Tischsitten in China: Handys

Drei Freunde im Café. Alle drei mit ihren Handys beschäftigt. Der Chat mit den Online-Freunden scheint wichtiger als das Gespräch mit den anwesenden Freunden.
Drei Freunde im Café. Alle drei mit ihren Handys beschäftigt. Der Chat mit den Online-Freunden scheint wichtiger als das Gespräch mit den anwesenden Freunden.

Woran merkt man, dass man langsam alt wird?

 

Ich erinnere mich noch daran, wir ungewohnt es für mich war, als ich über 30 war und die Teenager begannen, mich zu siezen. Da war es klar: Ich gehörte nicht mehr dazu. Ich war inzwischen eine Generation älter.

 

Üblicherweise merkt man, dass jemand den Draht zur Jugend verloren hat, wenn er sich über den Musikgeschmack oder die Mode der jungen Leute beschwert. Irgendwann in den 90er Jahren waren es die nabelfreien Shirts der Mädchen, die einige meiner Altersgenossen ganz furchtbar unmöglich fanden. 

 

Natürlich gibt es für die Kritik an der jüngeren Generation immer logische oder als logisch erscheinende Gründe. Die laute Musik macht die Ohren kaputt, sagte meine Mutter. Die laute Musik verhindert Lernerfolg, sagten meine Professoren im Studium. Das oben erwähnte T-Shirt ist extrem gefährlich für die Nieren und irgendwie über Umwege auch für den späteren Kinderwunsch.

 

Eigentlich sind es ja immer dieselben Dinge, an denen sich die Älteren stören. Nur die Argumente und die Begründungen ändern sich im Laufe der Jahre und Jahrzehnte.

 

Die meisten Jugendlichen verdrehen höchstens die Augen, wenn sie solche Kommentare hören. 

 

 

Und genauso, wenngleich auch nur innerlich, reagieren die meisten Chinesen, wenn sie von Ausländern kritisiert werden. 

 

Die Partei ist böse. Die Regierung ist schlecht. Jeder in China weiß, dass die Ausländer in null Komma nichts auf diese Themen zu sprechen kommen. Tibet und Taiwan sind auch ganz beliebte Themen der Ausländer, um sich in China unbeliebt zu machen.

 

Es gibt noch andere Themen. Zum Beispiel die Kritik der Deutschen im Allgemeinen und der über 40jährigen Deutschen im Besonderen, die meistens einen ganz anderen Umgang mit den neuen Medien, mit Social Media und mit dem Handy haben als die jüngeren Generationen. Oder besser gesagt: die Älteren nicht verstehen können, wie und wieso für junge Leute das Handy und die Zeit im Internet so wichtig sind. 

 

Als ich nach China kam, störte mich auch so manches. Denn ich bin ein Ausländer in China, noch dazu einer von diesen besserwisserischen Deutschen, die oft die Welt belehren oder bekehren möchten. Und lebe in einer Universitätsstadt unter Menschen um die 20, während ich selbst im Alter ihrer Eltern bin. 

 

In China hat man immer mindestens zwei Möglichkeiten. Man kann nörgeln, denn Grund zum Nörgeln findet man fast immer. Man kann kapitulieren. China ist ein ideales Land für Misanthropen und Pessimisten. Oder man kann einfach versuchen zu beobachten, zu lernen und mit etwas Glück auch etwas zu verstehen.

 

Handys sind der Mittelpunkt des Lebens junger Menschen aller sozialer Schichten in China. Und nicht nur junger Menschen, sondern eigentlich fast aller Menschen zwischen 13 und 53.

 

Und obwohl ich mich selbst daran gewöhnt habe und sogar selbst mittlerweile 300 Mal am Tag auf mein Handy schaue, wundere ich mich immer wieder noch über die Abwesenheit von Tischgesprächen in China. Anstelle von Tischgesprächen sitzt man lieber schweigend in sein Handy vertieft beieinander.

 

Das Handy ist immer dabei und hat im Zweifelsfalle Vorrang. 

 

Das Handy liegt zumindest auf dem Tisch. Oder besser oft: die Handys. Denn die Frau oder der Mann von Heute hat natürlich mehr als ein Handy. Warum? Das würde hier zu weit führen. Aber es gibt auch hier eine Logik dahinter.

 

Und eine Logik gibt es auch dahinter, dass bei Tisch weder die anwesenden Freunde noch das Essen im Mittelpunkt stehen, sondern das Handy und die Freunde, die am anderen Ende der Social-Media-Verbindungen auf uns warten.

 

Natürlich spricht man auch bei Tisch. Aber während man aufs Essen wartet, liest man die wichtigsten Nachrichten des Tages (zu Deutsch: Tratsch) auf dem Handy oder antwortet auf Kurzmeldungen bei WeChat oder QQ. 

 

Wenn man mit dem Essen fertig ist, ebenso. Während des Essens muss man wiederholt unterbrechen, weil das Handy sich gemeldet hat. Das Handy ist der häufigste Kommunikationspartner (eigentlich Kommunikationsmittel) im Alltag der modernen Chinesen.

 

 

Dieses Verhalten ist eigentlich ganz plausibel und irgendwie auch sympathisch. Zumindest kann man dieses Thema als gutes Beispiel für den unverkrampften, flexiblen und unkomplizierten Umgang mit einander nehmen. Und dafür, wie die Chinesen Privatsphäre und Offenheit, Individualität und Kollektiv mit einander jonglieren. 

 

Ich bewundere dies und ich genieße diese Lockerheit auch.

 

Niemand schimpft oder kritisiert einen, wenn man im Gespräch zum Handy greift, eine SMS liest, beantwortet oder ein Gespräch annimmt. Natürlich sollte man im Gegenzug die Anderen auch nicht Kritisieren. 

 

Aber das ist sowieso eine der ersten Regeln für das Leben in China: Egal, was auch passiert. Verkneifen Sie sich Kritik!

 

Apropos wichtige Nachrichten auf dem Handy. Wirklich Wichtiges gibt es eigentlich überhaupt nicht. Oder sagen wir, in der Welt eines altmodischen Menschen ist eigentlich fast alles außer einem medizinischen Notfall relativ unwichtig. Wenn Sie also kein Notarzt in Rufbereitschaft waren, hatten Sie es schwer zu erklären, warum Sie während eines Abendessens oder in der Kneipe ans Handy gehen sollten. So war das früher. So war das in Deutschland. 

 

Jetzt lebe ich in China, in einer anderen Zeit und in einer anderen Kultur. 

 

So ein Handy bei Tisch hat auch Vorteile. Viele Jugendliche sind sicher dankbar, nicht mit der Tante oder der Oma über das Wetter oder Schulnoten reden zu müssen, solange sie auf ihr Handy oder ihr neues iPad blicken. Manchmal ist es einfach sehr angenehm, keinen sinnlosen Smalltalk mit Menschen führen zu müssen, denen man nichts oder nichts mehr zu sagen hat. Oder wenn man mit guten Freunden zusammensitzt und sich nicht mit so überflüssigen Dingen wie Höflichkeit herumschlagen muss.

 

Ja, Höflichkeit gilt in China als Zeichen der Distanz und spielt in der Familie und unter Freunden kaum oder überhaupt keine Rolle.

 

 

Das Handy geht vor!

 

Die Logik dahinter könnte man folgendermaßen erklären:

  • Wenn das Handy piept, brummt, pfeift oder singt, dann könnte es etwas Wichtiges sein.
  • Wenn ich nicht antworte, machen sich meine Freunde vielleicht Sorgen.
  • Nicht zu reagieren ist unhöflich. Es könnte sein, dass man jemanden verärgert, dessen Beziehung für einen wichtig ist.
  • Wenn es nichts Wichtiges ist, dann kommt man ja nach ein paar Sekunden wieder zurück zum Gesprächspartner. Was soll die Aufregung also?
  • Eine unwichtige, aber positive oder freudige Nachricht hat Vorrang, denn das Leben ist hart genug, so dass wir uns alle über freudige Nachrichten freuen können. Und freudige Nachrichten kann man ja mit seinen Gesprächspartnern auch sofort teilen. Dann hat man gleich einen Punkt zum Anknüpfen während des Tischgesprächs.
  • Mit dem Herzen bin ich ja sowieso bei meinen Tischnachbarn. Wie könnten sie nur daran zweifeln, bloß weil ich kurz einmal auf mein Handy schaue oder eine Nachricht schreibe!
  • Kritik an einer während des Essens geschriebenen SMS dauert länger als das Schreiben der SMS. Bitte keinen Elefanten aus dieser Mücke machen!

 

 

Ungewohnt ist für mich, wenn ich am Strand spazieren gehe (unsere Stadt liegt auf einer Insel) und viele junge Paare in scheinbar romantischer Zweisamkeit sitzen sehe, während sie auf dem Handy „Temple Run“ spielen oder „Fruit Ninjia“. Oder während sie mit ihren Klassenkameraden chatten.

 

Meine Oma hätte vielleicht gesagt: „Wie kann man nur? Ist denn das Handy wichtiger als der Freund oder die Freundin?“

 

Und genau das ist der Punkt!

 

Weil die Freundin weiß, dass sie wichtiger ist als das Handy ihres Lieblings, deshalb würde sie ihn nie kritisieren, wenn er mit dem Handy herumspielt, während sie mit ihm zusammen am Strand sitzt. Sie kennt doch seine Gefühle. Und sie anzuzweifeln hieße, das eigene Glück in Frage zu stellen. Man soll keine schlafenden Bären wecken. Oder waren es Löwen?

 

 

China ist einfach ganz anders als Deutschland.

 
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