Tu Hao (土豪)

Ein Handy, zwei Handys, drei Handys - alles ganz normal in China. Dieser Herr hier ist keinesfalls ein Angeber. Im Zeitalter der Handys mit mehreren Karten-Slots ist er bestenfalls rückständig.
Ein Handy, zwei Handys, drei Handys - alles ganz normal in China. Dieser Herr hier ist keinesfalls ein Angeber. Im Zeitalter der Handys mit mehreren Karten-Slots ist er bestenfalls rückständig.

 

Das Wort Tu Hao begegnete mir zum ersten Mal im Herbst 2013. Natürlich ist es kein neues Wort, aber es überschritt sozusagen meine Wahrnehmungsschwelle erst im Herbst 2013, und zwar als das iPhone 5s in der Farbe Gold auftauchte. 

 

 

Zur Worterklärung

 

Tu3 Hao2 (土豪) ist ein Wort mit vielen Konnotationen. 土 (tu3) heißt Erde oder Boden, meint hier wohl ein Stück Land; und 豪 (Hao2) heißt eigentlich heldenhaft oder ritterlich. Auf den ersten Blick scheint es ein durchaus positives Wort zu sein: Der Ritter des Bodens, der Held eines Stückes Land. Und vermutlich werden manche hier schon grinsen. In diesem Ausdruck, über dessen geschichtliche Bedeutung wir hier nicht zu sprechen brauchen, stecken in der heutigen Zeit offenbar noch andere Bedeutungen.

 

Es kann eine Bezeichnung für den örtlichen Mafia-Boss sein, es kann auch einen "wichtigen" Mann im Block, oder einfach einen Angeber, also jemand der gerne wichtig wäre oder sich wichtig nimmt, bezeichnen. Vielleicht könnte man es im Deutschen mit „Graf Koks“ oder mit „Macker“ oder mit ähnlichen Wörtern wiedergeben. Man könnte meinen, es hätte eine ähnliche Konnotation wie der deutsche Begriff "neureich", aber das trifft den Kern nicht so recht. Es ist auch nicht der "Manta-Fahrer" aus den Witzen der 1980er und 1990er Jahre. Es ist schon eher der cooler Macker mit Beziehung zur Halbwelt oder Unterwelt.

 

 

Der Tu Hao hat deshalb natürlich keine direkte Verbindung zur Partei oder zu öffentlichen Ämtern. Im Partei-Jargon existiert dieses Wort nicht. 

 

Tu Hao - eine Typologie

 

Der Tu Hao sieht sich selbst ganz sicher als coolen Typ, und seinesgleichen respektiert, verehrt und/oder fürchtet ihn. Ganz wichtig für jeden coolen Macker sind natürlich seine Insignien, die Symbole für seine Macht oder seine Coolness. Und was könnte im Herbst 2013 hier besser passen als das goldene iPhone 5s?

 

Eigentlich viel zu feminin, um von einem Mann getragen zu werden, stand es vom ersten Moment außer Frage, dass es in China zu DEM Erfolgsschlager werden würde. Während Journalisten in Europa und in Amerika noch rätselten, welcher degenerierte Oligarch wohl seiner Frau ein goldenes iPhone schenken würden, hatten die Schwarzmarkt-Kanäle in China bereits den Output der Produktionsstätten der Hersteller quasi trockengelegt. Es war in den ersten Wochen nach dem offiziellen Verkaufsstart praktisch unmöglich, ein goldenes iPhone 5s zu bekommen.

 

Die „autorisierten“ oder „lizensierten“ Apple-Händler in China, bei denen man nie genau weiß, woher sie tatsächlich ihre Ware bekommen, ob auf legalem Wege oder vom Schwarzmarkt, boten vom ersten Tag an ein goldenes iPhone 5s an. Und in jedem Shop gab es eine Mitarbeiterin, die ein nagelneues, goldenes Handy demonstrativ in ihren perfekt manikürten Händchen hielt, nur um sich von verzweifelten Kunden anbetteln zu lassen, es doch wenigstens einmal berühren zu dürfen. Und natürlich konnte man es auch bestellen. Zu einem Aufpreis, der zwischen 100 und 200% lag. Zumindest während der ersten Wochen. 

 

Als ich im Herbst beruflich häufig in eine der Nachbarstädte reiste, die im Volksmund als Stadt der Schmuggler und Halsabschneider verschrieen ist, sah ich auffällig viele, relativ junge Männer mit langen Fingernägeln, manchmal mit einer frisch rasierten Glatze und immer mit Goldkettchen und großen, goldenen Ringen, die demonstrativ ihr goldenes Handy in der Hand schwangen, beim Flanieren wichtige Gespräche zu erledigen hatten oder in ihrem tiefergelegten, schwarzen Mazda saßen und Fotos schossen. Tu Hao eben.

 

 

Gold ist nicht mehr so cool

 

Inzwischen (im Frühjahr 2014) hat sich der ganze Hype wieder etwas gelegt, die Versorgungslage hat sich normalisiert. Und nachdem die Tu Haos alle versorgt sind - und anschließend auch die Maitressen der Neureichen, dürften sich die Verkaufszahlen auch auf einem ähnlichen Wert eingependelt haben wie die der anderen Farben. 

 

Einer meiner Studenten (23 Jahre alt) hat sich gerade ein goldenes iPhone 5s geleistet. Von seinem eigenen Geld. Als ich es sah und breit grinste, sagte er nur: „Ja, ich weiß, Tu Hao“, und meinte das durchaus auch mit einem gewissen Stolz. Schließlich hatte er bereits in den ersten beiden Jahren seines Studiums ein kleines Vermögen verdient, als er ein Haus mit 6 Zimmern unweit des Campus anmietete, es in ein (schmuddeliges) Hotel umwandelte und an Studenten für ihr Schäferstündchen vermietete. Er kann sich beinahe zu Recht als coolen Macker bezeichnen.

 

Eine Bekannte von mir, die wohl zu den reichsten jungen Frauen der Stadt gehört, hat sich vor zwei Wochen - endlich! - ein schwarzes iPhone 5s gekauft. Ein goldenes hat sie überhaupt nicht nötig. Und schließlich möchte sie nicht in den selben Topf mit den Tu Haos geworfen werden. 

 

China ist in vielerlei Hinsicht unberechenbar. Wer hätte geahnt, dass die Antwort auf die Frage nach den Verkaufszahlen des iPhones 5s so wenig trivial ausfallen würde? Zu Beginn sah es so aus, als würden das iPhone 5c und alle Farben des 5s außer der goldenen zu Ladenhütern werden. Und in der Tat, außer mir scheint wohl keiner das iPhone 5c überhaupt als schön oder interessant zu finden. Das silberne iPhone 5s ist wohl weniger gefragt, das goldene war ein Hype, hat jetzt aber seinen Platz an das schwarze abgetreten. 

 

Warum ich nicht einfach in die offiziellen Verkaufsstatistiken bei Apple schaue? Ganz einfach: Die sind in China bedeutungslos. Die meisten Menschen, die ich kenne, würden ihr iPhone niemals in einem Apple-Shop oder in einem Telefonladen kaufen. Man kauft sich sein iPhone im Internet, auf dem Schwarzmarkt oder zumindest auf dem grauen Markt. Oder in Hongkong. Wir hatten früher bereits darüber gesprochen.

 

 

Tu Hao (土豪) und Guanxi (关系)

 

Der Bekannte einer Bekannten gab mir die Telefonnummer einer früheren Klassenkameradin seiner Frau. Die hatte einen kleinen (grauen) Apple-Shop. Und für ihren Freundeskreis hatte sie einen Vorrat an Handys zu einem Sonderpreis angelegt. Am Ende kostete mein iPhone 5c (originalverpackt und mit Apple-Garantie) weniger als ein vergleichbares Handy von HTC oder Huawei. Naja, falls man das überhaupt vergleichen kann. 

 

In diesen Situationen sage ich immer zu meinem Freund: „Ich will gar nicht wissen, von welchem LKW dieses Teil runtergefallen ist.“

 

Natürlich ist hier irgendetwas faul. Wie fast immer. Wenn man den normalen Preis zahlt, beteiligt man sich indirekt an irgendwelchen Bestechungen. Denn den offiziellen Kanal geht niemand freiwillig. Fast alles in China, ob nun die Vergabe von Bau- und Industrieprojekten, die Lizenzen für ein neues Unternehmen oder auch nur für ein Café, ja sogar die meisten Examen und Hochschulabschlüsse, hat ein Hintertürchen. Und nur wer wirklich dumm ist, geht den offiziellen, den normalen Weg. Der dauert lange, ist unzuverlässig und mühsam. Wer etwas auf Umwegen, aber letztlich trotz etlicher „Gefälligkeiten“ und Bündel mit Geld günstiger bekommt, beweist auch, dass er „Vitamin B“ hat, in China heißt das Guanxi (关系). 

 

Ich habe mir lange überlegt, ob ich das hier so schreiben sollte. Es klingt einerseits herablassend, andererseits klingt es so, als wäre ich ein Experte in diesen Dingen. Bin ich nicht. Und ganz sicher blicke ich nicht auf China oder die Chinesen herab. Außerdem habe ich praktisch kein Guanxi innerhalb des chinesischen Wirtschafts- und Sozialsystems. Soll heißen, wenn mich jemand kennt, kann er deshalb weder mehr Geld verdienen noch irgendein anderes Ziel schneller oder bequemer erreichen. 

 

Aber ich beobachte dieses Thema mit großem Interesse. Es hilft manchmal auch, einen Tu Hao von einem Menschen zu unterscheiden, der echte, stabile, tragfähige Beziehungen, also Guanxi, hat. 

 

 

Als Ausländer können Sie übrigens niemals Tu Hao werden. Und eigentlich auch kein echtes Guanxi aufbauen. Aber dem werden natürlich jetzt ganz viele Leute, Chinesen und Ausländer, heftig widersprechen. Reden wir ein andermal drüber.

 

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