Die Polizei, dein Freund und Helfer

Männer in Uniform in Peking.
Männer in Uniform in Peking.

Mit diesem Slogan sind die Kinder meiner Generation aufgewachsen. Ein Polizist repräsentierte Sicherheit, Ordnung, Vertrauen, Verlässlichkeit. Und einige in meiner Generation glaubten das tatsächlich.

 

Dass diese Perspektive, die wir im Kindergarten und in der Schule vermittelt bekamen, etwas zu eindimensional ist, merkte ich an einem sonnigen Tag im „Deutschen Herbst“. 

 

Ich weiß nicht mehr genau, wer gerade ermordet oder entführt worden war. War es Ponto oder Schleyer? Ich weiß aber noch, dass wir mit der Familie in unserem alten Ford Taunus zum Breuningerland nach Ludwigsburg fahren wollten. Auf der großen Kreuzung am Ortseingang von Bietigheim war große Polizeikontrolle. 

 

Man bedenke, wir saßen zu viert in einem alten Ford Taunus, hinten zwei Kinder. Ich war damals im Grundschulalter. Ich erinnere mich noch daran, dass ein Polizist uns kontrollieren wollte. Eigentlich grotesk. Denn meine Eltern sahen wirklich keinem der Mitglieder der Bader-Meinhof-Bande ähnlich. Und sie waren viel älter. Und auf den Rücksitzen saßen zwei Kinder. 

 

Der Polizist, keine Ahnung, was er sich dachte oder ob er sich überhaupt etwas dabei dachte, forderte meinen Vater auf, das Fenster zu öffnen und sich auszuweisen. Leider zielte dabei der Lauf seiner Maschinenpistole, die er sich sportlich umgehängt hatte, genau an meinem Vater vorbei in den Innenraum des Autos. 

 

Und mein Vater rastete aus. Ich erinnere mich nicht mehr genau daran, wie das ablief. Es gab einen furchtbaren Streit mit dem Polizisten und einen Menschenauflauf.

 

Mein Vater fand es skandalös und empörend, was damals geschah. Und heute möchte ich ergänzen: Er hatte vermutlich einfach nur furchtbare Angst, dass sich ein Schuss lösen könnte. Schließlich saß seine gesamte Familie im Auto. 

 

Typisch Deutsch. Wehrhaft und jederzeit bereit, sich mit der Obrigkeit anzulegen. Und leider auch oft über das Ziel hinausschießend.

 

In Deutschland können wir das. Wir schimpfen und streiten mit Polizisten. Und wenn bei der Demo zu Stuttgart 21 ein Polizist zu forsch vorgeht, dann ist eine ganz Stadt empört und will ihn ins Gefängnis werfen lassen.

 

Vor Polizisten in Deutschland hatte ich später immer große Achtung, weil sie für ein geringes Gehalt einen nicht unbedingt angenehmen Beruf ausüben. 

 

In China ist alles anders. Und auch das mit der Polizei ist hier irgendwie ganz anders als in Deutschland.

 

Dieser junge Mann in Uniform beschützt irgendwas vor irgendwem auf dem Platz des Himmlischen Friedens in Peking.
Dieser junge Mann in Uniform beschützt irgendwas vor irgendwem auf dem Platz des Himmlischen Friedens in Peking.

Uniformen in China

 

Was in China auffällt, dass ist die allgegenwärtige Präsenz von Uniformen. Polizisten, Soldaten, Wachleute, Parkwächter, unglaublich viele Berufsgruppen tragen eine Uniform, die für ungeübte Beobachter kaum von einer Polizeiuniform zu unterscheiden ist. 

 

Uniformen sind schick, sie strahlen Autorität aus oder wirken offiziell oder zumindest „zuständig“. 

 

Andererseits sehen Uniformen im Privatkontext albern aus. Ich habe ein blaues Oberhemd und ich trage es kaum. Weil die Menschen mich fragen: „Arbeitest du als Busfahrer?“

 

Deshalb hängt es meistens im Schrank.

 

 

Polizei in China

 

Der Durchschnittsmensch in China legt sich nicht mit einem Polizisten an. Denn Polizisten stehen über dem Gesetz. Sie sorgen nicht für die Einhaltung der Gesetze, sondern sie stehen darüber. Oder sie leben in einem Parallel-Universum, in dem sie sich nicht denselben Gesetzen unterwerfen müssen wie die Normalsterblichen. 

 

Immer wenn ich abfällig auf einen in der Nase popelnden Verkehrspolizisten blickte, bekam ich von meinem chinesischen Freund einen Stoß in die Rippen. Zu gefährlich, provoziere ihn nicht!

 

Immer wenn ich einen Polizisten dabei fotografieren wollte, wie er den halben Tag im Streifenwagen im Schatten lag und auf seinem Handy „Fruit Ninjia“ spielte, fauchte mein chinesischer Begleiter: „Bist du verrückt? Willst du Ärger?“

 

Deshalb gibt es bis heute noch kein solches Foto. 

 

Es treibt mir die Galle hoch, wenn ich sehe, wie die Polizisten mit einem uigurischen Nuss-Verkäufer einen Streit anfangen, gleich 20 Mann Verstärkung holen und alles mit Videokamera aufzeichnen, nur weil er an der falschen Ecke steht, um seine Walnüsse zu verkaufen. 

 

Die anderen chinesischen Straßenhändler, die nicht der muslimischen Minderheit angehören, dürfen hier stehen und ihren Ramsch verkaufen. Oder betteln, oder Porno-DVDs verkaufen.

 

Wer ein großes Auto wie dieses hat, der kann in China fast überall kostenlos parken.
Wer ein großes Auto wie dieses hat, der kann in China fast überall kostenlos parken.

Es ärgert mich, wenn ich im Bus fernsehe und im Polizeibericht sehe, wie massenweise Falschparker denunziert werden. Das geht dann ungefähr so: Foto eines falsch parkenden Autos, darunter noch einmal das Kfz-Kennzeichen und der volle Name des Halters.

 

In Deutschland undenkbar, in China normal. 

 

Gute Idee, sollte man in Deutschland auch machen, sagen Sie?

 

Sie haben eine Kleinigkeit vergessen. Die Autos, die fotografiert werden, die Fahrzeughalter, die öffentlich denunziert werden, sind immer nur die Besitzer von alten Rostlauben, oder von Kleinwagen bis ungefähr zum VW Passat oder zum Mittelklasse-Toyota. 

 

Niemals habe ich ein Foto von einem falsch geparkten Porsche, Bentley, Ferrari, Jaguar, BMW X5 oder Audi A7 gesehen. Obwohl die meisten Gehwege nur von diesen Luxus-Autos zugeparkt sind. 

 

Die Polizei interessiert sich nicht für jedes Verbrechen, sondern nur für Kleinkriminelle. Den großen Gangstern wird nur selten der Prozess gemacht. 

 

Als Ausländer begegnet mir die Polizei tendenziell freundlicher als Chinesen. Das ärgert die Chinesen, und das ist mir peinlich. 

 

Oft meidet mich die Polizei, weil die Polizisten nicht Englisch sprechen, und natürlich ahnt niemand, dass ich auch Chinesisch kann. 

 

Es gibt in China keine Gleichheit vor dem Gesetz. Und es gibt in China definitiv keine Gleichheit vor der Polizei.

 

Manchmal frage ich einen Polizisten nach dem Weg. Meinen chinesischen Begleitern bleibt dabei fast das Herz stehen: „Du kannst doch nicht einfach einen Polizisten ansprechen!“

 

Doch, kann ich. 

 

Der Polizist ist dann aber oft so verdutzt, dass er nicht antwortet. Er starrt mich an, und versteht mich nicht. 

 

Man erwartet grundsätzlich nur Englisch aus dem Mund eines Ausländers. Und deshalb wird man oft nicht verstanden, egal wie gut man Chinesisch spricht. (Siehe dazu den Artikel „Dein Englisch ist wirklich sehr gut!“)

 

Ich ärgere mich über manche soziale Unterschiede in China. Dass eben reiche Leute mehr Vorrechte haben als Durchschnittsbürger. Und gleichzeitig genieße ich manche Vorzüge als Ausländer in China. 

 

Als Ausländer in China bin ich nicht nur Beobachter der sozialen Unterschiede. Ich bin in erster Linie Nutznießer der Ungleichheit und der Ungleichbehandlung!

 

 

 

Mit der Polizei auskommen

 

In China habe ich gelernt, gegenüber Polizisten etwas auf Distanz zu bleiben. Denn die Gefahr, in eine komplizierte Situation zu kommen, ist real. Vor allem bleibt man nicht stehen, wenn die Polizisten gerade bei der Ausübung ihres Jobs mit jemandem in einen Streit oder in eine Schlägerei geraten. Die Faustregel heißt: Weitergehen, so tun, als wäre da nichts.

 

In dem kleinen, vielleicht sogar rückständigen Vorort, in dem ich lebe, habe ich gelernt, mit allen Leuten ins Gespräch zu kommen. Es gehört sich hier einfach so. 

 

Auch mit der Polizei hier komme ich oft ins Gespräch. Es begann an dem Tag, als ich mich wie jeder Ausländer auf der Polizeistation registrieren musste. Ich war sofort umringt von einigen Polizisten in Uniform, die sich einen Jux daraus machten, möglichst starken Dialekt zu sprechen, damit ich mehrmals nachfragen musste, bevor ich ihre Sätze verstand. Ich spielte das Spiel mit, und seitdem kennt man mich: Der neue Ausländer, der sogar ein bisschen Chinesisch spricht.

 

Seitdem erschrecken meine chinesischen Begleiter oft, wenn wir durch den Ort laufen oder fahren, und plötzlich ruft ein Polizist in Uniform lachend von weitem und winkt uns dabei zu. 

 

Ich sage dann immer: „Keine Sorge. Der will nichts von uns. Der will nur Hallo sagen. Die meisten Polizisten hier kennen mich nämlich.“

 

Mein chinesischer Begleiter schüttelt dann den Kopf: „Die Polizisten grüßen dich auf offener Straße. Sowas habe ich noch nie gesehen.“

 

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