Essen in China - Der beste Platz für Liang Pi (凉皮) in und um Xiamen

Die Leuchtreklame am Eingang der Nudel-Küche in unserer Nachbarschaft.
Die Leuchtreklame am Eingang der Nudel-Küche in unserer Nachbarschaft.

Kürzlich war es wieder einmal so weit: Viel zu spät für ein geregeltes Abendessen, zu Hause nichts im Kühlschrank, weil die WG-Mitbewohner bereits auf dem Weg ins Heimatdorf zum Frühlingsfest waren und alleine zu kochen einfach keinen Spaß macht. Und weil es eben kurz vor dem Frühlingsfest war, waren die meisten Imbissbuden und Schnellrestaurants sowieso schon geschlossen. Der Retter in letzter Not, wie immer: Liang Pi.

 

 

Schon zweimal habe ich über meine Leidenschaft für diesen einfachen Imbiss erzählt, Sie können die Artikel hier und hier nachlesen.

 

Diesmal hatte ich aber meine Kamera dabei, da ich tagsüber in der Altstadt eine Fotosafari unternommen hatte. Deshalb gibt es hier ein paar Fotos von dem ungelogen wichtigsten Platz in unserem Stadtteil - abgesehen von unserem Zuhause natürlich.

 

Es gab diesmal eine Portion Liang Pi (kalte Reisnudeln mit einer sauer-scharfen Soße) und eine Portion Liang Mian (kalte Weizennudeln mit einer sauer-scharfen Soße), weil ich auch auf der Fotosafari vergessen hatte, zu Mittag zu essen. Und weil es einfach lecker war. Diesmal mixte die Freundin des jungen Besitzers die Tunke an, und es schmeckte anders als sonst, aber auch lecker.

 

Gut erkennbar auch der allgemeine Zustand des Schnellimbiss. Die meisten meiner deutschen Freunde würden hier niemals etwas essen. Und nur um es richtig zu stellen: Die meisten meiner chinesischen Freunde würden hier ebenfalls niemals essen. Warum? Zu schmuddelig. Ich habe mich dran gewöhnt und erinnere mich an viele Studentenbuden, die ich in den letzten 25 Jahren gesehen habe. Die sahen keinen Deut besser aus.

 

 

Und so sieht's innen aus. Vier Tische, ein paar wackelige Stühle, das genügt für einen sehr einträglichen Betrieb.
Und so sieht's innen aus. Vier Tische, ein paar wackelige Stühle, das genügt für einen sehr einträglichen Betrieb.

Alles hat zwei Seiten - und Humor gehört dazu!

 

Die schmuddeligen Plätze mit dem leckeren Essen gehören zu meiner täglichen Routine. Im mehrfachen Sinne: Man bekommt dort leckeres Essen, man kann oft mit den Besitzern ein bisschen schwatzen, und man kann anschließend darüber lachen und lästern, wie schmuddelig es war - um dann in der nächsten Woche wieder dorthin zu gehen. 

 

Sie können es sich gerne leicht machen und mich für verrückt erklären. Der entscheidende Punkt besteht aber darin, dass in anderen Kulturen völlig andere Gesetze der Logik gelten. Und völlig andere Dinge werden als „normal“ oder „belanglos“ angesehen. Wenn man im täglichen Leben nun dazu gezwungen ist, zwischen den Kulturen zu wechseln, dann kommt man nicht umhin, ständig mit dem Kopf zu schütteln oder zu grinsen. 

 

 

Die Art des inneren Widerspruchs in vielen Lebenssituationen, die von vielen Ausländern als mao2 dun4 (矛盾), als widersprüchlich bezeichnet wird, ist für die meisten Chinesen Alltag. Denn vieles besteht aus Improvisation und auf keinen Fall aus übertriebener Genauigkeit oder Gründlichkeit. 

 
Hier werden gerade leckere Nudeln zubereitet. Beängstigend: Der blaue Eimer links ist der Mülleimer. Der rote Eimer rechts enthält die leckeren Nudeln, das Rohmaterial für das Abendessen.
Hier werden gerade leckere Nudeln zubereitet. Beängstigend: Der blaue Eimer links ist der Mülleimer. Der rote Eimer rechts enthält die leckeren Nudeln, das Rohmaterial für das Abendessen.

Die Chinesen würden das Wort mao2 dun4 (矛盾) allerdings niemals in diesem Zusammenhang gebrauchen. Denn dieser Ausdruck ist eher negativ besetzt, und der Alltag ist sicher niemals negativ. Der Alltag ist eben normal, alltäglich. Aber nicht widersprüchlich. Das chinesische Denken folgt manchmal einer strengen Logik und Regelmäßigkeit. Und sobald man sich dieser Logik öffnet, macht die chinesische Sprache plötzlich auch Sinn. 

 

Womit man sich unbeliebt machen kann, ist, wenn man andere direkt auf Ungereimtheiten oder Widersprüchlichkeiten anspricht oder gar Witze darüber macht. Mit anderen Worten: Wenn ein Chinese meine Berichte über exotische Plätze und Restaurants liest, wird er sicher wenig begeistert davon sein, vermutlich sogar verärgert reagieren. 

 

Nur meine engen Freunde hier wissen, dass ich dankbar für die Möglichkeit bin, in China leben zu dürfen und eine völlig fremde Kultur von innen zu erleben. Und während die meisten Absolventen der guten Unis und erfolgreichen Unternehmer aus ihrem Heimatland fliehen, möchte ich sehen, was übrigbleibt, wenn der Brain Drain vorüber ist. 

 

 

Letzte Woche erst sagte jemand, ein Fremder, dem ich zufällig begegnet war, im Gespräch: „Du bist verrück! Jeder normale Chinese möchte raus aus China und im Ausland leben, und du kommst nach China.“

 

Die meisten Ausländer, die ich kenne, sprechen über China und die Chinesen grundsätzlich in einem eher abfälligen Tonfall. Die meisten Chinesen, die ich kenne, versuchen, alles Negative zu ignorieren. Also weder Witze darüber zu machen, noch sich darüber zu mokieren. Oder klammheimlich ihre Köfferchen zu packen. Aber das ist ihre Sache.

 

Die Form des Zynismus, der Satire oder des Humors, den wir auch von Stand-up-Komikern wie Mirja Boes oder Cindy aus Marzahn kennen und der sich sowohl gegen die Sprecherin selbst als auch gegen den Rest der Welt richtet, dies ist den Chinesen auch heute noch fremd. Wenn man also die auch hier in China beliebte Serie „Knallerfrauen“ anschaut, dann lachen die Chinesen weniger und über ganz andere Dinge als wir Deutschen.

 

Deshalb ist es unverständlich für Chinesen, wenn sie westliche Intellektuelle über ihre Regierung oder ihre Heimat schimpfen hören. Man beschmutzt nicht das eigene Nest. Deshalb ist Ai Weiwei in China im Volk keineswegs so beliebt, wie man im Westen meint, weil er die Heimat zu sehr kritisiert. 

 

Und Selbstironie ist in China seltener als echte Jade.

 

Und dabei ist die Sache mit dem Schnellimbiss hier ganz einfach: Liang Pi ist lecker, und diese Bude produziert ziemlich leckere Nudeln. Punkt. 

 

Und möglicherweise weil ich vor langer Zeit beschlossen habe, die Welt nicht mit den Augen eines „normalen“ Menschen zu sehen, deshalb grinse ich jedes Mal, wenn ich satt und zufrieden aus dieser hygienischen Apokalypse wieder den Nachhauseweg antrete. 

 

Es schmeckt sehr gut, die meisten Leute würden niemals hierher kommen, deshalb ist es absolut verrückt. Und deshalb völlig normal. 

 

Logisch? Logisch!

 

Guten Appetit!

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Kommentare: 2
  • #1

    Ull (Sonntag, 11 Januar 2015 18:04)

    In China wird "Knallerfrauen" gesendet??? :0

  • #2

    Rainald Runge (Sonntag, 11 Januar 2015 23:21)

    Nein, natürlich kommt Knallerfrauen nicht im Fernsehen in China.
    Jemand hat sich die Filme auf seinen Computer geladen, mit (größtenteils falsch übersetzten) chinesischen Untertiteln versehen und dann auf eine Videoplattform in China hochgeladen, von der man sich das dann offiziell herunterladen kann. Kostenlos und legal.
    Im übrigen verstehen die Chinesen den Humor in dieser Serie anders als wir. Zumal - wie gesagt - die Untertitel oft - vorsichtig gesagt - irreführend sind.

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