Beziehungen in China - Vertrauen und Misstrauen

Vergitterte Balkone und Fenster in Guangzhou (Kanton). In Südchina selbstverständlicher Einbruchschutz.
Vergitterte Balkone und Fenster in Guangzhou (Kanton). In Südchina selbstverständlicher Einbruchschutz.

 

Misstrauen

 

Ein Aspekt des Bauchgefühls (siehe den den Artikel zum Thema Beziehungen „Gut Ding will Weile haben“) ist in vielen Lebensbereichen sichtbar: Misstrauen. Chinesen misstrauen einander grundsätzlich. Und je länger Sie in China sind, desto häufiger werden Chinesen Ihnen raten, vorsichtig zu sein und anderen nicht zu vertrauen. Es gibt sogar Chinesen, die Beziehungen mit Ausländern vorziehen als mit Landsleuten, weil sie aus Erfahrung zu wissen glauben, dass man Chinesen nicht trauen kann. Manche sagen aber, die Leute, die so denken, sind eher als „verrückt“ zu bezeichnen.

 

Mittrauen ist aber zumindest latent immer gegenwärtig.

 

Das fängt an beim Diebstahlschutz, und es geht weiter über Arbeitsverträge, Investitionen, Arzt- und Krankenhausbesuche, Restaurant- und Hotelbesuche bis hin zu privaten und beruflichen Beziehungen.

 

Deshalb erscheint eine arrangierte Beziehung oft als prinzipiell besser, und der beste Weg, jemanden kennenzulernen, geht über das einander vorgestellt Werden eines gemeinsamen Freundes. Bereits bestehende Verbindungen vermitteln ein Sicherheitsgefühl oder flößen Vertrauen ein. 

 

Aus dieser Sicht scheint es auch verständlich, wenn der Wortführer einer Delegation selten derjenige ist, der die Macht hat. Denn der möchte lieber beobachten, zu hören und alles auf sich wirken lassen.

 

Ein Tulou (Erdhaus) in der Provinz Fujian. Die Dorfgemeinschaft in diesen Gegenden ist aufgrund der Bauweise besonders eng.
Ein Tulou (Erdhaus) in der Provinz Fujian. Die Dorfgemeinschaft in diesen Gegenden ist aufgrund der Bauweise besonders eng.

Vertrauen

 

Das Wort „Vertrauen“ verwenden die Chinesen ungewöhnlich häufig. In vielen verschiedenen Zusammenhängen. Vor allem wenn man Englisch als Verkehrssprache verwendet, klingt das anders als gemeint. Da ist dann dauernd von „trust“ die Rede.

 

Und eigentlich geht es um etwas ganz Anderes.

 

Es geht um etwas, das wir Deutsche vielleicht eher als „Vertrauensvorschuss“ oder als „blindes Vertrauen“. Manchmal beschreibt das Wort „Vertrauen“ in China auch die Qualität einer Beziehung. Gewissermaßen eine Erinnerung daran, dass die Bereitschaft zu vertrauen in einer Beziehung wichtig ist und dass das in Frage Stellen eines Partners die Beziehung nachhaltig stören kann. 

 

Das ist für uns Deutsche oft nicht so selbstverständlich. Aber gerade in interkulturellen Beziehungen sind Enttäuschungen jederzeit möglich. Und nur wer einen langen Atem hat und auch mal Zweifel über Bord werfen kann, wird die positiven Aspekte einer langfristigen Beziehung mit Chinesen erfahren können. 

 

 

 

Kontakte knüpfen, Verbindungen stärken

 

Eine Beziehung ohne gemeinsame Freunde, biographische Bezüge oder gemeinsame Erlebnisse ist nicht tragfähig. Die Kunst in Verhandlungen oder im Kennenlernen besteht darin, solche Verbindungen oder gemeinsame Freunde zu finden. 

 

Deshalb drehen sich die ersten Minuten im Gespräch darum, welche gemeinsamen Bezugspunkte man hat. Ist nichts zu finden, dann war‘s das damit auch schon. Egal wie gut Ihr Angebot oder Ihr Produkt ist, es geht zuerst um gemeinsame Bekannte, gemeinsame Erfahrungen, gemeinsame Erlebnisse oder gemeinsame Erinnerungen.

 

Je mehr Menschen Sie kennen, je mehr Orte Sie besucht haben, desto leichter wird es Ihnen deshalb fallen, neue Kontakte zu knüpfen.

 

 

Gemeinsam verbrachte Zeit stärkt die Verbindung - auch hier in China.
Gemeinsam verbrachte Zeit stärkt die Verbindung - auch hier in China.

Harmonie

 

Selbst die meisten Chinesen können dieses Wort längst nicht mehr hören.

 

Wenn in Ihrer Gegenwart jemand dieses Wort mit Stolz oder im Brustton der Überzeugung gebraucht, um China zu beschreiben, dann können Sie ziemlich sicher sein, jemanden vor sich zu haben, der durch die Weiterbildungskurse der Kommunistischen Partei besucht hat. Er oder sie ist also Parteimitglied oder sogar Angehöriger eines Führungskreises. Aber man spricht darüber nicht. Es wird aber deutlich an manchen Chiffren, wie zum Beispiel am Gebrauch dieses Wortes in uneingeschränkt positivem Sinne. Es ist ein politischer Begriff und als solcher Teil der staatlichen Propaganda.

 

Wie aber oben bereits erwähnt, ist es im Kontakt wichtig, stets positiv und freundlich zu bleiben und sämtliche mögliche Missverständnisse im weiten Bogen zu umschiffen. Dazu gehören auch riskante Wörter (die Zahlen 4 und 250), politische Themen (egal welcher Art, lassen Sie es einfach!), oder ganz allgemein Rechthabereien oder Besserwissereien. Wenn Sie das nicht können, dann sollten Sie an Sondierungsgesprächen nicht beteiligt sein. Oder zuerst üben. 

 

Bevor Sie jemandem indirekt Ihre Meinung oder die ungeschminkte Wahrheit sagen dürfen, müssen Sie sich sehr, sehr lange kennen. Und um streiten zu können, muss man wirklich schon miteinander Schweine gehütet haben. 

 

Der an Autorität höher Stehende hat aber Narrenfreiheit. Der darf alles. Auch andere demütigen oder beschimpfen. Sollte Ihnen gegenüber jemand (im nüchternen Zustand) wiederholt aggressiv werden, in unkontrollierter Weise emotional werden oder Sie offensiv zu demütigen, dann wissen Sie, dass er sich Ihnen zumindest überlegen fühlt. Dass er Sie als sozial niedriger stehend ansieht. 

 

Oder er ist wirklich außerordentlich unkultiviert. Oder beides, unkultiviert und mächtig. Auf jeden Fall ist solch eines Situation nicht alltäglich. 

 

 

 

Authentizität und Transparenz

 

Diese zwei für uns wichtigen Prinzipien erfolgreicher Gesprächsführung und Beziehungen, Authentizität und Transparenz, haben in China eine andere Funktion.

Um die Erklärung etwas abzukürzen: Vergessen Sie es einfach!

 

Authentizität ist irrelevant und steht im Widerspruch zur „Kunst des Krieges“. Es geht darum, wie wirkungsvoll Ihre Aktionen sind, wie erfolgreich die Illusion ist, mit der Sie Ihr Gegenüber konfrontieren, nicht ob Sie ehrlich oder integer sind.

 

Transparenz kann man in vielen Situationen mit Dummheit gleichsetzen. Nur Kinder und naive Menschen lassen sich in die Karten schauen. Dieser Punkt ist möglicherweise wichtiger als er scheint. In meiner Anfangszeit in China habe ich viele Chancen verspielt, weil ich zu ehrlich und offen war. Denn die meisten Chinesen rechnen niemals mit Authentizität und Transparenz. Und wenn Sie Ihre Pläne transparent machen, dann argwöhnt Ihr Gegenüber, dass Sie ganz sicher noch ein paar Trümpfe im Ärmel haben.

 

Gerade für diejenigen, die Erfahrung mit Coaching haben, oder die Gesprächstechniken in Seminaren gelernt haben, werden in China umdenken müssen. Psychologie kann mitunter in China ganz anders funktionieren.

TopBlogs.de das Original - Blogverzeichnis | Blog Top Liste Blogverzeichnis > </a> </body> </html>
blogwolke.de - Das Blog-Verzeichnis </body
Blogverzeichnis