Essen in China - Geburtstagsnudeln

Kennen Sie die Nudel-Tänzer in den chinesischen "Haidilao"-Restaurants? Hier ist einer in einem neu eröffneten Restaurant in Fuzhou, Fujian, zu sehen.
Kennen Sie die Nudel-Tänzer in den chinesischen "Haidilao"-Restaurants? Hier ist einer in einem neu eröffneten Restaurant in Fuzhou, Fujian, zu sehen.

 

Dies ist die Fortsetzung des Textes Geburtstag in China.

 

 

Geburtstagsfeiern und Geburtstagsnudeln

 

In Wirklichkeit hatte mein Freund niemals im traditionell deutschen Sinne Geburtstag gefeiert. Niemals. Weder mit einer Feier noch mit Geschenken oder Einladungen oder Wünschen. Niemals. Er hat noch nie eine Geburtstagsparty gegeben, und auch seine Eltern hatten nie eine Geburtstagsfeier veranstaltet. Geburtstagsgeschenke gibt’s vielleicht manchmal. Aber es ist dann eben die neue Hose, die einen Monat zuvor gekauft worden war. Ein sowieso gekaufter Gegenstand wird dann nachträglich als „Geburtstagsgeschenk“ deklariert. Ganz normal. Bei einer Studentin von mir aus reichem Hause war es eben das neue iPhone, das sie im November bekommen hatte, und das jetzt, im Februar, zum Geburtstagsgeschenk ernannt wurde.

 

Natürlich hat mein Bekannter seinen Geburtstag nicht wie wir gefeiert, er ist ja schließlich auch kein Deutscher. Geburtstag bedeutet für ihn, dass er seine Oma anrufen muss. Oder im Gedanken an seine Kindheit, dann bedeutet Geburtstag, dass seine Oma ihm ein besonderes Geburtstagsessen zubereitet hatte. Jedes Jahr zum Geburtstag nach dem Mondkalender natürlich.

 

 

Wobei wir beim eigentlichen Thema wären, den Geburtstagsnudeln.

 

Es gibt viele, regional sehr unterschiedliche Gerichte in China, die mit dem Geburtstag, mit Glück, Gesundheit oder einem langen Leben in Verbindung gebracht werden. Was man aber fast überall in China antrifft, dass sind die Nudeln als Symbol für Langlebigkeit. Warum eigentlich? Na, weil sie lang sind. Wenn es gute Nudeln sind zumindest. 

 

Die schwäbischen "Knöpfle" sind nicht bis nach China vorgedrungen. Nudeln in China sind lang, oder zumindest länglich. Lang und breit oder lang und rund, dick, dünn, gezogen, geschnitten, gezupft oder geschleudert. Nudeln sind in China manchmal sogar noch länger als Spaghetti. 

 

 

 

Chinesisches Fondue mit Nudel-Tänzern

 

In der in China sehr bekannten Restaurant-Kette „Haidilao“ wird das chinesische Fondue serviert. Manche sagen auch "Feuertopf" oder auf Chinglish "Hotpot", auf Chinesisch heißt es übrigens Huo3 Guo1 (火锅). Ich geh dort nur alle Schaltjahre hin, weil mich die Warteschlangen am Eingang abschrecken. In China sind sie ein Zeichen für „Hier gibt’s was Gutes“, und man stellt sich präventiv einfach mal mit an. So wie früher in der DDR. 

 

Für Ortsfremde sind die Haidilao-Restaurants ein guter Tipp, denn Qualität und Preis stimmen hier einigermaßen, und die Atmosphäre ist unterhaltsamer als in anderen, ebenso bekannten Fondue-Restaurants. Wenn man aber länger in einer Stadt lebt, dann sollte man bessere Alternativen zu diesen Restaurants kennen. 

 

 

Da fällt mir ein Fondue-Restaurant in unserer Stadt ein, wo sie auch selbst gemachten Schnaps anbieten. Ich gehe dort nicht mehr hin, weil ich sonst sicher zum Säufer werden würde. Der Schnaps schmeckt nämlich wirklich gut. Aber wenn Sie mal in meine Stadt kommen, dann kann ich Ihnen zwei oder drei wirklich interessante Adressen empfehlen. Eine davon ist der Laden mit dem selbst gemachten Schnaps, in dem man sich übrigens auch die Shrimps für das Fondue selbst fangen muss… 

 
Geburtstagsnudeln. Also eigentlich Nudeln mit anderen Dingen, die mit Glück, Gesundheit und einem langen Leben zu tun haben.
Geburtstagsnudeln. Also eigentlich Nudeln mit anderen Dingen, die mit Glück, Gesundheit und einem langen Leben zu tun haben.

Warum erzähle ich das eigentlich? 

 

Ach ja, richtig. Weil es in diesen „Haidilao“-Restaurants allerlei Attraktionen und Vorführungen gibt. Unter anderem die Nudel-Tänzer. Als ich das das erste Mal sah, war ich fasziniert angesichts des Geschick dieser Jungs. Heute bin ich fasziniert angesichts dessen, dass die Gäste, die das alle bestimmt schon 100 Mal oder noch öfter gesehen haben müssen, immer noch „Ahh!“ und „Ohh!“ rufen. Der Nudeltänzer tut mir dabei leid. Denn er verdient ja fast nichts dabei, muss viel üben, und bei der Vorführung artet das wirklich in Sport aus. Innerlich - so sagten mir einmal ein paar junge Chinesen - blickt man auf die Jungs, denen man im Restaurant „Ahh!“ und „Ohh!“ zuruft, herab, denn sie sind ja „nur“ Nudeltänzer. 

 

Ich habe aber schon oft gedacht, so ein Besuch bei Haidilao zum Geburtstag, das müsste doch cool sein, denn es gibt kein schöneres Symbol für Langlebigkeit als Nudeln. Und die Nudeln, mit denen die Jungs dort tanzen, sind wirklich lang. Der Haken bei der Sache ist aber, dass sie die Nudeln zerkleinern, bevor sie sie ins Fondue werfen. Und damit wäre es auch schon wieder vorbei mit der Langlebigkeit … 

 

Ehrlich: Ich mag das Essen dort, und ich bewundere die Nudeltänzer. Aber wie bei fast allem in China, so ist auch hier ein „ja, aber“ dabei, so ein schales Gefühl in der Magengrube. Chinesen sagen dann oft: „Du denkst zu viel!“ Und damit ist das Thema dann auch meistens erledigt. Und das ist schade. 

 

Abgesehen davon würde es uns Deutschen auch ganz gut tun, wenn wir ein paar Nudeltänzer in unseren Restaurants hätten. Dann wäre wenigstens mal was los!

 

Möchten Sie einmal sehen, wie so etwas aussieht? Ich habe hier und hier auf Youtube zwei Videos hochgeladen. Wirklich beeindruckend.

 

Exkurs - Nachhilfe und Privatunterricht

 

Ich hatte früher ein paar Nachhilfeschüler, mit denen ich verschiedene Fächer nacharbeiten oder vorausarbeiten sollte. Früher dachte ich, man könnte sich auf diese Weise ein zweites Standbein aufbauen, aber es ist wirklich anstrengend, lernunwillige, weil völlig überarbeitete Teenager zum Lernen zu animieren, nur weil die Eltern meinen, eine 60-Stunden-Woche wäre für einen Teenager nicht genug Arbeit. Und deshalb engagieren sie noch einen zusätzlichen Hauslehrer…

 

Nein, Privatunterricht macht oft keinen Spaß. Es sei denn, man ist völlig abgestumpft gegenüber dem Druck, dem die Kinder nicht zuletzt durch ihre Eltern ausgesetzt sind.

 

Zwei, drei Schüler habe ich dennoch behalten. Sie werden bald ihren Schulabschluss machen und dann sowieso im Ausland studieren. Aber solange sie noch hier sind, arbeiten wir noch zusammen. Der Unterricht ist ein Genuss und eine Herausforderung zugleich. Die löchern einen mit Fragen und stellen so hohe Ansprüche, dass man sich wirklich sehr gut vorbereiten muss und genau wissen muss, wovon man redet. Was mich an chinesischen Schülern oder Studenten fasziniert, ist, dass sie einem Löcher in den Bauch fragen, um auch das kleinste Detail zu verstehen. 

 

Dieser Privatunterricht ist also Genuss und harte Arbeit gleichzeitig. Wenn man Herausforderungen dieser Art mag, ist das also ein schönes Hobby. 

 

 

 

Geburtstagsnudeln - jetzt aber!

 

Einmal kam ich um 19 Uhr abends zum Unterricht, direkt im Anschluss an meine Vorlesung. Wir beginnen den Unterricht immer mit den wechselseitigen Fragen „Wie geht’s?“ und „Was hast du heute erlebt?“ Kleine Dialogübungen mit Themen aus dem Alltag. Und an jenem Abend erzählte ich von den Geburtstagsgeschenken, die meine Studenten mir mitgebracht hatten. 

 

Das war das Signal für die Schülerin, ihre Oma zu rufen, die auch im Haus wohnt. Natürlich sprachen sie in der Familie den völlig unverständlichen örtlichen Dialekt, aber es war klar, dass die Oma plötzlich sehr wütend wurde (sie wird immer wütend, und zwar immer aus ganz unterschiedlichen Gründen) und schimpfend in die Küche lief. Mir war klar, dass sie irgendetwas zur Feier des Tages holen wollte. Plötzlich rannte sie wieder zu uns her und fragte mich im Polizeistil: „Hast du schon zu Abend gegessen? Magst du Nudeln? Magst du Eier?“ Ich reagierte genauso ungehalten und sagte: „Ich habe noch nicht gegessen, aber ich will jetzt auch nichts. Ich esse daheim.“ Und nun begannen wir den üblichen Streit, der wie immer zum Ergebnis hatte, dass Oma gewann. Diesmal bedeutete „gewinnen“, dass die Oma mir eine Nudelsuppe machen wollte. 

 

Meine Schülerin saß grinsend daneben, weil sie sich freut, wenn ich diesen besonderen Aspekt der lokalen Kultur zu verstehen beginne: Streiten heißt manchmal, Freude oder Dankbarkeit zum Ausdruck zu bringen. Danke sagen bewirkt manchmal das Gegenteil. Das ist aber zu kompliziert, um es hier zu erklären. Ein andermal. 

 

Oma lief also wieder in die Küche. Und ich fragte meine Schülerin: „Warum macht sie das?“ Sie antwortete: „Weil du Geburtstag hast. Wenn du am Geburtstag keine Nudeln isst, dann bringt das Unglück.“ „Glaubst du das wirklich?“ Sie lachte: „Nein, natürlich nicht, aber Oma denkt das. Lass sie doch. Sie ist glücklich, wenn sie für dich Nudeln kochen darf. Und dir wird’s bestimmt schmecken. Du hast sowieso noch nichts gegessen, und das ist auch ungesund. Also genieße es.“

 

Tja, die Weisheit einer 16jährigen kann bestechend sein.

 

Eine Viertelstunde später stand die Großmutter wieder vor uns, diesmal mit einer großen Schüssel Nudeln in der Hand. Es roch fantastisch. Und ich musste essen. Es war aber nicht einfach irgendeine Nudelsuppe. Darin schwamm noch ein Ei, große Mengen Shrimps, Frühlingszwiebeln, Pilze und Fleisch. Von wegen einfache Nudelsuppe. Von wegen geht ganz schnell.

 

Es war wirklich super lecker. Und natürlich machte ich als dummer Deutscher den Fehler zu sagen, dass es fantastisch schmeckte. Wenn man das auf Chinesisch sagt heißt das nämlich: „Mehr davon!“ Also musste ich mit der Oma weitere fünf Minuten streiten, um ihr zu zeigen, dass ich wirklich satt war, dass sie toll gekocht hatte und dass ich mich jetzt wirklich langlebiger fühlte als vorher. Oma strahlte übers ganze Gesicht, wie sie es immer tut, wenn sie gewonnen hat, räumte ab und ging in die Küche, um das Geschirr zu spülen. 

 

Und die Moral von der Geschicht’: In China ist es völlig egal, welches das richtige Geburtsdatum ist. Im Zweifelsfall isst man mehrmals pro Jahr ein Geburtstagsessen. Sicher ist sicher.

 

 

 

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Kommentare: 2
  • #1

    Ting Ting (Sonntag, 30 März 2014 06:00)

    Ich habe mal wieder einen Artikel von dir mit Freude gelesen. Solche Gespräche kommen mir zu bekannt vor! :D Aber genau sowas liebe ich in China.
    Leider kann ich das Video nicht anschauen. So richtige Nudeltänzer, wie du sie beschreibst habe ich glaube ich noch nie gesehen. Ich finde es allein schon faszinierend, wie die aus einem Klumpen Teig richtig feine Nudeln machen können, aber dazu noch eine richtige "Show" ...Mh...

  • #2

    Rainald (Sonntag, 30 März 2014 08:50)

    Tingting, schick mir bitte eine E-Mail über das Kontakt-Formular. Ich antworte Dir dann und schicke Dir eines oder zwei der Videos. Einverstanden?
    Du hast kein VPN? Na, dann wird's aber Zeit. Ich kann Dir auch einen Anbieter empfehlen. :-) Bis dann, Rai.

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