Essen in China (eine ganz kurze Einführung)

Das Festessen zum Frühlingsfest. 2011 war ich bei einer sehr armen Familie eingeladen. Die Speisen auf dem Foto waren nur der Anfang. Es kamen noch ein halbes Dutzend Gerichte dazu.
Das Festessen zum Frühlingsfest. 2011 war ich bei einer sehr armen Familie eingeladen. Die Speisen auf dem Foto waren nur der Anfang. Es kamen noch ein halbes Dutzend Gerichte dazu.

Zeit, übers Essen zu reden!

 

Wenn es überhaupt einen Grund gibt, China zu bereisen oder, noch besser, in China eine Weile zu leben, dann ist es die unglaubliche Auswahl von verschiedenen Obst- und Gemüsesorten, Rezepten, Geschmacksrichtungen und Kombinationen von alledem.

 

Es gibt in anderen Ländern sicher auch exotische Gerichte, aber schon alleine aufgrund der schieren Größe Chinas und der Tatsache, dass es eigentlich überhaupt nicht das „eine“ China gibt, sondern vielmehr Dutzende, wenn nicht ursprünglich hunderte Kulturen, die heute innerhalb der Grenzen des Riesenreiches liegen - das erklärt, warum es hier so unglaublich viele Gerichte gibt.

 

Erfahrene Urlauber ahnen, dass man die kulinarischen Schätze nur fernab der Tourismus-Zentren findet. Und leider eben auch jenseits der Orte, wo man Englisch versteht. Man könnte jetzt noch zynisch hinzufügen: auch jenseits der Gebiete, wo noch rudimentäre Hygiene herrscht.

 

 

Der erste und wichtigste Tipp an China-Reisende, die die wahre chinesische Küche kennenlernen möchten, lautet daher - wie könnte es anders sein? -: Lernen Sie Chinesisch!

 
Sie finden das lecker? Nach diesem sündhaft teuren Sushi hatte ich zwei Tage lang Bauchkrämpfe und Durchfall.
Sie finden das lecker? Nach diesem sündhaft teuren Sushi hatte ich zwei Tage lang Bauchkrämpfe und Durchfall.

Gerüchte in China - das Gulli-Öl

 

So zynisch ist das übrigens gar nicht mit der rudimentären Hygiene. Die Chinesen selbst lästern ohne Unterlass über die hygienischen Zustände in den Küchen der Restaurants. Und gehen dann anschließend einen Straßen-Snack kaufen, der bereits 8 Stunden in der Sonne vor sich hin Salmonellen ausbrütete.

 

Eines der in China weit verbreiteten Gerüchte, die von den staatlichen Medien vor einiger Zeit gestreut wurden, ist das des Gulli-Öls. Es gab vor ein paar Jahren einen Bericht im Fernsehen, der zeigte, wie skrupellose Geschäftemacher das Öl aus dem Abfluss von Restaurants fischten, es sammelten, reinigten und dann als günstiges frisches Öl wieder auf den Markt brachten. 

 

 

Dieses Thema hat tatsächlich in den Augen vieler Leute hier einen gewissen Igitt-Faktor. Aber eigentlich ist das Igitt überhaupt nicht das Problem. Das Problem ist die Religion des Profits, die mit den Reformen Deng Xiao-pings in den 1990er Jahren die chinesische Gesellschaft und deren Werte umzukrempeln begann. 

 

Nichts ist wichtiger als der Profit. Sogar Umweltaktivisten und Rechtsanwälte, die die Rechte von Bauern zu verteidigen versuchten, die in den sogenannten Krebsdörfern (also Dörfern mit unvorstellbar hohen Krebsraten) leben, wurden zu langen Haftstrafen verurteilt mit der Begründung, sie hätten die wirtschaftliche Entwicklung Chinas gefährdet. Der Profit der Unternehmen ist also wichtig als die Verantwortung für giftige Abwässer oder Abgase.

 

Gut zu wissen.

 

 

 

Schluss mit dem Gulli-Öl-Thema!

 

 

Das Gulli-Öl ist sicher „igitt“. Ich vermute aber eher, dass die zur Reinigung verwendeten Chemikalien nicht ganz ohne Rückstände geblieben sind. Oder es war einfach nur eine der vielen Ablenkungsmanöver, die die Medien dazu verwenden, um die Massen beschäftigt zu halten und von den wahren, riesigen Problemen des Landes abzulenken. 

Diese kleinen Fladenbrote stammen aus einer Gegend in Henan in Nordchina. Ein Straßen-Bäcker in unserem Städtchen verkauft sie abends, immer frisch aus dem Ofen.
Diese kleinen Fladenbrote stammen aus einer Gegend in Henan in Nordchina. Ein Straßen-Bäcker in unserem Städtchen verkauft sie abends, immer frisch aus dem Ofen.

Ich persönlich finde das Gulli-Öl überhaupt nicht problematisch, angesichts der Tatsache, dass Eier in 99,9% aller Situationen umgekühlt über mehrere Tage gelagert werden. Auch im Sommer bei über 30 Grad. Ich finde Gulli-Öl überhaupt nicht problematisch, solange die Austern, eine lokale Spezialität hier, im brackigen Hafenwasser gezüchtet werden, wo der Sand nicht beige, nicht braun, nicht grau, sondern schwarz ist. Und die Einheimischen essen sie fast täglich oder setzen sie den Touristen vor.

 

Aber warum sollte man darüber diskutieren? Es ändert nichts, es bringt nicht, es hilft nichts. Diese fatalistische Einstellung ist Teil der modernen Lebensart in China. Anders kann man nicht leben. Anders kann man nicht überleben hier.

 

Ich empfinde das ewige Thema „Gulli-Öl“ einfach als nervtötend. Anstatt darüber zu jammern, wie schlimm die Ölqualität in billigen Restaurants angeblich wäre, sollte man den eigenen Kindern besser verbieten, täglich mehrmals bei Mc Donald’s zu essen. Oder ganz einfach mit dem Rauchen aufhören. Oder mit dem täglichen Saufen. Aber ich klinge jetzt vermutlich schon wieder wie meine eigenen Eltern…

 

Und hier die gleichen Fladenbrötchen gefüllt mit Gemüse und Tofu-Haut, wie man hier sagt. Sehr lecker!
Und hier die gleichen Fladenbrötchen gefüllt mit Gemüse und Tofu-Haut, wie man hier sagt. Sehr lecker!

 

Je schmutziger, desto leckerer

 

Wenn man als durchschnittlicher Deutscher nach China kommt, dann findet man einerseits die für den Tourismus aufgepäppelten Restaurants vor, in denen es mehrsprachige, bebilderte Speisekarten gibt, und in denen allen Gerichten so viel MSG (Glutamat) beigegeben wird, dass es garantiert schmeckt. 

 

Andererseits gibt es in den Gassen die halb privaten Küchen, Stände und ziemlich vergammelten Ecken, in denen es die wirklich leckeren Dinge zu essen gibt.

 

Ich habe mir in China nur ein einziges Mal furchtbar den Magen verdorben. Und das war kürzlich in einem sündhaft teuren Sushi-Restaurant. Ich lag zwei Tage mit Fieber, Magen- und Darmkrämpfen im Bett, bzw. pendelte zwischen Bett und Toilette hin und her.

 

 

In den schauerlich versifften Spelunken habe ich nie wirklich schlimme Verdauungsprobleme bekommen. Deshalb sage ich zu meinen chinesischen Freunden immer: Wenn’s nicht schmutzig aussieht, dann kann’s hier auch nicht gut schmecken!

 
Diese kalten Reisnudeln mit Tofu, Petersilie und Erdnüssen mit einer sehr scharfen und sauren Soße kaufe ich in dem dreckigsten Loch, dass ich je gesehen habe. Schmeckt einwandfrei.
Diese kalten Reisnudeln mit Tofu, Petersilie und Erdnüssen mit einer sehr scharfen und sauren Soße kaufe ich in dem dreckigsten Loch, dass ich je gesehen habe. Schmeckt einwandfrei.

Gutes Essen ist nicht teuer

 

Wenn ich je dauerhaft in ein anderes Land - oder zurück nach Deutschland - ziehen würde, dann würde ich die Vielzahl an Gerichten vermissen, die es hier gibt. Die unendlichen Möglichkeiten, jeden Tag etwas völlig Anderes zu essen, ohne dabei irgendwie in eine finanzielle Schieflage zu geraten. Gutes Essen in China ist überraschend billig. 

 

Der beste Tipp für China-Reisende ist: Meiden Sie die teuren Restaurants. 

 

Was ist teuer?

 

Nun, denken Sie einfach an Deutschland. Denken Sie daran, wie viel Sie bereit wären, für eine Pizza, ein gutes Steak oder für eine einfache Currywurst zu bezahlen. 

Nun ersetzen Sie die Einheit „Euro“ einfach durch „RMB“, und dann haben sie einen guten Richtwert für ein gutes Essen in China. Rechnen sie niemals Euro in RMB um. Dann zahlen Sie Wucher-Preise. Machen Sie nicht diesen Fehler! Denken Sie mit dem Geldbeutel eines Unterschicht-Chinesen. Dann finden Sie die wahren Delikatessen.

 

Wenn ich mit einem Freund in ein sehr leckeres Restaurant gehe, und wir bestellen 4 sehr gute Gerichte (Reis und ein einfacher Tee sind gratis), dann kostet es zwischen 40 und 60 RMB. Zusammen. In einer Pizzeria in Deutschland sind sie vermutlich denselben Betrag los, wenn sie zu zweit wirklich satt werden möchten. Und ich meine wirklich richtig satt!

 

Wenn wir abends Hunger haben, dann kaufen wir ein mit frischem Gemüse und Tofu gefülltes frisch gebackenes Fladenbrot (so eine Art vegetarischer Döner eben), das kostet 2 RMB pro Stück.  Ich habe nur einmal 3 Stück geschafft. Meistens bin ich nach 2 Broten pappsatt. Oder wir essen Reisnudeln mit sauer-scharfer Soße, ein kalter Snack, für 6 RMB zum Abendessen. An den allermeisten Tagen komme ich mit 20 RMB für Essen aus. Zuzüglich Kaffee vielleicht. 

 

Wenn ich selbst koche, wird es teurer. Denn das Pfund Tomaten kostet hier auch 4 RMB, Karotten 3 bis 4 RMB das Pfund. Wie gesagt, in den Großstädten ist es wesentlich teurer. Auf dem Dorf vielleicht billiger.

 

Und die meisten Chinesen würden mich jetzt zum Verschwender erklären. Verglichen mit der chinesischen Mittelschicht und den meisten Ausländern in China ist das aber fast gar nichts. Die brauchen pro Tag mehrere Hundert RMB pro Person. 

 

Um so günstig hier durchzukommen, muss man aber auf die westliche Küche ganz verzichten. Wenn man täglich frisches Obst essen möchte, dann reichen die 20 RMB pro Person leider auch nicht. Das Pfund Äpfel gibt es bei uns in der Stadt für zwischen 5 und 7 RMB (Stand: Herbst/Winter 2013)

 

 

 

Zeit, übers Essen zu reden!

 

Wenn die Leute über China schreiben oder sprechen, dann geht es meist um die Dinge, die nicht funktionieren. Oder die Dinge, die die Chinesen schlecht können. Oder über die Partei. So sind wir Ausländer eben. Und vor allem wir Deutschen. Wir wissen immer, wie’s besser gehen könnte. 

 

Deshalb spreche ich gerne übers Essen. Denn dabei geht einem der Gesprächsstoff in China nie aus. Es gibt so viele leckere Gerichte hier, dass man gar nicht weiß, wo man anfangen soll. 

 

Vergessen Sie Haifischflossensuppe, Ente süß-sauer, Schwalbennester, 100jährige Eier und all den anderen Mist, von dem man uns seit Generationen erzählt. Die Küche in China ist ganz, ganz anders. Und zwar besser!

 

 

Machen Sie sich auf etwas gefasst!

 
Rainald Runge
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