88 und 250

Am Rande Xiamens wird eine riesige Trabantenstadt gebaut. Wie in fast überall in China. Hier gibt es große und teure Apartments, aber sicher keines mit 250 qm.
Am Rande Xiamens wird eine riesige Trabantenstadt gebaut. Wie in fast überall in China. Hier gibt es große und teure Apartments, aber sicher keines mit 250 qm.

Zahlenspiele

 

Schauen Sie sich einmal in China die Preisschilder an. Sie werden auffallend oft die 8 finden. Eine Flasche Wein kostet 88 RMB, das neue iPhone 5s kostet in der billigsten Variante zur Zeit 5288 RMB. Sie finden seltener die 9.

 

Man kann sie finden. Heute ging ich in ein Bekleidungsgeschäft. Die Jeans von „Lee“ kosteten 888 RMB das Paar, das Oberhemd kostete 149 RMB. Der Pullover von Tommy Hilfiger kostete 1380 RMB, die Windjacke kostete 249 RMB. 

 

Den Preis 250 RMB werden Sie vermutlich nie finden. Auch nicht 1250 RMB. Man findet keine 250 g Butter. Und auch keine Flaschen mit 250 ml Inhalt. Zumindest habe ich noch keine gesehen. 

 

Die 8 ist eine Glückszahl. Das weiß fast jeder. Eine Autonummer mit vielen Achten drin wird für horrende Summen unter der Hand verkauft. Eine Handynummer mit vielen Achten ist Gold wert. Und wenn mir der Weinhändler zum Neujahrsfest eine Flasche Wein für 88 RMB verkaufen möchte, dann lehne ich dankend ab. Denn ich weiß, dass es der Wein für 40 RMB ist, der eben nur das Glück bringende Preisschild erhalten hat. 

 

Sie können problemlos 300 oder 500 RMB für eine Flasche Wein ausgeben, was an sich verwunderlich ist. Denn in Europa würden wir vermutlich selten 30 oder 50 EUR für eine Flasche Wein anlegen, solange es guten Wein für 20 Euro oder sogar weniger gibt. Hatte nicht irgendein Gourmet vor ein paar Jahren getestet und geurteilt, dass der Rotwein bei Aldi für 4,99 EUR ganz hervorragend wäre?

 

Aber Sie finden in China keinen Wein für 250 RMB. Sollte man den Preis in der Nähe von 250 RMB kalkulieren, dann verkauft man den Wein eben für 268 RMB oder gleich für 280 oder 288 RMB. 

 

 

Das Problem mit der 250

 

Die Zahl 2 kann man im Chinesischen auf zwei Arten aussprechen. Stellen Sie sich das einfach so ähnlich vor wie „zwei“ und „zwo“ (Der Vergleich hinkt. Ich bitte die Sinologen um Nachsicht.).

 

Die häufige Aussprache von 250 ist ganz unverfänglich. Schließlich muss man ja beispielsweise sagen können, dass eine Stadt von einer anderen 250 km entfernt ist. Oder dass ein Haus 250 Jahre alt ist. 

 

Wenn man aber die alternative Aussprache verwendet, dann bedeutet 250 ganz einfach „dumm“, „verrückt“, „zurückgeblieben“ oder „bescheuert“.

 

Es klingt daher nicht besonders schmeichelhaft, wenn ein Verkäufer in irgendeinem Zusammenhang die Zahl 250 gebraucht, weil der Kunde möglicherweise an „verrückt“ denkt.

 

250 ist keine Unglückszahl, um das ganz klar zu sagen. Aber die Chinesen tendieren in offiziellen Situationen oder in Geschäftssituationen oder ganz allgemein im Gespräch mit Fremden dazu, Missverständnisse im weiten Bogen zu umschiffen.

 

 

Höflichkeit und Respekt im Gespräch

 

Die chinesische Höflichkeit, Rücksicht oder Geduld in der Kommunikation wirkt aus der Sicht von Deutschen oft wie Unsicherheit oder wie die Angst vor Missverständnissen. Man geht in der Kommunikation mit Fremden kein Risiko ein. Denn man weiß nicht, wie viel Macht oder Einfluss oder Gewaltpotential das Gegenüber in sich trägt.

 

Natürlich erklären Chinesen Höflichkeit und Vorsicht im Umgang miteinander oft mithilfe der Tradition, der Religion oder der berühmten Philosophen. So wird in China ja quasi alles erklärt. Aber wenn man genau hinschaut, dann ist es purer Pragmatismus. Kalkül. Vernunft.

 

Bevor Sie jetzt denken, wir Deutschen wären den Chinesen in irgendeiner Weise überlegen, dann denken Sie bitte an Redensarten wie folgende: „Man begegnet sich immer zweimal im Leben.“ Auch dieser Satz erinnert daran, dass man im Umgang mit anderen Menschen Vorsicht walten lassen sollte. Nicht aus christlicher Nächstenliebe heraus, sondern weil der Zorn des Anderen irgendwann wie ein Bumerang auf uns zurückkommen könnte.

 

Wir Deutsche wissen das also auch, dass man niemanden unnötigerweise vor den Kopf stoßen sollte. Es ist einfach nicht gut fürs Geschäft oder für die eigene Zukunft. Die Chinesen haben dieses Wissen internalisiert und den Umgang damit so weit perfektioniert, dass eine regelrechte Gesprächskultur daraus entstanden ist. 

 

Meiner Beobachtung nach werden diese Regeln nur im Umgang mit potentiellen Kunden (denn ich will ja sein Geld) oder mit sozial höher gestellten Personen (wie z.B. Lehrern, Polizisten, Regierungsmitarbeitern und natürlich Führungskräften in der Partei oder im eigenen Unternehmen). Es ist gut fürs soziale Miteinander, und im Ernstfall kann es einem die Haut retten. 

 

Natürlich ist das im Familienkreis ganz anders. Da wird mitunter geschritten, geschlagen und die schlimmsten Dinge gesagt. Aber das ist ein Thema für ein andermal.

 

Denken Sie also bitte nicht an „Gesichtsverlust“ oder ähnliche überkommene Konstrukte, die in ausländischen interkulturellen Trainings immer ausführlich behandelt werden. Denken Sie einfach pragmatisch. Denken Sie daran, dass man sich immer zweimal im Leben begegnet. Und deshalb macht es Sinn, keine Situation eskalieren zu lassen. 

 

Und deshalb macht es Sinn, auch in Verkaufsgesprächen die Zahl 250 zu umschiffen.

 

 

250 gibt‘s nicht. Beispiele.

 

Wenn eine Wohnung ungefähr 250 qm hat, dann bietet man sie mit 249 qm oder vielleicht 255 qm an. Es muss sich nur ein Weg finden, die Quadratmeterzahl irgendwie nachvollziehbar zu erklären. Aber auf keinen Fall mit 250 qm! Und wenn eine Wohnung gemäß ihrer Größe und dem Quadratmeterpreis 250 Tausend RMB kosten würde, dann muss der Preis auf jeden Fall korrigiert werden. 

 

China-Kenner wissen natürlich, dass die Zahl hier falsch ist. Erstens gibt es keine so billige Wohnung in China und zweitens zählen die meisten asiatischen Sprachen nicht in Tausendern, sondern in Zehntausendern. Eine schöne Wohnung kostet also eher 2,5 Mio., oder 250 Zehntausender. So sagt man hier 250 万 RMB. Das Zeichen 万 bedeutet Zehntausend, und es wird so ähnlich wie das deutsche Fragewort „wann“ ausgesprochen. Die Umrechnung fällt leicht. Ganz grob über den Daumen gepeilt sind das nämlich 250.000 EUR.

 

Ein Auto mit 250 PS oder eine Geschwindigkeitsbegrenzung bei 250 km ist undenkbar. Das könnte höchstens als dummer Witz durchgehen. 

 

250 g Wurst oder Butter? Gibt es nicht. Ein halbes Pfund von irgendwas, das ginge noch. Aber eben nicht 250 g.

 

 

Es ist nicht so, dass 250 eine Unglückszahl wäre. Es ist kein Tabu, 250 zu sagen. Aber immer, wenn es um formelle Situationen geht oder um solche, in denen Höflichkeit eine Rolle spielt, versucht man, unnötigen Missverständnissen aus dem Weg zu gehen. 

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