Kontrolle ist besser (Teil 1)

Prüfungstag. Können Sie die Überwachungskamera in der Ecke neben dem Fenster sehen?
Prüfungstag. Können Sie die Überwachungskamera in der Ecke neben dem Fenster sehen?

 

... Kontrolle ist besser.

 

Wenn an der Universität die großen Semesterabschlussprüfungen stattfinden, werden pensionierte Lehrer und verdiente Parteimitglieder im Ruhestand eingeladen, als Aufseher der Aufseher, als Kontrolleure bei den Prüfungen, zu dienen.

 

Das System der gegenseitigen Beobachtung und Aufsicht in China ist wirklich hoch komplex und zieht sich durch alle Teile des Alltags und der Arbeitswelt. Nur ziemlich weit oben in der Nahrungskette wird davon abgesehen. 

 
 

Es kann nur einen Kaiser geben!

 

Aus diesem Grund verstehen die chinesischen Studenten im Politik-Seminar das System der wechselseitigen Kontrolle gemäß dem deutschen Grundgesetz sehr gut. Sie kennen es aus ihrer täglichen Erfahrung, dass immer jemand irgend etwas kontrolliert oder beobachtet, und der Kontrolleur selbst wird ebenfalls beobachtet und kontrolliert. 

 

Was die StudentInnen allerdings nicht verstehen können, das ist, warum die die Staatsorgane auf höchster Ebene, also Bundespräsident, Bundesregierung, Bundestag, Bundesrat und Bundesverfassungsgericht, sich gegenseitig kontrollieren und sogar in die Schranken weisen können. 

 

So etwas ist in China undenkbar. Zumindest wird es nicht öffentlich, sollte es interne Machtkämpfe geben. Wenn es öffentlich wird, dann rollen ganz gewiss Köpfe. Und zwar zuerst diejenigen, die getratscht haben. 

 

Man lernt hier auch von klein auf, dass einen die Arbeit der Regierung und der hohen Beamten nichts angeht. Man lernt sich rauszuhalten, wegzuschauen. "Die da oben", das ist in China eine völlig andere Welt. 

 

In China wäre undenkbar, dass inzwischen zwei Bundespräsidenten nach beispiellosen Kampagnen der Presse innerhalb weniger Jahre ihren Rücktritt erklärt haben. Viele Chinesen würden ähnliche Geschehnisse in China als Feindseligkeit gegenüber dem gesamten Volk, nicht gegenüber einer einzelnen Person wahrnehmen. Und schon gar nicht als ein Instrument der Demokratie oder als ein Grundrecht. Das sieht man hier ganz anders.

 

Man kann die betroffenen Präsidenten, Köhler und Wulff, mögen oder nicht. Man kann die Pressefreiheit schätzen oder nicht. Aber mit Ruhm bekleckert hat sich die deutsche Öffentlichkeit damit im Ausland nicht. In China würden die meisten Menschen nicht applaudieren, wenn der Ruf des Staatsoberhauptes solange demontiert wird, bis er den Rücktritt erklärt. Hier würde man diese Art des Journalismus als geschmacklos empfinden, wenn es um das Staatsoberhaupt geht. Der ist hier tabu. 

 

Es geht hier nicht um die Bewertung der Pressefreiheit oder um politische Vorlieben, sondern um die Frage, wo wechselseitige Kontrolle Platz hat und wo sie nichts verloren hat. Das ist nicht nur in den verschiedenen politischen Systemen unterschiedlich, sondern wird in verschiedenen Kulturen auch unterschiedlich erlebt. 

 

 

 

Kontrolle bringt Freiheit?

 

Für Neulinge in China mag die ständige Kontrolle und Überwachung mitunter bedrohlich wirken. Man wird schnell paranoid, nicht wegen der allgegenwärtigen Überwachungskameras (auch im Seminar an der Uni und an den meisten Schulen wird man als Dozentin oder Lehrerin ständig von Kameras angeglotzt), sondern wegen der ständigen Kontrollen und Prüfungen. Die kommen nämlich für Ausländer in der Regel unerwartet und überraschend. Wenn man aber lange genug in China lebt, dann weiß man, wann und wo wer gerade kontrolliert. Das entspannt die Situation ganz erheblich.

 

In Wirklichkeit, so werden die meisten Chinesen sagen, geht es aber um etwas ganz Anderes. Es geht um Qualitätsmanagement, und auch um Entlastung. Denn wenn mir immer jemand auf die Finger schaut und bei Bedarf auf die Finger klopft, wenn ich etwas falsches gemacht habe, dann bin ich von dem Druck und der Last befreit, ständig selbst darauf achten zu müssen, dass ich alles richtig mache. Burnout in diesem Arbeitsklima ist ziemlich unmöglich. 

 

Das, was wir Deutsche also als Überwachungsstaat oder Orwell'sche Verhältnisse bezeichnen würden, nehmen die meisten Chinesen bestenfalls als Fürsorge oder Bemutterung wahr. Oder sie ignorieren es total bzw. verdrängen es.

 

 

 

Der Handwerker ist im Haus: daneben stehen, zuschauen, kontrollieren

 

Im Alltag kennt man das auch: Nur wenn man direkt neben dem Handwerker steht, arbeitet er ordentlich. Wenn man eine Putzfrau hat, muss man oft anwesend sein, damit sie gründlich putzt. Wenn man sein Auto zur Reparatur bringt, dann wartet man darauf. In den meisten Fällen steht man neben dem Mechaniker und schaut ihm bei der Arbeit zu. Auch wenn man selbst überhaupt keine Ahnung davon hat. 

 

Die Handwerker empfinden das auch nicht als Bevormundung, Überwachung oder Respektlosigkeit, sondern im Gegenteil als selbstverständlich, ja vielleicht sogar als anerkennend. Wer sie nicht beobachtet, der legt auch keinen Wert auf Qualitätsarbeit. Mangelnde Kontrolle ruiniert also hier die Motivation. Der schlampig arbeitende Handwerker ist dann kein Betrüger, sondern ein enttäuschter Handwerker, der keine Wertschätzung für seine Arbeit erhalten hat. 

 

Diese Sicht des chinesischen Alltags macht wirklich Sinn. Dann funktioniert vieles gleich auch besser. Auch für den Fall, das meine hier beschriebene Deutung der Situation im Kern falsch sein sollte: Es funktioniert besser, wenn Sie mit dieser Einstellung auf andere zugehen. 

 

Rainald Runge

 

 

(Fortsetzung)

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