Beziehungen in China - Gut Ding will Weile haben

Viel Wasser muss den Fluss hinab fließen, bevor eine stabile Beziehung in China entsteht.
Viel Wasser muss den Fluss hinab fließen, bevor eine stabile Beziehung in China entsteht.

Ein guter Rat zu China lautet: Alles braucht seine Zeit. 

 

Wenn etwas schnell gehen soll, eine Investition, ein Projekt, eine Kooperation, eine Beziehung, eine Freundschaft, eine Ehe, dann ist garantiert etwas faul dran. 

 

Und mehr noch als in Deutschland gilt die Empfehlung: Finger weg, wenn jemand zu Ihnen sagt: „Wenn Sie heute noch kaufen (oder investieren oder unterschreiben), dann bekommen Sie Rabatt.“ Wer das sagt, will Sie garantiert übers Ohr hauen. 

 

Den besten Tipp zu China las ich einmal in einem Artikel über Geschäftsverhandlungen in China. Er lautete sinngemäß: „Bringen Sie immer doppelt so viel Zeit mit, wie sie für die Verhandlungen oder für das Projekt kalkuliert haben.“ 

 

Dieser Rat ist unbezahlbar. Denn gut Ding will Weile haben in China. 

 

Bauchgefühl in China 

 

Chinesen sind nicht langsam und auch nicht faul. Aber das Bauchgefühl ist in China viel wichtiger als in Deutschland. Und das Bauchgefühl hat zwei wichtige Aspekte.

 

Der erste Aspekt betrifft negative Überraschungen zu Beginn der Verhandlungen. Ein relativ kleines Missverständnis zu Beginn kann ein Sondierungsgespräch zum Scheitern verurteilen. 

 

Deshalb ist es den Chinesen so wichtig, vor allem zu Beginn eines Treffens lange Zeit miteinander zu lachen und freundliche Belanglosigkeiten auszutauschen, zu essen, über Land und Leute zu reden. 

 

Die ritualisierte Fragerei über Herkunft, Familienstand, Kinderzahl, auch über finanzielle Verhältnisse und Besitztümer (z.B. Immobilie und Auto) kann man ganz einfach als Angebot verstehen, über Dinge zu sprechen, die Ihnen gefallen und Freude machen. Das ist gut fürs Gesprächsklima. Sie dürfen diese Fragen übrigens jederzeit gerne Erwidern. Mit derselben Direktheit, denn eigentlich ist es manchmal keine Neugier, sondern nur ein Element positiver Gesprächsführung in China.

 

Auch zufällige Dinge, vor allem negative, spielen zu Beginn eines Kontakts eine Rolle. 

 

Ein potentieller Nachmieter wollte einmal eine Wohnung besichtigen, bevor ich auszog. Die Vermieterin wartete in meinem Wohnzimmer auf ihn. Plötzlich kam ein Anruf, dass ein Auto ihn angefahren hätte. Er hatte gerade selbst sein Auto abgestellt und wollte zu meiner Wohnung herüberkommen. Ein anderer Fahrer hatte ihn beim Einparken gestreift und ein paar hässliche Schürf- und Quetschwunden am Bein zugefügt. 

 

Damit war sicher, dass er die Wohnung niemals mieten würde. So als hätte das Schicksal ihn warnen wollen.

 

Der zweite Aspekt des Bauchgefühls ist das gute Gefühl, das langsam entsteht, je länger man einen kennt. In Deutschland sagt man, man muss erst zusammen Schweine gehütet haben. Oder man muss zuerst einen Zentner Salz zusammen essen.  Dann kennt man sich, dann kann man einander vertrauen. 

 

Es gibt sogar eine ähnliche Redewendung in China. Die Chinesen wissen, dass stabile Beziehungen Zeit brauchen. 

 

Hier gibt es aber auch wichtige Unterschiede zu uns Deutschen. 

 

Einerseits ist es durchaus erlaubt, Tricks in Geschäftsverhandlungen anzuwenden. Oder sogar im Privatleben. Es gilt als nicht negativ, jemanden zu übertölpeln oder mithilfe von Lügen eine Beziehung zu begründen. Man hat hinterher ja Zeit, die „Notlügen“ oder „weißen Lügen“ aufzuklären oder zu zeigen, dass man es ja gut gemeint hat. Wenn Sie von der „Kunst des Krieges“ von Sun-Tsu (oder Sunzi) gehört haben, dann wissen Sie, was ich meine. 

 

Wer Sie aber zu schnellem Handeln drängen möchte, der führt in der Regel nichts Gutes im Schilde.

 

 

Nur wenige Beziehungen in China sind ähnlich eng wie die der Kameraden aus der gemeinsamen Militärzeit.
Nur wenige Beziehungen in China sind ähnlich eng wie die der Kameraden aus der gemeinsamen Militärzeit.

Stabilität in Beziehungen

 

Beziehungen sind in China mitunter stabiler als in Deutschland. 

 

Während Deutsche manchmal sehr schnell enttäuscht sind und sich von einem Bekannten oder Freund abwenden, so bleiben die Chinesen in Kontakt. Vielleicht nicht mehr so eng wie früher, aber die Tür bleibt für einstige Freunde eigentlich nie ganz verschlossen. 

 

Vielleicht gibt es heftigen Streit, vielleicht muss man sich einmal gemeinsam besaufen, aber dann ist es auch wieder gut. Manchmal muss Gras über eine Sache wachsen können. 

 

Aber Ausdiskutieren, das mögen die Chinesen überhaupt nicht. Über eine Sache Gras wachsen lassen, etwas unter den Tisch fallen lassen, etwas unter den Teppich kehren, das ist die chinesische Methode, mit Konflikten, Problemen und Enttäuschungen umzugehen. Das müssen wir Deutschen oft mühsam lernen. 

 

Langfristig sind also Beziehungen oder Kontakte in China eher stabiler oder sicherer als in Deutschland. Dabei vertragen Sie Nähe und Distanz auf eine andere Weise als in Deutschland. Das ist aber ein anderes Thema und würde hier zu weit führen.

 

Das „Bauchgefühl“ ist eine sinnvolle Metapher, um Entscheidungsprozesse in China zu beschreiben. Es ist nicht das einzige Prinzip, aber ein häufiges.

TopBlogs.de das Original - Blogverzeichnis | Blog Top Liste Blogverzeichnis > </a> </body> </html>
blogwolke.de - Das Blog-Verzeichnis </body
Blogverzeichnis