Essenszeiten in China (Teil 3)

Ein ganz alltäglicher Gemüsemarkt im Zentrum der Stadt. Es sieht wirklich so schön aus, wie auf dem Bild zu sehen ist.
Ein ganz alltäglicher Gemüsemarkt im Zentrum der Stadt. Es sieht wirklich so schön aus, wie auf dem Bild zu sehen ist.

 

Dies ist die Fortsetzung des Artikels Essenszeiten in China (Teil 2)

 

 

Früher war alles besser

 

Das ist der normale Tagesrhythmus hier in Süd-Fujian. 

 

Wenn man sich jetzt noch vorstellt, dass es früher, nicht nur aufgrund der Armut der Menschen, selten Fleisch, höchstens Fisch oder Meeresfrüchte und viel Gemüse gab, und wenn man dann noch bedenkt, dass die üblichen Mahlzeiten wesentlich kleiner waren als heute und natürlich nur an Feiertagen Alkohol getrunken wurde, dann ergibt sich daraus eine äußerst gesunde, billige und dennoch sättigende und stärkende Diät. In Korea und in Japan aß man in alter Zeit ähnlich. Man bleibt schlank, fit, und man wird alt. Steinalt. 

 

Heutzutage gehören Alkohol und Zigaretten zu den Grundnahrungsmitteln der Arbeiter und auch der älteren Parteimitglieder. Die jüngeren Leute essen viel Fastfood, insgesamt isst man wenig Obst oder Ungekochtes. Hauptsächlich viel frittiertes und gebratenes Fleisch. Schweinefleisch. Bedenken Sie jetzt, dass man, um seine Geschäftspartner bei Laune zu halten, zweimal täglich zu Abend isst und zu jeder Mahlzeit eine bis vier Flaschen Bier trinkt. Das erklärt, warum der Durchschnittschinese in den letzten 5-10 Jahren gewaltig an Gewicht zugelegt hat. 

 

Eltern und Großeltern stopfen ihre Kinder regelrecht. Wenn man Geld hat, dann greift man zu den teureren Nahrungsmitteln. In China bedeutet das: Fastfood und Süßigkeiten. Voilà.

 

 

Wenn ich einen Apfel oder eine Orange als Zwischenmahlzeit um 10 Uhr esse, belächelt man mich. Die Frage lautet dann oft: „Hast Du heute Morgen nichts gegessen?“ - „Doch, natürlich.“ - „Was denn?“ - „Eine Scheibe Brot mit Honig und eine mit Marmelade, dazu eine Tasse Kaffee.“ Manchmal sage ich auch: „Eine Schale selbstgemachtes Müsli.“ 

 

 

Die Antwort ist dann entweder ein mitleidiges: „Ooooch.“ oder „Kein Wunder, dass Du Hunger hast, Du hast ja nicht richtig gegessen.“ 

Seit 4 Jahren beobachte ich diese Dame in einer kleinen Seitengasse. Sie verkauft selbst gemachte Frühlingsrollen. Wenn man es überschlägt, dann verdient sie ungefähr viermal so viel wie ein Professor
Seit 4 Jahren beobachte ich diese Dame in einer kleinen Seitengasse. Sie verkauft selbst gemachte Frühlingsrollen. Wenn man es überschlägt, dann verdient sie ungefähr viermal so viel wie ein Professor pro Monat. Steuerfrei und ohne Ausbildung. China.

Auf die Idee, dass man aus Lust Obst essen könnte, kommt niemand. Wenn ich oft eine oder zwei Karotten mit die Pause mitbringe, erklärt man mich in der Regel für verrückt. Der Kommentar lautet dann: „Man darf Karotten nicht roh essen. Das ist ungesund.“ - „Ach.“ Ich würde auch gerne einen Rettich mitnehmen oder eine Schale selbstgemachten Kartoffelsalat vom Vortag. Aber das wage ich schon gar nicht, um nicht zu viel Aufsehen zu erregen. 

 

Wenn ich ein chinesisches Mantou (gedämpftes Brötchen) esse, fragt man mich: „Du isst chinesisches Essen?“ oder so ähnlich. 

 

Wenn man hier in Xiamen und in der Umgebung lebt, muss man sich allerdings an die Essenszeiten gewöhnen und strikt halten, weil man sonst in der Mensa und in den Garküchen vor leeren Töpfen steht. Und selbst wenn man selbst kochen möchte, muss man diese Zeiten kennen. Wer nämlich nach Feierabend um 18 Uhr glaubt, im Supermarkt gäbe es noch Obst oder Gemüse, der wird sein blaues Wunder erleben. 

 

Jedes Mal, wenn Freunde aus Nordchina zu Besuch kommen, muss ich ihnen erklären, dass man nicht um 18:30 Uhr spontan entscheiden kann, eine Kleinigkeit zu essen. Man muss das planen oder früher gehen oder eben um 18:30 Uhr zu einem teuren Restaurant, wo es aber nicht unbedingt besser schmeckt.

 

Genauso wenn die Erstsemester aus Nordchina an unsere Uni kommen. Die müssen sich erst damit arrangieren, dass in Xiamen die Uhren anders gehen. Sie lernen hier, Ihr Leben nach dem Wetter, nach den Jahreszeiten und auch nach den Geschäftszeiten der Restaurants und Läden zu richten. Das läuft hier einfach anders als in den ganz großen Städten im Norden oder Westen.

 

 

Zur Wiederholung: die Essenszeiten

 

Also: 

Frühstück zu Hause - oder einen ungesunden, pappsüßen Snack auf der Straße kaufen. 

Mittagessen idealerweise vor 11:30 Uhr.

Abendessen idealerweise um 17:30 Uhr.

Und zwischen 22 und 23 Uhr noch einen kleinen Snack. 

 

Wer die Beziehung zu Kunden, Geschäftspartnern oder einflussreichen Parteigenossen pflegen muss, der muss unter Umständen zweimal zum Abendessen gehen. 

 

Bitte verstehen Sie auch so die Frage eines Chinesen, den sie gerade erst kennengelernt haben: „Können wir zusammen zum Abendessen gehen?“ Es ist keine Freundlichkeit und es hat nichts mit einer beginnenden Freundschaft zu tun. Es geht um den Aufbau oder die Pflege einer Geschäftsbeziehung oder das Ausloten eines Geschäftspotenzials. 

 

Der Mitarbeiter bei China Telecom sagt jedes Mal, wenn ich meinen Vertrag verlängere, ein neues Handy kaufe oder um Reparatur der wieder einmal gestörten Internetverbindung bitte: „Wir gehen jetzt aber mal zusammen zu Abend essen.“ So hält man seine Kunden bei Laune. Natürlich hat er keine Lust, seine Abende mit mir zu verbringen. Und wie man auf so einen Satz am geschicktesten antwortet, das ist ein ganz anderes Thema…

 

Wenn man abnehmen möchte, kann man natürlich eine der Mahlzeiten auslassen. Wichtig ist nur, die Zeiten zu kennen und sie ernst zu nehmen. Wer um 18:30 Uhr in ein Restaurant mit bekanntermaßen gutem Essen gehen möchte, der muss erst einmal eine Stunde lang anstehen, weil es drinnen kleinen Platz gibt. Wer in die Mensa oder in die Kantine 15 Minuten später als die anderen kommt, der muss eine halbe Stunde anstehen. Wer eine halbe Stunde später kommt, der wird nur noch kalte Essensreste vorfinden. 

 

Das gilt selbstverständlich nur, wenn Sie Wert auf die lokale Küche hier legen und auf sehr wohlschmeckende, aber preisgünstige Mahlzeiten. Wenn Sie in ein x-beliebiges Restaurant gehen möchten, oder wenn Sie sich vor allem in den teuren Schickimicki-Plätzen wohl fühlen, dann können Sie die Regeln bezüglich der Essenszeiten etwas großzügiger handhaben. 

 

 

Das erklärt auch, warum man in der Mensa und in der Kantine drängelt. Oder warum man durch mancherlei fiese Tricks und Bestechung versucht, die Wartezeit vor dem Restaurant zu verkürzen. Denn sonst geht man hier leer aus. 

 

 

Die Chinesen sagen in diesen Situationen immer: „Es gibt soooo viele Menschen in China.“ Diesen Satz sollten Sie sich übrigens auch merken, er passt fast immer und überall. Und eigentlich hat er gar keine Bedeutung. Er rundet viele Gesprächsthemen oder Argumente ab. Das ist die Funktion dieses Satzes. 

 

Rainald Runge

Kommentar schreiben

Kommentare: 0
TopBlogs.de das Original - Blogverzeichnis | Blog Top Liste Blogverzeichnis > </a> </body> </html>
blogwolke.de - Das Blog-Verzeichnis </body
Blogverzeichnis