In China ist alles ganz anders (Teil 3) - Teamwork und Synergie

Studenten im 4. Semester bei der Gruppenarbeit.
Studenten im 4. Semester bei der Gruppenarbeit.

 

 

Dies ist eine Fortsetzung des Textes In China ist alles ganz anders (Teil 2)



Wer geduldig ist, hält einen wichtigen Schlüssel für China

Ein Jahrgang an der Universität hatte aktuell (Frühjahr 2014) ganz massive Probleme beim Sprechen und Schreiben. Also bekamen sie zahlreiche Gruppenübungen und Arbeitsaufträge, die sie nur lösen konnten, wenn sie sie in der Gruppe und auf Deutsch diskutierten. Das ging einigen Studenten gewaltig auf den Geist. Schließlich waren sie ja nicht hier, um Deutsch zu lernen, sondern nur um ihre Zeit abzuleisten und am Schluss ein Examen einer „Eliteuniversität“ mit nach Hause zu tragen. Deutsch zu lernen gehört nicht zu den Lernzielen zahlreicher Studenten im Hauptfach „Germanistik“. So scheint es zumindest manchmal.

Hier kommen zwei weitere Faktoren ins Spiel, die man in China gar nicht oft genug betonen kann: Geduld und freundliche Hartnäckigkeit.

 

 

Nur wenn Sie mit einem langen Atem freundlich bleiben, werden Sie und Ihr Gegenüber die Chance haben zu erfahren, dass vielleicht die eine oder andere „deutsche“ Methode doch funktioniert und nicht überflüssig oder gar lästig ist. Es lohnt sich, in China ausdauernd zu sein. Wenn sie ausdauernd, gelassen und freundlich bleiben, werden Sie einen unauslöschlichen, positiven Eindruck bei Ihren Partnern hinterlassen.

Denken Sie bitte daran, dass das chinesische Zeitverständnis ein anderes ist. Ein „langer“ Atem kann hier manchmal wirklich sehr, sehr lang sein. Das Resultat ist aber die Mühe wert.

Wie ging die Geschichte mit den Studenten eigentlich weiter? Ich habe mich noch besser als sonst vorbereitet (Vorbild-Funktion). Ich habe die schriftlichen Ergebnisse der Gruppenarbeit noch gewissenhafter als sonst korrigiert. Und einige Gruppen waren tatsächlich ungewöhnlich gut dank des Synergie-Effekts, andere waren unterirdisch. Es wurde schnell klar, dass die Gruppen, die tatsächlich auf Deutsch diskutierten und nicht auf Chinesisch, schneller fertig wurden und bessere Ergebnisse produzierten. In jeder Seminar-Sitzung wurden die Gruppen nach dem Zufallsprinzip erneut gemischt. So konnte die Vorwürfe entkräftet werden, der Lehrer würde nur seine „Lieblingsstudentinnen“ gut bewerten oder in einigen Gruppen würden immer nur die besten Studentinnen zusammenarbeiten. Es wurde schnell klar, dass bestimmte Methoden zu größerem Erfolg führten. Und diese Erkenntnis verbreitete sich schnell. Die Gruppengröße wurde von Woche zu Woche kleiner, die Aufgaben anspruchsvoller.

Jetzt sind wir - zwei Wochen vor der Abschlussprüfung an dem Punkt angelangt, dass die schnellsten Gruppen als Mentoren die schwächsten Gruppen unterstützen können. Eine echte Herausforderung, weil das dem in China so beliebten Wettkampf-Geist entgegenläuft. Meinen Gegnern helfen? - Ich doch nicht!

 

So stellt man sich in China einen guten Lehrer oder Dozenten vor: mit erhobenem Zeigefinger und immer auf Distanz zum Publikum, getrennt durch ein Rednerpult. Deutsche Gastdozenten lästern gerne über
So stellt man sich in China einen guten Lehrer oder Dozenten vor: mit erhobenem Zeigefinger und immer auf Distanz zum Publikum, getrennt durch ein Rednerpult. Deutsche Gastdozenten lästern gerne über die "Passivität" der Studierenden. Ein Missverständnis.

 

Noch viel mehr als in vergleichbaren Gruppen in Deutschland wird mir in China immer wieder bewusst, dass, obwohl Unterordnung eines der tragenden Staatsprinzipien in China ist, Lernen und persönliche Entwicklung eben nicht ex cathedra oder gar mit Druck funktionieren können.

Das Typische für China besteht darin, dass alles ganz anders ist als es zunächst den Anschein hat. Wenn man als Dozent oder Manager nach China kommt, könnte man zunächst den Eindruck gewinnen, dass alles stets starr und hierarchisch strukturiert ist. Stimmt ja auch. Aber die kommunistisch-konfuzianische Liebe zu strengen Hierarchien und Bürokratie kann eben keine Naturgesetze aushebeln.

Obwohl Chinesen immer wieder betonen, dass in China nur typisch chinesische Methoden zu Erfolg führen, so trifft dies auf Lernprozesse eben nicht zu. Und wir naiven Ausländer versuchen jetzt sogar, das chinesische Schulsystem oder chinesische Unterrichtsmethoden zu imitieren, um in zukünftigen PISA-Studien besser abzuschneiden. Was für eine Ironie!

Die größte Härte für China-Neulinge dürfte darin bestehen, dass man scheinbar weniger oder gar kein Feedback bekommt. Man scheint im Unterricht oder im Meeting vor teilnahmslosen oder nichtssagenden Gesichtern zu stehen. Manchmal wird man auch hemmungslos angegrinst. Für viele Deutsche gerade scheint es sehr schwer zu sein, Reaktionen aus der Mimik oder dem Verhalten der chinesischen Partner zu lesen.

Komisch eigentlich, denn man bekommt (auch) in China laufend Feedback. Man muss nur an anderen Stellen suchen. Oder im richtigen Moment.

Es macht immer wieder Freude, Neuankömmlinge in China bei den ersten Unterrichts- oder Meeting-Erfahrungen zu beobachten. Verzeihung, das war zynisch. Es ist kein Spaß. Es tut mir eigentlich auch oft leid. Aber die Neulinge scheinen so furchtbar resistent gegenüber der Erkenntnis, dass sie etwas Entscheidendes übersehen oder verpasst haben könnten. Man sollte viel mehr Kurse und Seminare anbieten, in denen China-Reisende oder „Expats“ darin ausgebildet werden, die richtigen Signale aus der Umwelt zu erkennen oder die Signale sinnvoll zu deuten.

Siehe dazu den bei Junfermann erschienen Artikel „Mit NLP nach China“ aus dem Jahr 2009.



Synergie? Was soll denn das sein?

Wenn Sie in der Schule, an der Uni oder in einem Unternehmen von „Teamgeist“ und „Teamarbeit“ sprechen, dann nicken alle fleißig mit dem Kopf und pflichten Ihnen bei. Leider verstehen sie etwas anderes darunter als Sie.

Ich habe meinen Studentinnen einmal gesagt, Gruppenarbeit wäre nicht das Gleiche wie Kuchen essen. So sehen das nämlich die Chinesen - auch die chinesischen Studierenden in Deutschland.

Wenn sie eine Team-Aufgabe erhalten, dann teilen sie die Aufgabe in kleine Stücke und bearbeiten sie als Einzelaufgaben. Am Schluss wird alles wieder zusammengesetzt, und fertig ist das Ergebnis der Gruppenarbeit. Klingt logisch, scheint hocheffektiv. Es hat aber leider einen Nachteil: Es kommt nicht zu Synergie-Effekten.

Falls Sie nicht mehr genau wissen, was Synergie-Effekte sind: Es geht um Verstärkungseffekte in Kooperations-Situationen. Oft um sogar noch mehr. Es wird manchmal fast mystisch so umschrieben, als wäre ein Team weiser oder klüger als die Summe der Einzelmitglieder.

Haben Sie schon einmal eine Semesterarbeit von 4 Studenten gelesen, die aus 4 völlig zusammenhanglosen Teilen bestand, die von 4 Autoren verfasst wurden, die sich nie untereinander ausgetauscht hatten? Können Sie sich vorstellen, was dabei rauskommt?

Genau!

Stellen Sie sich nun vor, ein Team von Ingenieuren baut einen Tunnel oder ein Fahrzeug oder betreibt ein Bergwerk. Wenn die nicht untereinander kommunizieren und sich miteinander abstimmen, dann kann es eben auch zu einer Katastrophe kommen, bei der hinterher keiner so genau weiß, was eigentlich schief gelaufen ist.

Schicksalsschlag, so heißt es dann in der örtlichen Presse. Ich behaupte, es ist die logische Folge von fehlender Team-Arbeit. Wir deutschen können das ja auch ganz gut. Nur dank der Unfähigkeit verschiedener deutscher Behörden waren die NSU-Morde möglich.

 

Die chinesische Art, Basketball zu spielen, spiegelt gut die hier übliche Vorstellung eines "Teams" wieder.
Die chinesische Art, Basketball zu spielen, spiegelt gut die hier übliche Vorstellung eines "Teams" wieder.

 

Wir sind ein Team!

Mein bisheriger Chef an der Universität sagte während meiner fünf Jahre dort gefühlte 147 Mal, dass wir ein Team wären und dass wir hier Teamarbeit machen würden. In den gesamten 5 Jahren meiner Beschäftigung dort gab es nicht eine einzige Abteilungssitzung, kein einziges Meeting, kein einziges seminarübergreifendes Projekt, nicht einmal ein gemeinsames Abendessen, bei dem alle anwesend gewesen wären, geschweige denn ein gemeinsam geplantes und durchgeführtes Forschungsprojekt oder gar ein Ausflug. Trotzdem behauptete er steif und fest, wir hätten im Team gearbeitet.

Ich kann es mir nur so erklären, dass er meinte, wir werfen uns nicht gegenseitig Knüppel zwischen die Beine und wir machen einander nicht das Leben schwer, wie es eigentlich in vielen Unternehmen üblich ist. Kann sein. Was er wirklich meinte, bleibt allerdings ein Rätsel.



Interkulturelle Missverständnisse - ganz auf die Schnelle

Falls Sie denken, ich wollte hier nur schimpfen oder lästern, dann haben Sie mich leider noch nicht ganz verstanden. Dies sind nur Beispiele für die Konflikte zwischen Chinesen und Ausländern, die entweder unter dem Deckmantel der Gastfreundschaft heruntergeschluckt oder überspielt werden oder - im Falle einer längeren Kooperation - unweigerlich als Konflikte herausbrechen werden.

Und dann sprechen die beleidigten Leberwürste (auf beiden Seiten) womöglich von „Gesichtsverlust“. Ich habe in den letzten Jahren so viele Menschen (Ausländer und Chinesen) in China bei so unglaublich skandalösen Dingen beobachtet, dass ich ernsthaft an dem Konzept des „Gesichtsverlust“ zu zweifeln begonnen habe. Wenn der Gesichtsverlust tatsächlich so relevant wäre, dann würde hier alles still stehen.

Wenn man aber über lange Zeit hinweg aneinander vorbeigeredet hat, dann kann der aufgestaute Unmut unter Umständen plötzlich herausbrechen. Und so kann es dann zum Konflikt zwischen den internationalen Geschäftspartnern kommen.

Dies ist dann aber kein „Kulturschock“ und kein „Gesichtsverlust“, sondern schlicht und einfach der ganz normale, erwartbare Wahnsinn in der zwischenmenschlichen Kommunikation.

Viele Neuankömmlinge, aber auch langjährige Freunde fragen mich immer wieder danach, worin denn genau die Unterschiede zwischen unseren Kulturen bestehen oder worin die Ursachen für die Missverständnisse liegen.

Ich fürchte, eine systematische Darstellung wäre hier einfach viel zu trocken und für die Praxis wenig hilfreich. Daher auf den nächsten Seiten ein paar salopp erzählte Alltagsbeispiele, die, wenn sie hier so isoliert stehen, auch falsch verstanden werden könnten. Sie sind erklärungsbedürftig.

Bitte versuchen Sie aber, sich die folgenden Dinge einfach einmal anzuhören (Pardon: zu lesen) und auf sich wirken zu lassen. Die Erklärung für jedes Beispiel könnte vermutlich ein Buch mit 200 Seiten füllen. Und es gibt sicher etliche „China-Erfahrene“ oder Chinesen, die mir bei den folgenden Punkten heftig widersprechen würden. Das könnte daran liegen, dass wir ausländischen Beobachter und die Chinesen alle einen unterschiedlichen Fokus auf den Alltag in China haben.

China erscheint vielen ausländischen Beobachtern als unlogisch oder widersprüchlich. Im Folgenden einige pointierte, aber nicht verfremdete Alltagsbeispiele aus China.

Rainald Runge


(Fortsetzung)

 

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