China und Ausländer (Teil 3)

Ein Bus und ein Ausländer: ich. Normalität im Alltag in der Provinz. Ausländer sind die absolute Ausnahme fernab der Megastädte, der Prestige-Universitäten und der Wirtschaftszentren.
Ein Bus und ein Ausländer: ich. Normalität im Alltag in der Provinz. Ausländer sind die absolute Ausnahme fernab der Megastädte, der Prestige-Universitäten und der Wirtschaftszentren.

Dies ist die Fortsetzung des Artikels China und Ausländer (Teil 2)

 

 

 

Der Nicht-Chinese

 

Es gibt übrigens kein Antonym, kein Gegenteil, zu "Laowai". Das heißt zum "ehrwürdigen Ausländer" gibt es keinen "kleinen Inländer" oder so ähnlich. Das würde ja auch keinen Sinn machen. 

 

Es gibt aber noch mindestens zwei andere Begriffe für Nicht-Chinesen. 

 

 

Da gibt es die Huaqiao (华侨), die in den Büchern oft als "Overseas Chinese" bezeichnet werden. Also die Chinesen oder die Nachkommen der Chinesen, die im Ausland leben und oft nicht einmal Chinesisch können. 

 

Die Haltung zu dieser Gruppe ist durchaus zwiespältig. Man fühlt sich ihnen einerseits verbunden, bezeichnet sie manchmal als "ganz normale Chinesen, wie wir auch", vertraut ihnen eher als den Weißen oder Schwarzen, begegnet ihnen aber nicht ganz ohne Vorbehalte. Diejenigen, die Geld, Wissen oder Einfluss zurück nach China bringen, werden natürlich als Helden oder Heilande gefeiert. Der Gründer der Universität Xiamen gehört zu ihnen. Wer es im Ausland zu Reichtum bringt und dann in China stiftet, der gilt als Vorbild. Wer entfernte Verwandte im Ausland hat, ist natürlich besonders glücklich darüber, denn sie sind ein guter, erster Anlaufpunkt für Auslandsreisen.

 

Dann gibt es natürlich unter den Ausländern noch die Heiren (黑人). Das Wort bedeutet einfach "schwarze Menschen". Dies ist die Gruppe, auf die hier besonders herabgeblickt wird. Naja, in vielen Ländern wurde in den letzten Jahrhunderten auf Menschen mit dunkler Hautfarbe oder Menschen mit afrikanischer Herkunft herabgeblickt. Zwei meiner engsten Freunde in Stuttgart kamen aus Eritrea. Es war auch in Deutschland wirklich schwierig, in den 80er oder 90er Jahren einen multikulturellen Freundeskreis zu haben, wenn das Umfeld entsprechend spießig war. 

 

2012, nachdem ich ins Stadtrandgebiet gezogen war, sprachen mich mehrere chinesische Nachbarn an: "Jetzt haben wir hier endlich auch einen Ausländer (Laowai). Bisher gab es hier nur ein paar Schwarze (Heiren), aber jetzt haben wir auch einen Ausländer (Laowai)." 

 

Wie so oft, dachte ich, es wäre ein Witz. War es aber nicht.

 

Meine chinesischen Freunde, die in der Stadt großgeworden waren, wollten mir das nicht glauben. Sie behaupteten steif und fest, dass ich das falsch verstanden haben müsste. Hab ich nicht. Ich habe diese Äußerung mehrmals gehört.

 

 

Der Bahnhof in Fuzhou. Meistens überfüllt. Tausende Chinesen, ein Weißer (ich), kein Schwarzer. Normalität sogar in der Provinzhauptstadt. Ausländer sind hier auch Mangelware.
Der Bahnhof in Fuzhou. Meistens überfüllt. Tausende Chinesen, ein Weißer (ich), kein Schwarzer. Normalität sogar in der Provinzhauptstadt. Ausländer sind hier auch Mangelware.

Wirtschaftsmigranten und Wohlstandstouristen

In den 90er Jahren arbeitete ich ehrenamtlich als Dolmetscher für Flüchtlinge aus den Regionen des früheren Jugoslawiens. Die Realität im Alltag dieser Menschen hatte wenig gemein mit der in den Medien breitgetretenen Diskussion. Daher rührt auch meine skeptische Haltung gegenüber der aktuellen Diskussion im Winter 2013/14. Vieles von dem, was hier allen ernstes von Politikern und "Wissenschaftlern" diskutiert wird, ist bestenfalls albern.

Natürlich gibt es Wohlstandstouristen. Natürlich gibt es Wirtschaftsmigranten. Natürlich gibt es Schmarotzer. Natürlich gibt es Taschendiebe und kriminelle Banden, die von der Freizügigkeit in Europa profitieren. Das hat nur leider nichts mit dem aktuellen Themenkomplex zu tun, dass es Menschen aus anderen, armen oder krisengeschüttelten Ländern gibt, die gerne ein Dach über dem Kopf oder einen halbwegs vernünftigen Arbeitsplatz hätten. Für einige Deutsche, vor allem vom rechten Rand des politischen Spektrums, scheint das äußerst schwer verständlich zu sein.

Es ist eigentlich bedauerlich, dass wir uns in Europa über Stereotype unterhalten, anstatt die echten Probleme anzugehen: die ungleiche Verteilung des Wohlstands und der Bildungschancen in Europa und die effiziente, länderübergreifende Bekämpfung der Kriminalität. 

In China ist das überhaupt kein Thema, ob oder in wieweit Ausländer an den wirtschaftlichen Problemen mitschuldig sein könnten. In China ist das auch überhaupt kein Thema, warum Ausländer nach China kommen. 

Denn jeder weiß ja: Gleiche Chancen für alle - das gibt es nicht, nirgends auf der Welt! Es ist eine Illusion, ein Traum, der von den meisten Chinesen auch gar nicht als wünschenswert erachtet wird. Unterschiede sind gut. Und das Lebensziel eines jeden sollte sein, besser als der andere zu sein, mehr als der andere zu können oder zu haben. Die meisten asiatischen Kulturen leben vom Unterschied.

Der Wohlstand ist überall, aber besonders hier, extrem ungleich verteilt, und Ausländer kommen nach China, um hier Geld zu verdienen - vermutlich mehr Geld als in ihrer Heimat, denn warum sollte sonst jemand freiwillig nach China kommen?

Ja, so zynisch ist die Wirklichkeit hier manchmal.

Rainald Runge


(Fortsetzung)

 

 

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