Motorräder und Sturzhelme

Einige Beispiele für typische Sturzhelme in Xiamen.
Einige Beispiele für typische Sturzhelme in Xiamen.

Im Straßenverkehr in China sieht man auch Motorräder. Es hängt aber sehr davon ab, wo man wohnt. In Beijing waren ab ca. 2005 die Motorräder mit Beiwagen, wie sie das Militär benutzt, bei den westlichen Ausländern beliebt und galten als „cool“. 

 

Viele stellen sich chinesische Großstädte so vor: Millionen Fahrräder und viele, viele knatternde Motorräder. Dazwischen Autos. 

 

So sah China vielleicht im Jahr 1990 aus.

 

Heute sieht das Stadtbild in China ungefähr so aus: Viele, viele Autos, die meisten nagelneu und eher eine Klasse teurer als in Deutschland. 

 

In den Städten der zweiten Ebene (siehe dazu einen frühren Blog-Artikel) sieht man zusätzlich viele Motorräder oder Elektro-Fahrräder. Diese Elektro-Fahrräder sehen ungefähr so aus wie die Mofas in Deutschland in den 1970er und 1980er Jahren. 

 

Ein Fahrrad ist entweder eine Verzweiflungstat eines Menschen, der überhaupt kein Geld hat. Oder seit ungefähr 2009 zunehmend beliebte Sportgeräte. Dann aber bitte gleich eines für 10.000 RMB oder noch viel mehr. Wenn man schon ein Auto hat und seinen Wohlstand weiter zur Schau stellen möchte, dann kauft man sich ein teures - und teuer aussehendes Fahrrad. Auch wenn man damit anschließend nur einmal im Monat am Strand entlang fahren möchte...

 

 

Das Elektro-Mofa

 

Im Jahr 2010 kaufte ich mir ein kleines Elektro-Motorrad. So eines, das aussah wie die Mofas früher in Deutschland. Es war erstaunlich billig, und erstaunlich schnell. Und der Blei-Akku war erstaunlich schwer. Schnell merkte ich, dass die Bremsen erstaunlich schlecht waren. Und dass es vor allem fast keine Federung hatte. Die Federung bestand quasi nur aus den Federn im großen, bequem aussehenden Sattel. Groß und bequem sah er aus. Und war es auch, ungefähr 4 Wochen lang. Danach bekam ich nach 15 Minuten auf dem E-Bike Rückenschmerzen.

 

Nach 3 Monaten begann es übrigens zu rosten. Und nach einem Jahr sah es ungefähr so aus wie ein Fahrrad, dass jemand in Deutschland 10 Jahre lang im Regen stehen lassen hat. Natürlich hatte ich mein Elektro-Motorrad immer im Hauseingang untergestellt, es war nicht dem Regen ausgesetzt. Aber es sah nach einem Jahr so aus, als hätte man es nach langer Zeit vom Meeresgrund heraufgezogen. 

 

Es hat mir gute Dienste geleistet. Und es war ein echter Hingucker. Wann sieht man schon einen Ausländer auf so einem Gefährt?

 

Oft zeigten die Leute mit dem Finger auf mich. Und einmal hörte ich jemanden sagen: „Schau mal, der Amerikaner dort fährt ein Elektro-Motorrad, obwohl er sehr reich ist. Er möchte etwas für den Umweltschutz tun.“

 

Dass dieses Elektromotorrad damals tatsächlich bei meinem geringen Gehalt von der Uni eine nicht unerhebliche Anschaffung darstellte, glaubte niemand. Deshalb versuchte ich das auch nicht zu erklären. 

 

Im Stadtzentrum, auf der Insel Xiamen, sind Motorräder verboten. Eigentlich seit 2012 auch die Elektromotorräder. Wie es dazu kam, ist ein bisschen kompliziert. Und eine Geschichte für ein Andermal. Die Polizei führte damals ein paar Monate lang strenge Kontrollen durch und konfiszierte ganze LKW-Ladungen mit den Elektro-Motorrädern. Sie verschonten mich. Oder ich hatte Glück. 

 

Inzwischen gibt es keine Kontrollen mehr, und es gibt wieder deutlich mehr Elektro-Motorräder in der Stadt. Vor allem ist das ein großes Glück für die zahlreichen Händler, die schon fast vor dem Ruin standen, als das Verbot in Kraft trat.

 
Der letzte Schrei. Ein Motorroller im "Transformers"-Design. Alles Fassade. Unter dem Plastik Technik von Vorgestern. Und schon beim Kauf Rost. Und alle zwei Monate bleibt er liegen. Wenn er aber fähr
Der letzte Schrei. Ein Motorroller im "Transformers"-Design. Alles Fassade. Unter dem Plastik Technik von Vorgestern. Und schon beim Kauf Rost. Und alle zwei Monate bleibt er liegen. Wenn er aber fährt, dann fährt er wie der Wind.

Der Motorroller

 

Nach meinem Umzug in einen Außenbezirk der Stadt, aufs Festland, machte das Elektromotorrad keinen Sinn mehr. Denn man darf (eigentlich) die Brücken, die auf die Insel Xiamen führen, nicht mit einem Motorrad befahren. Für einen Ausflug ins Grüne war der Akku nicht ausreichend leistungsfähig. 

 

Und ich merkte, dass die benzinbetriebenen Motorräder sogar wesentlich billiger waren als die mit Elektromotor. 

 

Also gab ich mein E-Motorrad in Zahlung und kaufte mir einen kleinen Roller. Mit Viertakt-Benzinmotor. Ich fühlte mich wie ein 16-jähriger, der zum ersten Mal auf seine Vespa steigt. Wie damals, vor fast 30 Jahren ... 

 

 

Und weil ich dachte, ich könnte später auch mal mit dem Motorroller aufs Land fahren, wollte ich auch einen Sturzhelm und Motorradkleidung kaufen. Nichts Teures, aber eben das, was wir in Deutschland als die Mindestausstattung bezeichnen würden. 

 

Schließlich wird es hier im Winter auch frisch. 10 Grad plus auf dem Motorrad können sehr, sehr kalt werden, wenn man keine Handschuhe und keine winddichte Jacke hat.

 

Jetzt wurde es aber schwierig. Es gab nämlich keine Motorradhandschuhe in meiner Größe. Ich versuchte es online und fand passende, die ich bis heute benutze.

 

Eine Motorrad-Windjacke gab es beim Motorradhändler um die Ecke. In XXXL. Und sie passte. In Deutschland hätte ich vielleicht XL gekauft. Hier brauche ich XXXL. Andere Dimensionen eben.

 

Und ich hätte gerne einen Helm gehabt. Der Motorradhändler sagte: „Ich schenke Dir einen!“

 

Der sah so aus wie der Helm eines Bauarbeiters, nur dass er aus ganz zerbrechlichem Plastik war. Wirklich beängstigend. 

 
Der allerletzte Schrei unter den Motorradhelmen (2012).
Der allerletzte Schrei unter den Motorradhelmen (2012).

Der Sturzhelm

 

Ich sagte: „Haben Sie auch so einen großen Helm?“

Der Händler sagte: „Brauchen Sie nicht. Das ist nur ein Roller. Niemand trägt einen großen Helm. Schauen Sie sich doch einmal um!“

 

„Wo könnte man einen großen Helm (ich meinte einen Integralhelm) kaufen?“

„Vielleicht dort drüben bei dem Helm-Geschäft.“

 

Die Leute hier nennen die Sturzhelme übrigens einfach „Mützen“. Und so sehen sie auch aus. Wie Mützen, wie Hüte, wie Armee-Helme, oder wie die Strohhüte der Reisbauern. Oder eben wie der Plastik-Deckel, den ich beim Kauf des Motorrades geschenkt bekam.

 

Ich ging zum Helm-Geschäft. Der Besitzer freute sich sehr, mich zu sehen, erzählte mir von einem Ausländer, der bei ihm einen Helm gekauft hätte. Und er zeigte mir ein paar wirklich tolle, farbenfrohe Integralhelme. Nicht mein Geschmack, aber er war so nett, dass es Spaß machte, sich alle Helme zeigen zu lassen.

 

Er sagte: „Dieser hier ist gut für Ausländer.“

Ich fragte: „Warum?“

„Die Ausländer mögen solche Helme. Ihr habt doch in Eurer Heimat auch solche Helme. Ist das nicht eine von Euren Marken?“ 

 

Er zeigte auf die Marken: In einen Helm stand „Schubert“, in dem anderen „Shoei“. Ob sie echt waren, weiß ich nicht. Aber der Preis war es. Sie waren verdammt teuer. Teurer als mein Motorroller. Und eigentlich wollte ich kein Monatsgehalt in einem Helm anlegen. 

 

„Haben Sie auch chinesische Marken?“

„Ja klar, aber da muss ich schauen, ob ich Ihre Größe habe.“ 

 

Leider habe ich eine etwas unglückliche Kopfform. Auch bei BMW passten mir deshalb früher nicht alle Helme. Mein Kopf ist nicht groß, aber eben nicht DIN-genormt.

 

Wir probierten einige Helme aus. Die Preise waren sehr angenehm niedrig. 

 

Der dritte Helm passte und fühlte sich gut an. Bis ich das Visier schloss. Meine Nase war zu groß! Das Visier ließ sich nicht schließen.

 

Ich habe vielleicht keine kleine Nase, aber das ist mir noch nie passiert. 

 
Der neue Motorradhelm von vorne.
Der neue Motorradhelm von vorne.

Er sagte: „Tja, Ihr Ausländer habt eben immer so große Nasen. Das ist ein chinesischer Helm. Der ist für uns angepasst.“

 

„Aber wie soll ich ihn denn schließen, wenn kein Platz für meine Nase ist?“

 

Der Verkäufer: „Kein Problem, wir wohnen hier nicht in Peking. Im Winter ist es hier nicht so kalt. Sie können das Visier offen lassen. Notfalls fahren Sie eben ein bisschen langsamer.“

 

Weil es der einzige Helm war, der mir überhaupt passte, und weil er wirklich fast nichts kostete, habe ich ihn mitgenommen. Und drückte seitdem meine Nase am geschlossenen Visier platt.

 

Zwei Monate später bat ich den Helm-Verkäufer, mir einen Helm zu besorgen, in dem meine Nase Platz hätte. 

 

Er sagte: „Warum? Sie brauchen keinen Helm. Niemand hat einen Helm.“

 

Ich sagte: „Ich würde aber gerne mal in die Nachbarstadt fahren, oder in die Berge.“

„Mit dem Motorrad? Warum?“

„Aus Spaß. Ich fahre gerne.“

„Das ist zu gefährlich.“

„Ich habe einen Führerschein. Ich kann fahren.“

„Das ist zu gefährlich. Bleiben Sie mit dem Motorrad innerhalb der Stadt. Man verreist nicht mit dem Motorrad.“

 

Nach einigem Hin und Her versprach er mir, dass er sich darum kümmern würde. Und er tat es. Zwei Monate später konnte ich einen Helm abholen, in dem meine Nase Platz hatte. Leider war er farblich nicht unbedingt mein Geschmack, aber die Chinesen finden ihn unheimlich cool. 

 

Vielleicht finden sie aber auch einfach cool, dass überhaupt jemand einen Sturzhelm trägt. Und dann auch noch ein Ausländer! 

 

Immer wieder werde ich gefragt: „Warum hast du einen Helm auf? Es ist doch gar nicht kalt.“

 

Oder: „Gut dass du einen Helm dabei hast. Es regnet gleich.“

 

Ich habe jetzt ja zwei Helme. Manchmal habe ich einen Freund ins Kino mitgenommen, oder zum Fitness-Center. Ich habe immer wieder einen Helm angeboten. 

 

„Nein, ich habe gerade meine Haare gewaschen“, war dann eine Antwort.

Oder: „Es ist nicht kalt. Danke.“

Oder: „Nein, meine Frisur geht davon kaputt.“ 

 

Das hat ein Mann gesagt.

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