Leben und arbeiten in China - Interkulturelles Training als Vorbereitung (Teil 2)

Bilderrätsel. Zwei Fragen: 1. Was macht ein Jaguar vor einem schmuddeligen Schnellrestaurant? 2. Was befindet sich im Kofferraum?
Bilderrätsel. Zwei Fragen: 1. Was macht ein Jaguar vor einem schmuddeligen Schnellrestaurant? 2. Was befindet sich im Kofferraum?

 

Dies ist eine Fortsetzung des Artikels Interkulturelle Kommunikation - Vorbereitung auf Leben und Arbeit in China (Teil 1)

 

 

Es gibt gute Bücher oder Aufsätze im Internet, die interkulturelle Kommunikation allgemein oder speziell in Bezug auf China beschreiben und gute Tipps geben. Ja, Tipps sind gut und nützlich als erste Orientierung. Auch die von Sinologen geschätzten Abhandlungen über die Geschichte Chinas und den Zusammenhang zwischen Geschichte, Religion, Wirtschaft und Denkweise der Gegenwart sind sicher lesenswert. 

 

Meiner Meinung nach bringt es aber wenig, wenn Sie mit einem deutlich größeren Wissen über die chinesische Geschichte und Philosophie nach China gehen als die Geschäftspartner, die sie dort vorfinden. Das, was in China gelehrt und gelernt wird, kratzt oft nur an der Oberfläche, außerdem erfahren Chinesen ihre eigene Kultur und Geschichte aus einem ganz anderen Blickwinkel als wir Ausländer. 

 

 

Und es gibt nichts Nervigeres für einen Chinesen als einen Ausländer, der ihn über seine eigene Geschichte und Kultur belehren möchte. Deshalb dachte ich schon oft, dass es für einen China-Aufenthalt nicht hilfreich ist, wenn man sich intensiv mit der Geschichte oder Philosophie des Landes befasst. 

 
Antwort: Im Kofferraum des Autos eines jeden Geschäftsmannes befinden sich Geschenke und Mitbringsel für Familienangehörige, Geschäftspartner, Beamte und andere.
Antwort: Im Kofferraum des Autos eines jeden Geschäftsmannes befinden sich Geschenke und Mitbringsel für Familienangehörige, Geschäftspartner, Beamte und andere.

Einerseits weil es „die“ Geschichte des „einen“ Chinas gar nicht gibt, sondern nur ganz viele verschiedene Ausschnitte oder Detail-Perspektiven, andererseits weil es viel besser und interessanter ist, wenn Sie sich von Ihren chinesischen Gesprächspartnern etwas über deren Geschichte oder Kultur erklären lassen. Oft ist es viel interessanter, oder sogar respektvoller, wenn man von Chinesen etwas über China lernen möchte, als wenn man vorbereitet und angeblich gut informiert dort auftritt. Das kommt gar nicht gut an. 

 

Außerdem wird kein Chinese ernsthaft glauben, dass man aus Büchern etwas über sein Land lernen könnte. Eine der ersten Fragen, wenn Sie in China sind, wird daher sein: „Wie lange sind Sie schon in China?“ oder „Wie oft waren Sie schon in China?“ oder „Wo waren Sie überall schon in China?“ 

 

Ich werde nie den Tag vergessen, als ich zum ersten Mal auf die Frage, wie lange ich schon in China bin, geantwortet habe: „Etwas mehr als drei Jahre.“ Die Reaktion meines chinesischen Gesprächspartners machte mich stolz. Da die meisten Ausländer oder Expatriats nur ein oder zwei Jahre bleiben, gehört man nach drei Jahren nämlich schon zu einer ganz besonderen Gruppe der Ausländer. Früher hätte man gesagt: zu den Spionen. Heute denkt man entweder: „Der spinnt. Warum geht der nicht zurück in seine Heimat?“ oder „Was findet der eigentlich an China?“ Sagen wird man Ihnen gegenüber natürlich, dass man sich freut, Sie bewundert oder sehr schätzt. Deshalb hat mich das damals auch so stolz gemacht. Und heute vermeide ich diese Gespräche oder spiele das Thema herunter, damit mein Gegenüber nicht gezwungen ist, mich zu loben, wo es doch eigentlich gar nichts zu loben gibt. Dies ist übrigens ein Beispiel für die Veränderungen, die das Leben in China mit sich bringt. 

 

Chinesen wissen: Nichts ist ein besserer Lehrmeister als die Zeit. 

 

Sie können als Vorbereitung auf China ein Seminar besuchen, ein paar Bücher lesen, oder Filme über China anschauen. Ein noch so gutes interkulturelles Wochenend-Seminar allein kann Sie aber nicht vorbereiten. 

 

 

In den Seminaren, die ich als Teilnehmer oder als Seminarleiter erlebt habe, sind mir häufig Teilnehmer begegnet, die schon mal in China waren und ziemlich genau zu wissen glauben, wie die Chinesen so sind oder wie China so ist. Leider. 

 
 

Die beste Vorbereitung für China

 

Die beste Vorbereitung für einen interkulturellen Kontakt, egal ob nun mit China oder einem anderen Land, ist, genau diese Einstellung zu vermeiden, dass man ungefähr weiß, wo der Hase lang läuft. In dem Moment, wenn Sie Ihre Schubladen und Etiketten gebildet haben, werden Sie alles nur noch durch dieses Raster, durch diesen Filter sehen können. Und im schlimmsten Falle wird Ihnen dann nicht einmal auffallen, wie sehr Sie fast immer daneben liegen. 

 

Das beste Ziel, das ein Buch über China, ein Vortrag oder ein Seminar zu Thema China haben könnten, ist daher, Sie offen und flexibel zu machen. Die beste Vorbereitung für China besteht darin, offen gegenüber Neuem und Unerwartetem zu werden und gelassen gegenüber Enttäuschungen, Missverständnissen, „Fehlern“ und Misserfolgen oder „bösen Überraschungen“. 

 

Es macht sich auch ungemein gut, wenn man Respekt gegenüber einer anderen Kultur mit sich bringt. Dieses Respekt zeigt sich nicht in Verbeugungen oder Unterwerfung, sondern in der Anerkennung der Tatsache, dass sich hier zwei Kulturen begegnen, die wenig oder fast nichts gemein haben. Man kann einander nicht ändern, man kann einander oft nicht verstehen, aber man kann gemeinsam lachen, gemeinsam essen (und trinken), und jeder kann eine Trophäe in Gestalt eines Geschäftsabschlusses oder abgeschlossenen Projektes oder einer begonnenen Kooperation nach Hause tragen. 

 

 

 

Die besten Tipps für China

 

Offenheit, Flexibilität, Gelassenheit und schließlich Zeit. Dies sind Ihre besten Fähigkeiten und Ratgeber in China. 

 

Sie sollten ständig offen sein für völlig neue Perspektiven, Ansichten, Erfahrungen (nicht nur kulinarischer Art!), Einstellungen und Handlungsweisen. 

 

Sie sollten flexibel sein, um nicht ständig verärgert oder nervös zu werden, wenn etwas wieder einmal ganz anders läuft, als Sie es sich vorgestellt hatten oder als Sie es erwartet hatten. 

 

Sie brauchen Gelassenheit. Eine deutsche Freundin, die seit über 15 Jahren mit Unterbrechungen in China lebt, sagte mir einmal: „Wer in China nicht Gelassenheit lernt, lernt es nirgendwo.“ Recht hat sie. 

 

Zeit. Eine erfahrene Trainerin für interkulturelle Kommunikation sagte einmal: „Bringen Sie immer ungefähr doppelt so viel Zeit mit wie Sie einkalkuliert haben.“ In China versucht man den Anderen gerne über den Tisch zu ziehen, indem man Zeitdruck erzeugt. Das findet man in allen Kulturen, aber hier scheint es normal zu sein. Aus psychologischer Sicht ist Zeitdruck sowieso ungünstig, weil man dadurch schnell einen Tunnelblick bekommt und wichtige Details übersieht.

 

 

Kaum ein Bild könnte das heutige China besser beschreiben als dieser kommunistische Buddha, den ich kürzlich in einem Restaurant am Eingang sah. Da fühlt sich doch gleich jeder unter Freunden!
Kaum ein Bild könnte das heutige China besser beschreiben als dieser kommunistische Buddha, den ich kürzlich in einem Restaurant am Eingang sah. Da fühlt sich doch gleich jeder unter Freunden!

Vergessen Sie Win-Win-Situationen

 

Zu dem Respekt gehört auch die Anerkennung der Tatsache, dass in vielen Kulturen ein recht sportlicher Geist im Umgang mit Ausländern herrscht. Anders ausgedrückt: Business bedeutet Krieg. Und auch wenn Sie mit ihrem Geschäftspartner gemeinsam lachen, so geht es letztlich darum, dass er am Schluss das Gefühl nach Hause trägt, gewonnen zu haben. Vergessen Sie alles, was Sie über Win-Win- oder Win-Win-Win-Situationen gelernt haben. Den meisten anderen Kulturen sind solche Gedanken völlig wurscht.

 

Sie sollen Ihre ethischen Maßstäbe nicht über Bord werfen, wenn Sie mit China zu tun haben. Aber Sie sollten den Tatsachen ins Auge schauen. Naivität ist nicht nur schädlich für Sie sondern irgendwie auch eine Beleidigung für Ihr Gegenüber. Wer gewinnt schon gern gegen einen Gegner, der einen so leicht gewinnen lässt?

 

Genauso wie Sie „Win-Win“ vergessen sollten, sollten Sie auch Begriffe wie „Transparenz“ und „Authentizität“ vergessen. Wohlbemerkt, es gibt Entsprechungen dieser drei Begriffe in China und in anderen fremden Kulturen, aber sie heißen hier anders und sie funktionieren anders. Und das kann man leider nicht an einem Wochenendseminar lernen, und auch nicht aus einem Buch. 

 

 

 

Buch-Tipps

 

Es mag vielleicht zynisch klingen, aber wenn Sie aus beruflichen Gründen in China sind, dann sollten Sie Sun Tzu (oder Sunzi) lesen. Dein berühmtes Buch „Die Kunst des Krieges“ haben vielleicht nicht viele Chinesen wirklich gelesen, aber die Essenz des Buches ist Teil der chinesischen Alltagskultur geworden. Sie brauchen das Buch nicht zu lesen, aber Sie sollten den Geist des Buches verinnerlicht haben, um hier erfolgreich zu werden. Nicht nur als Geschäftsmann oder -frau, aber ganz sicher in diesen Rollen. 

 

Das gleichnamige Werk des Italieners Machiavelli sollten Sie ebenfalls gut kennen, neben seinen „Discorsi“, einer Abhandlung über das Wesen einer starken Republik. 

 

Wie bei allen Büchern oder Autoren, so gilt auch hier: Wenn Sie die richtigen Kommentare dazu gelesen haben und ein paar wichtige Zitate kennen, mag das schon reichen. Aber als Deutscher scheinen mir diese beiden Autoren, Machiavelli und Sunzi, am ehesten die wichtigsten Unterschiede zwischen dem chinesischen Verständnis von Business und Politik und dem deutschen zu beschreiben. 

 

Wenn Sie keine Lust (oder keine Zeit) auf so schwere Kost haben, dann lesen Sie das Buch des Kollegen Kai Strittmatter mit dem Titel „Gebrauchsanweisung für China“. Es ist kurz, unterhaltsam, zeitlos und aktuell zugleich, was man von den meisten anderen Büchern mit tollen Titeln und hohen Verkaufszahlen nicht sagen kann. 

 

Die Liste von Büchern und Autoren, von denen man abraten sollte, ist ziemlich lang. Aber vielleicht hilft Ihnen gerade das Buch oder der Autor, den ich für besonders fehlgeleitet halte, weiter. Deshalb lesen Sie, so viel Sie mögen.

 

 

 

Tipps zum Abschluss

 

Zum Schluss möchte ich gerne noch zwei Bemerkungen loswerden, während wir über China und interkulturelles Training sprechen. 

 

Die erste Bemerkung bezieht sich auf die Frage, was jemanden zum China-Experten macht. Gestatten Sie mir eine negative Antwort. Es ist vielleicht einfacher zu sagen, was sicher nicht genügt. Weder ein Sinologie-Studium noch in China geboren zu sein macht jemanden zum China-Experten oder China-Versteher. Auch nicht beruflicher Erfolg in China. Warum? 

 

Großer wirtschaftlicher Erfolg in China kann nur geschehen, wenn man in der Elite Chinas gut vernetzt ist. Wenn man selbst aus einer einflussreichen Familie stammt oder in eine einflussreiche Familie eingeheiratet hat oder wenn man einflussreiche Studienkollegen hat, mit denen man aufgrund der Biographie irgendwie verbunden ist. Kein noch so gutes Produkt oder Marketing-Konzept kann in China erfolgreich sein ohne die Unterstützung eines oder mehrerer Förderer, die der chinesischen Elite angehören. So einfach ist das. Erfolg stellt sich in China nicht ein, weil man fleißig, gebildet oder kommunikativ wäre, sondern nur aufgrund der eigenen Position innerhalb des komplizierten Netzwerkes innerhalb der chinesischen Elite (ohne hier im Detail darauf einzugehen, wer genau dazugehört). 

 

Möchten Sie erfolgreich in China werden? Dann vergessen Sie erst einmal alle interkulturelle Kurse und suchen sich einen chinesischen „Statthalter“, der sehr viel Einfluss und gute Beziehungen innerhalb der chinesischen Elite hat. Punkt.

 

Die zweite Bemerkung ist eher philosophischer Natur. In den meisten Büchern und Seminaren geht es darum, wie man Probleme vermeidet. Die Lehrer und Vorbilder sind in der Regel Leute, die „es geschafft haben“, die also bereits erfolgreich sind. Oft haben sie die schwierige Anfangszeit längst vergessen (oder nie reflektiert). 

 

Die in China wichtigste Eigenschaft ist vielleicht die Fähigkeit im Umgang mit Misserfolg, Missgeschicken, Enttäuschungen und unangenehmen Überraschungen. Nicht wie Sie Probleme vermeiden, entscheidet über Ihren Geschäftserfolg, sondern wie Sie Krisen meistern und mit Schwierigkeiten lösen. 

 

Wenn Sie genug Zeit mitbringen, genug Offenheit, Flexibilität und Gelassenheit, und wenn Sie ein wenig abenteuerlustig sind, vor allem, wenn es um kulinarische Genüsse geht, dann steht Ihrem Erfolg oder Ihrem Glück in China eigentlich nichts im Wege.

 

 

Viel Spaß!

 

 

Rainald Runge

Kommentar schreiben

Kommentare: 0
TopBlogs.de das Original - Blogverzeichnis | Blog Top Liste Blogverzeichnis > </a> </body> </html>
blogwolke.de - Das Blog-Verzeichnis </body
Blogverzeichnis