Essen in China - Mao Shi Hong Shao Rou (毛氏红烧肉)

Das angeblich größte Restaurant in China befindet sich in Changsha, der Hauptstadt der Provinz Hunan.
Das angeblich größte Restaurant in China befindet sich in Changsha, der Hauptstadt der Provinz Hunan.

 

Könnten Sie sich vorstellen, Grünkohl à la Angela Merkel zu essen? Oder Currywurst à la Schröder? Oder wie wäre es vielleicht mit Saumagen à la Helmut Kohl? Oder vielleicht Fischsuppe à la Helmut Schmidt?

 

Da dreht sich bei Manchem der Magen vielleicht schon herum, wenn er nur daran denkt. Und wenn nicht dann, dann doch spätestens bei der Nennung des Namens eines Politikers hinten dran. So sind wir Deutschen eben. Undankbares Volk, wir! 

 

Politiker im Fernsehen oder in der Tageszeitung? Ja, gerne! 

Politiker bei der Arbeit (und zwar hoffentlich zum Wohle des Volkes)? Ja, gerne!

Aber als Namensgeber eines volkstümlichen Gerichts? Nein, danke!

 

 

Die Chinesen können hier mehr bieten. 

Einen Ex-Politiker als Dichter: Mao Zedong. 

Einen Ex-Politiker als Philosophen: eigentlich fast alle früheren Staats- und Parteichefs. Zu fast jedem Politiker ist mindestens ein Zitat überliefert, das es verdient, auch von Schulkindern auswendig gelernt zu werden.

Einen Ex-Politiker als Namensgeber einer sehr bekannten regionalen Speise: Mao Zedong.

 

Man muss fairerweise - und auch aus Respekt - sagen, dass diese Herren ja nicht einfach nur Politiker im westlichen Sinne waren, sondern zumeist große Führer, Anführer einer Leitkultur in ihrem Lande. 

 

Mao darf sich selbstverständlich auch noch als Staatsgründer bezeichnen, und er wird auch oft als Gründer der Partei bezeichnet, obwohl er erst einige Zeit nach deren Gründung eingetreten ist, aber dieser Irrtum der Geschichte wurde nachträglich durch die staatseigenen Geschichtsschreiber korrigiert. 

 

Es ist aber egal, ob man Mao verehrt wie viele Chinesen oder ob man ihn respektiert wie manche früheren westlichen Politiker oder ob man ihn hasst wie die westliche Boulevardpresse. Sein Einfluss in der Welt steht dem Napoleons oder Stalins oder Alexanders des Großen vermutlich in nichts nach. Die Chinesen würden sicher sagen: Er überragt den kleinen Franzosen und die anderen beiden um einiges.

 

Nichts wäre daher passender, als auch seine Leibspeisen in den kulturellen Kanon mit aufzunehmen.

 

Während wir über den Saumagen à la Helmut Kohl vielleicht lächeln würden, so ist die Nennung des Namens des Großen Vorsitzenden tatsächlich eine Aufwertung dieses relativ simplen Gerichts. Im Sinne von: „Wenn DER das gegessen hat, dann muss es ja etwas Besonderes sein!“

 

Auch das ist China. 

 

Worum handelt es sich hier eigentlich? 

 

Es handelt sich um den Schweinebauch à la Mao, auf Chinesisch Mao2 Shi4 Hong2 Shao1 Rou4 (毛氏红烧肉).

 

Man bekommt ihn gerne vorgesetzt, wenn man mit wirklich linientreuen oder nationalistisch gesinnten Geschäftspartnern beim Geschäftsessen sitzt, oder manchmal auch an Feiertagen. 

 

 

 

 

Mao2 Shi4 Hong2 Shao1 Rou4 (毛氏红烧肉) - Das Rezept

 

Eigentlich ist es ganz einfach, dieses Gericht zuzubereiten, man muss nur wissen, wie. 

 

Man nehme Schweinebauch und schneide ihn in Stücke in etwas doppelter Daumengröße. Der Schweinebauch wird zuerst kurz in Wasser angekocht und dann in Öl mit den in China üblichen Gewürzen, Ingwer und Chilischoten, scharf angebraten und schließlich mit chinesischem Kochwein und Wasser abgelöscht. Anschließend lässt man alles eine Dreiviertelstunde bis eine Stunde köcheln. Oh, ich vergaß. Das Fleisch wird nicht einfach in Öl angebraten, sondern in dem heißen Öl wird zunächst Zucker aufgelöst und karamellisiert, bevor das Fleisch dazugegeben wird. Dadurch erhält es eine ganz wunderbare, leuchtende Farbe.

 

Für die noch halbwegs Vernünftigen unter uns: Es dürfte wohl kaum ein ungesünderes Gericht geben, wenn man dieses Rezept anschaut. Aber so sind sie eben die Könige und Kaiser, vor allem in Asien. Die pfeifen nämlich auf die Gesundheit. Und allzu oft stehen sie nicht nur über dem Gesetz, sondern sie wähnen sich auch quasi unsterblich und immun gegen Zivilisationskrankheiten.

 

Immerhin wurde der Große Vorsitzende über 80 Jahre alt. So ungesund kann also weder seine Leibspeise noch sein Lieblingsschnaps noch das Rauchen sein. Oder er hatte wirklich einen guten Schutzengel. 

 

Ich mache in der Regel einen Bogen um Schweinebauch, obwohl er eigentlich zu allen meinen Lieblingsgerichten dazugehört: Linsen, Sauerkraut, Zwiebelkuchen. Und was eigentlich noch furchtbarer als Schweinebauch an sich ist, das ist gekochter Schweinebauch. 

 

Nun gibt es aber in China mindestens zwei extrem leckere Gerichte, die hauptsächlich aus gekochtem oder gesottenem Schweinebauch bestehen: Maos Schweinebauch und das an anderer Stelle bereits erwähnte „Mei Cai Kao Rou“, ein Schweinebauch in dünnen Scheiben auf ungewöhnlich leckeren Kräutern und Gemüse. 

 

Und auch hier muss man einfach neidlos und mit großem Respekt anerkennen: Der Vorsitzende Mao wusste einfach, was gut ist. Denn dieser Schweinebauch à la Mao schmeckt einfach ganz, ganz hervorragend, wenn er korrekt zubereitet wurde. 

 

Und jetzt kommt der Wermutstropfen. 

 

Wir waren am letzten Wochenende in Changsha in der Provinz Hunan in dem angeblich größten Restaurant Chinas. Und natürlich wurde dort auch diese Speise serviert. Denn Mao kommt aus Hunan. Dieses Restaurant ist dem Stil des Kaiserpalastes in Peking nachempfunden, und ganz offensichtlich bemüht man sich um die Förderung der „roten Kultur“. Also musste dieses Fleisch auf den Tisch.

 

 

Leider war dies die schlechteste Version des Mao2 Shi4 Hong2 Shao1 Rou4 (毛氏红烧肉), die ich je gegessen hatte. Und wer jetzt glaubt, das liege daran, dass ich eben ein Kulturbanause bin, dem sei gesagt, dass meine chinesischen Tischnachbarn ein ziemlich langes Gesicht machten, nachdem sie von dem Fleisch probiert hatten. Sie ließen nach dem ersten Stück die Finger davon, weil es wirklich grenzwertig war. Ich habe insgesamt zwei Stücke probiert. Aber dann hab ich’s auch aufgegeben. Es war kurz vor ungenießbar. Zum Glück gab es ungefähr 187 Knoblauchzehen in dem Topf, in dem das geschmorte Fleisch serviert wurde. 17 davon habe wahrscheinlich ich gegessen. 

 
Maos Leibspeise, gesottener Schweinebauch.
Maos Leibspeise, gesottener Schweinebauch.

Mao2 Shi4 Hong2 Shao1 Rou4 (毛氏红烧肉) - Zur Wortbedeutung

 

Hong2 Hao1 Rou4 ist die eigentliche Bezeichnung dieses Gerichts. 

 

Hong2 heißt rot und meint die schöne Farbe des Fleischs, das in dieser Karamell-Öl-Wein-Soße schmoren durfte.

 

Shao1 bezeichnet die Methode des Grillens oder Bratens mithilfe einer Marinade, die meist auch während des Grillens oder Bratens immer wieder aufgetragen oder zugefügt wird. Ursprünglich die königliche Zubereitung eines Grillfleischs. Heutzutage allerdings beinahe die Standardmethode beim Grillen.

 

Rou4 bedeutet einfach Fleisch.

 

Es gibt übrigens auch viele andere Gerichte, die man mithilfe der „Hong Shao“-Methode zubereiten und verfeinern kann. Zwei Gerichte, die ich relativ häufig im Restaurant bestelle, sind Hong Shao Tofu und Hong Shao Aubergine. Schmeckt beides gefährlich lecker und wäre auch prima, wenn es nicht so ungesund wäre. Denn die Soße oder der Sud besteht zum größten Teil aus Öl. 

 

Mao2 ist natürlich der Familienname des Großen Vorsitzenden.

 

Shi4 bedeutet hier so viel wie Familie. Also das Familienrezept der Familie Mao.

 

Voilà. Das ist also die Leibspeise des Großen Vorsitzenden nach einem Rezept seiner Familie: Mao2 Shi4 Hong2 Shao1 Rou4 (毛氏红烧肉). 

 

 

Guten Appetit allerseits!

 

Rainald Runge

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