China und Ausländer (Teil 6)

Guck mal, ein Ausländer! Was der hier wohl will?
Guck mal, ein Ausländer! Was der hier wohl will?

Dies ist die Fortsetzung des Artikels China und Ausländer (Teil 5)

 

 

 

Die Ausländer können nur kritisieren

 

Heute weiß ich, dass man als Ausländer in China vorsichtig sein muss. Denn man unterstellt uns grundsätzlich nichts Gutes, zumindest erwartet man Kritik. Naja, kritisieren können wir Ausländer ja tatsächlich auch ganz gut. 

 

Niemand in China scheint mir zu glauben, wenn ich sage, dass ich hier lebe, um einen Beitrag zur gesellschaftlichen Entwicklung zu leisten. Niemand scheint es für möglich zu halten, dass ich für einen Bruchteil des Gehaltes, dass meine chinesischen Kollegen erhalten, arbeite, teilweise mit einer deutlich höheren Wochenarbeitszeit als diese. Jeder glaubt das Gerücht, dass Ausländer für dieselbe Arbeit mehr Geld - viel mehr Geld! - bekämen.

 

Jeder hält es für einen Witz, wenn ich sage, ich würde gerne den Rest meines Lebens hier verbringen. Und kein Mann hält es für möglich, dass ich nicht jede Woche mit mehreren jungen Chinesinnen Sex habe. 

 

 

Und ich habe keine Ahnung, warum wir immer wieder beim Thema "Sex" landen!

 

Sex, Sex, Sex

 

Daran muss man sich erst gewöhnen. Ich gebe allerdings zu, dass ich im Laufe der Jahre auch immer weniger wild auf neue Zufallsbekanntschaften geworden bin. Manchmal hat man einfach die Nase voll von immer den gleichen Themen mit immer den gleichen Stereotypen und immer den gleichen Unterstellungen. Und vor allem habe ich keine Lust, mein Intimleben vor Fremden zu erläutern. 

 

Ich werde nie vergessen, wie ein Professor der Universität an meinem ersten Tag auf dem Weg zur Vorlesung zur Seite nahm und mich fragte: "Sag mal, in den deutschen Pornos, die ich gesehen habe, haben die Männer mit den Frauen immer Analverkehr. Kannst du mir sagen, warum die Deutschen das so toll finden?"

 

Dieser Gesprächseinstieg direkt nach dem "Guten Tag" erwischte mich auf dem völlig falschen Fuß. Ich konnte es nicht für möglich halten, was ich da gerade gehört hatte.

 

Was soll man denn auch in solch einer Situation sagen?

 

Meine Sprachlosigkeit hält seit über 4 Jahren an. Und obwohl ich diesem Mann mindestens zweimal pro Woche auf dem Campus begegne, vermeide ich jede Möglichkeit, mit ihm allein zu sein, um nicht wieder mit diesem Thema behelligt zu werden. 

 

Ja, es war ein Einzelfall. 

Nein, das ist nicht alltäglich in China. 

 

Aber alltäglich ist, dass mich hier oft Wildfremde auf sehr persönliche Dinge ansprechen. Es fängt an beim Gehalt und das dritte Thema spätestens zielt auf Sexualpraktiken ab. Andere Länder, andere Sitten.

 

 

Warum lassen sich Arbeiter in einer Fabrik mit einem wildfremden Ausländer ablichten? Es gibt sehr viele Antworten auf diese Frage, aber keine nachvollziehbare. Manche lassen sich im Zoo auch neben de
Warum lassen sich Arbeiter in einer Fabrik mit einem wildfremden Ausländer ablichten? Es gibt sehr viele Antworten auf diese Frage, aber keine nachvollziehbare. Manche lassen sich im Zoo auch neben dem Elefanten ablichten, oder neben dem Tiger oder ...

Der Vorzeige-Ausländer

 

Es gibt aber auch noch die vielen, vordergründig positiven Erfahrungen, die viele Ausländer in China machen. 

 

Es gibt unglaublich viele Möglichkeiten für einen Ausländer in China, unglaublich schnell unglaublich viele Kontakte zu knüpfen. 

 

Entweder als Student oder Studentin über den Austausch von Telefonnummern und QQ- oder WeChat-Kontaktdaten, übers Internet oder im Rahmen von Zufallsbegegnungen auf irgendwelchen Veranstaltungen, ja sogar auf der Straße. Als Neuankömmling in China erlebt man dieses Land als offen, flexibel, vielleicht sogar herzlich, unkompliziert und vor allem fröhlich. Ständige "Happiness" scheint die emotionale Verfassung der Menschen hier zu sein. 

 

Wenn man neu an einer Uni oder in einer Firma ist, dann wird man zu vielen Parties, Festen, Abendessen, ja sogar Kurzreisen eingeladen und es ist nicht unüblich, dass ein Laowai (Ausländer) auch einmal mit ins Heimatdorf genommen wird, um ihn den Verwandten vorzustellen. Chinesen erweisen sich als wirklich großzügig, wenn es darum geht, einem Ausländer "ihr China" vorzustellen. 

 

Natürlich gibt es auf diesen Reisen und Events nur Positives zu erleben. Happiness allenthalben. Und das ist ja auch in Ordnung so.

 

Es ist auch völlig normal, wenn man als Ausländer zu irgendwelchen Firmenfeiern eingeladen wird. Mir wurden schon Fotoshootings für viel Geld angeboten. Ja, manche betrachten mich hier als attraktiv genug, um von einem riesigen Poster herabzugrinsen oder weise und vielsagend ein Glas Rotwein in der Hand zu schwenken. Ich sollte schon bei Betriebsfeiern und bei Firmeneröffnungen als falscher ausländischer Geschäftspartner Reden auf Deutsch oder Englisch halten. Und ich wurde schon zu Firmenjubiläen eingeladen als ausländischer Gast. Alles übrigens gegen Geld. 

 

Ja, ich habe mich verkauft. Einmal. Für 500 RMB für einen ganzen Tag. Ein Bekannter kommentierte das später so: "Selbst zur Nutte taugst du nicht. Du bist einfach zu doof, zu wenig geldgeil. Mit dir kann man wirklich keine Firma gründen." Ja, auch solche Sätze hört man hier. 

 

Und Dutzende Male bekam ich Freikarten zu einer Theaterveranstaltung oder zu einem Symphoniekonzert. Ich gehe aber nicht mehr hin, weil es einfach nervt, dann 90 Minuten lang von Fernsehkameras angeglotzt zu werden. Manche emanzipierte Frauen in Deutschland mag es nerven, als Quotenfrau herhalten zu müssen. Mich nervt es, als Quoten-Ausländer lächeln zu müssen.

 

Denn darum geht es. Bei allen wichtigen, von öffentlicher Hand gesponserten Veranstaltungen, Jubiläen, Festessen, Konzerten oder Eröffnungen sorgt man dafür, dass genügend ausländische Gesichter im Publikum zu sehen sind. Ein paar Weiße, und neuerdings auch ein paar Schwarze, die Schwarzen am Besten in irgendeinem traditionell anmutenden, farbenfrohen afrikanischen Gewand. Die ständig anwesenden Fernsehkameras sind dann auch ganz wild darauf.

 

Der Vorzeige-Ausländer suggeriert Weltoffenheit, gute Beziehungen ins Ausland, internationale Verflechtungen und harmonische Beziehungen - auch mit dem Ausland.

 

Man liest im Internet immer wieder Berichte von Ausländern, die damit ihren Lebensunterhalt bestreiten. Man muss das aber auch können. Man muss es attraktiv finden, sich selbst zu verkaufen und im Prinzip bei jedem öffentlichen Auftritt das Blaue vom Himmel herunter zu lügen. 

 

Es gibt eine Handvoll Ausländer, die sich in der chinesischen Filmindustrie als Komparsen oder sogar in Neben- und Hauptrollen verdingen. Vor denen habe ich einen Heidenrespekt. Denn deren Chinesisch ist einfach verdammt gut. 

 

Wenn Ihnen ein Chinese sagt, er würde Sie als Ausländer bewundern oder beneiden, dann bezieht es sich auf seine Phantasie über Ihren Geldbeutel, Ihr Bankkonto oder Ihr Sexualleben.

 

Wenn Ihnen ein Chinese sagt, Ausländer wären in China beliebt oder geachtet, dann meint er den Punkt, den ich hier mit dem Begriff "Vorzeige-Ausländer" umschrieben habe. Ein weißes (oder schwarzes) Gesicht steht für Weltoffenheit und ein internationales Beziehungsnetzwerk. Deshalb ist die Freundschaft mit einem Ausländer gut fürs eigene Image. Und deshalb werden Ausländer auch gerne zu allen möglichen Arten von Parties oder Geschäftsveranstaltungen eingeladen. Was hat das mit Beliebtheit oder gar Respekt zu tun?

 

Rainald Runge

 

 

(Fortsetzung)

 

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