Waschen, schneiden, föhnen (Teil 1)

Reklametafel eines Friseursalons in einem ländlichen Gebiet. Während vor einigen Jahren diese toupierten Frisuren als cool galten, sieht man sie heute nur noch in ländlichen Gebieten, oder unter junge
Reklametafel eines Friseursalons in einem ländlichen Gebiet. Während vor einigen Jahren diese toupierten Frisuren als cool galten, sieht man sie heute nur noch in ländlichen Gebieten, oder unter jungen Friseuren.

 

Ein Rätsel

 

Können Sie sich vorstellen, was es bedeutet, wenn ein Chinese „Waschen, schneiden, föhnen“ sagt?

 

Wenn man zum ersten Mal ein anderes Land besucht, dann fällt oft zuerst auf, dass die Menschen dort anders aussehen. Andere Statur, andere Gesichtsformen oder Hautfarbe, andere Frisuren, anderer Kleidungsstil. 

 

Im heutigen China gibt bei den Frisuren große Unterschiede in den verschiedenen sozialen Gruppen. Manchmal kann man bei Kindern und Jugendlichen an der Frisur die Schule ablesen, die  sie besuchen. Bei jungen Männern wird an der Frisur manchmal deutlich, welchen Beruf sie ausüben oder anstreben. Bei jungen Damen ist es nicht immer ganz so deutlich. 

 

Man kann manchmal auch an der Frisur die Region ablesen, aus der jemand stammt, oder den wirtschaftlichen Wohlstand eines Stadt oder eines Bezirks.

 

 

Berufsziel Friseur

 

Für junge Männer, deren Noten nicht für den Besuch einer Universität ausreichen, deren Eltern nicht genug Geld für eine private Uni mit niedrigeren Anforderungen haben, oder die keine Idee für die Gründung eines kleinen eigenen Geschäfts haben, ist die Arbeit in einem Friseursalon durchaus eine Überlegung wert. 

 

Mit der Arbeitssuche in einem Friseursalon ist oft ein Umzug vom Land in die Stadt oder in eine andere Stadt verbunden. Das könnte allerdings damit zusammenhängen, dass die Arbeit als Friseur für einen jungen Mann vielleicht doch nicht mit so viel Prestige verbunden ist, so dass man es lieber außerhalb der Heimatstadt macht. Aber wenn man hier nachfragt, bekommt man ungefähr genauso viele verschiedene Antworten wie man Menschen fragt. Jeder hat hier seine eigene Meinung bzw. würde einem Ausländer niemals eine so neugierige Frage offen beantworten. 

 

Ich habe in meinem Bekanntenkreis die ehemaligen Friseure einmal dazu befragt, und sie waren irgendwann froh, dieser Branche wieder den Rücken gekehrt haben zu können. Auf jeden Fall hatten sie nicht viel gutes darüber zu berichten.

 

Friseursalons gibt es in China wie Sand am Meer. Große, kleine, billige, teure, schöne, gammelige. Was auffällt, ist, dass die Frauen dort in der Minderheit ist. Der Friseurberuf ist Männersache in China, eine Frau, die die Haare schneidet, ist eine absolute Ausnahme.

 

 

 

Der Friseurbesuch

 

In einem normalen Friseursalon braucht man keinen Termin. Vielleicht bei einem Star-Friseur. Abe nicht dort, wo Normalsterbliche hingehen. Man geht einfach hin. 

 

Zuerst werden die Haare gewaschen. Dazu legt man sich meist auf ein großes Kunststoff-Bett, in dem sich im Kopf-Bereich eine Aussparung befindet. Dort befindet sich das Waschbecken. Sehr bequem eigentlich. So bequem, dass ich schon oft beim Haarewaschen eingeschlafen bin, wenn ich einen langen Arbeitstag hinter mir hatte.

 

Zum Haarewaschen gibt’s meist eine Kopfmassage, meist werden auch die Ohren gewaschen und anschließend mit einem Ohrstäbchen kunstvoll und geschickt ausgeputzt. Das dauert eine gefühlte Ewigkeit und ist für die meisten Deutschen vermutlich sehr unangenehm. Als mir vor einigen Jahren zum ersten Mal jemand im Ohr herumgepult hat, war ich überrascht, wie unangenehm mir das war. So als ob das Ohr ein sehr intimer Bereich wäre. Man denke da nur an die Länder im Nahen Osten, in denen einem die Nasenhaare ausgebrannt werden. Der Satz allein klingt schon ziemlich furchteinflößend. Dabei ist es ganz schmerzlos. Aber zurück zu China und den Friseuren.

 

Soweit ist alles inklusive. Und Haarschneiden ohne Haarewaschen ist wirklich eher die Ausnahme in modernen Friseursalons. Nur der Onkel auf dem Dorf macht das vielleicht noch ohne Haarewaschen. Das Ergebnis seiner Arbeit sieht dann womöglich eh aus wie der typische 08-15-Armee-Haarschnitt. 

 

Gegen Aufpreis gibt es Haarpackungen, Kurspülungen, Shampoo mit künstlichem Honigduft, oder im Sommer Shampoo, das ein eisgekühltes Gefühl auf der Kopfhaut hinterlässt. Auch Gesichtsmassagen oder -waschungen habe ich schon angedreht bekommen. Alles im Prinzip für Pfennig-Beträge. 

 

Dabei wird man in ziemlich komplexe und oft raffinierte Verkaufsgespräche verwickelt. Es macht also Sinn, wenn die Leute dort denken, dass man Ausländer ist und fast kein Wort Chinesisch spricht. Durch Haarewaschen oder Gesichtsmassagen können die Mitarbeiter dort kein Geld verdienen. Das verdienen sie durch den Verkauf von Shampoos, Packungen oder Cremes. Und offenbar funktioniert es. Denn die Jungs und Mädels haben häufig die neuesten Handys und können genug sparen, um in den Ferien einen relativ großen Betrag zurück nach Hause mitzunehmen. 

Ich sage „Jungs und Mädels“, weil die Herren und Damen, die die Haare waschen, wirklich sehr jung sind. Zwischen 16 und 20. Wer älter als 20 ist und noch auf der Stufe des Haarewäschers stehen geblieben ist, der geniert sich schon ein bisschen. 

 

Das ist die erste (oder die zweite, nach der Reinigungskraft) Stufe in der Ausbildung zum Friseur oder in der Hierarchie des Friseursalons.

 

 

 

(Fortsetzung)

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