Seien Sie kein Ei! (Teil 2)

Versteckt in einer Nebenstraße in unserem Vorort befindet sich diese kleine Garküche. Hier schmeckt's am besten. Seit ich regelmäßig hierher komme, ist der Umsatz deutlich gestiegen...
Versteckt in einer Nebenstraße in unserem Vorort befindet sich diese kleine Garküche. Hier schmeckt's am besten. Seit ich regelmäßig hierher komme, ist der Umsatz deutlich gestiegen...

Dies ist die Fortsetzung des Artikels Seien Sie kein Ei! (Teil 1)

 

 

Typisch Ausländer!?

 

Je länger ich in China lebe, desto mehr wird mir bewusst wie typisch deutsch (und vielleicht auch einfach: wie spießig) ich bin. Gleichzeitig finden mich die Chinesen so untypisch für einen Ausländer. Sie meinen manchmal, ich wäre "zu Chinesisch".

 

 

Chinesen gehen nämlich erst einmal grundsätzlich davon aus, dass alle Ausländer mehr oder weniger gleich sind.

 
Reis-Suppe, etwas Gemüse, geröstete Erdnüsse. Ein rundum gelungenes Abendessen. Gibt's hier in der Garküche für 6 RMB.
Reis-Suppe, etwas Gemüse, geröstete Erdnüsse. Ein rundum gelungenes Abendessen. Gibt's hier in der Garküche für 6 RMB.

Will heißen: Wir essen täglich Schnitzel oder Steak. Und zwar nur das!

Wer das Wort "Deutschland" schon mal gehört hat, meint zu wissen, dass alle Deutschen jeden Tag viel Bier trinken. 

Meine Studenten wissen inzwischen, dass wir Deutschen tatsächlich täglich Brot (oder Brötchen) essen, was sie total abgefahren finden: "Wie kann man jeden Tag Brot essen?"

 

Ich esse fast kein Fleisch, trinke pro Jahr insgesamt höchstens soviel Alkohol wie in einem  Viertelliters Rotwein enthalten ist. Warum? Ich bin weder Vegetarier noch Antialkoholiker. Aber ich vertrage weder das Fleisch hier noch Alkohol. Muss am Wetter liegen. Deshalb hält man mich für "keinen richtigen Ausländer“. Und ein Deutscher kann ich schon gar nicht sein. Denn ich laufe ja nicht ständig mit einem Bierfass unter dem Arm herum.

 

Und weil ich, seit ich Teenager war, gewohnt bin, bestimmte Speisen mit dem Stäbchen zu essen, denken sie auch, das wäre nicht normal. Viele Speisen, die man hier in China isst, kann man einfach am leichtesten mit den Stäbchen essen. Man braucht ja auch nichts zu schneiden, weil die Fleisch-Stücke schon geschnitten sind. Und Fisch kann man ganz hervorragend mit Stäbchen filetieren und essen. 

 

Wenn man mich fragt: "Du isst doch bestimmt jeden Tag Steak, oder?", dann sage ich: "Nö, eigentlich esse ich das gleiche wie du." 

Höhnisches Lachen vom Gegenüber. "Jetzt mal ehrlich, was isst du jeden Tag?" 

"Naja, Mittags eine Schale Reis mit etwas Gemüse, manchmal etwas Fisch.“

"Und abends?“

"Eine Schale Reissuppe mit etwas Gemüse.“

"Und Steak?“

"Ich esse kein Steak, eigentlich fast kein Fleisch.“

"Das ist aber ungesund, so zu leben. Ohne Fleisch wird man krank. Ich dachte, Ihr Ausländer hättet einen gesunden Lebensstil."

 

Der Knackpunkt hier war meine Antwort, dass ich mich eben chinesisch ernähren würde. Das hält man hier für einen zynischen Witz. 

Genauso wie die Leute starren, wenn ich in einer billigen Garküche sitze, wo man für 5 RMB unter mehr als fragwürdigen hygienischen Bedingungen sich den Bauch voll schlagen kann. 

 

Die Passanten halten das für einen Witz. Die denken, ich würde mir einen Scherz erlauben, und mal damit angeben wollen, dass ich auch so wie die Unterschicht-Chinesen leben könnte. Viele denken, ich würde auf diese Weise auch diejenigen Chinesen verspotten wollen, die wenig Geld haben. Dass ein Ausländer hier isst, weil es gut schmeckt, oder weil es einfach anderswo zu teuer ist, das glaubt keiner.

 

Denn - und das weiß ja jeder: Alle Ausländer sind reich und können sich den größten Luxus erlauben. 

 

 

Ich bin der einzige Ausländer in unserem Viertel. In unserer umzäunten Siedlung gibt es ca. 500 Wohnungen, es leben hier also mindestens 1500 Menschen. Ein Ausländer. Ich. In unserem Stadtteil (ca. 300.000 Menschen) gibt es noch ein paar Afrikaner, angeblich. Ich habe einmal einen auf der Straße gesehen. Und einen oder zwei Südamerikaner. Habe ich nie gesehen. Wir Ausländer sind hier also wirklich Ausnahmen. Sonderlinge. Verrückte vielleicht. 

 

Wenn aber ein Ausländer Chinesisch spricht, chinesisch isst, die gleiche Kleidung trägt und auch noch einen ähnlichen billigen Motorroller fährt (anstatt eines dicken BMW), dann ist der schon fast ein Ei. Zu sehr chinesisch!

 

Der Terminus "Ei" ist in China übrigens unüblich. Er wird in einigen Großstädten der USA eher gebraucht. Aber auch nicht von allen. Er passt hier also nicht so recht. 

 

Man findet es eben nur seltsam, wenn jemand die Essgewohnheiten seiner Heimat aufgibt. Ansonsten begrüßen die Chinesen es, wenn sich jemand einzuleben oder anzupassen versucht. Das ist hier die absolute Ausnahme. Die meisten Ausländer leben ja fast wie in Ghettos. Und sie bleiben nur ein oder zwei Jahre. 

 

Ich erinnere mich noch gut daran, als mein drittes Jahr in China vorüber war (in derselben Stadt). Die Nachbarn fragten mich wie immer vor den Sommerferien: „Und, gehst du wieder nach Hause?“ Ich sagte: „Nein, warum?“ - „Wie lange bleibst du noch in China?“ - „Keine Ahnung, mal schauen, vielleicht noch 10 oder 20 Jahre.“ Dann folgte ein anerkennendes „Ohhhhh!“ Wer länger als 3 Jahre bleibt, der meint es ernst mit China. Und der wird plötzlich ganz anders behandelt als jemand, der nach einem oder zwei Jahren zurückzukehren plant. Oder jemand, der im Ausland lebt und nur zu Geschäftsreisen oder im Urlaub nach China kommt. 

 

Nur mit dem Aussehen will es nicht so recht klappen. Meine Hautfarbe und die Länge meiner Nase will sich nicht so recht verändern. Deshalb, egal wie sehr ich mich bemühe, mein Chinesisch zu verbessern, rufen die Leute auf der Straße immer noch jeden Tag: "Schau mal, der Ausländer!"

 

Um die Menschen in China auf positive Weise zu beeindrucken, ist es gut, einerseits die eigene kulturelle Identität beizubehalten und hochzuhalten und andererseits gleichzeitig die chinesische Sprache zu lernen. Mehr erwartet man nicht. 

 

Die Austauschstudenten oder Austauschdozenten, die im Mao-Anzug rumlaufen, ein traditionelles chinesisches Seidenhemd tragen oder auf der Straße Tai-Chi machen, die werden höchstens belächelt. 

 

Seien Sie kein Ei. 

 

 

 

Rainald Runge

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