In China ist alles ganz anders (Teil 2) - Ausländische Lehrer

Ein Business-Seminar in Peking. Solche Praxisübungen wollen gut vorbereitet sein. Manche Teilnehmer empfinden dieses Setting als "Spielerei" und nicht als Teil des Lernprozesses.
Ein Business-Seminar in Peking. Solche Praxisübungen wollen gut vorbereitet sein. Manche Teilnehmer empfinden dieses Setting als "Spielerei" und nicht als Teil des Lernprozesses.

 

Dies ist eine Fortsetzung des Textes In China ist alles ganz anders (Teil 1)

 

 

 

Interkulturelle Kommunikation - eine Zwickmühle

 

Wie sollte man sich als Ausländer in China verhalten? Wie sollte man als Gast dem Gastgeberland China begegnen? 

 

Die meisten tun so, als wäre nichts. 

 

„Die meisten“, dazu gehören leider nicht nur alle Touristen, sondern auch viele Geschäftsleute, Diplomaten und Mitarbeiter der internationalen Organisationen, die in 4- oder 5-Sterne-Hotels logieren und sich oft sogar für ein normales Taxi zu schade sind, weshalb sie einen Chauffeur haben. Die sprechen Englisch oder Deutsch am Arbeitsplatz und nach Feierabend. Die essen in Restaurants, die schon aufgrund der Preise für den Durchschnittschinesen nicht in Frage kämen, aber auch aufgrund der eigenartigen (weil westlichen) Speisekarte. Man gewöhnt sich ja so schnell daran, besser als der Pöbel zu sein.

 

 

Spaß beiseite! Wenn Sie das Glück haben, als Diplomat, Geschäftsmann oder Manager für begrenzte Zeit in China zu sein, dann tun Sie’s genau so, bitteschön. Das erspart Ihnen nämlich einiges an Aufregung und Stress. Das ist hier nicht ironisch gemeint. In vielen beruflichen Situationen hat man sicher Besseres zu tun, als sich mit den Irrwegen der interkulturellen Kommunikationsversuche zu befassen. 

So sieht normaler Fremdsprachenunterricht in China aus. Frontal.
So sieht normaler Fremdsprachenunterricht in China aus. Frontal.

Da fällt mir gerade etwas ein. Als ich kürzlich in Peking im Osten der Stadt an einem der vielen Einkaufszentren vorbei schlenderte, kam ich auch an einer gut bewachten Siedlung vorbei, an der groß „ARD“ drauf stand. Unter anderem. Die Leute, die vom ARD-Studio in Peking berichten, leben in einer Siedlung, die mit China ungefähr so viel zu tun hat, wie ein ostfriesischer Leuchtturm mit München Pasing. Aber es klingt schon beeindruckend, wenn man als Journalist sagen kann, man habe lange Zeit „aus China berichtet“. 

 

Seien Sie versichert, dass ich hier nur das ausspreche, was die meisten Chinesen denken und Ihnen niemals sagen würden. Viele Ausländer werden beneidet, aber auch belächelt, weil sie nie richtig in China „ankommen“.

 

Was aber sollten diejenigen tun, die als Leiter eines Produktionsanlage in China mit Einheimischen direkt interagieren müssen? Was sollen Einkäufer in China tun oder die vielen ausländischen Lehrkräfte hier?

 

Die stecken erst einmal in einer Zwickmühle. 

 

 

 

Ausländische Sprachlehrer, ja! - Aber bitte keine ausländischen Lehrmethoden

 

Aufgrund meiner eigenen Tätigkeit in den letzten Jahren und aufgrund der Tatsache, dass die meisten meiner ausländischen Freunde irgendwo als Lehrer oder Dozenten arbeiten, möchte ich hier kurz über deren Alltagsschwierigkeiten im Beruf sprechen.

 

Die Zwickmühle besteht für diese Kolleginnen und Kollegen darin, dass sie einerseits eingestellt wurden, weil sie die ausländische Kultur oder das ausländische Unternehmen repräsentieren sollten. Andererseits sollen sie sich an die örtlichen Gepflogenheiten und an die Art der Gesprächsführung anpassen, weil man ja sonst ständig aneinander vorbeiredet.

 

Von einem Englischlehrer in China wird z.B. erwartet, dass er „typisch amerikanisch“ oder „typisch britisch“ sei. Gleichzeitig aber darf er - bitteschön - nicht typisch ausländisch sein, wenn es um die Notengebung, um Disziplin, um Organisatorisches oder gar um die Lehrmethoden geht. Moderne Methoden der Fremdsprachendidaktik werden in China oft als unnötige Spielerei belächelt. Mit anderen Worten: Es wird erwartet, dass Sie Frontalunterricht halten und irgendwelche Schüler oder Studenten zutexten, bis ihnen die Köpfe rauchen. Das ist moderne Pädagogik in China - verbunden mit regelmäßigen Tests und Prüfungen, die - auch im Fremdsprachenbereich - fast ausschließlich aus Multiple-Choice-Fragen bestehen. 

 

 

So kann man bei PISA gut abschneiden, aber Englisch oder eine andere Fremdsprache lernt man nur mit Mühe oder nur, wenn man so begabt ist, dass man trotz dieser Lehrmethoden erfolgreich lernt.

 
Dialogübungen im Unterricht. Anfangs verwirrend für die Kinder. Denn in 6 Jahren Englisch-Unterricht hatten Sie nie etwas anderes getan als Frontalunterricht zu genießen.
Dialogübungen im Unterricht. Anfangs verwirrend für die Kinder. Denn in 6 Jahren Englisch-Unterricht hatten Sie nie etwas anderes getan als Frontalunterricht zu genießen.

Mir ging es auch schon in Manager-Seminaren so. Vor vielen Jahren wurde ich in China einmal dafür kritisiert, dass ich „zu viele Spiele“ machen würde anstatt Neues zu vermitteln. Mit „Spielen“ meinten die Teilnehmer diejenigen Kommunikationsübungen, die feste Bestandteile von eigentlich jedem guten Kommunikationstraining sein sollten. Ich bin selbst überhaupt kein Freund von Spielen im Seminar, aber Übungen sind nun mal wichtig für den Transfer, vor allem in Seminaren zum Thema Kommunikation. Die Teilnehmer sollen schließlich neue Fertigkeiten mit in den Arbeitsalltag herüber nehmen. Diese Praxis-Übungen nun bezeichneten einige Teilnehmer damals (glücklicherweise nur wenige) als „Spiele“. Spaß beim Lernen? Das gehört in den Kindergarten. Lernen für Erwachsene muss anstrengend, wenn nicht sogar langweilig sein!

 

So wie viele Menschen denken, man könnte Kommunikation aus Büchern lerne, so wie viele meinen, Sportlichkeit meint das Anschauen von Fußballspielen im Fernsehen, so denken eben viele Chinesen, ein gutes Seminar bestünde aus Zuhören und vielleicht aus Abschreiben von Folien. 

 

Die Lösung ist hier vermutlich ein Mittelweg. Ich brauchte einige Zeit, bis ich einen passenden Mix aus Dozieren und praktischen Übungen, Einzelarbeit und Gruppenarbeit gefunden hatte, so dass die Seminarteilnehmer sowohl das Gefühl haben, in einem „richtigen“ Seminar zu sitzen, als auch tatsächlich praktische Übungen machen und neue Fertigkeiten einüben können. 

 

Rainald Runge

 

 

(Fortsetzung)

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