In China ist alles ganz anders (Teil 7) - Nachbarschaft

Unsere Wohnungstür im obersten Stock. Die Nachbarn, eine sehr nette 3-Generationen-Großfamilie, lieben genauso wie wir diese Wohngegend.
Unsere Wohnungstür im obersten Stock. Die Nachbarn, eine sehr nette 3-Generationen-Großfamilie, lieben genauso wie wir diese Wohngegend.

 

Dies ist eine Fortsetzung des Textes In China ist alles ganz anders (Teil 6)

 

 

 

Das komplizierte Verhältnis zur Nachbarschaft

 

Meine liebe chinesische Vermieterin sagte beim Einzug etwas zu mir, das ich als klugen Rat beherzige: „Die Nachbarn hält man sich tunlichst auf Distanz. Man spricht nicht zu viel mit einander und man sucht auch nicht ihre Freundschaft. So vermeidet man spätere Konflikte.“ 

 

 

Natürlich streitet man sich auch auf gar keinen Fall mit den Nachbarn in China. Unter gar keinen Umständen. Das war für mich in der aktuellen Wohnung manchmal schwierig. 

 

Müll im Treppenhaus

 

Zum ersten Mal erlebte ich hier am eigenen Leib, was in China eigentlich fast normal ist, nämlich, den Müll oder die Mülltüte ins Treppenhaus zu stellen und zu hoffen, dass irgendwann irgendjemand es abholt. Aus den Augen, aus dem Sinn!

 

Es ist dabei völlig egal, ob es sich um gebrauchte, unverpackte Babywindeln oder um offene Fleischabfälle handelt. Gestank scheint sowieso oft egal, aber dass ein Zusammenhang zwischen großen Mengen an mausgroßen Kakerlaken im Treppenhaus und dem offen herumliegenden Müll bestehen könnte, daran denkt offenbar niemand. 

 

Wenn dies ein Slum wäre, könnte man das ja noch verstehen. Es sind alles Eigentumswohnungen. Wir sind die einzigen Mieter weit und breit. Und vor der Haustür steht der X5, der A7, die S-Klasse oder der Porsche Cayenne. Kein Witz. Aber eben unverständlich, dass man ein halbwegs Müll- und Ungeziefer-freies Treppenhaus nicht als Lebensqualität begreift. Dies muss ein signifikanter kultureller Unterschied sein. 

 

Streiten darf man nicht - auf gar keinen Fall darf man in China streiten, es hätte ja auch keinen Sinn - zumal ich der einzige Ausländer unter 50.000 Chinesen hier im Vorort bin. Das wäre dann zu gefährlich. Eine Schlägertruppe gibt's hier schon für 100 RMB ...

 

Ein freundlicher oder höflicher Hinweis darauf, dass man die Mülltüten besser nach unten trägt - wegen der Ratten - würde in China genauso ankommen wie eine plumpe Beleidigung. 

 

 

 

Kritik wird immer durch einen Verstärker wahrgenommen

 

Das ist ein Punkt, den viele Ausländer auch sehr spät lernen: Kritik kommt immer potenziert an. Ein vorsichtiger Hinweis wird als aggressiver Angriff empfunden. Eine direkte, mit Fakten untermauerte Kritik, als persönliche Bloßstellung und Beleidigung. Eine auch so gemeinte unflätige Beschimpfung kommt beim Empfänger als Einladung zu einem Handgemenge an oder als Bitte um Ermordung. Bitte versuchen Sie, diese Worte nicht als Scherz oder Übertreibung zu werten. Es gibt zu viele haarsträubend angsteinflößende Anekdoten, die ich von anderen Ausländern gehört habe. Sie leben deutlich besser in China und sie sind beruflich deutlich erfolgreicher, wenn Sie diese Hinweis beachten.

 

Mit anderen Worten: Wenn ich zu meinen Nachbarn sagen würde: „Könnten Sie bitte den Müll herunterbringen, ich meine, wegen der Ratten und Kakerlaken?“ dann würden die Nachbarn, je nach Laune, sagen: „Ja, gut“ - und nichts tun. Oder sie würden mit einer Beschimpfung reagieren, die ungefähr so klingt: „Was willst du, scheiß Ausländer, von mir! Kümmere dich um Deinen eigenen Scheiß.“ Nur dass Chinesen kein Wort für „Scheiß“ kennen sondern lieber gleich zu einem Wort greifen, dass man nur mit „fuck“ und daneben ein Hinweis auf die Mutter übersetzen könnte.

 

 

In China gibt es keine „Hilfs-Polizisten“ in der Nachbarschaft

 

Dies ist eigentlich ein Punkt, der China von Anfang an sehr sympathisch gemacht hat: Man lässt seine Nachbarn in Ruhe!

 

Umgekehrt bedeutet dies, dass auch man selbst in chinesischen Mehrfamilienhäusern seine Ruhe hat. Man wird in China von den Nachbarn wirklich in Ruhe gelassen. Das empfand ich in meiner ersten Wohnung in Peking bereits als Wohltat, und ich genieße das auch jetzt immer noch dort, wo ich jetzt lebe.

 

Keine Nachbarn, die einen darauf hinweisen, dass man seine Kehrwoche nicht gründlich gemacht hätte, was mir in den 1990ern in meiner Wohnung in Böblingen regelmäßig passiert ist. Keine Nachbarn, die sich darüber beschweren, dass man auf dem Balkon raucht oder am Sonntag die Wäsche zum Trocknen raushängt, was in meinen Wohnungen im Stuttgarter Umland völlig normal war. Obwohl es in Südchina so etwas wie eine ausgedehnte Siesta gibt, gilt es als Tabu, seine Nachbarn zu kritisieren, wenn sie in der Ruhepause lärmen. Meine Nachbarn in Deutschland waren da ganz anders drauf …

 

In China lebt man ungestört, auch wenn man laut Musik hört oder fernsieht. Denn die Kinder meiner Nachbarn fangen schließlich auch abends um 22 Uhr mit Klavierspielen oder Trompete Üben an. Meine Nachbarn spielen übrigens Trompete, Klavier, Flöte mit Vorliebe nachts auf dem Balkon. Nie drinnen und nie vor 21 Uhr. Aber das ist eigentlich OK. Ich verstehe selbst nicht, warum mir diese Musik, selbst wenn sie äußerst schräg ist, nichts ausmacht. Ich freue mich einfach darüber, wenn Menschen überhaupt Musik machen. Und mir ist ein auf dem klimperndes Kind tausendmal lieber als ein stundenlang hysterisch kläffender Hund. Vielleicht weil ich selbst ein Mensch und kein Hund bin …  

 

 

Ganz alltäglich: Man stellt die offenen Mülltüten ins Treppenhaus oder in den Flur und "vergisst" sie dann dort. Auch wenn man selbst das Haus verlässt, nimmt man sie nicht mit, um sie in den Müllcont
Ganz alltäglich: Man stellt die offenen Mülltüten ins Treppenhaus oder in den Flur und "vergisst" sie dann dort. Auch wenn man selbst das Haus verlässt, nimmt man sie nicht mit, um sie in den Müllcontainer zu werfen.

Heinzelmännchen unerwünscht!

 

Weil Streit, Kritik - oder auch nur ein Hinweis - beim Thema Müll nichts bringen würden, hatte ich irgendwann damit begonnen, die Mülltüten der Nachbarn aus dem Treppenhaus mitzunehmen und sie vor der Haustür in die große Tonne zu werfen. Ich tue das nicht aus Freundlichkeit und schon gar nicht aus christlicher Nächstenliebe. Ich tue es eigentlich aus Kapitulation. Und weil ich denke, wir Ausländer tun sowieso schon genug, um uns in China unbeliebt zu machen. Deshalb könnte ich ja auch mal zur Abwechslung einen positiven Beitrag leisten.

 

Die Nachbarn gehen zur Arbeit oder zum Einkaufen. Aber sie verlassen die Wohnung, ohne ihren eigenen Müll mitzunehmen, und stapeln ihn stattdessen im Treppenhaus, um die Kakerlaken und Ratten dort mit noch größerem Erfolg zu züchten. Dies ist keine Übertreibung. Bei den hohen Temperaturen und der hohen Luftfeuchtigkeit hier im Südosten gehören Kakerlaken und Ratten zum Alltag - auch in teuren Wohngegenden. Das einzige, was man dagegen tun kann, ist, ziemlich peinlich darauf zu achten, in seiner Wohnung keine Nahrungsmittel offen herumliegen zu haben. 

 

Ich nehme also die Mülltüten immer mit runter. Ich wohne ja auch ganz oben. Kein Problem also. 

 

Kürzlich ertappten mich zwei ältere Nachbarinnen aus dem zweiten Stock dabei und waren völlig schockiert. Mich dabei zu ertappen, wie ich ihre Mülltüten runtertrage, hatte eine weit stärkere Wirkung, als wenn ich die Nachbarn im Treppenhaus (wie es in Stuttgart vielleicht üblich gewesen wäre) zusammengeschissen hätte. 

 

 

 

China ist der beste Psychotherapeut

 

Niemand kam auf die Idee, dass ich hauptsächlich einen Konflikt vermeiden wollte und das Haus für alle etwas verschönern und vor allem die Zahl der freilaufenden Ratten und Kakerlaken etwas reduzieren wollte. Man sah mein Verhalten als beschämend und als heftige Kritik an. Meine Güte, dachte ich in dem Moment, ich war ja so naiv und so dämlich! Wie konnte ich nur glauben, dass mein Verhalten irgendeine positive Wirkung haben könnte?

 

Interessant ist hier übrigens die Nähe einer tiefenpsychologischen Sichtweise zum chinesischen Alltagsdenken: Chinesen erkennen oft sehr schnell, wenn vordergründige Freundlichkeit im Kern eigentlich als Kritik oder als Angriff gemeint ist. 

 

Denn natürlich war ich als „schwäbischer“ Nachbar hier eigentlich weder friedlich noch freundlich, obwohl ich es mir selbst ständig einredete. Natürlich hätte ich wissen können, dass mein Verhalten früher oder später zu einem offenen Konflikt führen könnte. 

 

Und auch dies ist ein Aspekts der chinesischen Alltagskultur und des Lebens in China, der mir überaus sympathisch ist. Ich versuche hier, dieses Erlebnis hier genau aufzuschreiben, auch um zu zeigen, wie infantil, beschränkt und unhöflich ein Ausländer wie ich in China auf die Einheimischen wirken kann. Gleichzeitig bietet das Leben im Ausland eine gute Möglichkeit, eigenes Verhalten zu reflektieren und reifer zu werden. Ich bin China und den Chinesen für diese Lektionen dankbar. 

 

Chinesen haben Geduld mit Ausländern. Meine Güte, was schimpfen manche Deutschen über ihre ausländischen Nachbarn oder Kollegen! Lächerlich. Die meisten Ausländer in China sind nicht nur kaum, sondern überhaupt nicht angepasst. Und sie haben meist auch überhaupt keine Lust, sich anzupassen. 

 

In der interkulturellen Kommunikation ist es wichtig, eigene Fehler zu erkennen und in kritischen Situationen eine sinnvolle Lösung zu finden. Hier gilt der generelle Merksatz in der Kommunikationspsychologie: Der Partner mit der höchsten Flexibilität kann am ehesten die Situation zu einer produktiven Lösung beeinflussen.

 

In China lernt man Gelassenheit, sagt eine Freundin immer. Und Flexibilität, möchte ich hinzufügen.

 

 

De-Eskalation

 

Natürlich zeigten die Nachbarn nicht direkt Wut, sondern äußerten sehr anerkennende Worte der Dankbarkeit. Gemeint haben sie aber das Gegenteil. Woher ich das weiß? Aus der Länge des Gesprächs und aus der Menge der „Danke“ und anderen Wörtern des Lobes, die sie äußerten. Es waren zu viele, und wie bereits beschrieben, ist sehr übertriebenes sich Bedanken ein ziemlich zuverlässiges Zeichen ziemlich heftiger Kritik - vor allem bei älteren Menschen oder in ländlichen Gegenden.

 

Und plötzlich wurde mir die ganze Situation auch sehr, sehr peinlich. Denn ich mit meiner dummen, schwäbischen Kehrwochen-Mentalität hatte die älteren Damen irgendwie bloßgestellt. Jetzt gab es auch keine Chance mehr, die Situation zu reparieren. Ich hatte mich lächerlich gemacht und war in das größte vorhandene Fettnäpfchen getreten.

 

Das Problem hier liegt darin, dass ich ein sauberes und rattenfreies Treppenhaus wirklich wohnlicher finde. Ich kann oder will mich von diesem Traum nicht wirklich verabschieden. 

 

Eigentlich freue ich mich ja auch über die nette und angenehme Nachbarschaft. Aber ein zumindest rattenarmes - wenn schon nicht rattenfreies - Treppenhaus ist mir noch weit wichtiger. Meine aktuelle Strategie ist also folgende: Wenn ich früh morgens vor allen Anderen zur Arbeit muss, dann nehme ich den Müll mit. Ebenso wenn ich spät nachts noch zum Fahrradfahren oder Joggen raus gehe. Das Wichtigste ist: Niemand sollte mich dabei sehen! Dann ist es OK. Die Nachbarn denken, ein Hausmeister hätte die Sachen runtergetragen (was dieser aber höchstens einmal pro Woche tut). Und ich genieße das saubere Treppenhaus.

 

So kann man sich im Ausland durchmogeln, wenn man alte, dumme, typisch deutsche Gewohnheiten nicht überwinden kann, aber gleichzeitig andere nicht ständig vor den Kopf stoßen möchte.

 

Rainald Runge

 

(Fortsetzung)

 

 

 

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Kommentare: 1
  • #1

    Mevrouwtje (Donnerstag, 25 Februar 2016 00:58)

    Ich wohne in einem dieser berühmten niederländischen Plattenbauten hier kritisiert dich kein Nachbar ganz egal was du wann tust. Doch wenn die Hausverwaltung einen erwischt Müll auf den Flur gestellt zu haben, dann gibt es meistens erst einen dicken Abmahnungs Sticker auf der besagten Muelltuete und danach erhält man einen 70 Euro Bußgeld ( wenn man sich sicher ist Wer denn nun den muell dort hingestellt hat). Ich finde das extrem aber wenn ich draußen mal wieder ein paar dicke Ratten beim durchs Gebüsch krauchen erblicke, bin ich doch froh das in einem so großem Gebäude die Müll Entsorgung ohne eigene Anstrengung, in Form vom Nachbarskritik, geregelt wird.

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