Gräber, Friedhöfe und das Jenseits (Teil 2)

Ein typisches Grab in Tongan, einem Stadtteil von Xiamen, Fujian (China).
Ein typisches Grab in Tongan, einem Stadtteil von Xiamen, Fujian (China).

 

Dies ist die Fortsetzung des Artikels Gräber, Friedhöfe und das Jenseits (Teil 1)

 

 

Gräber in Fujian (Südost-China)

 

Die Provinz Fujian ähnelt in vielem den Voralpen oder den Vogesen: Hügel und Berge prägen die Landschaft, es gibt Laub- und Nadelwälder. Und wären da nicht die Teeplantagen in den Bergen und die Bananenstauden, die die Straßen zäumen, wären da nicht die Palmen und das Meer, manchmal könnte man wirklich meinen, noch in Europa zu sein. Vor allem im Norden, wenn man auf den Passstraßen durchs Gebirge fährt, wird man immer wieder an die Vogesen oder die italienischen Alpen erinnert. 

 

 

Der Anblick der Hügel und Berghänge unterscheidet sich in einem Punkt entscheidend von dem der europäischen Berghänge: die Gräber. Sie sehen aus wie Eingänge von Höhlen oder wie in den Hang eingelassene Wohnhäuser. Und man könnte wirklich den Eindruck bekommen, hier sollte ein Verstorbener auch vom Jenseits aus noch einen guten Ausblick auf seine Heimat haben. 

Ein typisches Grab in einem Vorort von Xiamen, Fujian (China).
Ein typisches Grab in einem Vorort von Xiamen, Fujian (China).

Wie in vielen anderen Ländern, so gibt es auch hier traditionell keine Friedhöfe. Die Gräber sind überall in den Bergen verstreut. Und dort, wo es keine Berge gibt, findet man sie auch in der Ebene, mitten im Feld, oder - wie hier in Xiamen - auch mitten im Hafen, der mittlerweile nach Shanghai der zweitgrößte Containerhafen Chinas ist. Mitten im Hafengebiet findet man hier ein recht großes Familiengrab mit einem Durchmesser von mindestens 15 Metern. Als ich einen Chinesen einmal darauf ansprach, meinte er, es gehöre offensichtlich einer der reichsten und einflussreichsten Familien der Stadt. Denn alle wissen ja, dass man in China nicht besonders zimperlich mit Wohnungen oder Umsiedlungen umgeht, wenn man „Stadtentwicklung“ betreibt. Bei den Ahnen der Alpha-Tiere macht man da schon einmal eine Ausnahme …

 

Viele der Gräber in den Bergen oder auf den Feldern sehen verlassen aus, andere aber auch sehr gepflegt oder sogar gerade eben frisch angelegt. Manchmal sieht man auch, dass ein Grab soeben renoviert wurde. Dies ist eine der Möglichkeiten, sich bei einem Ahnen für den großen Erfolg des eigenen Unternehmens zu bedanken. Denn soviel ist für die meisten Menschen in Südchina klar: Wirtschaftlicher Erfolg hängt ganz entscheidend von der Unterstützung oder der Einmischung durch Bewohner des Jenseits ab. 

 

 

Ein typisches Grab in einem Vorort von Xiamen, Fujian (China).
Ein Grab auf Dadeng Dao, einer Insel unweit Xiamen, Fujian (China).

Der Fluch des Uropa

 

Es gibt Zeiten im Jahr, da gründet man einfach keine Firma, man investiert nicht, man eröffnet keine Niederlassung, man kauft kein Haus, man schließt kein Vertrag. Während des „Geister-Monats“ im Spätsommer sind die Tore zum Jenseits nicht gut verschlossen, und das Risiko ist viel zu groß, dass man ungebetenen Besuch bekommt, während man gerade eine wichtige Entscheidung trifft oder eine neue Wohnung bezieht. Alle Mühen sind dann mit einem Mal dahin, wenn ein Geist oder ein Verstorbener (in China sowieso ein und dasselbe) die Räumlichkeiten kontaminiert. Aber dies ist nicht die einzige Zeit des Jahres, während der man vorsichtig sein muss. 

 

Im Westen glauben wir oft, es hinge mit der chinesischen Astrologie oder mit irgendeiner Form der Numerologie zusammen. Weit gefehlt! Es geht um die Kooperation mit der Sippe. Und zwar ganz mit dem bereits verstorbenen Teil der Sippe. 

 

Viele Nordchinesen können sich überhaupt nicht vorstellen, wie stark der Ahnenkult hier in Südostchina noch ist. Und viele westliche Ausländer können sich schon gleich gar nicht vorstellen, wie stark das Jenseits in das tägliche Leben eines Volkes eingebunden ist, das im Beruf die komplexesten Computerprogramme oder -animationen programmiert, deutsche Luxusautos fährt, französischen Wein trinkt und in einem Urlaub mehr Geld ausgibt als ein Durchschnittsdeutscher auf zehn Ferienreisen. 

 

Was hat Wohlstand auch schon mit Religion zu tun? Nichts. Eben.

 

Hier in Fujian bezieht sich der Kollektivgedanke ganz explizit auch auf den bereits verstorbenen Teil der Familie, auf die Vorfahren. So wie Katholiken in Deutschland vielleicht manchmal eine Kerze in der Kirche anzünden, so gibt es unzählige Tage im Jahr, an denen der Toten gedacht wird. 

 

Dieses Gedenken bedeutet einerseits das regelmäßige, in manchen Familien mehrmals pro Tag, Abbrennen von Räucherstäbchen vor einem gruselig aussehenden Ahnen-Altar. Mit „gruselig“ meine ich damit, dass der Altar auf den ersten Blick buddhistisch erscheint. Nur dass die Figurinen darinnen überhaupt nichts mit dem Buddhismus zu tun haben. 

 

 

Ein Grab in den Bergen von Zhangzhou, Fujian (China).
Ein Grab in den Bergen von Zhangzhou, Fujian (China).

Schwul? Lesbisch? Kinderlos? - Tu das Deinen Vorfahren nicht an!

 

Andererseits bedeutet dieses Verständnis von Familie für die schwulen und lesbischen Menschen hier in Südostchina, dass Ehelosigkeit oder Kinderlosigkeit überhaupt gar nicht in Frage kommen kann. Vor allem hier im Südosten ist der Lebensweg der Wahl daher die Heirat, das Kinderkriegen, und danach schau’n wir mal weiter, wie man sich selbst verwirklichen könnte. 

 

Ich kenne mehrere glaubwürdige Berichte von Schwiegermüttern, die zur Geburt des Kindes anreisten, um die junge Schwiegertochter nach der Geburt im Haushalt zu entlasten. Ist das Baby ein Mädchen, reist die Oma postwendend wieder ab, weil es ja nichts zu tun gibt. Denn nur der männliche Nachfolger kann die Familie fortführen. Hat ein Ehepaar nur eine Tochter, oder nur Töchter, dann stirbt die Familie aus. Und die Vorfahren auch. Denn nur das regelmäßige Gedenken an die Toten erhält sie im Jenseits am Leben. Dies klingt wie ein schlechter Hollywoodfilm, kommt der Realität aber ziemlich nahe. Ein guter Freund von mir erzählt, dass die Schwiegermutter seines Bruders furchtbar geflucht hätte, als seine Schwägerin „nur“ eine Tochter geboren hätte. Das war im Jahr 2012. Also nicht im Mittelalter.

 

Natürlich passieren solche Dinge auch in anderen Regionen in China. Und natürlich habe ich hier auch einige gute Freunde in meinem Alter oder jünger, die "nur" eine Tochter haben und sehr glücklich damit sind. Die oben beschriebene Einstellung ist aber kein Einzelfall. Deshalb wollte ich hier davon kurz berichten.

 

Sogar die modernsten und aufgeklärtesten Studenten, die sich mir gegenüber geoutet haben, würden niemals auf die Idee kommen, ihrer Familie das anzutun, nicht zu heiraten oder gar kein Kind in die Welt zu setzen.

 

Wie bereits erwähnt, sind viele Chinesen gegenüber westlichen Ausländern besonders offenherzig, was die Sexualität betrifft. Sobald ein Student oder eine Studentin von sich glaubt, er oder sie wäre homosexuell, sprechen sie oft zuerst mit ihren ausländischen Lehrern darüber. 

 

Bei den Ü40-Schwulen ist der Markt mit Singles überschwemmt. Dies sind all die Männer, die jung geheiratet haben, ein Kind bekamen und dann den ehelichen Beischlaf eingestellt haben. Später, als der berufliche Erfolg dann ein gewisses finanzielles Polster beschert hatte, konnten sie ihre Ehefrauen „ausbezahlen“ und leben seitdem mit einem absolut reinen Gewissen gegenüber allen Beteiligten: Frau und Kind haben finanziell ausgesorgt. Die Eltern von Mann und Frau haben Nachfahren. 

 

Nachdem das Kind eingeschult wurde, die kritischen Kleinkindjahre wohlbehalten überlebt hat, ist also alles in Butter, und jetzt kann man damit beginnen, das eigene Leben zu erkunden. Es ist überraschend, wie groß das Selbstbewusstsein dieser Männer Ende 30, Anfang 40, ist. Und deren Zahl ist nicht gering. 

 

 

Gräber in den Bergen von Zhangzhou, Fujian (Xiamen)
Gräber in den Bergen von Zhangzhou, Fujian (Xiamen)

Man findet hier in Südost-China dennoch fast keine offen schwul lebenden Männer. Und wenn, dann stammen sie aus einer anderen Provinz, die Eltern sind weit, die jungen Menschen studieren hier im Süden und möchten wenigstens währen ihres Studiums "die Sau rauslassen", sprich höchst promiskuitiv leben. Das und die absolute Unkenntnis über die Existenz und die Übertragungswege von Geschlechtskrankheiten könnte erklären, warum Aids und andere Krankheiten in China unter Schwulen wieder auf dem Vormarsch sind.

 

Kürzlich traf ich im Bus einen jungen Mann, er quatschte mich unvermittelt an, wollte ein Date mit mir. Warum? Ausländer = offen für Sex, über 30 und einigermaßen sportlich oder gut gekleidet = muss schwul sein. Ich sagte ihm, dass nicht alle Ausländer sexbesessen seien und dass er sich da wohl vertan haben müsste. Er sprach wenig Englisch, also wechselten wir auf Chinesisch. Das war ihm sehr unangenehm, denn von nun an konnten uns ja alle Fahrgäste im Bus verstehen. Ich fragte ihn - wie in China ganz normal - nach seinem Job und ob er verheiratet sei oder noch bei seiner Familie wohnte. Er meinte, er wohnte noch bei seiner Familie. Er sei hier aufgewachsen, seine Eltern wüssten nichts von seinem Privatleben. Und in ein paar Jahren würde er sicher heiraten und ein Kind bekommen, aber damit würde er sich noch etwas Zeit lassen wollen. Ich fand das äußerst amüsant, denn er war der wohl effeminierteste Mann, der mir in der Stadt bisher über den Weg gelaufen war. Niemand in Deutschland würde auf die Idee kommen, er wäre nicht schwul. Hier in der südostchinesischen Provinz kommt offenbar niemand auf diese Idee. Denn es ist die Regel, es ist normal, es ist die Pflicht eines jeden jungen Mannes, zu heiraten und einen männlichen Stammhalter zu zeugen.

 

Wenn man über 40 ist und irgendwo eine Ex-Ehefrau und ein Kind hat, dann fragt keiner mehr nach dem Intimleben. Wenn man aber über 30 ist und weder Frau noch Kind hat, dann ist man nicht nur suspekt, sondern schlicht nicht vertrauenswürdig. 

 

Ich kenne mehrere Männer, die nach ihrem 30. Geburtstag von einem Partei-Führer zu einem persönlichen Gespräch gebeten wurden. In diesem Gespräch wurde ihnen ganz klar gesagt, dass sie bis zu einem bestimmten Termin verheiratet sein müssten, weil ihnen sonst entweder die weitere Beförderung verwehrt werden würde oder sie ihre Stelle verlieren würden. Dies passiert immer dann, wenn Gerüchte über die mögliche Homosexualität eines Mannes zu kursieren beginnen. Die Partei liegt in dieser Provinz damit voll auf der Linie des „Common Sense“. Hier haben die Ahnen das sagen. Nicht die Vernunft, und auch nicht der Große Vorsitzende.

 

Bei Frauen ist es in manchen Familien noch schlimmer. In der Regel aber nicht ganz so schlimm. Aus deutscher Sicht möchte man sagen: schlimm genug. 

 

Es dreht sich alles ums Kinderkriegen und Kinderhaben. Das hat nichts mit der Wertschätzung gegen dem Nachwuchs zu tun und nur begrenzt mit der eigenen Altersvorsorge. Es hat vor allem damit zu tun, wie man vor den anderen Leuten dasteht. Kein Kind? Das ist in China ähnlich schlimm wie bei den alteingesessenen Schwaben, wenn man kein eigenes Häusle hat. Darüber hinaus bringt man seine bereits verstorbenen Vorfahren in echte Schwulitäten, wenn man nicht dafür sorgt, dass die Blutlinie fortgeführt wird. Die sterben dann nämlich sozusagen ein zweites Mal. 

 

 

(Fortsetzung folgt)

 

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