Gespräche im Aufzug (Teil 2)

Eine attraktive Wohngegend für Chinesen: Wo viele Menschen wohnen, da muss es gut sein.
Eine attraktive Wohngegend für Chinesen: Wo viele Menschen wohnen, da muss es gut sein.

Wenn ich in unserem Wohngebiet einen Aufzug betrete, dann lautet die allerhäufigste Frage wirklich: „Hast Du hier eine Wohnung gekauft?" 

 

Ich habe noch einmal über alle Begegnungen im Aufzug nachgedacht. Und niemand hat ein Gespräch mit „Hallo" oder „Guten Tag" begonnen. Sondern meistens mit „Hast Du hier eine Wohnung gekauft?"

 

Ältere Leute sagen manchmal als erstes, wenn ich den Aufzug betrete: „Im wievielten Stock wohnst du?"

 

Meistens möchten sie dann auch gleich für mich die richtige Taste für mein Stockwerk drücken. Das finde ich sehr nett.

 

 

Die zweite Frage ist dann: „Hast du hier eine Wohnung gekauft?"

 

Meine Antwort, wie immer: „Nein, ich wohne zur Miete.“

 

Die dritte Frage von Leuten zwischen 30 und 50 Jahren lautete dann meistens: „Wie hoch ist deine Miete?"

 

Die älteren Leute fragen dann meistens: „Ist deine Ehefrau auch hier? Und deine Kinder?"

 

Diese Frage ist irgendwie nett. Sie zeigt das alte China, das es heute fast nicht mehr gibt, das ich aus Büchern und von meinen ersten Besuchen kenne. 

 

Ich meine das China, in dem Menschen und Lebensgeschichten viel wichtiger sind als Geld, Preise und Anschaffungen. Das ist das China, das ich liebe. Und das berührt mich immer wieder tief. 

 

Man kann tatsächlich mit fremden Leuten ziemlich viel und lange über Familiengeschichten reden. Man fragt nach Ehepartnern, nach Kindern, auch nach der Heimatstadt und dem Leben dort. Man fragt fast systematisch nach dem Familienstand aller jüngeren Familienmitglieder: wer schon verheiratet ist und wer schon Kinder hat. 

 

Viele Deutsche empfinden das vielleicht als zu neugierig. Wenn man sich daran gewöhnt hat, dann ist es einfach nur noch rührend.

 

Vom Aufzug gibt es noch ein paar andere nette Erfahrungen zu berichten. Wenn mich die Leute kennen, vor allem die älteren Leute, dann sagen sie immer folgende Sätze.

 

Wenn ich die Wohnung oder das Haus verlasse: „Gehst du fort?"

Wenn ich ins Haus komme oder den Aufzug betrete: „Kommst du grad nach Hause?"

 

Da fällt mir noch die nette Dame am Kiosk neben der Bushaltestelle ein. Ich kenne sie schon, seit ich hier wohne, und sie versucht immer, mich in ein Gespräch zu verwickeln, wenn sie mich sieht. Sie ist 5 Jahre älter als ich, und ihre Tochter ist ungefähr 25 Jahre alt. 

 

Die Besitzerin des Kiosks hat mich schon allen Freundinnen und Bekannten vorgestellt, und sie ist vielleicht sogar ein bisschen stolz, dass sie einen Ausländer kennt. Ich finde sie sehr nett, respektvoll, und ihre Freundinnen sind auch alle sehr nett, und nicht neugierig.

 

Die Kiosk-Besitzerin und ihre Freundinnen fragen auch nie nach Geld oder Preisen. Wenn sie mich mit dem Fahrrad sieht, sagt sie: „Fahr vorsichtig, es ist gefährlich." Wenn sie mich mit dem Motorrad sieht, sagt sie: „Fahr vorsichtig, pass auf die anderen Motorradfahrer auf."

 

 

Ich finde das sehr nett. Und ich freue mich immer, sie zu sehen. Oder eine von ihren Freundinnen. Ich nenne sie „große Schwester". Und sie nennt mich „Lehrer", nicht „kleiner Bruder", aber sie behandelt mich so, als wäre ich ihr kleiner Bruder.

 

 

Zurück zum Aufzug in unserer Wohngegend.

Manchmal fragen mich die Leute: „Im wievielten Stock wohnst du?"

Dann fragen sie: „Welche Nummer hat deine Wohnung?"

 

Ich habe diese Frage lange nicht verstanden. Jetzt verstehe ich sie. In jedem Stockwerk gibt es vier Wohnungen. Zwei kleine, zwei große. Ich wohne in einer der großen Wohnungen mit Blick aufs Meer. Das scheint den Nachbarn sehr wichtig zu sein. Sie wollen genau wissen, wie groß die Wohnung ist, die ich mir leisten kann. 

 

Einmal ist ein Mann mir aus dem Aufzug heraus hinterhergelaufen. Es war nicht mein Nachbar. Er wollte nur genau sehen, in welcher Wohnung ich wohne und wie meine Wohnung aussieht. 

 

Ab einem bestimmten Punkt war es dann doch ein bisschen zu viel des Guten. Aber was soll man machen? 

 

Ich bin der einzige Ausländer in einer großen Siedlung mit über 1000 Wohnungen. Und manchmal bin ich dann eben das Thema beim Mahjong-Spiel vor dem Haus. 

 

Die Aufzug-Gespräche dienen zur Informationsbeschaffung. Das ist klar. 

Am meisten Spaß machen mir die Gespräche mit unserer Putzfrau im Treppenhaus.

 

„Gehst du fort?" - „Hm."

„Kommst du gerade nach Hause?" - „Hm.“

(Das „hm“ heißt „ja“ und ist eine durchaus akzeptable Erwiderung in dieser Situation. Die Chinesen schreiben es übrigens als „en“ oder „eng“. Variationen in der Aussprache gibt es unzählige.)

 

 

Wenige Worte, aber so verläuft hier ein ganz normales Gespräch. 

 

Ganz anders als in Deutschland. Aber man gewöhnt sich dran, und irgendwann gewinnt man es lieb. 

 

Rainald Runge

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