Betrug und Produkpiraterie

Die Ton-Soldaten von Xian. Der Staat zeigt seine Macht, nach außen und nach innen. Und dabei sind alle Mittel erlaubt.
Die Ton-Soldaten von Xian. Der Staat zeigt seine Macht, nach außen und nach innen. Und dabei sind alle Mittel erlaubt.

 

(Dies ist die Fortsetzung des Artikels „Lügen im interkulturellen Kontext“)

 

Wahrheit ist nicht gleich Wahrheit

 

Die moralischen Vorstellungen bezüglich Wahrheit, Ehrlichkeit und Aufrichtigkeit gelten in China nur auf der zwischenmenschlichen Ebene. Und es hängt von den Zielen ab. Ein ehrbares Ziel rechtfertigt auch Lüge und Täuschung. Denn das Ergebnis ist für alle Beteiligten positiv. Also gibt es keinen Grund, sich über Unehrlichkeit zu beklagen, solange das Ergebnis für alle positiv ist. 

 

Nur so kann man auch verstehen, warum z.B. die Scheinehe eines schwulen Mannes sowohl gegenüber den Eltern als auch gegenüber der Frau nicht als verwerflich gilt. Solange er der Ehefrau die Chance gibt, Kinder und ein gutes Auskommen zu haben.

 

Genauso habe ich oft erlebt, wie erfolgreiche Geschäftsleute oder Politiker ihre Maitressen gerechtfertigt haben. Es sei gut fürs Geschäft und für die Karriere. Und die Ehefrau habe ausgesorgt, deshalb beschwerte sie sich (häufig) nicht.

 

 

Schmuggel und Steuerbetrug sind Volkssportarten in China, die nur von den wirklich Reichen und Mächtigen in vollem Ausmaß beherrscht und gepflegt werden. Bestraft wird, wer es zu bunt treibt, und wer irgendwann einmal vergessen hat, allen Leuten, die davon wissen, genug Schweigegeld gegeben zu haben. Oder wer sich auf höchster Ebene persönliche Feinde gemacht hat. Niemand wird wegen Bestechung, Steuerhinterziehung oder Schmuggel bestraft, sondern wegen einer Regelverletzung anderer Art. 

 

Der Begriff „Sport“ im Zusammenhang mit Halbwahrheiten und heimlichen geschäftlichen Transaktionen scheint am ehesten angemessen. Mit Lügen und Betrug hat das aus chinesischer Sicht nichts zu tun. 

 

Wer nun meint, die Chinesen wären ein Volk von verlogenen Heuchlern, der täuscht sich. Sobald man die Spielregeln kennt und von den Äußerlichkeiten nicht mehr abgelenkt wird, erfährt man, wie verlässlich Menschen in engen Beziehungen sein können. Wenn man ab und zu ein Auge zudrücken kann, kann man die Chinesen als zuverlässige und angenehme Gesprächspartner und Geschäftspartner erleben.

 

Von uns Deutschen erwartet man in China allerdings oft Unmenschliches. Wir genießen den Ruf der Perfektionisten. Deshalb erwartet man von uns immer Pünktlichkeit, Korrektheit, Genauigkeit und Ernsthaftigkeit. 

 

Oh, und Trinkfestigkeit. Aber das ist ein anderes Thema.

 

 

Täuschung einer Ehefrau

 

Ein Beispiel  aus einem ganz anderen Lebensbereich. 

 

Kürzlich ging ein Fall durch die chinesische Presse, in der eine Frau sich vor der Heirat mehrerer Schönheitsoperationen unterzogen hatte. Als das erste Kind geboren wurde und der Mutter nicht ähnlich sah, fühlte sich der Mann zu Recht getäuscht, weil die Frau ihm nichts von den Schönheits-OPs gesagt hatte.

 

Dieses Beispiel zeigt gut die Grenzen zwischen Klugheit und Betrug. Der Mann möchte eine schöne Frau. Wenn sie durch OPs nachhelfen kann, dann ist das nicht verwerflich, auch wenn sie dem Mann nichts davon sagte. Egal ob von Natur aus oder durch die Hilfe des Chirurgen: Sie ist schön. 

 

Wenn aber das Kind hässlich ist, so dass der Mann sich blamiert fühlt, dann ist das nicht gut. Aus diesem Grunde hätte die Frau ihm sagen müssen, dass sie früher ein hässliches Kind war. Sie gilt als Betrügerin und wurde sogar juristisch belangt. 

 

Und so wurde der Fall zumindest in China diskutiert.

 

 

 

Produktpiraterie

 

Für die staatliche Macht oder auch für große Wirtschaftsunternehmen gilt diese Ethik aber nicht. 

 

Als Beispiel können dafür die Probleme mit Produktpiraterie und mit dem Diebstahl geistigen Eigentums herangezogen werden. Jeder Betriebswirt weiß, Wirtschaft hat große Ähnlichkeit mit Krieg. Und im Krieg ist (in manchen Kulturen) alles erlaubt. Die Chinesen wissen genau, was gefälschte Produkte sind und welche wirtschaftlichen Folgen Fälschungen haben. Aber im Geschäftsleben gilt das eben als Sportlichkeit oder kreative Klugheit, wenn man Produkte kopiert und so vom Know-how und vom Marketingerfolg des Originals profitiert.

 

Im Westen wird es oft damit begründet, dass man mit Kopien oder Fälschungen den Schöpfer des Originals ehren würde. Was für ein Blödsinn! Und die meisten im Westen glauben diesen Unsinn und beten ihn auch noch bei jeder Gelegenheit nach!

 

Niemand in China würde ernsthaft glauben, dass ein Produktpirat mit seiner Fälschung den Schöpfer des Originals ehrt. Jeder weiß: Es geht nur um Geld. Um Profit. Um schnellen Profit.

 

Natürlich wissen die Chinesen, dass Produktpiraterie dasselbe wie Diebstahl ist. Und spätestens seit es auch in China hierzu Gesetze gibt, ist klar: Wenn du dich hier beim Fälschen erwischen lässt, bist du dran.

 

Aber nur der Dumme lässt sich erwischen. Er wird dann nicht fürs Fälschen bestraft, sondern für seine Dummheit.

 

 

Auf staatlicher Ebene gelten jedoch wieder ganz andere Regeln. Der Staat darf alles. Der Zweck heiligt die Mittel. Nur so sind die Massaker in der chinesischen Geschichte zu verstehen. Und nur so ist zu verstehen, warum die Mehrheit der Chinesen überhaupt kein Interesse an Aufklärung von Verbrechen in der Vergangenheit hat. Denn der Staat darf Dinge, die der Einzelne als Privatmensch nicht darf. Das weiß jeder, deshalb braucht man darüber nicht zu diskutieren.

 

 

 

(Fortsetzung folgt)

 
Rainald Runge
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