Kontrolle ist besser (Teil 4)

Verbotsschilder an einem Busbahnhof in Xiamen, China. Die besten Verbotsschilder nützen nichts, wenn niemand kontrolliert. So ist das in China.
Verbotsschilder an einem Busbahnhof in Xiamen, China. Die besten Verbotsschilder nützen nichts, wenn niemand kontrolliert. So ist das in China.

Dies ist die Fortsetzung des Blogeintrags Kontrolle ist besser (Teil 3)

 

 

Kontrolleure - ein Blick hinter die Kulissen

 

Wenn an einer Universität, wie in China häufig, Kontrolleure beschäftigt werden, um den Ablauf der regulären Semesterabschlussprüfungen zu überwachen, dann geht es um Überwachung, Beobachtung, Kritik und ein bisschen auch um ein Katz-und-Maus-Spiel. 

 

Was sich hinter den Kulissen abspielt, können wir Ausländer allerdings nur erahnen.

 

 

Gut, es mag manchen Kontrolleuren eine gewisse, sadistische Freude bereiten, die jungen Kolleginnen und Kollegen zu drangsalieren, aber sie könnten ja auch angeln gehen oder vor dem Fernseher hocken. Wer diesen Pensionären Bosheit unterstellt, der macht es sich zu einfach.

 

Man könnte die Situation ungefähr so beschreiben: 

 

  • Die Universität, genauer gesagt, die für die Unterrichtsplanung zuständige Verwaltungsorganisation, will die Prüfungen überwachen lassen, um einen gewissen Qualitätsstandard zu gewährleisten. Deshalb wurden vor einigen Semestern die Kontrollen eingeführt.
  • Die Fakultät empfindet die Kontrolleure als ein notwendiges Übel und drängt die Mitarbeiter darauf, die Prüfer ernst zu nehmen, weil es sonst ein schlechtes Licht auf die Fakultät werfen könnte. Eine Missachtung könnte langfristig womöglich auch Etatkürzungen bedeuten oder ähnliches. 
  • Die Dozentinnen und Dozenten hassen, wie bereits erwähnt, in der Regel die Kontrolleure, weil sie deren Arbeit als Einmischung in ihre Angelegenheiten empfinden.
  • Die ausländischen Dozentinnen empfinden die Situation je nach China-Erfahrung als kafkaesk und totalitär oder als albern und kindisch.
  • Die Kontrolleure sind stolz und nehmen sich sehr wichtig. Das sieht man an ihrer Kleidung. Sie kommen nicht im hier üblichen Rentner-Schlabber-Look, sondern in etwas, das man als Sonntagsstaat bezeichnen könnte. Manche tragen irgendwelche Ausweise an Kordeln um den Hals - ähnlich wie Kongressteilnehmer auf einem internationalen Kongress. Natürlich sind die Ausweise selbstgemacht oder stammen vom letzten Betriebsausflug der Partei-Ruheständler, haben also mit der aktuellen Tätigkeit als Kontrolleure nichts zu tun. Aber sie sehen wichtig aus. Die Kontrolleure reagieren extrem empfindlich darauf, wenn man sie nicht ernst nimmt. Und das kann man ja auf einer ganz menschlichen Ebene auch verstehen.

 

Hier ist offenbar ganz viel schlechte Laune und ganz wenig Respekt im Spiel.

 

Ein bisschen Sexismus ist vielleicht auch dabei.

Die Kontrolleure sind fast ausschließlich Männer deutlich jenseits der 60. Viele Dozentinnen sind junge Frauen. 

 

 

Die Rahmenbedingungen sind allen Beteiligten klar:

 

Alle anwesenden Prüfer (also die DozentInnen) sind dazu verpflichtet, während der gesamten Zeit zu stehen und die StudentInnen im Auge zu behalten. Es wird ausdrücklich gesagt, dass die Prüfer nicht mit anderen Arbeiten beschäftigt sein dürfen. Also keine Text-Messages auf dem Handy, keine Korrektur von anderen Prüfungen oder gar auf dem iPad ein Video anschauen. 

 

Ich habe einmal gehört, dass ein Kontrolleur eine Kollegin zurechtgewiesen hätte, weil sie während der Prüfung auf die Toilette gegangen wäre. Ein andermal ging es darum, dass eine Dozentin während der Prüfung Ohrhörer im Ohr gehabt hätte und Musik gehört hätte. Das wurde heftig kritisiert. 

 

Eine Kollegin korrigierte einmal während der Prüfung ihre eigenen Klausuren, während ich stand und ein Buch las, das man schnell hinter dem Rücken verstecken konnte, wenn der Kontrolleur kommen sollte. Sie wurde sehr streng ermahnt und musste sich sogar für ihr Verhalten rechtfertigen. Mir ist zum Glück nichts außer einem strengen Blick widerfahren.

 

 

 

Katz und Maus

 

Die ganze Sache hat nach einiger Zeit auch eine gewisse Eigendynamik entwickelt. Ein Katz- und Maus-Spiel zwischen Kontrolleuren und jungen, weiblichen Dozentinnen hauptsächlich. Die Ausländer bekommen von diesen internen Spielen und Machtkämpfen oft wenig mit. Zum Glück. Chinesen haben Taktgefühl und wissen, dass man Interna nicht vor der internationalen Öffentlichkeit breittreten muss. 

 

Das ist etwas, das mir an China eigentlich ganz gut gefällt.

 

In diesem Semester wurden wir nochmals vom Fakultätssekretariat deutlich darauf hingewiesen, dass wir für die Kontrolleure ein extra Exemplar der Prüfungsbögen bereit halten sollten. Und zwar für jede Prüfung zwei Gruppen, A und B. Auch wenn wir nur eine einzige Gruppe geplant haben. 

 

Das ist schon lästig. Man muss explizit zwei Prüfungen entwerfen, obwohl nur eine Version zur Anwendung kommt. Es wird dabei betont, dass es nicht genügt, die Reihenfolge der Multiple-Choice-Fragen nur umzustellen. Man muss komplett neue Fragen entwerfen. 

 

Soweit die offizielle Verlautbarung. 

 

Was die Kolleginnen und Kollegen im Einzelnen tun, weiß ich natürlich nicht. Mir persönlich sind die Kontrolleure eigentlich auch egal. Ich meine, mich stören sie nicht, denn ich nehme die Prüfungen selbst ja auch ernst. Zwei Aufgabensätze kann ich vorbereiten. Das ist lästig, aber O.K., wenn man es rechtzeitig bekannt gibt.

 

Wenn die Kontrolleure zu mir kommen, sind sie oft sehr kurz angebunden. Denn sie denken, wie fast alle Chinesen: Ausländer = spricht nur Englisch. Die älteren Herren können in der Regel überhaupt kein Englisch. Deshalb vermeiden Sie den Kontakt mit den ausländischen Lehrern, wenn möglich. Manche, die die Kulturrevolution noch miterlebt haben, mögen vielleicht auch Vorbehalte gegenüber Ausländern haben. Das will ich aber hier gar nicht unterstellen. 

 

Dass es aber Ausländer gibt, die eine andere Muttersprache als Englisch haben oder vielleicht gar kein Englisch können, oder Ausländer, die Chinesisch sprechen, daran denkt fast niemand.

 

Wenn der Kontrolleur kommt, dann gehe ich auf ihn zu, sage "Guten Tag", sage, dass dies hier eine Prüfung im Fach Germanistik sei und wie der Kurs heißt. Auf Chinesisch natürlich. Er lächelt, nickt heftig, macht einen Haken, sucht noch die ebenfalls anwesende zweite Kollegin, die Aufsicht hat und fragt, ob alle Studenten, die sich angemeldet hatten, auch erschienen seien.  Nach meinem "Alle Studenten sind anwesend" trollt er sich dann. 

 

Einige der Kontrolleure kennen mich sowieso schon, und manchmal genügt dann auch nur ein Winken durchs Fenster (Zum Flur hin hat jeder Seminarraum eine Fensterfront. Abgesehen davon sind die meisten Fenster hier in Südchina sowieso ganzjährig geöffnet. Siehe dazu den Artikel "Fenster auf, Fenster zu".). 

 

Also, der Kontrolleur geht vorüber, ich winke, lächle, er winkt oder nickt würdevoll, macht seinen Haken und geht weiter.

 

Noch nie hat ein Kontrolleur meine Prüfungsaufgaben sehen wollen. Ganz anders bei meinen jungen chinesischen Kolleginnen. Er möchte die Prüfungsbögen für Gruppe A und B sehen und nahm auch schon einmal von beiden Prüfungsbögen je ein Exemplar mit. 

 

Diese Situation erscheint fast grotesk (da er ja kein Deutsch versteht), oder aber die junge Kollegin befindet sich in einem Qualifikationsprozess oder bei der Vorbereitung einer Beförderung (innerhalb der Partei oder innerhalb der Uni). In diesem Zusammenhang nimmt man die Kandidaten und ihre gesamte Arbeit natürlich etwas genauer unter die Lupe. Das ist überhaupt nichts Außergewöhnliches und würde so oder ähnlich in den meisten Unternehmen auch geschehen.

 

Als Ausländer werde ich natürlich nie die "Wahrheit" erfahren. Ist ja auch überhaupt nicht wichtig. Abgesehen davon geht es mich ja auch nichts an. 

 

Was ich sagen möchte: Es gibt kein Problem mit den Kontrolleuren, wenn man auf sie zu geht. 

 

 

 

Perspektivenwechsel - Toleranz, Verständnis, Akzeptanz, Respekt

 

Bei einem langjährigen Aufenthalt in China wird sich (hoffentlich) nach und nach Ihre Perspektive ändern. Von Kritik hin zu mehr Verständnis und manchmal auch zu mehr Akzeptanz. Dass Ausländer in einem Gastland auch eine gewisse Portion Toleranz im Gepäck haben sollten, vergessen wir ja leider auch oft. 

 

Was aber noch wichtiger scheint, ist, dass wir Deutschen, die wir oft genau wissen, was Respekt und Höflichkeit bedeuten, diese Qualitäten manchmal am Zoll bei der Einreise nach China abzugeben scheinen. Die Kontrolleure verdienen aufgrund ihrer Aufgabe einen gewissen Respekt, und die Prüfungen auch, denn sie sind kein Spiel und auch nicht überflüssig. 

 

Qualitätsmanagement ist stets nur für diejenigen, die keine Qualität schätzen, lästig. 

 

 

 

Und wie wär's mit Empathie?

 

Und schließlich: Stellen Sie sich doch bitte einmal vor, dass Sie als 70-jähriger ehemalige Dozent dazu "verpflichtet" würden, bei Ihrer früheren Universität Kontrolleur zu spielen. Würden Sie das dann mit Freude tun, wenn Sie erleben müssten, dass die jüngeren KollegInnen auf Sie herabsehen?

 

Es gehört sich einfach nicht, über die "Kontrolleure" herzuziehen. Und wenn jemand seine Probleme mit der Frauenwelt auf seine alten Tage ausagieren zu müssen glaubt, dann soll er es eben tun. Wir sind alle Frau und Manns genug, um zu wissen, dass wir uns diesen Schuh nicht anziehen müssen. 

 

Was für Sie hier vielleicht extrem spießig klingen mag, ist eine Sichtweise, die man in China üben kann. Ohne sie geht's hier auch nicht. Oder nur schwer.

 

 

 

Kultur hat mit Werten zu tun

 

Gleichzeitig wird daran deutlich, zu welchem inneren Zwiespalt das Leben in China manchmal unweigerlich führt: Man schmunzelt über das, was man erlebt. Und gleichzeitig erkennt man, dass der Spott hier völlig unangebracht ist. Wenn Ihnen das passiert, dann sind Sie in der neuen Kultur angekommen. Dann hat sich nicht nur Ihr Verhalten verändert, sondern auch Ihre Denkweise und Ihr Wertesystem. Sie wissen, was sich in der neuen Kultur gehört.

 

Wenn kulturelle Anpassung oder Integration als Übernahme der Werte einer neuen Kultur bezeichnet werden kann, dann beschreibt dieser Text vielleicht gerade den notwendigen Anpassungsprozess, der vielen Auswanderern (auch mir!) schwer fällt oder zumindest lange dauert. Aber genau darum geht es.

 

Wenn Sie nach China gehen, dann bringen Sie viel Zeit mit. Und geben Sie nicht zu früh auf.

 

Rainald Runge

 

 

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