Gespräche im Aufzug (Teil 1)

Die Fahrt im Fahrstuhl aus dem 26. Stock kann manchmal lang dauern.
Die Fahrt im Fahrstuhl aus dem 26. Stock kann manchmal lang dauern.

 

Deutschland und China sind sehr verschieden. 

 

Das Leben in diesen beiden Ländern ist in mancherlei Hinsicht so unterschiedlich, dass man meinen könnte, sie befänden sich auf verschiedenen Planeten. 

 

Es stimmt, die Menschen in China essen gern amerikanisches Fastfood, genauso wie die Menschen in Deutschland - vielleicht sogar noch mehr. 

 

Die Chinesen fahren auch gerne deutsche Autos - vielleicht sogar größere und teurere als die Deutschen. 

 

In Xiamen gibt es viele Cafés, und man sieht dort viele Menschen sitzen, Kaffee trinken und sich unterhalten. Oder auf ihrem iPad oder iPhone spielen. Vieles scheint also in Deutschland und in China sehr ähnlich zu sein.

 

Aber die Art, wie die Menschen in China mit einander ein Gespräch beginnen, ist wirklich sehr verschieden von einander. Vor allem die Art, wie sie mit Fremden, also Menschen, die sie noch nicht kennen, ein Gespräch beginnen.

 

Ich wohnte einmal für kurze Zeit im 26. Stock eines Wohngebietes, musste also jeden Tag mehrmals mit dem Aufzug fahren. Und meistens fuhr ich nicht alleine im Aufzug.

 

Wenn ich mein Fahrrad dabei hatte (ein ganz einfaches Klapp-Rad), dann schauten meine „Mit-Reisenden“ das Fahrrad zuerst genau an.

 

Dann kam der erste Satz: „Wie viel hat das gekostet?"

Das war der erste Satz. 

 

Sie sagten nicht: „Guten Tag.", oder: „Hallo, wie geht's?", oder: „Schön, Sie kennen zu lernen. Wir wohnen im 10. Stock, wo wohnen Sie denn?", oder: „Wohnen Sie auch hier? Willkommen in unserer Nachbarschaft." 

 

Der erste Satz lautete: „Wie viel hat das Fahrrad gekostet?"

Der zweite Satz lautete dann: „10.000 RMB oder 20.000 RMB?"

Ich antwortete dann meistens: „Nein, soviel nicht. Nur ungefähr 1.000 RMB." 

 

Der Frager lachte dann meistens. Denn er glaubte mir nicht. Wenn ein Ausländer ein Fahrrad kauft, dann ist das eines für 10.000 RMB oder für 20.000 RMB. Denn alle Ausländer sind reich, und sie kaufen immer nur das Teuerste.

 

Wenn ich nicht mit dem Fahrrad im Fahrstuhl unterwegs war, dann lautete die erste Frage meistens: „Hast du hier eine Wohnung gekauft?“

 

Ich antwortete dann: „Nein, ich wohne nur zur Miete."

Dann die zweite Frage: „Wie viel Miete zahlst du im Monat?"

 

Ich überlegte dann meistens sehr lange, bis ich in meinem Stockwerk angekommen war und keine Zeit mehr hatte zu antworten. 

 

Im Chinesischen gibt es ja so viele Möglichkeiten, nicht zu antworten. Man kann die Frage einfach unter den Tisch fallen lassen, überhören, ignorieren, das Thema wechseln, wegschauen, plötzlich das Handy aus der Tasche ziehen, als wäre eine wichtige SMS gekommen. Im Aufzug dachte ich einfach sehr lange nach, bis dann leider keine Zeit mehr für die Antwort war. Ich verabschiedete mich freundlich und ging.

 

Früher dachte ich, dass diese Fragen ganz normal wären. Und dass alle Chinesen sich immer so begrüßen würden, vor allem, wenn sie einander nicht kennen. 

 

Meine Studenten und meine chinesischen Freunde sagten mir einmal, dass das nicht die normale, höfliche Begrüßung in China sei. Sie meinten dann nur, ich würde wahrscheinlich in einer neuen Wohngegend wohnen, in die gerade Leute eingezogen wären, die gerade frisch vom Land kämen. Sie wären noch ein wenig „unzivilisiert“. Die Chinesen fanden diese Art der Gesprächseröffnung unhöflich.

 

Ein Freund, der immer noch regelmäßig zu seinen Eltern und Großeltern aufs Land zu Besuch geht, sagte mir, wenn er zurückkehrt, gibt es nur drei Themen im Gespräch:

 

Wie viel Geld hast du deiner Familie mitgebracht?

Wann kaufst du eine eigene Wohnung?

Wann heiratest du?

 

 

Aber das sind dann die Gespräche im Familienkreis. Im Aufzug ist das vielleicht weniger angemessen.

 

(Fortsetzung)

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