In China ist alles ganz anders (Teil 5) - Wie sagt man in China "Guten Tag"?

Eine Siedlung in einem Vorort von Xiamen. Wer hier eine Wohnung besitzt, ist übrigens ziemlich reich. Ich als Universitätsdozent kann mir die Miete nur gemeinsam mit WG-Partnern leisten.
Eine Siedlung in einem Vorort von Xiamen. Wer hier eine Wohnung besitzt, ist übrigens ziemlich reich. Ich als Universitätsdozent kann mir die Miete nur gemeinsam mit WG-Partnern leisten.

 

Willkommen zum 100. Blog-Artikel auf China. Mittendrin.

 

 

 

 

Dies ist eine Fortsetzung des Textes In China ist alles ganz anders (Teil 4)

 

In diesem Text kommen wieder einmal kurz die chinesische Alltagssprache und Smalltalk für Anfänger zu Sprache

 

 

 

Inhaltsfreie Kommunikation: Smalltalk auf Chinesisch

 

Da fällt mir wieder meine Lieblingsoma, die Oma einer Schülerin, ein. Sie beginnt jedes Essen mit dem Satz: Heute schmeckt alles schlecht! Zwei Minuten später fragt sie: „Schmeckt’s?“ Wenn man dann „Ja“ sagt, dann sagt sie: „Iss mehr!“ Wenn man aber nicht sofort und ganz deutlich „Ja“ sagt, ist sie beleidigt oder traurig. 

 

Die Kunst liegt hier darin, das Gespräch nicht als solches zu verstehen. Es geht nicht um die Frage, ob es schmeckt. Es geht nicht um Informationsübermittlung. Das Chinesische funktioniert oft als komplementäre Sprache. Das heißt, es gibt eine Fülle von kurzen, einfachen Sätzen, die gewisse Erwiderungen erfordern. Man könnte es als „Smalltalk“ bezeichnen, es ist aber mehr. Es dient der Stabilität der Gefühle, zur Vermeidung von Eskalation, als Entlastung, denn man braucht niemals ernsthaft darüber nachzudenken, was als Nächstes zu sagen ist. Im wahrsten Sinne des Wortes handelt es sich hierbei um absolut inhaltsfreie Kommunikation. 

 

 

Beim Essen am Tisch der oben genannten Oma muss der Dialog ungefähr so ablaufen: „Schmeckt’s?“ - „Es schmeckt!“ - „Gut, dann iss mehr.“ Das war’s. 

 

Dieser Dialog hat keine tiefere Bedeutung. Und ganz sicher geht es nicht um die Frage, ob es tatsächlich schmeckt oder nicht. Und es geht auch nicht um die Frage, wie viel man essen sollte. 

 

Was Sie als Deutscher in China unbedingt lernen müssen, dass sind die vielen kleinen Interaktionsspiele und Dialoge, über die man nicht nachdenken sollte, die man aber beherrschen sollte. Wenn Sie das gut können, dann werden Ihre chinesischen Gesprächspartner denken, Sie sprechen wirklich gut Chinesisch. Denn die meisten Ausländer lernen das nie…

 

Noch einige Beispiele für absolut inhaltsfreie Gespräche. Sie klingen manchmal - oberflächlich gesehen - sehr freundlich. Sie sind inhaltsfrei. Der erste Satz bedingt den zweiten. Der zweite Satz bedingt den dritten usw.

 

A: Bist du krank?

B: Ich habe mich etwas erkältet.

A: Trinke mehr Wasser und ruh dich gut aus.

 

A: Ich geh dann mal.

B: Ich begleite dich nach Hause.

A: Nicht nötig.

B: Doch, doch. Ich begleite dich.

(Dies geht jetzt 2-4 Mal so hin und her, bis man schließlich endlich doch geht - allein.)

 

A: Hast du schon gegessen?

B: Ja. Du?

A: Bald.

 

A: Fährst du in den Ferien nach Hause?

B: Ja. Du?

A: Auch.

 

A: Du hast ein neues Handy?

B: Ja. Online gekauft.

A: Wie viel hast du bezahlt?

B: XXX RMB.

A: Zu teuer. (oder selten auch: So billig!)

 

A: Wohnst du immer noch in der XXX Straße?

B: Ja. 

A: Wie hoch ist die Miete?

B: XXX RMB.

A: Zu teuer. (oder selten auch: So billig!)

 

Woran man erkennen kann, dass dies völlig inhaltsfreie Gespräche sind, ist, dass man von denselben Personen immer wieder dieselben Fragen hört. Mein Chef an der Universität Xiamen fragte bei jedem Treffen immer wieder dieselben Fragen. Mein Friseur fragt mich alle 3 Wochen, aus welchem Land ich komme, obwohl ich sein einziger ausländischer Kunde bin. 

 

Was für Deutsche nach „aufrichtigem“ Interesse klingt, ist absolut inhaltsfreier Smalltalk.

 

 

 

 

 

Guten Tag heißt nicht „Ni hao!“

 

Deshalb heißt „Ni hao!“ eben gerade NICHT „Guten Tag“. Das ist zwar ein ganz anderes Thema, aber die Chinesen haben sich längst daran gewöhnt, dass die Ausländer dauernd „Ni hao!“ sagen und inzwischen sogar selbst begonnen, vor allem gegenüber Ausländern „Ni hao!“ als Begrüßung zu sagen. 

 

Im Chinesischen gibt es auch kein Äquivalent zum deutschen „Auf Wiedersehen“. Wörtlich übersetzt heißt es Zai4 Jian4 (再见), und die Ausländer (auch ich natürlich) sagen überall fleißig „Auf Wiedersehen“. Im Restaurant, im Taxi, beim Einkaufen, nach einem Meeting, nach dem Unterricht, nach einem gemeinsamen Essen. Immer - und es ist praktisch immer falsch. 

 

 

 

Wie begrüßen und verabschieden dann sich eigentlich Chinesen? Wie sagt man auf Chinesisch Guten Tag oder Auf Wiedersehen?

 

Die Antwort hängt sehr vom Alter der Sprecher ab, auch vom sozialen Status, vom Verhältnis zu einander (und von der Frage, ob sie auf derselben Hierarchiestufe stehen). Andererseits leben viele Chinesen im modernen China nicht in ihrem Heimatdorf oder in ihrer Heimatstadt. In sofern haben sie die chinesischen Kulturen und Sub-Kulturen auch vermischt.

 

In meiner aktuellen Nachbarschaft - in einem Vorort der Millionenstadt Xiamen am Meer gegenüber von Taiwan - grüßt man sich mit einem Satz, der die aktuelle Aktivität des Gegenüber beschreibt.

 

Beispiele: 

Wenn man einen Nachbarn beim Verlassen der Wohnung sieht, dann sagt man: „Du geht raus!“ (出去啊) Und das heißt eigentlich „guten Tag“.

Kommt der Nachbar nach Hause, sagt man: „Du kommst nach Hause.“ (回来啊)

Man kann zur Auflockerung einen Kommentar hinzufügen: „Du kommst spät nach Hause.“ 

 

Trifft man jemanden auf der Straße, passt das in China allgegenwärtige „Hast Du schon gegessen?“ (吃饭了没) - aber natürlich nur zur Essenszeit.

 

Jugendliche im Bus oder auf dem Weg zur Schule, auch Studenten oder junge Leute im Allgemeinen, kann man dabei beobachten, wie sie sich bei zufälligen Begegnungen mit einem „ Was machst du grad?“ (你干嘛) begrüßen. 

 

In der Schule begrüßen sich die Schüler auch gerne mal mit einem „Wir hatten aber viele Hausaufgaben auf.“ (昨天的作业太多了)

 

Beim Einkaufen beobachte ich oft Nachbarinnen oder Freundinnen, die sich mit einem „Du hast Obst (oder Reis oder sonst was) gekauft“ (你买了水果) begrüßen.

 

Bei der Verabschiedung sagt man demnach auch nicht „Auf Wiedersehen“, denn das würde viel zu dramatisch oder gestelzt klingen. 

 

Die häufigste Variante, die man beobachten kann ist: „Ich geh dann mal“ oder „Ich geh schon mal“ (我先走了 oder 我走了).

 

 

Und weil Chinesen wie alle Menschen auf der Welt das Einfache lieben, und weil Umgangssprache dazu tendiert, die Dinge zu vereinfachen, und weil Chinesen auch der Meinung sind, Englisch wäre cool, deshalb sagen sie auch mal „Hi“ oder „Hello“ zur Begrüßung und sehr gerne „Bye bye“ zur Verabschiedung.

 

Wenn man aber genau zuhört, dann kann man hören, dass sie vor oder nach diesen englischen Floskeln noch eine der typischen chinesischen Sätze hinzufügen. Aus linguistischer Sicht bedeutet das ganz klar, das die coole englische Floskel niemals vollständig den im Chinesischen üblichen Satz ersetzen kann. 

 

 

Chinesen selbst ist dies übrigens nicht bewusst, sie sagen immer wieder auf Rückfragen: „Ni hao!“ würde „Guten Tag“ heißen und „Zai Jian“ würde „Auf Wiedersehen“ heißen. Im Alltag ist ja niemand Linguist, weder Chinesen noch Deutsche. 

 

Wenn Sie wirklich cool und als Insider in China rüberkommen möchten, dann vermeiden Sie das dämliche „Ni hao!“ als Begrüßung. Das „Ni hao!“ im Chinesischen hat eine häufige, wichtige Funktion. Es bedeutet aber nicht „Guten Tag“ in derselben Weise wie diese Begrüßung für uns Deutsche wichtig wäre.

 

Man kann sehr höflich zur Begrüßung sagen: „Sie sind auch gekommen.“ (你也来了 oder 您已经到了), wenn man den Raum verlässt, sagt man idealerweise „Ich geh dann mal.“ (那我先走了) oder etwas Ähnliches. 

 

Es tut mir leid, dass ich hier auf dem Blog die Situation vereinfachen muss. Aber in den letzten Jahren ist mir immer wieder aufgefallen, dass die unerfahrenen Ausländer die einzigen in einer Runde sind, die „Ni hao“ oder „Zai Jian“ sagen, ebenso „bitte“ und „danke“. Im Chinesischen sagt man das auf eine andere Weise.

 

Chinesen gebrauchen das Wort „danke“ (谢谢 oder 多谢) häufig, aber in anderen Kontexten und mit einer anderen Funktion als das deutsche Äquivalent.

 

Ein Wort für „bitte“ gibt es im Chinesischen übrigens nicht. Es gibt eine Menge von Floskeln und kurzen Sätzen, die etwas Ähnliches zum Ausdruck bringen können. Die zu erklären, würde aber hier den Rahmen sprengen.

 

Rainald Runge

 

 

(Fortsetzung)

 

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