China und Ausländer (Teil 5)

Auf dem Bahnhof, der Eingang zum Superschnellzug. Tausende von Chinesen, ein Ausländer (ich). Das fühlt sich manchmal etwas seltsam an.
Auf dem Bahnhof, der Eingang zum Superschnellzug. Tausende von Chinesen, ein Ausländer (ich). Das fühlt sich manchmal etwas seltsam an.

Dies ist die Fortsetzung des Artikels China und Ausländer (Teil 4)

 

 

 

Man muss Verständnis haben

 

Man darf die Stereotype, vor allem gegenüber Ausländern, nicht als negative Vorurteile betrachten. 

 

Man sollte es vielleicht eher als eine Folge des Gefühls der Fremdheit gegenüber anderen Kulturen verstehen. Leider kann man manchmal auch ganz direkt sagen, dass es sich um die Folge gezielter Indoktrination und Propaganda handelt, vor allem wenn ich daran denke, was die Chinesen übers Ausland lernen, wenn sie das Fernsehen einschalten, wenn sie ihre Schulbücher lesen, wenn sie ihren Lehrern zuhören, oder wenn sie die Ausbildung für die Aufnahme in die Partei mitmachen. Es ist für uns Deutsche unvorstellbar, welche haarsträubenden Geschichten die Menschen in diesen Lebensphasen lernen müssen.

 

 

Es ist z.B. ganz selbstverständlich, dass man online, im staatlichen Fernsehen oder im Unterricht an der Schule oder Universität fremdsprachige Dokumentationen anschaut, die chinesische Untertitel tragen. Die chinesischen Untertitel geben zum Teil das genaue Gegenteil dessen wider, was die Personen im Film oder Interview zur gleichen Zeit sagen.

 
Zugegeben, wenn ich das sehe, enttäuscht mich das. Erstens bedeutet das nämlich, dass man alle Ausländer für so blöd hält, dass sie niemals Chinesisch lernen könnten, um diese platten Lügen zu entdecken. Und zweitens zeigt das, dass es ethisch vertretbar ist, eine ganze Generation anzulügen. 
 
Was soll man als Ausländer dann tun? Aufklären? Aufdecken? Missionieren? Schon wieder missionieren? Nein! Dies ist nicht meine Aufgabe, und es ist auch nicht mein Recht.
 

China ist harmonisch, das Ausland ist chaotisch

 

Vor ein paar Jahren fragte mich jemand, warum wir in Deutschland eigentlich den Ausländern keine Menschenrechte einräumen würden. 

 

Ich fragte, warum er das sagte. Er meinte, er habe mehrfach im Studium im Politikunterricht Original-Berichte aus dem deutschen Fernsehen mit chinesischen Untertiteln gesehen, in denen gezeigt wurde, wie Türken in Deutschland misshandelt worden wären, gedemütigt und von der Polizei verprügelt. Sie dürften nicht arbeiten, sie dürften nicht in normalen Häusern wohnen und sie hätten nicht genug zu essen. Warum sich die Deutschen denn kein Vorbild an China nehmen würden. Im Umgang mit der uigurischen Minderheit würden China doch zeigen, wie verständnisvoll und großzügig es im Umgang mit Minoritäten wäre. Warum das in Deutschland nicht auch so geschehen könnte?

 

Ich dachte im ersten Moment, dass er einen Witz machen wollte. Er meinte es aber im Ernst. Dies ist nur ein Beispiel, aber es ist typisch für eine Vielzahl von Gesprächen, die ich in China erlebt habe. 

 

Das heißt, viele Chinesen - jung wie alt - glauben guten Gewissens, viel über andere Länder gelernt zu haben. Dabei haben sie nur wie ein Schwamm die übelste Propaganda, Stimmungsmache und Indoktrination in sich aufgesogen, die man sich vorstellen kann.

 

Man kann von keinem Menschen erwarten, dass er fast alles, was er von klein auf gelernt, gehört und gesehen hat, infrage stellt. Ganz abgesehen davon könnte das wohl auch fast niemand.

 

 

Es geht ans Eingemachte

 

Ein Freund, Parteimitglied mit Herz und Seele, fragte einen Ausländer einmal, was man im Ausland eigentlich über China lernen würde. 

 

Sein Gesprächspartner antwortete ehrlich, offen, genau. Er sagte ihm, dass er in einer anderen Zeit aufgewachsen sei, dass er sich noch an den Tag erinnern könne, an dem Mao Zedong gestorben war und an die Verurteilung der Viererbande. Er erzählte ihm, dass er mit großem Interesse alles über China gelesen hätte, was er nur konnte, auch Bücher, die in China natürlich verboten seien, und Filme, die in China nicht gezeigt werden dürften. 

 

Er erzählte ihm von den Zahlen, die westliche Historiker über China veröffentlicht haben, wie viele Menschen gestorben waren und woran. Er erzählte ihm dass die "3 Jahre der Naturkatastrophen" während des "Großen Sprungs nach vorne" keine Naturkatastrophen waren, dass mehrere Hungersnöte im 20. Jahrhundert eine direkte Folge der Fehlentscheidungen der Regierung und eine Folge des Fehlverhaltens der korrupten Kader waren, dass dies genau in schriftlichen Dokumenten und durch zahllose Augenzeugenberichte belegt ist. 

 

Er erzählte ihm, dass ein großer Teil der Zigtausenden Toten nach dem Erdbeben in Sichuan im Jahr 2008 nicht gestorben ist, weil das Erdbeben so heftig war, sondern weil während jahrelanger Misswirtschaft, durch Betrug, Selbstbereicherung und Diebstahl viele Gebäude, auch Schulen und Krankenhäuser, in so schlechter Bauqualität gebaut worden waren, dass sie wie Kartenhäuser in sich zusammenstürzten. Die Regierungs- und Parteigebäude direkt daneben blieben mit minimalen Schäden stehen.

 

Er erzählte ihm davon, wie Dissidenten und ihre Familien in Gefängnissen und im Rahmen eines illegalen Hausarrests behandelt werden. Er erzählte ihm auch von den Straflagern, von den geheimen, privaten Gefängnissen, von denen er durch Zufall eines persönlich gesehen hätte, und in dem Menschen ohne Gerichtsprozess und wie Tiere gehalten werden dürfen. Er erzählte ihm nur ein paar der offensichtlichen Dinge, der Dinge, die ihn am meisten schockiert hatten und die seiner persönlichen Einschätzung nach beweisbar wären.

 

 

Meinem Freund standen damals, auch als er mir davon erzählte, die Tränen in den Augen. 

 

Er sagte mir dann: "Ihr Ausländer könnt nicht allen Ernstes erwarten, dass ich diese Dinge glaube. Ich müsste dann alles, woran ich glaube, alles, was mir jemals wichtig war, alles, was meine Eltern und meine Lehrer mir sagten, in Frage stellen. Alles, was ich in der Partei gelernt habe, wäre dann eine Lüge. Das kann ich nicht glauben. Ich kann mein Leben nicht wegwerfen."

 

Ich erwiderte: "Das brauchst du auch nicht. Aber wenn du einen Laowai fragst, dann bekommst du eben oft so eine Antwort. Wenn du keine negativen Überraschungen verträgst, darfst du nicht fragen."

 

Er fragte: "Warum bist du denn eigentlich noch in China?"

 

Ich antwortete: "Die Frage ist doch: Warum bringen so viele reiche Chinesen ihr Geld ins Ausland? Warum lassen sie ihre Kinder im Ausland studieren? Warum erzählen mir immer wieder altgediente und sehr reiche Parteikader nach dem zweiten Glas Wein, dass sie ihren Ruhestand im Ausland verbringen möchten, nicht hier in ihrer Heimat? 

 

Warum sind die intelligentesten und gebildetsten jungen Chinesen, die ich kenne, bereits alle ausgewandert oder planen die Auswanderung? Das ist doch die Frage. Es scheint doch so, als ob reiche und mächtige Chinesen ihr Heimatland weniger lieben als so mancher Ausländer, der hier hart arbeiten muss - für ein weit geringeres Gehalt als die meisten Chinesen erhalten."

 

Er verstand. 

 

Darin liegt System. Die Parteiführung schon auf den unteren Ebenen, häuft unglaubliche Reichtümer an, schafft viel davon ins Ausland und stellt sich auf eine - notfalls übereilte - Ausreise ein, sollte sich jemals der Wind drehen. Wenn man das auch nur einmal gesehen hat, dann bleibt einem die Spucke weg. Wenn man das aber beinahe wöchentlich miterlebt, dann widert es einen nur noch an. 

 

Meine Freunde, die - teilweise enthusiastisch - für die Zukunft Chinas und die Verwirklichung des "chinesischen Traums" kämpfen, möchten davon nichts wissen. Mit Scheuklappen lebt es sich einfacher. Und es fällt uns Deutschen möglicherweise schwer zu verstehen, warum. 

 

 

Eine Demonstration in China. Es ist eine Demonstration gegen Japan. Dafür sperrt die Polizei schon mal die Hauptstraße, auch wenn es nur 200 Demonstranten sind. Es gibt in der öffentlichen Berichterst
Eine Demonstration in China. Es ist eine Demonstration gegen Japan. Dafür sperrt die Polizei schon mal die Hauptstraße, auch wenn es nur 200 Demonstranten sind. Es gibt in der öffentlichen Berichterstattung keine Demonstrationen gegen die Regierung.

Zum X-ten Male: Einfach mal die Klappe halten!

 

Ich habe vor langer Zeit damit aufgehört, Chinesen aufklären zu wollen. Ich habe auch vor langer Zeit - schon bevor ich nach China kam - damit aufgehört, mir eine Revolution oder eine neue Regierung in China zu wünschen. Von solchen Dingen kann man nur sprechen, wenn man total die Bodenhaftung verloren hat oder wenn man es aus großer Distanz, vom Ausland aus, betrachtet. 

 

Mich hat sehr bewegt, was Helmut Schmidt in einem seiner letzten Bücher über seine Erinnerungen an Mao Zedong und Deng Xiaoping schrieb. Einiges davon hat er im Gespräch mit Sandra Maischberger und Giovanni di Lorenzo wiederholt und genauer ausgeführt. Die Video-Aufzeichnungen dieser Gespräche kann man auf Youtube anschauen. Es war für mich das erste Mal, dass ich einen Deutschen mit so viel Vorsicht und Distanz über China sprechen hören habe. Und das obwohl, oder gerade weil er China und Europa schon so lange und so gut kennt.

 

Wir Deutschen haben hier in China sowieso überhaupt nichts zu melden. 

 

 

Vorsicht bei Fangfragen!

 

Manchmal sage ich auch einfach, wenn ein Chinese durch Provokationen aus mir eine kritische Äußerung zum des politischen System herauskitzeln möchte: 

 

"Ich bin nur ein Ausländer (Laowai) und hier in China nur als Gast. Ich bin dankbar, dass ich hier leben darf und werde, so lange ich kann, hart arbeiten, um zur Entwicklung des Landes einen kleinen Beitrag zu leisten. Ein Gast sollte wissen, dass er ein Gast ist."

 

Mit solch einem Satz können Sie überzeugen. Und wenn er ernst gemeint ist, dann erst recht. Aber eigentlich ist es gar nicht so wichtig, ob Sie solch eine Äußerung ernst meinen oder nicht. Viel wichtiger ist, dass Sie Abstand davon nehmen, China bei jeder Gelegenheit zu kritisieren und die Chinesen ständig zu maßregeln. Davon haben die Leute hier nämlich gehörig die Nase voll. 

 

 

Seither hat sich die Beziehung zu jenem Freund übrigens verändert.

 

Und ich habe etwas gelernt, das viele Ausländer, die ständig nur über die Kommunisten, die Partei und die Regierung lästern, nicht verstehen können:

 

Man muss nicht immer ans Eingemachte gehen.

 

Rainald Runge

 

 

(Fortsetzung)

 

 

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