Interkulturelles Training für China - Basiswissen

Diese Jungs genießen gerade einen freien Nachmittag im Park. So sehen manchmal Chinesen aus, wenn sie ihr Leben genießen. Unsere Körpersprache ist da schon anders.
Diese Jungs genießen gerade einen freien Nachmittag im Park. So sehen manchmal Chinesen aus, wenn sie ihr Leben genießen. Unsere Körpersprache ist da schon anders.

 

Interkulturelles Training für China - Basiswissen

 

In diesem Blog gab es schon mehrere Texte mit interkulturellem Hintergrund. Im Prinzip ist ja alles, was Sie auf dieser Webseite lesen, interkulturelle Kommunikation: Ein Deutscher geht nach China, lebt, beobachtet und interagiert dort mit Einheimischen und erzählt anschließend davon anderen Deutschen davon. 

 

 

Wenn Sie diesen Blog lesen, wenn Sie Seminare zum Thema China besuchen, und wenn Sie mit „Fachleuten“ über China sprechen, können Ihnen folgende acht Empfehlungen helfen:

 
 
Mein unvergesslicher zweiter Tag an der Peking-Universität. Das Besondere an diesem Foto: Ich hatte diese Leute vorher noch nie gesehen und nachher auch nie wieder getroffen. Fünf Minuten lang sah es
Mein unvergesslicher zweiter Tag an der Peking-Universität. Das Besondere an diesem Foto: Ich hatte diese Leute vorher noch nie gesehen und nachher auch nie wieder getroffen. Fünf Minuten lang sah es so aus, als wären wir die dicksten Freunde.
  1. Was Sie hier lesen, ist immer subjektiv. Es sind also keine Tatsachen über China, sondern Beobachtungen, Einschätzungen (und Fehleinschätzungen), Beschreibungen, Zitate. Lassen Sie sich dabei nicht täuschen. Die komischsten und scheinbar verrücktesten Geschichten sind hier Alltag. Die seriösen, logischen, klugen Geschichten, sind oft Erfindungen von westlichen Beobachtern. Das gilt so für alle Seminare, Texte und Gespräche zum Thema „China“. Die meisten Menschen tun nur so, als könnten sie objektiv berichten. Vielleicht ist die Summe vieler Berichte etwas weniger subjektiv. Wahrscheinlich helfen wissenschaftliche Methoden aber auch nicht weiter, wenn man ein so vielfältiges Land wie China beschreiben möchte, dass sich darüber hinaus in solch einem hohen Tempo ständig verändert. Ein fünf Jahre altes Buch ist sowieso veraltet. Und wer vor 10 Jahren einmal in China studiert hat und seitdem dreimal im Jahr beruflich hierher kommt, kennt China nicht mehr. Geben Sie bitte die Suche nach der objektiven Wahrheit über China auf.
     
  2. Objektivität ist vermutlich überhaupt nicht notwendig, wenn Sie sich für eine andere Kultur interessieren oder dort leben und arbeiten möchten. Wir vergessen einfach allzu oft, dass wir es mit Individuen zu tun haben. Lernen Sie daher, mit Ihrer eigenen Subjektivität umzugehen, und akzeptieren Sie Ihr Gegenüber als ein Subjekt, nicht als Teil einer kulturellen Masse.
     
  3. Lernen Sie Empathie für die Angehörigen der Zielkultur. Stellen Sie sich doch bitte einmal für einen Moment vor, wie es sich für einen Durchschnitts-Chinesen anfühlen müsste, wenn er verstünde, dass manche Deutschen von der „gelben Gefahr“ sprechen. Wenn er die Geschichte dieses Begriffes kennen würde und wenn er wüsste, dass viele Deutsche auch heute noch mit dieser furchtbaren Phrase ankommen - wie müsste er sich dabei fühlen? Viel zu viele Leute begegnen einer anderen Kultur von oben herab. Übrigens auch Chinesen dem westlichen Ausland.
     
  4. Lernen Sie, sich zu schützen. Das andere Extrem zur Empathielosigkeit ist Leichtgläubigkeit. In einer Kultur, in der es nicht mal im Ansatz christliche Werte gibt, kommt man mit Nächstenliebe auch nicht weiter. Und selbst in westlichen Ländern ist das Christentum ja oft kaum mehr als ein Lippenbekenntnis.
     
  5. Planen Sie für Ihren China-Aufenthalt mehr Zeit ein als nötig und viel Spielraum für Unvorhergesehenes. Und eigentlich sollten Sie auch finanziell mit viel Spielraum kalkulieren. Mitunter müssen Sie hier „Lehrgeld“ bezahlen, bis Sie ungefähr verstehen, wo der Hase lang läuft.
     
  6. Mit Bezug auf China (aber auch andere Kulturen) sollten Sie unbedingt etwas darüber lernen, ob, wann, wie oder wie viel Dankbarkeit man zeigt, ob, wann, wie oder wie viel Höflichkeit man zeigt, ob, wann, wie oder wie viel Freundlichkeit man zeigt, ob, wann, wie oder wie viel Härte man zeigt. Man sieht z.B. immer noch Ausländer in China, die sich vor ihren Geschäftspartnern oder Kollegen verbeugen. Das ist lachhaft.
     
  7. Darüber hinaus ist es in China völlig wurscht, mit wie vielen Händen Sie die Visitenkarten übergeben oder wie viel Alkohol Sie trinken. In den gängigen Büchern und Trainings-Programmen werden immer noch Legenden verbreitet, die mit dem heutigen China (im Jahr 2013) wenig zu tun haben. Im Gegenteil: Die Chinesen wissen doch auch, dass wir Ausländer lernen, wir müssten immer mit Ihnen bis zum Umfallen trinken. Manche machen sich einen Spaß daraus, die Ausländer kampfunfähig zu trinken. Und während man Sie ganz bewusst unter den Tisch trinkt, gehen Ihre chinesischen Gastgeber fast nüchtern nach Hause. Dies sei nur ein Beispiel für die vielen Legenden, die man über China lernen kann. Vergessen Sie daher Verhaltensregeln und konzentrieren Sie sich darauf, bessere Beobachter und Zuhörer zu werden. Und lassen Sie sich niemals unter Druck setzen. Schon gar nicht unter Zeitdruck!
     
  8. Lernen Sie, über sich selbst, über andere, über die Unwägbarkeiten scheinbar simpler Situationen und über Fehler zu lachen. Chinesen lachen viel. Oft fühlt es sich vielleicht so an, als würde man Sie auslachen. Tatsächlich möchte man Peinlichkeiten weglachen. Das müssen Sie unbedingt lernen, und zwar auch als Einstellung zu Schwierigkeiten in China. 

 

 
 
Ein paar Jahre später in Nanjing. Es ist ganz normal, dass eine wildfremde Frau mit Ihnen flirtet, damit sie anschließend ein Foto von Ihnen und ihrem Sohn machen darf. Das gehört zum Spiel.
Ein paar Jahre später in Nanjing. Es ist ganz normal, dass eine wildfremde Frau mit Ihnen flirtet, damit sie anschließend ein Foto von Ihnen und ihrem Sohn machen darf. Das gehört zum Spiel.

Von den vielen Verhaltens-Tipps, Empfehlungen und Ratschlägen, die man aus all den schlauen Büchern über China, und vor allem in teuren interkulturellen Business-Seminaren lernen kann, kann man die meisten getrost vergessen. 

 

Manches Geld, das in interkulturelle Seminare zum Thema China gesteckt wird, ist - so sagten mir einmal chinesische Kollegen - rausgeschmissenes Geld. 

 

Warum?

 

Wenn Sie nach China gehen, brauchen Sie vielleicht ein gewisses Basis-Wissen über das, was Sie erwartet. Ein bisschen Hintergrundwissen über Geschichte, Gesellschaft und vielleicht rudimentäre Sprachkenntnisse können nie schaden.

 

Viel wichtiger aber als das, was Sie angeblich tun oder lassen sollten, ist, dass Sie wenigstens ganz grob abschätzen können, was all die Dinge, die um Sie herum geschehen, bedeuten.

 

Sie sollten wissen, welche der gesprochenen oder geschriebenen Worte in Ihrem Umfeld mit Ihnen zu tun haben und welche nicht. 

 

 

Sie sollten wissen, welche freundlichen Gesten Höflichkeiten sind, also der Form genügen sollen oder sogar den Zweck verfolgen, Distanz aufrechterhalten, und welche Freundlichkeiten oder Nettigkeiten Sie einlullen und in falscher Sicherheit wiegen sollen. 

 
Ring the bell over landing. Gesehen 2013 in einem ziemlich neuen (!) Aufzug in Xiamen. Chinesen reagieren sehr empfindlich, wenn Sie Fotos von solchen Schildern machen. Trotzdem macht sich niemand die
Ring the bell over landing. Gesehen 2013 in einem ziemlich neuen (!) Aufzug in Xiamen. Chinesen reagieren sehr empfindlich, wenn Sie Fotos von solchen Schildern machen. Trotzdem macht sich niemand die Mühe, eine vernünftige Übersetzung anzufertigen.

Egal wie oft man Ihnen gegenüber die Worte „Freundschaft“, „Zusammenarbeit“, „Teamarbeit“ oder „Vertrauen“ gebraucht. Sie müssen immer davon ausgehen, dass diese Wörter - vor allem, wenn Sie auf Englisch oder Deutsch an Sie gerichtet werden, eine ganz andere Bedeutung haben, als wenn ein Deutscher sie an Sie richtet.

 

Wenn Sie jetzt denken, ich wäre ein Feind Chinas oder würde negativ über China denken, dann liegen Sie völlig falsch. Sie müssen bei der Begegnung mit einer anderen Kultur lernen, dass ein Wörterbuch nicht genügt. Wenn Sie das Wort „Reis“ im Wörterbuch nachschlagen, dann wissen Sie immer noch nicht, in welchen Situationen die Wörter, die Sie da gefunden haben, passen. Und wenn das mit so einem relativ einfachen Wort wie „Reis“ der Fall ist, dann erst recht mit komplexen Konzepten wie „Freundschaft“ - und ganz sicher mit „Liebe“.

 

 

 

Es ist viel wichtiger, dass Sie ungefähr abschätzen können, was die Worte, die Gesten oder die Geschehnisse um Sie herum zu bedeuten haben, als dass Sie bestimmte „typische Verhaltensweisen“ erlernen oder bestimmte Tabus vermeiden lernen. 

 

Mit Bezug auf Ihr Auftreten gegenüber Chinesen - in Deutschland, in China und in anderen Ländern - ist vielleicht der wichtigste Tipp dieser: Seien Sie kein Ei!

 

Was das bedeutet, und warum Sie vor Tabus in China kaum Angst zu haben brauchen, berichtet der nächste Artikel.

 

Rainald Runge

 

 

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