In China ist alles ganz anders (Teil 6) - Freundlichkeit und Höflichkeit in China

Ja, worüber lachen die (falschen) Mönche denn? Dies ist keine Freundlichkeit, dies ist eher Peinlichkeit. Sie riefen von weitem "Hey, Ausländer". Ich zückte meine Kamera. Das war ihnen dann unangenehm
Ja, worüber lachen die (falschen) Mönche denn? Dies ist keine Freundlichkeit, dies ist eher Peinlichkeit. Sie riefen von weitem "Hey, Ausländer". Ich zückte meine Kamera. Das war ihnen dann unangenehm.

 

Dies ist eine Fortsetzung des Textes In China ist alles ganz anders (Teil 5)

 

Nachtrag zum Thema „Guten Tag“ und „Auf Wiedersehen“

 

Nachdem ich vor einigen Tagen über das Thema hier im Blog schrieb, wollte ich heute einmal einen ganzen Tag lang ganz bewusst aufmerksam sein. 

 

Wie ich bereits sagte, fällt es mir sehr schwer, irgendwo wegzugehen ohne mich zu verabschieden. Sogar im Taxi oder im Restaurant. Dies ist in China geradezu grotesk und kann Chinesen zum Schmunzeln bringen - es sei denn, sie sind von dem Schlag, der sich bei den Ausländern über gar nix mehr wundert … 

 

 

Also - im Taxi. 

Der Taxifahrer sagte weder „Ni hao!“ noch sonst eine Begrüßung. Seine ersten Worte waren: „Wohin?“ Er sagte auch nicht „auf Wiedersehen“ und auch nicht „bitte“ und „danke“ beim Bezahlen oder Überreichen des Taxischeins. 

 

Mittagessen.

Ich war heute in einem sehr teuren Restaurant. Sehr, sehr teuer. Ich hatte noch einen Gutschein, den ich heute einfach ausgeben wollte. Das Essen hat ungefähr das 20fache dessen gekostet, was sonst hier in China ein gutes Essen kosten würde. Man sagte weder „Guten Tag“ noch „Auf Wiedersehen“. Auch das in China häufig gerufene „Willkommen, es ist eine Ehre, Sie bei uns zu haben!“ und beim Verlassen das „Vielen Dank und beehren Sie uns bald wieder!“ hat man mir nicht gesagt. Kein „Bitte“ und kein „Danke“ beim Bezahlen oder Überreichen der Quittung. Beim Servieren kein „Bitte“ und erst Recht kein „Guten Appetit“ (so was gibt es im Chinesischen sowieso nicht). Man schaute mich nie an, und man lächelte auch nicht. 

 

In der Mensa beim Abendessen.

„Was willst du?“ - „Karte drauflegen.“ (Man bezahlt in der Uni-Mensa mit der Lehrer-Karte, die eine Aufladefunktion hat. Die Putzfrau, die das schmutzige Tablett entgegennimmt und in die Spülküche bringt, lächle ich immer an. Sie erschrickt inzwischen nicht mehr, wenn ich das tue - denn niemand sonst tut das sonst hier. Und mein „Danke“ überhört sie großzügig, wohl auch deshalb, weil sie nicht versteht, wofür ich mich bedanke, da sie ja nur ihren Job macht. 

 

In der Eisdiele.

„Was willst du?“ - „Karte?“ - „Noch 28 RMB auf der Karte.“

Ebenfalls weder Begrüßung noch Verabschiedung, kein „Bitte“ und kein „Danke“.

 

Im Park beobachtete ich zwei pensionierte Professoren unserer Uni beim Zeitunglesen und Smalltalk. Da sie nicht damit gerechnet haben, dass ich sie verstand, haben sie sich von mir überhaupt nicht beirren lassen. Sie sprachen offen über Politik, tauschten sich über biographische Details einiger führender Politiker aus und rauchten eine Zigarette nach der anderen. Plötzlich drehte sich ein anderer älterer Herr herum, der offenbar auch schon seit 10 gelauscht hatte und fragte: „Ihr seid also auch hier ehemalige Lehrer? Wo wohnt ihr denn?“ - „An der Küste, an dem Tor xyz. Und du?“ - „Ich wohne hier neben dem anderen Tor. Wie groß ist denn Eure Wohnung?“ - „60 qm ist meine, er hat gerade eine neue Wohnung gekauft, die er gerade renoviert hat.“ - „Ja, ich habe gehört, dass wir alle neue Wohnungen bekommen. Meine alte Wohnung ist auch nicht groß. Aber ich möchte mir eine schönere Wohnung kaufen, mit 140qm. Da ist es gemütlicher.“ … Und so ging das eine Weile hin und her. Plötzlich sagte der dritte Herr nur „hao“ (das bedeutet „gut“) und drehte sich rum und ging. Einer der anderen älteren Herren brummte ein „hao, hao“ hinterher und bot seinem Kumpel noch eine Zigarette an. 

 

Kein „Guten Tag“, kein „Auf Wiedersehen“. Diese Worte, zumindest die Versionen „Ni hao!“ und „Zai Jian!“, die man im Chinesisch-Lehrbuch lernt, sind in China völlig überflüssig und quasi unnütz. In den allermeisten Situationen, in denen ein Deutscher „Guten Tag“ und „Auf Wiedersehen“ sagt, sagt man in China: nichts!

 

Natürlich hat das nichts mit Höflichkeit oder Unhöflichkeit zu tun. Ich finde es unglaublich spannend und bin immer wieder fasziniert, wenn ich Chinesen bei Alltagsgesprächen im Park, im Bus, im Supermarkt oder den Studenten in den Seminarpausen zuhöre. Kommunikation funktioniert völlig anders in China als in Deutschland!

 

 

Die deutsche Höflichkeit führt zu Distanz und verhindert enge Beziehungen

 

Wenn Sie - so wie Sie es bei Ihren Eltern gelernt haben - immer „Bitte“ und „Danke“ und „Guten Tag“ und „Auf Wiedersehen“ sagen, dann werden Sie niemals richtige Freunde in China gewinnen. Mit diesen 4 Wörtern hält man sich die Menschen in China nämlich auf Distanz. Noch viel schlimmer ist das mit dem Händeschütteln. Chinesen schütteln vielleicht im Geschäftskontext die Hand, wenn man einander erstmalig vorgestellt wird. Das war’s. Danach nie mehr. Höchstens vielleicht noch zu einer Preisverleihung oder zur feierlichen Unterzeichnung eines Vertrages. 

 

Händeschütteln beim Wiedersehen kann zur Aufrechterhaltung einer Distanz führen, die für Ihre Ziele und für die Entwicklung der Beziehung kontraproduktiv ist. Mit Ausnahme davon, wenn ihre chinesischen Geschäftspartner irgendwann einmal gelernt haben, dass Deutsche immer und überall die Hand schütteln. Dann wird man ihnen auch oft die Hand schütteln wollen. Aber sie werden immer noch merken, dass es Unterschiede gibt. Zum Beispiel wird man nicht am Ende jedes Meetings Ihre Hand schütteln wollen, sondern lieber winken. Oder der Händedruck fühlt sich irgendwie unangenehm an. 

 

Regelmäßiges Händeschütteln ist kein Element der Alltagskommunikation in China. Tägliches Händeschütteln empfinden Chinesen als absurd. Mit Fremden schüttelt man sowieso nicht einfach die Hände, weil man ihnen unterstellt, nicht besonders sauber zu sein. Das mag hier zwar zynisch oder sarkastisch klingen. Dies ist aber wirklich das, was viele Menschen hier, wo ich wohne, denken. Man sagt natürlich nicht „Der Typ ist schmutzig“. Chinesen sagen mir dann: „Im Bus ist es so schmutzig,“ und meinen damit, dass die betreffende Person möglicherweise gerade vom Bus kommt und sich danach nicht die Hände waschen konnte. 

 

 

Grundlose Freundlichkeit sollte Sie misstrauisch machen

 

Kürzlich (27.05.2014) hörte ich eine Radiosendung auf SWR2, in der sich eine deutsche Korrespondentin, die seit 10 Jahren in China lebt, darüber beschwerte, dass Chinesen so unhöflich, ruppig und unfreundlich wären. Klarer Fall von misslungener Integration, könnte man sagen. Wenn sie nach 10 Jahren in Peking (natürlich in einer privilegierten Wohngegend!) denkt, die Chinesen wären nicht so nett und höflich wie die Deutschen, dann hat sie 10 Jahre lang erfolgreich ihr Einleben verhindert. Schade, dass dies ein typisches Beispiel für unsere Korrespondenten in Peking ist. Und jetzt wundert auch niemanden mehr die sinnlos-kritische Berichterstattung über jeden alltäglichen Mist, der in China geschieht. Wenn ein Journalist ein schlechterer Beobachter als ein Austauschstudent oder ein Durchschnitts-Blogger ist, dann ist das bedenklich. Das muss einfach einmal gesagt werden. 

 

Denn im Kern spricht die Journalistin einen ganz wichtigen Aspekt der Kulturunterschiede an: Wo und wie zeigt man Höflichkeit und Freundlichkeit?

 

Dies funktioniert in China nämlich völlig anders als in Deutschland. 

 

Es ist absolut sinnlos, die Chinesen als unhöflich zu bezeichnen. Man kann das in einem Stammtischgespräch tun. Da gehört das hin. Vielleicht in einen Internet-Blog. Aber bitte schön nicht in die Berichterstattung des öffentlich-rechtlichen Radios. Da erwarten naive Hörer (wie ich) etwas mehr fundierte Information.

 

 

Ich komme ja aus der Stuttgarter Region. Meine Eltern sind keine gebürtigen Schwaben. Für die Schwaben war ich also immer ein „Zugereister“ oder „Reig’schmeckter“. Für meine Verwandten in Nord- und Ostdeutschland war ich immer nur ein Schwabe. 

 

Überall in Deutschland bekommt man zu hören, wie unhöflich, arrogant, engstirnig oder überheblich die Schwaben wären. Glauben Sie mir, sie sind es nicht! Mir fehlt das Heimelige der Stuttgarter Vororte. Und als ich zum ersten Mal in Peking war, dachte ich: Wow, die Pekinesen, das sind ja die Italiener Chinas. Und ich meinte das uneingeschränkt positiv.

 

Hier im Südosten denke ich immer wieder, die Sprache hat so was Schwäbisches an sich. Der örtliche Dialekt klingt wirklich sehr schwäbisch. Wenn die Leute hier „hao“ (gut) sagen, dann klingt es wirklich genauso, wie meine Nachbarn in Marbach am Neckar gesprochen hätten.

 

OK - genug davon. Worum geht es eigentlich?

 

 

Wenn jemand in China immer nett und freundlich zu Ihnen ist, dann nur, weil er Sie als Vorgesetzten, als Lehrer, als Gast oder als potentiellen Kunden sieht. Es hat nichts mit Freundschaft oder zwischenmenschlichem Respekt zu tun, es ist höchstens Respekt vor Ihrer Position oder Rolle, niemals vor Ihrer Person.

 

Echte Freunde und Familienangehörige zeigen Ihnen oft ungeschminkt, was sie denken und fühlen. Nur in viel, viel drastischeren Worten als wir es in Deutschland tun würden. 

 

Gegenüber Kollegen und Vorgesetzten versucht man oft, stets „happy“ und „fröhlich“ und locker und unkompliziert zu erscheinen. Man vermeidet jeglichen Konflikt. Immer und überall, wenn man klug ist. 

 

 

Die Herren von der Fußmassage wollten unbedingt ein Foto mit mir machen. Das ist kein Zeichen von Freundschaft, sondern es dient Werbezwecken. Deshalb lächle ich meist nicht, denn man sieht in China v
Die Herren von der Fußmassage wollten unbedingt ein Foto mit mir machen. Das ist kein Zeichen von Freundschaft, sondern es dient Werbezwecken. Deshalb lächle ich meist nicht, denn man sieht in China viel zu oft Werbefotos mit grinsenden Ausländern drauf.

Eine chinesische Freundin erzählte mir einmal ganz traurig, dass ihr amerikanischer Freund, den sie eigentlich heiraten wollte, mit ihr grundlos Schluss gemacht und sich eine neue Freundin gesucht hätte. Ich fragte, was denn passiert wäre. Sie meinte, sie hätte nur gesagt, er solle sich zum Teufel scheren. Sie hätte gesagt, sie wolle ihn nie wieder sehen. So etwas wäre doch kein Grund für eine Trennung! 

 

Ich fragte, wie oft sie das gesagt hätte. Sie meinte, bei drei Anlässen. Und beim dritten Mal hätte er eben wirklich Schluss gemacht. Sie war ganz unglücklich und fragte mich, ob wir Ausländer uns denn nicht so im Familienkreis unterhalten würden. 

 

Ich meinte, ich wäre zwar kein Amerikaner, aber ich würde spätestens beim zweiten Mal Schluss machen, wenn mein Lover mir so etwas sagen würde. Da war sie überrascht und schien etwas verstanden zu haben.

 

Rainald Runge

 

 

(Fortsetzung)

 

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