direkte Folge der Genialität Hitlers ist.

 

 

Was soll man denn dazu sagen?

 

Er hat es eben von seinem Ausbilder gehört. Oder in einem Blog gelesen. Wenn’s im Internet steht, dann muss es doch wahr sein!

 

In China ist Hörensagen wichtiger als Tatsachen. Es geht überhaupt nicht darum, was wirklich Fakt ist. Vielleicht gibt es so etwas wie Tatsachen überhaupt nicht. Aber in China sind sie ganz sicher irrelevant. Es gehört daher zum guten Gesprächston, Gemeinplätze, die millionenfach täglich landesweit wiederholt werden, auch einmal zu zitieren. 

 

Sie können sich vielleicht vorstellen, wie viel Spaß Smalltalk unter diesen Voraussetzungen macht. 

Man braucht tatsächlich nur ein Dutzend Sätze oder Meinungen, die in beliebiger Reihenfolge kombiniert und ständig wiederholt werden. Jede sonst ätzend langweilige Taxifahrt kann dadurch zu einem lustigen Erlebnis werden. Und man kann dabei auch gut Chinesisch üben.

 

Wenn man allerdings auf ein aus spießbürgerlich-deutscher Sicht „gutes Gespräch“ aus ist, dann kann man lange darauf warten - zumindest, sobald das Gesprächsthema „Xiamen“ oder noch schlimmer „Universität Xiamen“ auf den Tisch kommt. Normalerweise kann man das Gesprächsthema „Xiamen“ vermeiden, wenn man über etwas Sinnvolleres sprechen möchte.

 

Wenn man aber in Xiamen wohnt, dann muss man einfach 20-30 Minuten Gesprächszeit vorab einplanen, die mit den Gemeinplätzen, Vorurteilen und Halbwahrheiten oder Stadtmarketing-Phantasien über diese Stadt gefüllt werden wollen. Denn man fragt ja in der Regel „Wo kommst du her? Wo wohnst du?“ oder ähnliches.

 

Wenn man also sagt „Ich wohne in Xiamen,“ dann muss man erst einmal einem zwanzigminütigen Vortrag über die Schönheit der Stadt lauschen. Danach kann dann das „richtige“ Gespräch beginnen. 

 

Das sind ganz normale Gesprächssituationen. Als Ausländer in China ist man sowieso rund um die Uhr Schüler. Jeder erklärt einem die Welt. Man lernt also Zuhören in China. Auch deshalb finde ich das Leben in China recht angenehm. Ich rede weniger. Ich brauche hier nicht so viel zu reden. Ich darf zuhören. Ich bin ja auch Schüler. Ein Ausländer in China.

 

Wenn mir aber jemand das Märchen vom genialen Feldherrn und Politiker Adolf Hitler erzählt, dann bleibt mir aber leider auch heute immer noch die Spucke weg. Ehrlich gesagt vergeht mir dabei sogar das Lachen, und ich weiß einfach nicht so recht, was ich dann noch sagen soll. 

 

 

 

Ich fragte einmal, was ein Rollstuhlfahrer machen müsste, um diese Toilette benützen zu können. Die Antwort des Putzmannes: "Sie fahren keinen Rollstuhl. Sie können das normale Klo benützen."
Ich fragte einmal, was ein Rollstuhlfahrer machen müsste, um diese Toilette benützen zu können. Die Antwort des Putzmannes: "Sie fahren keinen Rollstuhl. Sie können das normale Klo benützen."

Warum eigentlich Xiamen?

 

Nach Xiamen kam ich eigentlich wie die Jungfrau zum Kinde. Der Freund eines Freundes hatte einen Bekannten, der mir sagte, dass in Xiamen ein „Lektor“ an der Germanistikabteilung der Universität Xiamen gesucht werden würde. Als Diplompädagoge fühlte ich mich zunächst nicht dazu berufen. Der Leiter der Deutschabteilung lud mich aber ganz überschwänglich dazu ein, ein Mitglied des Kollegiums zu werden. 

 

Also packte ich meine Koffer und beendete die Phase mit häufigen Geschäftsreisen nach China, indem ich mich in Xiamen niederließ. 

 

Ein Fehler, sagten damals sämtliche Familienangehörige und Freunde. Ein Glücksfall sage ich auch heute noch. Obwohl alles ganz anders kam als ursprünglich geplant. 

 

Natürlich bekam ich den versprochenen Arbeitsvertrag nicht, auch nicht das versprochene Gehalt, und außer zahlreichen Versprechungen, die irgendwann am Sankt-Nimmerleinstag eingelöst werden sollten, war nicht viel geboten. 

 

Die ersten drei Jahre in China hatte ich außerdem mit großen gesundheitlichen Problemen zu kämpfen. Die Arbeit war außerordentlich kräfte- und zeitraubend, so dass ich mit dem systematischen Chinesisch Lernen erst vor relativ kurzer Zeit beginnen konnte.

 

 

Umzug, Neuanfang

 

Nach fünf Jahren wurde es also endlich Zeit für einen Ortswechsel. Und so begannen die Wochen mit Kistenpacken, Umzug und Kisten Auspacken. Ein Umzug in China funktioniert natürlich auch ganz anders als in Deutschland. Aber auch das ist eine andere Geschichte.

 

Noch sind nicht alle Kisten ausgepackt und nicht alle Dinge neu eingeräumt, die Vorbereitungszeit fürs neue Semester hat längst begonnen, und die Eingewöhnung an das wieder völlig andere Klima gestaltet sich schwieriger als erwartet. Es war furchtbar heiß, und täglich kam es zu heftigen Gewittern mit Platzregen. Mehrmals. 

 

Seit zwei Tagen sind die Temperaturen gefallen. Nachts „nur“ noch knapp 27 Grad. Der Pförtner sagte mir gestern: „Der Herbst ist da.“ 

 

Das Herbstfest fällt in diesem Jahr auf den 8. September, in weniger als drei Wochen ist es also so weit. Ich freue mich auf die Mondkuchen!

 

Rainald Runge

 

 

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