Waschen, schneiden, föhnen (Teil 2)

Ein Verkäufer auf einem Volksfest in Nordchina vor einigen Jahren. Diese Frisur sieht man heute höchstens noch in den Vorstädten oder in ländlichen Gebieten.
Ein Verkäufer auf einem Volksfest in Nordchina vor einigen Jahren. Diese Frisur sieht man heute höchstens noch in den Vorstädten oder in ländlichen Gebieten.

Dies ist die Fortsetzung des Artikels Waschen, schneiden, fönen (Teil 1)

 

 

Massagen in China 

 

Oh - ich habe noch etwas vergessen. Zum Haarewaschen gehört auch noch die Massage. Und zwar im chinesischen Stil. „Massage“ in China bedeutet nicht wie bei uns das Streichen und Kneten der verschiedenen Haut- und Muskelschichten, sondern das Drücken und Schlagen und Trommeln auf verschiedene Körperteile. Man könnte meinen, dies alles erfolgt nach dem Zufallsprinzip, aber es steckt wirklich ein System dahinter. Manche Friseur-Ketten machen es professionell, manche Läden machen es so schlampig, dass es eher nervt.

 

Ich hatte zweimal einen guten Masseur entdeckt, der dann aber prompt nach einem halben Jahr den Arbeitgeber gewechselt hatte, weil er zu gut geworden war und woanders mehr verdienen konnte. Also war ich wieder den Anfängern oder weniger motivierten Kollegen ausgeliefert. Irgendwann habe ich dann auf die Massage verzichtet. 

 

 

Massiert werden der Hals, der Nacken, die Arme und der Rücken. Maximal. Manchmal auch weniger.

Ein anderer Ort, an dem es eine gute Massage gibt, sind übrigens die Salons mit Fußmassage. Aber die Masseure dort sind etwas sadistischer veranlagt. Sie lieben es, so lange zu drücken, bis es wirklich weh tut. Ich habe schon manchmal die Zähne zusammengebissen, wenn der Fußmasseur die wirklich schmerzhaften Punkte auf dem Rücken, auf den Schultern oder an den Waden malträtiert hat. Ein Indianer kennt keinen Schmerz. Aber in der Regel ist meine masochistische Ader nicht so stark ausgeprägt wie die sadistische Ader der meisten Fuß-Masseure, weshalb ich auch nur noch selten dorthin gehe. 

 

Zurück zum Friseur.

 

Zuerst werden die Haare gewaschen, vielleicht auch die Ohren, es gibt eine Kopfhautmassage und eine Rückenmassage im chinesischen Stil. Anschließend werden die Haare geschnitten, und nach dem Haarschneiden gibt’s noch einmal eine kurze Haarwäsche. Das ist wirklich klasse, denn man hat in China nicht immer nach dem Friseurbesuch die pieksenden Stoppeln im Kragen wie oft in Deutschland. 

 

 

Lange Arbeitszeiten im Friseursalon

 

Die jungen Lehrlinge im Friseursalon arbeiten zu Stoßzeiten. Sie haben oft stundenlang nichts zu tun, müssen aber anwesend sein. Und in dieser Zeit fangen sie dann an zu üben, wie sie sagen. Sie schneiden sich gegenseitig die Haare. Sie probieren alle Shampoos und alle Cremes aus, sie färben sich die Haare in allen Farben des Regenbogens, und sie lassen die Haare so lang wachsen wie noch nie zuvor, wobei sie dann noch zusätzlich in kunstvoller Weise toupiert werden. 

 

Die Frisuren sind schwer zu beschreiben. Oben ist es ein Igel-Schnitt, wobei die Igel-Stacheln ziemlich lang sein können. Viel Haarspray ist nötig, damit alles hält. Macht aber nichts, denn man sitzt ja an der Quelle.

 

Vorne ist ein Scheitel angedeutet. Scheitel gibt es überhaupt selten in China, sie werden in der Regel durch ein stark abgeschrägtes Pony angedeutet. Und seitlich wird dann meist rasiert, wo normalerweise der Scheitel sein sollte. Die meisten Neonazis hätten ihre wahre Freude an den chinesischen Scheitel-Frisuren. 

 

Also, vorne der schräge Scheitel. Für den Hinterkopf gibt’s keine bestimmte Regel. Man kann alles sehen, zwischen kurz und lang. Wichtig ist aber noch, dass die Haare dann in der Art eines großen Wirbels kunstvoll um den Kopf herum geföhnt werden. Es muss also so asymmetrisch wie möglich ausfallen. 

 

Richtig modern war diese Frisur in den Randzonen der Städte vor 5-8 Jahren. Heute sieht man wirklich fast nur noch junge angehende Friseure mit dieser Haartracht. 

 

 

Des Rätsels Lösung

 

Daher der Name. „Waschen, schneiden, föhnen“. Das ist der Name der Frisur. Eigentlich ist es die Bezeichnung der Tätigkeit eines Friseurs, ironisch dann auch die Bezeichnung für den jungen Friseur, vor allem während er eben nur wäscht und noch nicht schneidet. Und es ist der Name für die typische Berufs-Frisur dieser jungen Männer. 

 

Letzte Woche saßen wir vor dem McDonald’s und aßen unsere kleine Sundae-Eistüte für 3 RMB (ca. 40 Cent). Zwei Teenager im Partner-Look liefen über die Straße. Türkisfarbene, hautenge Hosen, gelbe T-Shirts und feuerrote Haare, kunstvoll nach oben toupiert, vorne ein unglaublich langes, schräges Pony, das das rechte Auge vollständig verdeckte. Die Frisur ließ die ungefähr 1,65 m großen Jungs glatte 10 cm größer erscheinen. Und weil sie sehr schlank waren, wirkte es so, als kämen da zwei Kürbisse mit Beinen angelaufen. 

 

Ich sagte zu meinem Nebensitzer: „Schau mal. Mutige Farbkombination.“

Er sagte: „Waschen, schneiden, föhnen.“

 

 

 

Rainald Runge

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