Gräber, Friedhöfe und das Jenseits (Teil 1)

Die Grabkapelle der Großherzogin Katharina auf dem Rotenberg in Stuttgart.
Die Grabkapelle der Großherzogin Katharina auf dem Rotenberg in Stuttgart.

 

Dies wird kein morbider Blogeintrag. Keine Sorge. Ich bin eigentlich nicht thanatophil veranlagt. 

 

Dieses Thema gehört aber auch dazu, denn wir feiern hier in China gerade das Qing Ming Jie (清明节), ein Fest, das unserem Allerheiligen oder dem Totensonntag ähnelt. Und aus diesem Anlass möchte ich auch an dieser Stelle ein wenig über diesen Teil der chinesischen Alltagskultur berichten, über den man sonst ja eher wenig liest oder berichtet: Gräber, Friedhöfe und die Beziehung zum Jenseits.

 

Wer will so etwas schon hören?

 

 

Ich hoffe, Sie. Falls es Sie nicht sonderlich interessiert, sind Sie eingeladen, wenigstens die Fotos auf diesen Seiten anzuschauen.

Manche Menschen finden es faszinierend, auf einem Friedhof oder auf einer Grabinschrift in einer Kirche unerwartet einem berühmten Namen zu begegnen. Waren Sie schon einmal in der St. Paul’s Cathedral in London, oder in der Westminster Abbey? Waren Sie schon einmal auf dem Zentralfriedhof in Wien? Oder im Kölner Dom? (Dort liegt übrigens mein Namensgeber, Rainald von Dassel, begraben.)

 

Friedhöfe und Grabstätten können spannend sein, sage ich Ihnen. 

 

 

 

Exkurs: Der schönste Fleck in Stuttgart

 

Die Geschichte um die Grabkapelle auf dem Rotenberg in Stuttgart bewegt seit fast 200 Jahren die Gemüter romantisch veranlagter Stuttgarter. Dies ist einfach ein wunderbarer Ort. Wenn man vor der Grabkapelle sitzt und den Sonnenuntergang über Stuttgart Bad Cannstatt erleben kann, dann braucht es nicht viel, um selbst ein wenig romantisch zu werden und Stuttgart für den schönsten Ort, zumindest in Deutschland, zu halten.

 

Für die Nicht-Stuttgarter hier eine kurze Einführung. 

 

Rotenberg ist ein kleines Dorf neben Stuttgart-Untertürkheim, das im Jahr 1931 eingemeindet wurde und heute daher offiziell ein Stadtteil Stuttgarts ist. Rotenberg war ursprünglich auch der Name des Hügels, auf dem dieser Stadtteil liegt. Aber nur die alteingesessenen Stuttgarter nennen ihn heute noch so (oder „Käsbuckel“, aber das ist eine ganz andere Geschichte …). 

 

Sein offizieller Name ist seit 1907 „Württemberg“, denn der damalige König Wilhelm II. von Württemberg hat ihn einfach umbenannt. Das macht auch in gewisser Weise Sinn, lag doch früher auf diesem Hügel die Stammburg des Hauses Württemberg. Die Burg hieß übrigens „Wirtemberg“, und so spricht man im Schwäbischen auch das Wort „Württemberg“ aus. 

 

Nun zur Geschichte: Der König Wilhelm I. von Württemberg war in zweiter Ehe mit einer russischen Prinzessin, Katharina Pawlowa, einer Tochter des russischen Zaren Paul I., verheiratet, die er - zumindest der Erzählung nach - sehr liebte. Nur damit Sie sich ungefähr vorstellen können, in welcher Zeit wir uns hier befinden: Sie heirateten am 24. Januar 1816. Sie waren übrigens Cousin und Cousine, was auch nicht besonders ungewöhnlich in der damaligen Zeit in adligen Kreisen war. 

 

Wie damals aber auch üblich (und auch heute noch bei Angehörigen der wirtschaftlichen oder politischen Elite in China), so hatte auch damals der König von Württemberg eine Maitresse, die er auch regelmäßig besuchte. Seine Gattin war wohl darüber nicht ganz glücklich und lief eines Nachts völlig außer sich und nur mit einem Nachthemd bekleidet durch den Schlosspark in Stuttgart, wo sie sich eine böse Grippe einfing. Das Ganze klingt an sich schon ziemlich dramatisch und romantisch zugleich. Keine koreanische Sitcom könnte das besser erzählen!

 

Noch schwerer wiegt aber das Detail, dass Katharina nicht bei bester Gesundheit war. Sie hatte sich nämlich kurz davor eine Gürtelrose zugezogen. Und Gürtelrose plus Grippe plus emotionales Drama waren dann wohl doch zuviel in einer Zeit, in der es keine vernünftigen Medikamente gab.

 

Wir schreiben den Winter 1818/1819, als sich die Ereignisse dann überschlagen. Katharina stirbt überraschend im Januar 1819.

 

Der König war darüber so unglücklich, dass er die Überreste der Burg Wirtemberg abtragen ließ und an dieser Stelle eine Kapelle erbaute, in der er die Gebeine seiner geliebten Frau später beisetzen ließ. Und weil diese aus Russland stammte und deshalb orthodoxen Glaubens war, findet man dort in der Kapelle auch einen orthodoxen Altar. Einmal im Jahr, immer am Pfingstmontag, findet hier sogar heute noch ein orthodoxer Gottesdienst statt. 

 

Man kann diese Kapelle auch in der warmen Jahreszeit besichtigen. Es lohnt sich. In der Kapelle sind übrigens neben der eben erwähnten Großfürstin Katharina auch der König Wilhelm I. selbst und ihre gemeinsame Tochter, Marie Friedrike Charlotte, beigesetzt. Ein berührender Ort. 

 

Sind Sie (frisch) verliebt? Dann nehmen Sie Ihre/Ihren Geliebten mit dorthin. Der Sonnenuntergang von der Kapelle aus gesehen ist einfach atemberaubend schön. 

 

Als ich nach China zog und die zahlreichen Geschichten, Sagen, Legenden und Märchen über die Liebe hier hörte, dachte ich: Die Chinesen würden meine Beziehung zu diesem Ort sicher verstehen. Daher gehört seit 2010 die Geschichte von Wilhelm und Katharina zum festen Repertoire des Landeskunde-Seminars an der Universität Xiamen. 

 

Romantische Geschichten sind „in“ in China. Und wenn sie ein tragisches Ende haben, dann umso besser. 

 

 

Ein Grab auf dem Unigelände der Universität Xiamen in der Provinz Fujian (China).
Ein Grab auf dem Unigelände der Universität Xiamen in der Provinz Fujian (China).

Zurück zum Thema: Friedhöfe und Gräber

 

Ich gebe allerdings zu, dass Friedhöfe und Gräber im Allgemeinen nichts besonders Romantisches an sich haben. Man kann aber eine fremde Kultur durchaus daran messen oder sie zumindest dadurch besser kennenlernen, dass man ihre Totenkulte oder ihre Riten in Verbindung mit dem Sterben, dem Ableben, der Beisetzung und der Erinnerung an die Vorfahren kennenlernt. Und nicht nur die Riten sondern vor allem auch deren Bedeutung im Alltag, dies halte ich für besonders wichtig und aufschlussreich, wenn man einer fremden Kultur näher kommen möchte.

 

In China ist dies besonders schwierig, weil viele junge Chinesen zum Beispiel versuchen, besonders westlich zu wirken. Sie wissen oft auch viel zu wenig von den eigenen Bräuchen. Man braucht viel Geduld und viel Vertrauen, und man braucht einen halbwegs gebildeten und traditionsverbundenen Gesprächspartner, um mehr über diesen Teil der chinesischen Kultur lernen zu können. 

 

 

(Fortsetzung)

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