In China ist alles ganz anders (Teil 4) - Danke sagen und Tischsitten

Studenten beschenken ihren Dozenten zum Geburtstag. Die Geschenke sind ein Mix aus süßen und unnützen Dingen, viele liebevoll verpackt. Nützlich müssen Geschenke in China nie sein. Aber schön (oder te
Studenten beschenken ihren Dozenten zum Geburtstag. Die Geschenke sind ein Mix aus süßen und unnützen Dingen, viele liebevoll verpackt. Nützlich müssen Geschenke in China nie sein. Aber schön (oder teuer) verpackt. Darin zeigt sich die Mühe.

 

Dies ist eine Fortsetzung des Textes In China ist alles ganz anders (Teil 3)

 

 

 

Im Folgenden einige wenige Beispiele für die vielen verwirrenden Dinge des Alltags, die Ihnen in China begegnen können. Diese Beispiele können verdeutlichen, wie anders viele Dinge in China gesehen und gehandhabt werden, wie anders China ist. 

 

Für die kritischen Leser sei dies angemerkt: Das Ziel dieser Seiten war niemals und wird niemals eine Beteiligung am sogenannten „China-Bashing“ sein. Ebenso wenig wird diese Seite unter Beteiligung von Mitarbeitern einer wie auch immer gearteten Propaganda-Maschinerie betrieben. Dies sind - so weit dies möglich ist - ungeschminkte und ehrliche Schilderungen dessen, was jeder in China erleben kann, wenn er oder sie länger als ein paar Wochen in China ist, und wenn man nicht in den Megastädten, sondern eher in der Provinz lebt. Das Leben in Peking, Shanghai, Hongkong oder Kanton ist einfach viel zu „stromlinienförmig“ und wird deshalb selbst von Chinesen manchmal nicht mehr als „typisch chinesisch“ bezeichnet. 

 

 

Nun denn, viel Freude beim Lesen!

 
Selbstgebackene Kekse auf einer studentischen Weihnachtsfeier. Hier wird ganz sicher alles bis auf den letzten Krümel weggeputzt. Anstandsrest? Fehlanzeige.
Selbstgebackene Kekse auf einer studentischen Weihnachtsfeier. Hier wird ganz sicher alles bis auf den letzten Krümel weggeputzt. Anstandsrest? Fehlanzeige.

 

Eine Fälschung ist fast wie das Original

 

Gefälschte Produkte sind von schlechterer Qualität als das Original. Trotzdem werden sie gekauft, weil sie „besser“ sind als Produkte, die keine Fälschungen sind. Denn Originale sind unvernünftig teuer. Wer Originale - noch dazu im originalen Shop - kauft, der sieht sich im täglichen Leben üblicherweise mit dem (in China gar nicht so seltenen) Problem konfrontiert, dass er nicht mehr weiß, wie er sein ganzes Geld ausgeben soll. Solch ein Mensch fährt auch schon mal gern zum Shoppen von Juwelen nach Paris und lässt dann einen 5- oder 6-stelligen Eurobetrag an einem Wochenende liegen.

 

 

 

Schimpfen kann „Danke“ sagen bedeuten

 

Sich für ein Geschenk herzlich zu bedanken, bringt den Geber manchmal in eine peinliche Situation. In vielen Situationen kann man erleben, dass Chinesen schimpfen, wenn man ihnen etwas schenkt. „Das brauchst du nicht.“ oder „Unter Freunden macht man sich keine Geschenke.“ Dies sind dann Sätze, die man zu hören bekommt. Für mich eine der schwersten Übungen war lange Zeit, nicht übers ganze Gesicht zu strahlen, wenn ich ein Geschenk bekam. Das wirkt extrem kindisch, unreif oder zumindest effeminiert. Ein erwachsener Mann tut so etwas nicht. Inzwischen kann ich’s auch schon ohne Strahlen. 

 

Zumindest hier in Südostchina scheint mir folgendes Verhalten als Empfänger eines Geschenks sinnvoll:

„Das brauchst du nicht!“

„Doch, ich habe es extra für dich gekauft.“

„Ich will nicht, dass du so viel Geld für mich verschwendest. Das ist nicht nötig.“

„Aber ich freue mich, wenn es dir gefällt. Es ist für dich. Ich habe es extra für dich mitgebracht.“

„Also gut, aber ich will wirklich nicht, dass du immer so teure Sachen für mich kaufst.“

„Es war gar nicht so teuer.“

(Manchmal sage ich dann noch kurz:) „Danke.“

 

Als Schenkender muss man das Geschenk natürlich sehr schön verpacken. Oft gehört zur Verpackung auch eine praktische und elegante Papier-Tragetasche. Ein elegant verpacktes Geschenk in einer Supermarkttüte ist undenkbar. Als Schenkender kann man durchaus andeuten, was dies für ein besonders teures Geschenk ist. Es sei denn, die Verpackung und die Tüte sind sehr elegant und muten sehr teuer an. Dann spielt man das Geschenk natürlich herunter. 

 

 

Es ist ganz selbstverständlich und üblich, Werbegeschenke (oft wunderschöne Boxen mit Alkohol, Tee, Keksen oder Kuchen in einer ebenso schönen großen Tüte) weiterzuverschenken. Besonders an der großen Feiertagen machen immer dieselben Tüten in einem großen Freundeskreis die Runden. Das ist völlig normal und erscheint jedem Chinesen als selbstverständlich. Und dies erklärt auch, warum man mit dem Schenken lange vor einem Feiertag beginnt. Dann hat nämlich der Beschenkte im Zweifelsfalle genügend Zeit, das Geschenk noch rechtzeitig weiterzuverschenken.

 

 

In dieser Runde kann man alles aufessen. In der Regel aber bietet man das letzte Stück dem Gast an oder dem ältesten. Selbst das letzte Stück zu nehmen, gilt als plump. Andererseits erscheint ein Anst
In dieser Runde kann man alles aufessen. In der Regel aber bietet man das letzte Stück dem Gast an oder dem ältesten. Selbst das letzte Stück zu nehmen, gilt als plump. Andererseits erscheint ein Anstandsrest auf dem eigenen Teller als sinnlos.

„Danke“ sagen kann wie ein Fluch wirken

 

Manche behaupten, Chinesen verstünden keine Ironie. Natürlich tun sie das. Ein sehr deutliches Beispiel für chinesische Ironie ist die von vielen übersehene Methode, jemanden heftig zu beschimpfen und zu beleidigen. Man tut dies, indem man sich bedankt. Denn „Danke“ zu sagen außerhalb der klar definierten Situationen erzeugt Distanz. Danken bedeutet nicht, wie vielleicht im Deutschen, Dankbarkeit zum Ausdruck zu bringen. Dankbarkeit bringt man in China auf ganz andere Weise zum Ausdruck, vor allem aber nicht in dem Moment des Empfangs eines Geschenks, sondern zu einem anderen Zeitpunkt. Ein alter und besonders starker Fluch in China lautet ungefähr so: „Ich danke dir und deiner ganzen Familie!“ 

 

 

 

Pünktlich oder unpünktlich - es kann immer falsch sein 

 

Sind Sie bei Terminen immer pünktlich, werden Sie irgendwann feststellen, dass Ihre chinesischen Freunde sie warten lassen. Denn wer immer pünktlich ist, hat offenbar nichts Wichtigeres zu tun. Die beste Ausrede ist immer: „Ich bin im Stau. Da kann man nichts machen.“  Doch, natürlich kann man! Man kann die U-Bahn nehmen, aber das ist natürlich wenig standesgemäß. 

 

Sind Sie hingegen nicht immer pünktlich, dann bekommen Sie ganz sicher den Satz zu hören: „Und ich dachte, die Deutschen, wären immer so zuverlässig …“

 

Pünktlichkeit im falschen Moment kann also zu große Unterwürfigkeit oder Faulheit zeigen. Unpünktlichkeit im falschen Moment kann aber Respektlosigkeit und „nicht deutsches Verhalten“ bedeuten. Beides kann Geschäftsbeziehungen negativ beeinflussen. Beim ersten Treffen und vor wichtigen Veranstaltungen sollte man aber wirklich pünktlich sein. Vor allem als Deutsche. 

 

 

In einem koreanischen Restaurant in China bekommt man möglicherweise solch einen Reistopf. Natürlich isst man den komplett auf. Aber auch hier ist es üblich, den Anderen anzubieten zu probieren.
In einem koreanischen Restaurant in China bekommt man möglicherweise solch einen Reistopf. Natürlich isst man den komplett auf. Aber auch hier ist es üblich, den Anderen anzubieten zu probieren.

Als Mann hat man’s schwer. Oder auch nicht.

 

Wenn Sie eine chinesische Freundin suchen oder aufgeschlossen gegenüber Dates sind, dann wird man Ihnen Sexsucht unterstellen. Wenn sie mehr oder weniger „normal“ sind, also nicht jede Gelegenheit zum Geschlechtsverkehr wahrnehmen, dann wird man Ihnen spezielle Gerichte empfehlen, die Ihre Libido erhöhen. Es ist immer wieder erstaunlich, mit welcher dreisten Offenheit Chinesen mit (fremden) Ausländern über Sex reden. Und zwar nicht generell über Sex, sondern über die persönlichen Sex-Vorlieben der ausländischen Freunde. 

 

Dabei werden Sie als Mann feststellen, dass man Sie für krank und hormonell unterversorgt hält, wenn Sie keine Maitresse haben oder auf Geschäftsreisen nicht gewohnheitsmäßig Prostituierte aufs Zimmer holen. Eheliche Treue ist ein Märchen, dass man Kindern erzählt und das sogar manche chinesische Frauen glauben. Eheliche Treue ist auf jeden Fall keine Eigenschaft eines verheirateten Mannes. Willkommen, Doppelmoral. 

 

Man spricht aber hier nicht drüber. Eine Frau würde vermutlich auch nie ihren Mann danach fragen, ob oder wie oft er mit einer anderen … So etwas fragt man nicht, weil die Antwort potenziell die Ehe zerstören könnte. Oder man weiß, dass die Antwort sowieso gelogen wäre. Also braucht man auch nicht drüber zu reden. 

 

Es ist komplizierter als es scheint. Aber oft hatte ich das Gefühl, dass die einzigen wirklich treuen Männer deshalb absolute Verlierer im Geschäftsleben sind und auf keinen grünen Zweig kommen. Die ganz dicken Fische hingegen, bei denen geht man davon aus, dass sie alles mitmachen. Es dient ja schließlich einem Ziel. Das Ziel heißt „mehr Geld“, und davon profitiert ja schließlich auch die Ehefrau - solange sie sich nicht scheiden lässt oder den Mann mit Vorwürfen konfrontiert. 

 

Sie haben übrigens keine Ahnung, wie teuer eine echte Maitresse eines Geschäftsmannes in China sein kann. Vor allem, wenn sie dann auch noch ein Kind bekommt.

 

Ich könnte Ihnen hier Geschichten erzählen …

 

 

 

Fürsorgliche Kommentare

 

„Pass auf!“ und „Sei vorsichtig!“ sagt man, nachdem jemand gestolpert ist, nachdem etwas runtergefallen ist oder nachdem sonst etwas Schlimmes passiert ist, nicht vorher!

 

 

 

Anstandsrest oder ordentlich aufessen?

 

Wenn Sie beim Mittagessen kräftig zuschlagen, wird man immer mehr bestellen, weil man Ihnen entweder unnatürlich großen Hunger unterstellt, oder weil man Sie für unbeherrscht hält, selbst aber nicht als schlechter Gastgeber dastehen möchte. Falls Sie sich aber an die in Deutschland gelernte Regel halten „Niemals alles aufessen und niemals die Speisen zu sehr loben“, dann wird man Ihnen erklären, dass man „genau wie die Menschen im westlichen Ausland“ wäre, das heißt, man würde kein Essen verschwenden und immer alles aufessen. 

 

Egal ob im Business- oder im privaten Kontext, es hängt inzwischen vom persönlichen Lebensstil der Chinesen ab, wie viel sie vom Essen übrig lassen. 

 

Man kann aber sagen, dass das Zur-Schau-Stellen von Reichtum oder zumindest von Geld im ausreichenden Maße für viele Chinesen sehr wichtig ist. Um Ihnen (wenn Sie Gastgeber sind) also Respekt zu erweisen, wird man nie alles aufessen. Und wenn Sie (als Gast) nicht alles aufessen, egal wie lecker es ist, dann werden die meisten Chinesen beruhigt sein und denken, dass Sie satt geworden sind. 

 

Hier kann man die generelle Regel nennen: Es gibt keine Regel. 

 

Wenn Sie in einem China-Knigge in Deutschland lesen „Nicht alles aufessen!“, dann werden Sie ganz gewiss auf einen Geschäftspartner treffen, der Ihnen als erstes erklärt, dass er gegen die Verschwendung von Nahrungsmitteln ist und deshalb darum bittet, das alles aufgegessen wird. 

 

Oder sagen wir so. Als generelle Faustregel könnte folgendes gelten: Bei offiziellen Anlässen und Banketts isst man wenig, und man isst höchstens dann ganz auf, wenn jeder wirklich ein eigenes Menü auf einem eigenen Teller vom Kellner serviert bekommt. Wenn man sich aus gemeinsamen Schüsseln bedient, ist Zurückhaltung die bessere Alternative. 

 

Im privaten Kontext, also wenn man mit Freunden gemeinsam ins Restaurant geht, wird meist (fast) alles aufgegessen. Man will ja schließlich kein Geld verschwenden.

 

Rainald Runge

 

 

(Fortsetzung)

 

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