Warum reden Chinesen so oft übers Essen?

So sehen die Räume in einem luxuriösen Restaurant aus. Zur Zeit (Sommer 2014) kann man hier für ca. 200 RMB pro Person richtig gut und richtig viel essen. Beamte dürfen nicht mehr auf Spesenrechnung h
So sehen die Räume in einem luxuriösen Restaurant aus. Zur Zeit (Sommer 2014) kann man hier für ca. 200 RMB pro Person richtig gut und richtig viel essen. Beamte dürfen nicht mehr auf Spesenrechnung hier speisen, deshalb sind die Preis gefallen.

 

Es wird Zeit, dass wir einmal wieder über Essen sprechen. Es gibt noch so viele leckere, faszinierende, überraschende Speisen, über die man berichten sollte.

 

Warum eigentlich? Warum spricht man in China so oft und so viel übers Essen? 

 

 

Ausländer liegen immer falsch

 

Wie auf alle Fragen zu China gibt es mehrere Antworten. Und alle sind vermutlich gleich richtig, und egal was Sie als Ausländerin sagen, Ihre chinesischen Freunde werden Ihnen häufig sagen, dass Sie viele Dinge grundsätzlich falsch verstanden haben. Denn Sie sind ja nur eine Ausländerin. 

 

 

Dies ist nur eines der häufig wiederkehrenden Kommunikationsspiele in China. Sie sind sicherlich nicht böse gemeint. Hier wird nur vieles einfach ganz anders gesagt, als man es als Gewohnheitsdeutscher erwarten würde.

 

Widersprüche mit Logik

 

Manchmal wird man Ihnen zum Beispiel auch unvermittelt sagen, dass Sie China so gut verstehen, als wären Sie in China aufgewachsen. 

 

Beide Arten des Feedbacks - das positive und das negative - sind sachlich ähnlich relevant, beides ist ehrlich gemeint - davon sollten Sie wirklich ausgehen! 

 

Aber woher kommen denn diese so unterschiedlichen Äußerungen, die beide angeblich ähnlich richtig sind?

 

 

Sie sind ein China-Experte

 

Man wird Sie oft nach Ihrer Meinung zu China fragen, und wenn man eine gute Beziehung zu Ihnen aufbauen möchte, dann wird man alles loben, was Sie sagen, und sei es auch noch so banal. Man wird Ihnen ständig sagen, wie gut Ihr Chinesisch ist, wie gut Sie die chinesische Geschichte kennen oder dass Sie mehr von der chinesischen Kultur verstehen als die meisten Chinesen. Dies alles dient dazu, Ihnen zu schmeicheln und in irgendeiner Weise die Beziehung zu Ihnen zu verbessern. 

 
Muschelfleisch auf Mu-Er-Pilzen und Sellerie. Unverschämt lecker!
Muschelfleisch auf Mu-Er-Pilzen und Sellerie. Unverschämt lecker!

Was du da hast, ist toll

 

Eine Kollegin, die mich seit Langem zur Mitarbeit an ihrem Forschungsprojekt gewinnen wollte, blickte kürzlich auf den Kalender in meinem alten, kleinen iPhone und rief: "Oh, das ist aber wirklich sehr praktisch!" 

 

Es war die Standard-Software in einem für chinesische Verhältnisse altmodischen Handy. Und sie bewunderte die Kalender-Software! Sie selbst hat ein brandneues und teures Handy. Aber sie dachte, sie könnte mich auf diese Weise wohlgesonnen stimmen. Steter Tropfen höhlt den Stein.

 

Umgekehrt können Sie das natürlich auch so tun. Man kann so ziemlich alles am Gegenüber bewundern, erwähnen, loben. Vor allem etwas, das der Andere besitzt. Also materiellen Besitz. Und nichts - aber auch gar nichts - kann hier zu banal sein. 

 

 

Du bist schön

 

Auch der Satz "Du bist aber dick geworden" ist in den allermeisten Fällen als Kompliment gemeint. Mit dem Satz "Deine Nasenwurzel liegt aber hoch" können Sie jeden Chinesen und jede Chinesin für einen Moment zum glücklichsten Menschen der Welt machen. Denn was man an uns Europäern oft so attraktiv findet, das ist die weiter oben liegende Nasenwurzel. Stupsnasen sind out und überhaupt nicht süß. Und breite Nasen gelten als abstoßend. So wurde mir das schon x-mal erklärt. 

 

Sagen Sie übrigens besser nicht: "Du bist aber dünn geworden." Denn das Wort für dünn hat manchmal die Konnotation "krank" oder "schwächlich" oder "vernachlässigt". Nicht immer, aber manchmal.

 

 

Wenn Sie am Gegenüber einen neuen Haarschnitt entdecken, ein neues Handy (sowieso!), neue Schuhe, ein neues Auto (ja, ganz sicher!), eine neue Brille, eine neue Tasche (auch heterosexuelle Männer in China sind oft ganz verliebt in ihre Handtaschen) - dann können Sie so viel loben, bewundern und ansprechen, wie Sie möchten. Ganz besonders in China. So kann man sich Freunde machen, oder zumindest ein sehr angeregtes oder anregendes Gespräch führen. Und das macht ja allen Beteiligten Spaß - auch Ihnen!

 
 

Schmeichelei als Ersatz für eine Entschuldigung oder Rechtfertigung

 

Besonders irritierend fand ich es einmal, als mir jemand zu schmeicheln begann, der mich schon viele Jahre kannte. Wir gerieten damals aneinander, weil ich ihm aufs Butterbrot geschmiert hatte, dass im Moment in unserem Business eben nichts in Ordnung wäre, weil er eine wichtige Zusage nicht eingehalten hatte, wodurch es mit anderen Geschäftspartnern zu einer sehr kritischen Situation gekommen war. 

 

Natürlich kam keine Entschuldigung von ihm, nicht einmal eine Rechtfertigung. Denn beides wird von manchen Chinesen als Zeichen der Schwäche oder als Schuldeingeständnis gesehen. 

 

Auch hier - wie auch beim "Danke" gilt: Wenn sich jemand bei Ihnen entschuldigt, dann sollten Sie aufhorchen, denn vermutlich geht es in diesem Moment um etwas ganz Anderes. Entweder man möchte eine Beziehung zu Ihnen endgültig beenden, oder man möchte Sie in falscher Sicherheit wiegen, bevor Ihnen der Dolch in der Rücken gerammt wird.

 

Mein damaliger Geschäftspartner versuchte sich damals also nicht zu rechtfertigen, sondern begann plötzlich - obwohl wir uns schon lange kannten -, viel Zeit mit mir verbringen zu wollen, verbunden mit Einladungen der verschiedensten Art, um so vermutlich sein Interesse an einer Fortführung der Zusammenarbeit zu unterstreichen. 

 

In einem der Gespräche begann er dann zuerst, von Deutschland zu schwärmen, um dann anschließend einige komplexe politische und kulturelle Probleme Chinas anzusprechen. Er fragte nach meiner Meinung dazu. Das war seltsam, und eigentlich absolut untypisch. 

 

Man spricht mit Außenstehenden niemals über interne Dinge. Und demnach auch nicht mit Ausländern über komplexe Ereignisse oder politische Probleme in China. Wenn man das aber tut, dann möchte man manchmal ganz direkt zeigen, dass man den Ausländer in Zukunft gerne als "Inländer" betrachten würde. Manche Ausländer fallen tatsächlich darauf herein. Bis zum bösen Erwachen freilich.

 

Ich weiß nicht mehr genau, was ich damals geantwortet hatte. Ich wollte in kein Fettnäpfchen treten, aber auch die Antwort nicht auf eine Floskel begrenzen. Seine Reaktion war damals völlig übertrieben positiv: "Es ist beeindruckend, welch tiefes Verständnis der chinesischen Kultur du hast. Viele Chinesen lernen ihre eigene Kultur nie so gut kennen wie du. Und du bist ja erst seit ein paar Jahren in China."

 

Ich hatte nichts gesagt, was dieses übertriebene Lob gerechtfertigt hätte. Ich war völlig verdutzt. Es wäre möglich gewesen, dass er mich tatsächlich heftig kritisieren wollte. Kritik klingt in China manchmal wie ein Lob oder wie ein Dankeschön. Aber er wollte mir damals nur schmeicheln.

 

Natürlich bat ich um keine weiteren Erklärungen, denn die hätten möglicherweise zu einem Konflikt führen können. 

 

Dieses Verhalten, einem Ausländer fast übertriebene Komplimente zu machen, wie man sie einem chinesischen Landsmann niemals machen würde, kann man aber relativ häufig beobachten. Und fast immer hat es ein klares Ziel: das Gegenüber einzulullen oder gefügig zu machen. Es hat nichts mit Respekt, mit Höflichkeit oder Gastfreundschaft zu tun. Lesen Sie bitte noch einmal Ihren Sunzi (Die Kunst des Krieges). Der erklärt das nämlich dort.

 

 

Selbstgemachter schwäbischer Kartoffelsalat (in China!) mit importierten Saitenwürsten. Das ist ein Gesprächsthema, mit dem man locker eine halbe Stunde füllen kann.
Selbstgemachter schwäbischer Kartoffelsalat (in China!) mit importierten Saitenwürsten. Das ist ein Gesprächsthema, mit dem man locker eine halbe Stunde füllen kann.

Banale Schmeicheleien beim Einkaufen

 

Häufig höre ich auf die Frage "Was kostet das?" in einem Geschäft die Antwort: "Wow, dein Chinesisch ist aber super!", oder noch viel häufiger: "Wow, dein Englisch ist aber super!", obwohl ich Chinesisch gesprochen habe. Mein Chinesisch ist nicht super. Abgesehen davon habe ich nur nach dem Preis gefragt!

 

Man muss einfach verstehen, dass, einen völlig fremden Erwachsenen ohne Vorwarnung über den grünen Klee zu loben, in China mindestens ebenso unangebracht oder unangemessen ist wie in Deutschland. 

 

Kleine Komplimente? Gerne. Bewunderung gegenüber neuen Anschaffungen? Sicher! Unter Freunden und guten Bekannten? Ja aber auf jeden Fall!

 

Aber nicht bei der ersten Begegnung und nicht in einem Geschäft. Das ist einfach nur plump. 

 

 

 

Das quasi ideale Gesprächsthema: Essen

 

Die Gespräche übers Essen sind in China mindestens ebenso wichtig wie die Gespräche über Geld, oder in Deutschland die Gespräche übers Wetter oder über Fußball. Mit dem feinen Unterschied, dass das Essen in China so vielfältig ist, dass man wirklich viel und lange darüber sprechen kann. Und jeder kann mitreden. Jeder Chinese ist quasi durch seine Geburt ein Experte für Essen.

 

Ich liebe die Gespräche übers Essen. Und ich liebe es vor allem, mit meinen chinesischen Freunden neue Restaurants oder Geheimtipps auszuprobieren. Ich liebe China, unter anderem wegen der vielfältigen Geschmacksrichtungen und Angebote an Essen und Gerichten.

 

Doch eigentlich wollten wir ja heute übers Essen reden. Tun wir das also beim nächsten Mal.

 

 

(Fortsetzung)

 

Rainald Runge

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