Fünf Jahre Xiamen - Teil 1

Chinesische Capucchino-Maschine, deutsche Kuhmilch, italienischer Espresso - So beginnt ein guter Arbeitstag in China.
Chinesische Capucchino-Maschine, deutsche Kuhmilch, italienischer Espresso - So beginnt ein guter Arbeitstag in China.

 

Anderthalb Monate lang hatte ich keine Zeit gefunden, einen Blog-Artikel zu schreiben. Viel ist geschehen, und es braucht wohl noch etwas, um alles zu verdauen und einzuordnen. 

 

In 8 Tagen jährt sich der Beginn meines China-Daueraufenthalts zum fünften Mal - ohne Heimaturlaub in Deutschland, ohne auch nur eine Minute chinesischen Boden verlassen zu haben. Nicht einmal nach Hongkong, Macao oder Taiwan gereist.

 

Dies ist kein perfider Plan einer Selbstgeißelung, dennoch ist es ein Experiment, wie so vieles am Leben in China hier eher experimentellen Charakter hat. 

 

 

Fünf Jahre Xiamen

 

Während der ersten fünf Jahre des selbstgewählten Exils lebte ich also in Xiamen, angeblich der schönsten Stadt Chinas. So predigen es zumindest die gut geölte Propaganda-Maschine und die Tourismus-Werbetrommel. 

 

Dies wird so oft und so nachdrücklich an allen Orten und bei jeder Gelegenheit im Fernsehen, im Radio, auf Blogs, in Zeitungen und in persönlichen Anekdoten gebetsmühlenartig wiederholt, dass es mittlerweile sogar viele Leute glauben, die es eigentlich besser wissen sollten. Sogar Ausländer beten den Psalm auf die südostchinesische Hafenstadt nach, was am meisten überrascht, wo die Ausländer doch sonst alles besser wissen und fast jeder Äußerung eines Chinesen widersprechen.

 

Die Wahrheit ist: Xiamen ist ganz und gar nicht die grünste oder sauberste Stadt Chinas. Der Stadtkern Xiamens liegt auf einer Insel. Dort wohnt aber nicht die Mehrheit der Einwohner der Stadt. Die Außenbezirke auf dem Festland sind längst bei weitem bevölkerungsreicher geworden. Die Insel ist bekannt als Touristenattraktion. Was genau man da allerdings besichtigen kann, entzieht sich meiner Kenntnis. Zumindest habe ich fast nie Touristen in den wirklich spannenden Parks und Gärten gesehen. Die tummeln sich auf der Einkaufsmeile, auf der kleinen, vorgelagerten Insel „Gulangyu“ oder am (künstlichen) Sandstrand.

 

Auf der Insel wohnt man richtig teuer. Der Abstand zu Peking und Shanghai ist deutlich geschrumpft, was die Wohnungspreise betrifft. Die Einkommen betragen aber vielleicht nur 20-30% dessen, was man in Peking für einen ähnlichen Job bekommen könnte.

 

Die Provinz Fujian ist sehr hügelig, vielleicht dem Schwarzwald oder den Vogesen ähnlich. Der erste Berg auf dem Festland gegenüber der Insel Xiamen ist bereits 760m hoch. Noch innerhalb Regierungsbezirks Xiamen befindet sich der erste Eintausender. Man wohnt auf dem Festland also wirklich besser, wenn man viel Zeit beim Bergwandern oder auf einem kleinen Motorradausflug verbringen möchte.

 

Und man wohnt dort billiger. Auch deshalb wohnte ich die letzten zwei Jahre nicht mehr auf der Insel, sondern 30 km weit entfernt auf dem Festland. Für den Preis, für den man in der Nähe der Universität knappe 25 qm in einer eher angegammelten Wohnung bekommen konnte, bekam man in dem Randbezirk eine zweistöckige Etagenwohnung mit genug Platz, um Wiener-Walzer-Kurse zu geben.

 

Xiamen hat leider längst nicht mehr die sauberste Luft aller chinesischen Großstädte. Seit Anfang 2013 ist der Smog mehr als auffällig, denn von den Penthäusern auf der Insel sieht man die Festlandküste längst nicht mehr so deutlich. Sie liegt inzwischen an vielen Tagen hinter einem gelblich-orangenen Vorhang. Laut sagen darf man das als Radiomoderator oder gar Politiker natürlich nicht. Und wenn ein dämlicher Ausländer dieses Thema im Gespräch mit einem Chinesen erwähnt, dann muss er sich einen langen Vortrag darüber anhören, wie schlimm die Luft in Peking oder Shanghai im Vergleich zu Xiamen ist. 

 

Danke sehr. Das war zwar eigentlich nicht das Thema, aber vielen Dank für die Nachhilfe…

 

 

Xiamen - eine Stadt mit südländischem Flair. Man hält hier eine ausgedehnte Siesta, und die Architektur erinnert sehr an die Mittelmeerregion.
Xiamen - eine Stadt mit südländischem Flair. Man hält hier eine ausgedehnte Siesta, und die Architektur erinnert sehr an die Mittelmeerregion.

Die Luft in Xiamen ist inzwischen so stark belastet, dass selbst nachts ein flotter Spaziergang in der Stadt anstrengend sein kann. Nicht immer, aber an vielen Tagen. Das war 2009 noch ganz anders. Und während man früher spätabends die Stadtautobahn für sich alleine hatte, so können die Halbstarken mit ihren Lamborghinis, Maseratis und Ferraris inzwischen längst keine Rennen mehr zwischen 22 Uhr und 2 Uhr früh veranstalten. Es gibt schlicht zu viel Verkehr. Rund um die Uhr.

 

Xiamen hat die schönste Universität Chinas. Auch das muss man sich ständig anhören, wenn man als Wohnort „Xiamen“ angibt. Stimmt aber leider nicht. Es stimmt einfach nicht! Und es ist wurschtegal, wie oft das in chinesischen Reiseblogs wiederholt wird. Es gibt weit schönere, grünere, gepflegtere Campus in China. Da wäre zum Beispiel der Campus der Universität für Land- und Waldwirtschaft in Fuzhou (Fujian) oder der am Fuße eines Berges gelegene Campus der Fremdsprachenuniversität in Guangzhou (Kanton). Dalian ist schön, Zhuhai auch. Man könnte viele Städte benennen, die ähnlich schöne Unis und Campus haben. Trotzdem hält sich hartnäckig das Gerücht, Xiamen hätte eine ganz besonders schöne Uni mit einem ganz besonders schönen Campus. Der Campus ist wirklich schön, und es gibt ein paar ganz bezaubernde Ecken, wohin sich allerdings nie ein Tourist verirrt. 

 

Aber oft sehen die Menschen ja nur das, was sie glauben. 

 

Über Xiamen habe ich noch viele andere seltsame Vorurteile gehört, und jedes einzelne verdient eigentlich mindestens ein eigenes Kapitel in einem Buch. Hier eine Auswahl: 

 

Die Vermieter in Xiamen seien besonders habgierig und heimtückisch.

Die Alteingesessenen in Xiamen arbeiten nichts, sondern trinken tagein, tagaus nur Tee. 

In Xiamen gebe es kein scharfes Essen. 

In Xiamen gebe es keine Toilette zum Sitzen. 

In Xiamen gebe es keine Betten, die länger als 1,80 m sind.

Die Menschen in Xiamen seien alle reich.

Anders als in anderen Gegenden zählen in Xiamen nur Jungen als Nachwuchs.

 

Diese Reihe könnte man fast beliebig fortsetzen. Dies und vieles mehr muss man sich von Chinesen aus anderen Provinzen hören, wenn sie über Xiamen reden. Was die nicht alles wissen!

 

Ich hatte mal eine furchtbar habgierige und fiese Vermieterin in Xiamen. Sie stammte aus Peking…

 

Das ist eigentlich auch wieder typisch China: China ist so vielfältig, dass man praktisch zu jedem Negativ-Vorurteil mindestens ein positives Gegenbeispiel finden kann. Und umgekehrt. Auch deshalb macht Rechthaberei in China absolut überhaupt keinen Sinn.

 

Ich hatte einmal so eine rechthaberische Phase, in der ich versuchte, meine Erfahrungen und Eindrücke von Xiamen zu erklären und zu erläutern. Aber es hört ja eh keiner zu, und deshalb lasse ich das inzwischen auch. 

 

Eine der vielen guten Gewohnheiten, die ich in China gelernt habe, ist, zumindest in Gesprächen nicht ständig Recht behalten zu wollen. Nur hier im Blog erlaube ich meiner rechthaberischen Seite gerne sich auszutoben.

 

In China lernt man z.B., dass Audi die besten Autos der Welt baut. Mercedes? Nie gehört. 

In China lernt man, dass Hitler der größte Feldherr aller Zeiten ist. (Ja, der GRÖFAZ, wie mein Vater immer lästerte.)

In China lernt man, dass alle Deutschen nur Bier trinken und nur Rindersteak essen. Oder Schweinshaxen. Jeden Tag. Ausschließlich.

Und es gibt übrigens zwei Deutschlands. Ost und West. Diese zwei Länder stehen sich verfeindet gegenüber - was einige übrigens schade finden. 

 

Innerlich antworte ich auf solche Bemerkungen immer mit einem Loriot’schen „Ach!“

 

Im tatsächlichen Gespräch muss man auf solche Sätze entweder mit einem Kompliment über China oder mit einem Kompliment über die Fachkompetenz des Sprechers oder mit einer neugierigen Frage antworten, wie z. B.: „Woher weißt Du so viel über Deutschland? Hast Du deutsche Freunde oder warst Du schon oft dort?“

 

 

 

 

 

 

(Fortsetzung)

 

Rainald Runge

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