Von Riesenhornissen und Giftschlangen

Hornissen, frisch gefangen und lebendig, bereit für die Herstellung von leckerem Schnaps. Gesehen auf einem Straßenmarkt am Hafen in Xiamen.
Hornissen, frisch gefangen und lebendig, bereit für die Herstellung von leckerem Schnaps. Gesehen auf einem Straßenmarkt am Hafen in Xiamen.

Das Sommerloch

 

So nennt man im Journalismus die Jahreszeit, in der viele Menschen in Urlaub sind, in der auch das Parlament Ferien hat, und irgendwie scheint überhaupt nichts Wichtiges in diesen Wochen passieren zu wollen. Es werden dann relativ belanglose oder manchmal gar nicht real existierende Dinge zu Neuigkeiten und Nachrichten hochstilisiert: unsichtbare Schnappschildkröten in deutschen Badeseen, der Maja-Kalender, ein herannahender Komet auf Kollisionskurs, Ufo-Sichtungen, das Liebesleben von Schauspielern aus der dritten Reihe und ähnlich eigentlich ganz Alltägliches.

 

 

Staatsfernsehen

 

In China findet diese Jahreszeit ganzjährig statt: die intensive und bis ins kleinste Detail genaue Berichterstattung über irgendwelche Ereignisse, die ganz wichtig, ganz groß oder ganz bedrohlich sind, obwohl sie - wenn man genau überlegt - völlig Alltägliches zeigen. 

 

Diesen Stil der Berichterstattung werden die älteren Deutschen noch aus DDR-Zeiten kennen. Es geht darum zu zeigen, wie unermüdlich und erfolgreich die staatstragenden Kräfte im Einsatz für das Wohl der Bevölkerung sind. Immer brav positiv!

 

Dabei sind die Berichte vielleicht insgesamt sogar weitaus näher an der Wirklichkeit als die Berichte über Ufo-Sichtungen oder über Schnappschildkröten in einem Badesee. 

 
Eingelegte Schlangen.
Eingelegte Schlangen.

Ich zweifle grundsätzlich nichts an, was mir ein Staatsorgan sagt. Auch nicht, was mir das Staatsfernsehen in China sagt (meine chinesischen Freunde nennen mich deshalb naiv). Die Berichterstattung ist halt einfach nur so einseitig, dass mir die Zeit vor dem Fernseher als verschwendet erscheint. Wenn ein Zugunglück geschehen ist, würde ich gerne wissen, wie es dazu kommen konnte. Ich möchte nicht sehen, wie ein Politiker mit geheucheltem Lächeln leere Phrasen an die Hinterbliebenen richtet. Das will ich weder in Deutschland noch in China sehen.

 

Weshalb ich eben in China auch kein Fernsehen schaue. Nicht zu Hause zumindest. Ich sehe fern im Bus, beim Friseur, bei der Fußmassage, im Restaurant, im Fitness-Studio oder wenn ich bei Freunden eingeladen bin. Er läuft ja eh überall und ständig. Und meistens mit für meine Begriffe zu großer Lautstärke. Aber zu Hause muss es nun wirklich nicht sein.

 

Also denke ich nicht, dass die chinesischen Medien die Unwahrheit sagen. Ich empfinde es nur oft so, dass die Dinge, die bei uns bestenfalls im Sommerloch gezeigt werden, hier in China täglich die Schlagzeilen füllen.

 

 

Die deutsche Außenstelle des chinesischen Staatsfernsehens

 

In dieser Woche versorgte das chinesische Staatsfernsehen wieder einmal die deutschen Medien, allen voran Spiegel Online, mit Schlagzeilen. Diesmal waren es die Riesenhornissen. Die Riesenhornissen in China, genauer gesagt in Shaanxi. Es seien bereits 42 Menschen in diesem Sommer an Hornissenstichen gestorben. 42 Tote durch Insektenstiche in einem Land mit rund 1,5 Milliarden Einwohner. Der Schnitt ist nicht schlecht. Umgerechnet auf Deutschland wären das 2 Tote durch Hornissenstiche pro Jahr. Das könnte hinkommen. Ich vermute, weit mehr Menschen sterben pro Jahr in Deutschland an Bienenstichen, z.B. aufgrund allergischer Reaktionen. Statistisch gesehen enthält dieser Bericht definitiv nichts Überraschendes.

 

Was dann auch nervt, das ist das Video, dass Spiegel Online einen Tag später zeigte. Während der Artikel eine Zusammenfassung eines Artikels aus einer der zwei größten staatlichen Zeitungen Chinas enthielt, so war das Video einfach nur ein Ausschnitt aus dem chinesischen Staatsfernsehen. Und was zeigte das Video? Rettungskräfte, die unermüdlich im Einsatz waren, um mit Mini-Flammenwerfern Hornissennester zu zerstören, Zimmer in Krankenhäusern, in denen sich 4 Krankenschwestern um einen einzigen Patienten kümmern. Jeder, der einmal in einem normalen chinesischen Krankenhaus war, weiß, dass so etwas niemals passiert. Niemals würden sich 4 Krankenschwestern um einen Patienten bloß wegen Insektenstichen kümmern. Nicht in einem normalen Krankenhaus, und nicht, wenn der Patient kein Angehöriger der Aristokratie ist.

 

Aber Spiegel Online kennt ja China auch nicht. Was soll man anderes erwarten ...

 
Eine Schlange im Terrarium bei einer Schlangenzüchterin.
Eine Schlange im Terrarium bei einer Schlangenzüchterin.

Hornissen und Giftschlangen in Südchina

 

Natürlich tut es mir sehr leid um die Opfer, und noch viel mehr um die Hinterbliebenen, die auf dem Lande oft völlig mittellos dastehen, wenn der Ernährer auf so tragische Weise zu Tode kommt.

 

Aber ich gebe auch zu, dass meine erste Reaktion auf diese Schlagzeilen ein heimliches Grinsen war. Vielleicht bin ich schon zu lange hier in China, vielleicht bezweifle ich tatsächlich den Tatsachengehalt dieser „Nachrichten“. 

 

Ich dachte nur: Shaanxi. Typisch. Wir hier in Fujian lassen uns nicht von Hornissen stechen, wir fangen und essen, respektive trinken sie. Die Hornissen sind nämlich eine willkommene Dreingabe in eine besondere Art von Schnaps. 

 

Ein Freund sagt, das wäre so ähnlich wie mit dem Wurm im Tequila. Ich habe ein wenig herumgefragt, aber die Leute konnten oder wollten mir nicht sagen, ob es sich bei diesem Hornissen-Schnaps um eine Medizin oder um ein luxuriöses Genussmittel handelt. 

 

Das liegt aber auch daran, dass die Grenzen hier fließend sind. Fast alle teuren und kostbaren Lebensmittel haben auch eine Bedeutung oder Funktion in der chinesischen Medizin. Und viele medizinischen Kräuter findet man auch in der saisonalen Küche wieder.

 

Die meisten ausgefallenen Speisen oder Gerichte haben übrigens etwas mit der männlichen Potenz oder der weiblichen Fruchtbarkeit zu tun. Als Deutsche können wir uns überhaupt nicht vorstellen, was es hier für Gerichte, Gewürze und Theorien dazu gibt.

Eine Schlange im Terrarium bei einer Schlangenzüchterin.
Eine Schlange im Terrarium bei einer Schlangenzüchterin.

Genauso übrigens mit den Schlangen. Man kann sie essen. Man kann sie in Schnaps einlegen. Und egal ob im Kochtopf oder im Schnaps, die Schlangen sind teuer, die Liebhaber sagen, sie schmecken gut, und auch in der chinesischen Medizin haben die Schlangen eine wichtige Bedeutung.

 

Wenn ich aber daran denke, wie viele Menschen in unserer Provinz angeblich jährlich von Schlangen gebissen, schwer verletzt oder gar getötet werden... 

 

Ich bezweifle, dass dieses Jahr mit den Riesenhornissen wirklich besonders schlimm war. Die Hornissen hier in der Provinz Fujian sind übrigens auch nicht ganz ohne. So groß wie ein Daumen - wenn man etwas kleinere Hände hat. Man sieht hier ab und zu mal eine. Ich sah einmal eine, die auf einem Blatt saß und eine Wespe verspeist hat. 

 

Kürzlich traf ich auf dem Land eine junge Frau, die Schlangen züchtete. Sie stammte aus einer Familie, die sich seit Generationen mit der Schlangenzucht befasste. Es war faszinierend, ihre Geschäftsräume zu erleben. Und sie schien wirklich sehr viel Wissen und Erfahrung zu haben. Es gab dort Terrarien mit verschiedene Schlangen, und sogar Schlangeneiern. Meinem chinesischen Begleiter lief es kalt den Rücken herunter, und er wartete draußen vor der Tür auf mich. 

 

Die gleiche Schlange kürzlich bei einer Wanderung, ca. 1,5m lang.
Die gleiche Schlange kürzlich bei einer Wanderung, ca. 1,5m lang.

Ich fragte sie, wie häufig denn die Schlangen in dieser Region vorkämen. Sie sagte, früher konnte man manchmal welche sehen. Aber in den letzten Jahren ist es eine ausgesprochene Seltenheit geworden, wenn man einer Schlange in freier Wildbahn begegnete. 

 

Ich fragte, wie giftig die Schlangen denn seien. Sie sagte, nur zwei der häufigeren Arten seien giftig, und nur eine davon gefährlich. Der Biss der anderen wäre zwar schmerzhaft, aber je nach Konstitution nicht gefährlicher als ein Bienenstich.

 

In den letzten vier Jahren bin ich dreimal einer Schlange begegnet. Nicht derselben natürlich. Diese Schlangen hatte die junge Frau auch dort. Ich fragte, ob die auch giftig seien. Sie lachte nur und sagte, nein, die wären absolut ungefährlich.

 

 

Zum Glück gibt es die chinesischen Staatsmedien. Jetzt kann man in Deutschland auch kostengünstig die Seiten füllen, während es mit der Regierungsbildung in Bonn schleppend vorangeht.

 
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