China und Ausländer (Teil 2)

Eine Tee-Runde im Park am Nachmittag. Ausländer müssen hier leider draußen bleiben. Während dieser Gespräche geht es um wichtige familiäre oder geschäftliche Zukunftspläne.
Eine Tee-Runde im Park am Nachmittag. Ausländer müssen hier leider draußen bleiben. Während dieser Gespräche geht es um wichtige familiäre oder geschäftliche Zukunftspläne.

Dies ist die Fortsetzung des Artikels China und Ausländer (Teil 1)

 

 

 

Euphemismus, political correctness und Heuchelei

 

"Die Ausländer", das ist ein Begriff, der sich in Deutschland im Volksmund eingebürgert hat. Es gilt aber natürlich im Zeitalter der "political correctness" nicht mehr als fein, so zu sprechen. Deshalb gibt es auch die "Migranten" und die "Menschen mit Migrationshintergrund". 

 

In China ist das alles viel einfacher. Alle, die keinen chinesischen Pass haben, sind Laowai (老外). Ich habe noch nie gehört, dass jemand einen Ausländer einen "weißen Teufel" oder "Dämon" gerufen hätte. Mich hat in China niemand jemals als Migrant, als Gastarbeiter, als Schmarotzer oder als Wohlstandstourist bezeichnet. Ist ja auch gar nicht nötig, denn diese Konnotationen sind alle bereits in dem Begriff Laowai enthalten. Man muss darüber gar nicht erst sprechen, jeder weiß es. 

 

 

Besuch in einer kleinen Uni. In China werden immer und überall Busse voll Ausländer durch die Pampa gefahren, um ihnen die neuesten Schulen, Universitäten oder Fabriken vorzustellen. Herzlicher Empfan
Besuch in einer kleinen Uni. In China werden immer und überall Busse voll Ausländer durch die Pampa gefahren, um ihnen die neuesten Schulen, Universitäten oder Fabriken vorzustellen. Herzlicher Empfang inklusive. Die meisten Ausländer kennen nur dies.

Chinesisch sprechen lernen heißt, nicht explizit zu sprechen

 

Und das ist der erste Punkt. Während wir im Westen gewohnt sind, alles explizit zu machen, alles auszudiskutieren und alles zu erklären, ist in China die indirekte Ansprache eines Themas viel eher üblich. Oder anders gesagt: Über viele Dinge braucht man überhaupt nicht zu sprechen, denn jeder weiß es sowieso. 

 

Da über viele - vor allem negative - Dinge nicht explizit gesprochen wird, kommt man auch selten in die Gefahr, etwas Peinliches oder Unangenehmes zu sagen, für das man sich möglicherweise hinterher rechtfertigen müsste. Auch nicht vor Ausländern oder vor der ausländischen Presse.

 

In Lehrbüchern und in unzähligen Zeitungsartikeln und Blogs findet man den Ausdruck "Laowai" (老外) beispielsweise so erklärt:

 

  • 老 (lao3) bedeutet alt, aber auch ehrwürdig, vor allem im Zusammenhang mit Titeln. Lehrer heißt im Chinesischen z.B. Laoshi (老师), der Inhaber eines Geschäfts, oder schlicht der Chef, ist der Laoban (老板). 
  • 外 (wai4) bedeutet außerhalb, draußen heißt z.B. waimian (外面).

 

Der Laowai ist also der Ehrwürdige von außen. Klingt ziemlich respektvoll, nicht wahr? Und genauso wird es Ihnen jeder Chinese und fast jeder deutsche Sinologe erklären, mit noch viel überzeugenderen Argumenten als ich es jemals könnte. 

 

 

Immer schön den schönen Schein wahren

 

Eine der wichtigsten Regeln, die chinesische Schüler in der Schule oder Parteimitglieder während ihrer internen Schulungen lernen, ist, dass man gegenüber Ausländern jeglichen Konflikt und jeglichen schlechten Eindruck vermeiden muss. Es geht darum, das best mögliche Bild von China zu vermitteln. Nichts ist wichtiger. Die Wahrheit schon gar nicht. Wahrheit? Was soll das überhaupt sein...

 

Das hat nichts mit der offiziellen Hetze der Politiker gegenüber Japan oder Amerika zu tun, es geht ja um den zwischenmenschlichen Kontakt, insbesondere gegenüber Ausländern. 

 

Egal, was Sie einen Chinesen fragen, egal, worüber sie mit ihm sprechen, er wird also - wenn er eine halbwegs gute Bildung erhalten hat und wenn er kein Nestbeschmutzer sein möchte - alles entkräften oder rechtfertigen oder erklären, was es an negativen Punkten über China geben könnte. 

 

Wenn Sie daher einen Chinesen nach der Bedeutung des Wortes Laowai fragen, dann wird er Ihnen entweder sagen, es hieße "Ausländer", oder er wird ihnen sagen, dass es eine respektvolle Anrede für Ausländer wäre. 

 

 

Eine Floßfahrt in Nord-Fujian, wirklich malerisch. Die Flößer verdienen ungefähr 50 Mal so viel wie sie vorher verdient haben, als sie noch Bauern waren. Tourismus lohnt sich weit mehr als Landarbeit.
Eine Floßfahrt in Nord-Fujian, wirklich malerisch. Die Flößer verdienen ungefähr 50 Mal so viel wie sie vorher verdient haben, als sie noch Bauern waren. Tourismus lohnt sich weit mehr als Landarbeit.

Hass und Abscheu

 

Man muss lange in China leben und ziemlich weitab von den Tourismuszentren gehen, um das Wort "Laowai" mit einer deutlich vernehmlichen Abneigung zu hören. 

 

Eine Nachbarin sagte erst kürzlich zu mir, dass ich es gar nicht verdienen würde, in "unserem China" zu leben, weil ich als Ausländer - der Tod solle mir folgen! - hier doch gar nichts zu suchen hätte. Sie spuckte mehrmals auf den Boden und wünschte mir noch ein paar Mal den Tod hinterher.

 

Als ich das einem Studenten erzählte, meinte er, dass viele alte Leute durch die "Umerziehung" während der Kulturrevolution noch viele Vorbehalten hegen würden. Ich sagte ihm, die Frau war jünger als ich. Noch keine 40. Von wegen Kulturrevolution!

 

Er war schockiert. Ja, das hat mich auch schockiert. Ich wusste, dass es solche Formulierungen gibt, aber ich hatte sie noch nie gehört. 

 

Diese Dame war also ziemlich ungebildet, ungeachtet ihres neuen BMW X6 vor der Haustür und ihres  Chanel-Kleides. Denn sonst hätte sie gewusst, dass man so etwas nicht sagen darf. Jeder Chinese weiß nämlich, dass man alle schlimmen Dinge, die in China geschehen, irgendwo irgendwann einmal in einem Blog oder Zeitungsartikel über China im Ausland wiederfinden wird... 

 

Mein chinesischer Freund, der damals daneben stand, verlor augenblicklich die Fassung und wünscht der Nachbarin Tod, Teufel und die Pest an den Hals. Ich glaube, was ihn hier so schockiert hat, das war die Tatsache, dass die Nachbarin einen Ausländer wissen ließ, dass es solches Gedankengut in China überhaupt gibt. Aber ich weiß, dass er auch gespürt hat, wie schockiert ich war. Er wollte mich verteidigen. Ja, auch das gibt es in China. Es ist selten, aber es kommt vor, dass echte Freunde einen Ausländer auch gegenüber anderen Chinesen in Schutz nehmen. 

 

Mir tat es leid, dass er sich so für mich ins Zeug legte, und machte einen weiteren Fehler. Ich bat ihm - mit einer abfälligen Bemerkung in Richtung der Frau - sich nicht so aufzuregen. Das wäre doch nicht so wichtig. Woraufhin die Büchse der Pandora geöffnet war. Es ist schwer in Worte zu fassen, was die gute Frau dann alles an Flüchen, Schimpfwörtern und Hasstiraden auf mich feuerte. Ich glaube, mein Freund war damals noch weit mehr schockiert als ich, denn ich wusste schließlich, dass es unterschwellig diesen furchtbaren Hass auf alle Ausländer gibt, dass er nur nie zur Sprache gebracht wird, weil ja alles Wichtige, wenn es negativ ist, in China niemals zur Sprache gebracht wird.

 

Es tat trotzdem weh. Und hätte ich keinen Zeugen dabei gehabt, niemand würde es mir heute glauben. 

 

Ich habe wiederholt erlebt, wie relativ junge Menschen das Wort "Laowai" ausgesprochen haben und immer direkt danach auf den Boden gespuckt haben. Ich habe erlebt, wie Verkäufer zu ihrem Kollegen sagten: "Das ist ein Laowai, da kannst du ruhig mehr verlangen." Ich habe erlebt, wie ein Straßenhändler dem anderen gratuliert hat, nachdem dieser einem Ausländer völlig überteuerten Ramsch verkauft hatte.

 

Auf Straßenmärkten beobachte ich daher erst recht lange die Preisverhandlungen der chinesischen Kunden, bevor ich überhaupt beginne, mir zu überlegen, ob ich etwas kaufen möchte. Und selbst dann verlangt man oft, dass ich mindestens das Zwei- bis Dreifache bezahlen soll. Man kann's ja mal versuchen. 

 

Wenn ich das gegenüber anderen Chinesen thematisiere, antworten sie: "Du musst das verstehen. Alle Chinesen denken, dass alle Ausländer sehr reich sind. Deshalb denken sie, dass sie ein bisschen mehr verlangen müssten." 

 

Na, vielen Dank.

 

 

Eine Wohnung mieten als Ausländer

 

Jeder weiß, dass alle Ausländer (Laowai) wesentlich höhere Mieten zahlen müssen als Chinesen. Niemand würde einem Laowai irgendetwas billiger geben, und schon gar nicht eine Wohnung. Daher sagen meine chinesischen Freunde immer wieder, dass ein chinesischer Freund für mich die Mietvertragsverhandlungen führen solle, bevor ich überhaupt in Erscheinung trete. Ich habe mehrfach erlebt, wie potentielle Vermieter den Mietvertrag verweigerten, als sie erfuhren, dass ein Laowai dort wohnen sollte.

 

Meine chinesischen Bekannten sagten dann, sie könnten doch einen Mietvertrag für mich abschließen, und ich würde eben dann dort einziehen. Das wäre doch dem Vermieter egal. Leider funktioniert das nicht, denn als Ausländer muss man sich - zumindest in unserer Stadt - mit dem Ausweis des Hauseigentümers und der notariellen Urkunde, die sein Eigentumsrecht bescheinigt, beim Einwohnermeldeamt registrieren. Wenn man das nicht innerhalb von 24 Stunden nach Erneuerung des Visums macht, wird einem das Folgevisum verweigert oder zumindest die Gültigkeitsdauer halbiert. 

 

Sie glauben das nicht? Glauben Sie es. Zumindest in unserer Stadt läuft das so.

 

Rainald Runge

 

(Fortsetzung)

 

 

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