Kontrolle ist besser (Teil 3)

Kaffee und Kekse, auch Obst. Die Erste-Hilfe-Ausrüstung für lange Tage der Prüfungsaufsicht.
Kaffee und Kekse, auch Obst. Die Erste-Hilfe-Ausrüstung für lange Tage der Prüfungsaufsicht.

Dies ist die Fortsetzung des Blogeintrags Kontrolle ist besser (Teil 2)

 

 

 

„Danke“ heißt nicht immer „Danke“

 

Das für Ausländer oft Schwierige ist: Chinesen zeigen sehr wohl Lob und Kritik, Missfallen und Anerkennung. Oft sogar sehr deutlich. Meist aber eben auf ganz anderem Wege als wir. 

 

Das, was wie Freundlichkeit aussieht, kann Gleichgültigkeit oder Verachtung ausdrücken. Das, was wie Ärger oder Streit aussieht, kann ein deutlicher Beweis einer engen Freundschaft sein. 

 

 

Einige sehr heftige Formen der Kritik oder Beleidigung klingen im Chinesischen für fremde Ohren wie ein Lob oder wie eine sehr komplizierte Dankesformel. Es sind aber tatsächlich Flüche.

 

Ein aus der wissenschaftlichen Literatur bekanntes - vielleicht weniger drastisches - Beispiel klingt ungefähr so: "Ich danke dir und deiner ganzen Familie." Das ist für viele Chinesen eine ziemlich starke Beleidigung. 

 

Manchmal ist das "Danke" auch typisches Erkennungsmerkmal der Kommunikation mit Fremden, also eine Höflichkeitsfloskel oder ein Instrument, um Distanz auszudrücken. Wie das Händeschütteln.

 

Manchmal kann sogar das betonte "Danke" (oder das regelmäßige Händeschütteln) bedeuten: "Lass uns mal lieber auf Distanz bleiben." oder "Unsere Beziehung soll rein geschäftlicher Natur sein."

 

Nur in den seltensten Fällen hat das "Dankeschön" eine ähnliche Bedeutung wie bei uns in Deutschland, in traditionell denkenden Familien- und Freundeskreisen gebraucht man es eigentlich nie. 

 

Wer sich also allzu oft bedankt, gerade im Freundes- oder Familienkreis, der erzeugt eine schlechte Stimmung oder ein Gefühl der Distanz. Natürlich zeigt man Dankbarkeit, aber eben nicht durch das Wort "Danke". 

 

Typisch Deutsch:

Oma gibt dem Kind ein Stück Schokolade. 

Mama sagt: "Wie sagt man da?"

Tochter (6) sagt: "Danke."

Oma sagt: "Ist sie nicht süß?"

 

Typisch Chinesisch:

Tochter (16): "Mama! Tee!"

Mama: "Hier, bitte. Trink vorsichtig."

Tochter: "Ich weiß."

 

Last-Minute Prüfungsvorbereitung. In China Standard. Niemand lernt Wochen oder Monate vor der Prüfung.
Last-Minute Prüfungsvorbereitung. In China Standard. Niemand lernt Wochen oder Monate vor der Prüfung.

Die Hunde kommen!

 

Zurück zum Ausgangsthema: Prüfungen an der Universität.

Kürzlich sagte jemand: "Eigentlich hasst jeder die Kontrolleure. Das sind Hunde, Schweine." Diese Wortwahl hat mich dann doch etwas überrascht. 

 

Was genau tun die Kontrolleure bei der Prüfung an der Uni eigentlich?

 

Sie kontrollieren die Anwesenheit des Prüfers, der zweiten Prüfungsaufsicht, und aller Studenten. Sie kontrollieren, ob die Prüfung überhaupt stattfindet und ob es irgendwelche nicht genauer spezifizierten Unregelmäßigkeiten gibt. 

 

"Gut, dass das jemand macht!", könnte man ja auch sagen. Auf diese Weise können sich alle Beteiligten darauf verlassen, dass die Prüfung von allen ernst genommen wird. Und dass sie auch wichtig ist und eine bestandene Prüfung einen gewissen Wert hat.

 

Seit einigen Semestern kontrollieren die Kontrolleure auch die Aufgabenblätter. Sie verlangen also, die Prüfungsbögen einsehen zu dürfen und lesen sich ziemlich genau die Aufgaben durch. Oder sagen wir vielleicht ganz neutral: Sie verbringen ziemlich viel Zeit damit, die Prüfungsbögen anzuschauen. 

 

Denn die meisten Kontrolleure verstehen vermutlich kein Deutsch. Deshalb kann ich mir ein Grinsen oft nicht verkneifen, wenn sie die Grammatik-Prüfung oder die Literatur-Prüfung der Germanistikabteilung fünf Minuten lang genau, Seite für Seite, durchgehen. 

 

Und wenn die Studenten mich grinsen sehen, dann denken sie vielleicht insgeheim, wie respektlos der ausländische Lehrer da vorne ist. 

 

Wobei wir beim eigentlichen Thema wären. 

 

 

 

Was hat das mit Respekt zu tun?

 

Der Prüfung gebührt Respekt. 

 

Der Universität auch, und den DozentInnen sowieso. Und ganz sicher dem pensionierten Professor, der in seiner Freizeit seine Kraft der Uni zur Verfügung stellt. 

 

Respekt im eigentlichen Sinne des Wortes könnte man auch so in die heutige Zeit übertragen: Respekt bedeutet die Anerkennung einer gewissen Funktion oder Rolle oder Fähigkeit.

 

Ein ganz weit hergeholtes Beispiel soll das hier verdeutlichen. Wenn jemand sagt, er hätte Respekt vor einem Sturm, dann meint er damit, er habe verstanden, dass ein Sturm eine gewisse Gefahr in sich birgt. Ein Sturm kann folgenschwer sein. Wenn man davon weiß, dann bedeutet das, dass man ihm Respekt entgegenbringt. 

 

Respekt bedeutet nicht unbedingt Bewunderung oder Demut. Es bedeutet zunächst einmal die Anerkennung der Realitäten.

 

Eine Prüfung entscheidet in der Regel über den Fortgang des Studiums. Wer sie nicht ernst nimmt, gefährdet seinen Abschluss. Die Uni ist diejenige Institution, die mir das Abschlusszeugnis ausstellen wird. Wenn jemand vor Abschluss des Studiums des Campus verwiesen wird, dann ist er oder sie eben ohne Abschluss. 

 

Respekt bedeutet, diese und ähnliche Tatsachen anzuerkennen, nicht Ehre oder Bewunderung für etwas oder jemanden zu empfinden.

 

 

Rainald Runge

 

 

(Fortsetzung)

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