Wie sagt man auf Chinesisch "Guten Tag"?

Im Gemüseladen braucht man kein "Guten Tag", wenn man etwas kaufen möchte.
Im Gemüseladen braucht man kein "Guten Tag", wenn man etwas kaufen möchte.

Im Lehrbuch steht „Ni hao“ (你好). Ganz einfach. Oft lernt man dann noch die Höflichkeitsform „Nin hao“ (您好), die ich selbst wahrscheinlich noch nie verwendet habe, was entweder bedeutet, dass ich unhöflich bin, oder dass ich ein schlechtes Gehör habe, weil ich wirklich noch nie in meinem Umfeld jemand „Nin hao“ sagen hören habe.

 

„Ni hao“, obwohl wir das so im Chinesisch-Kurs lernen, hat aber eigentlich eine ganz andere Funktion als „Guten Tag“. Ein paar Beispiele dafür können Sie im Text „Was bedeutet Ni hao?“ nachlesen.

 

Wenn sich zwei gute Freunde treffen, sagen sie praktisch nie „Ni hao“. Wenn man von der Arbeit nach Hause kommt, sagt man zu seinen Familienangehörigen praktisch niemals „Ni hao“. Das würde entweder scherzhaft klingen, oder ironisch, oder es bedeutet, ein Streit ist im Anzug. „Ni hao“ gehört zu einem eher förmlichen Gesprächskontext. Oder zu einer Situation, in der sich zwei Menschen gegenüberstehen, die eine eher professionelle oder beruflich orientierte Beziehung haben. „Ni hao“ passt also gut ins Restaurant, zum Einkaufen, oder für andere Situationen, in denen wir mit nicht nahestehenden Personen kommunizieren.

 

Ohne auf die Details eingehen zu wollen, aber so könnte man das kurz erklären.

 

Obwohl ich selbst also als Deutscher gewöhnt bin, beim Betreten eines Geschäftes irgendwie zu grüßen - meistens sage ich also "Ni hao" -, beobachte ich die Chinesen dabei, wie sie das fast nie tun. Zumindest nicht so selbstverständnlich, wie wir das tun.

 

Das Gleiche gilt auch für die chinesischen Formen von „Guten Morgen“ oder „Guten Nachmittag“ oder „Guten Abend“ oder gar „Gute Nacht“. Man hat in China in diesen Situationen andere Floskeln oder Formulierungen.

 

Wie sagt man dann aber „Guten Tag“ zu einander im Alltag? 

 

Hier ein paar Beispiele.

 

Wenn mich meine Nachbarin (ca. 65 Jahre alt) im Treppenhaus trifft, sagt sie:

„Du gehst raus.“

Ich sage: „Ja.“

Sie sagt: „Oh“ oder „Eng“ oder „Äh.“

 

Wenn ich nach Hause komme, sagt sie: 

„Du kommst nach Hause.“

Ich sage: „Ja“

Sie sagt: „Oh“.

 

 

Wenn die Nachbarn mich mit meinem Klapp-Fahrrad im Fahrstuhl sehen, sagen sie:

„Was hat das gekostet?“ (ohne „Guten Tag“, und sicher ohne „Gestatten Sie die Frage“)

 

Einige Fremde, keine Ahnung, ob Nachbarn oder Besucher, begrüßen mich im Fahrstuhl mit den Worten:

„Hast du hier eine Wohnung gekauft?“

oder

„Was zahlst du hier Miete?“

oder

„Bist du Tourist oder arbeitest du hier?“

 

Davor auch weder „Ni hao“ noch eine andere Begrüßung.

 

Ein paar Mal ist mir das auch schon passiert, dass mich jemand im Aufzug sieht und laut ruft: „Ausländer!“

Das sollte aber weder eine Begrüßung noch eine Gesprächseröffnung sein. Der Sprecher hat nur das verbalisiert, was er gerade sah. Eine typische Angewohnheit des modernen China. Man spricht das aus, was man sieht. Fast alles, fast immer. 

 

Wenn man Mantou kauft, braucht man auch kein "Guten Tag". Unnötig, unüblich. Im Chinesischen geht es auch ohne "Ni hao".
Wenn man Mantou kauft, braucht man auch kein "Guten Tag". Unnötig, unüblich. Im Chinesischen geht es auch ohne "Ni hao".

Hier noch ein paar andere Beispiele:

 

Einer meiner WG-Partner:

„Hey.“

 

Der Mann, der bei uns das Treppenhaus reinigt:

„Wie viel Uhr ist es jetzt?“

 

Das sagt er aber erst kürzlich. Es ist sozusagen sein "Plan B". Beim ersten Mal sagte er "Wie hoch ist dein Gehalt?" Ohne "Guten Tag" oder "Hallo" oder "Darf ich Sie mal was fragen?"

Ich war so baff, dass ich erst nicht wusste, wie ich reagieren sollte. Nach ein paar Schrecksekunden antwortete ich: "Bitte frag mich nicht nach meinem Gehalt." Er erwiderte: "Warum nicht?" Da merkte ich, dass ich ihm Unrecht getan hatte. Er verstand es einfach nicht besser. Ich sagte dann nur: "Verzeihung, mein Bus kommt gleich, ich muss schnell los. Bis zum nächsten Mal." Und verschwand.

 

Seit dem sagt er also: "Wie viel Uhr ist es?"

 

Der Torwächter in unserem Wohngebiet:

„Du gehst zur Arbeit.“

oder 

„Heute Arbeit.“ (wenn ich am Sonntag mit meiner normalen Tasche das Haus verlasse)

Er sagt das nicht als Frage, sondern als Aussagesatz.

 

Sein Kollege sagt immer:

„Zum Unterricht“, wenn ich gehe.

und „Vom Unterricht“, wenn ich nach Hause komme. Egal an welchem Tag, egal um welche Uhrzeit.

 

 

 

Die Mutter meines Nachhilfeschülers sagt:

„Du kommst gerade.“

 

Der Nachhilfeschüler selbst sagt:

„Guten Tag, Lehrer“ („Laoshi hao“. Hier wird das „Ni“ von „Ni hao“ durch das Wort für Lehrer, „Laoshi“ ersetzt)

 

Die Frau vom Kiosk neben der Bushaltestelle sagt zu mir, wenn ich vor 20 Uhr mit dem Bus nach Hause komme:

„So früh!“

 

Wenn ich nach 20 Uhr aussteige, sagt sie: 

„Schon gegessen, nicht wahr?“

 

Wenn ich nach 22 Uhr aussteige, sagt sie:

„So spät!“

 

 

 

Kein „Guten Tag“, kein „Ni hao“!

 

 

 

Der Besitzer des Supermarktes in unserer Siedlung sagt:

„Schöner großer Bruder.“ Das ist eine halb-ironische, halb neutrale Anrede für eine x-beliebige männliche Person, z.B. einen Kellner: „Shuai Ge“ (帅哥). Das Lustige in dieser Situation ist, dass man das üblicherweise zu deutlich jüngeren Personen sagt. Der Ladenbesitzer ist 3 Monate älter als ich, sieht aber 15 Jahre älter aus als ich (Zigaretten und Alkohol ...). Deshalb hat er begonnen, mich so zu nennen, seit er mein Alter kennt. Oder er glaubt, ich habe bei meinem Alter gelogen und will mich auf den Arm nehmen...

 

Die Besitzerin des zweiten kleinen Supermarktes ruft, sobald ich mich der Eingangstür nähere: 

„Was willst du kaufen?“

 

 

 

Wenn einer meiner Studenten seinen besten Kumpel auf dem Campus trifft, begrüßen sie sich immer mit: 

„Was machst du?“ (干吗, „gan ma“)

 

Wenn meine Studenten mich nach dem Unterricht treffen, sagen sie:

„Lehrer, hast du schon gegessen?“

 

Wenn der Fahrer des Motorradtaxis mich sieht, ruft er: 

„Hast du schon gegessen, oder noch nicht?“

 

 

 

Umgekehrt bedeutet das aber auch, dass ich weder beim Betreten eines Ladens, noch beim Einsteigen in ein Taxi, die angeblich typische Begrüßung „Ni hao“ brauche. Ich kann es sagen, dadurch wird die Situation förmlicher und ich rücke mich in den Mittelpunkt. Aber man tut es hier, wo ich wohne, nicht. Das mag in Peking oder Shanghai oder Hongkong anders sein.

 

 

Ich komme hier also durch die ganze Woche, ohne ein einziges Mal „Ni hao“ zu sagen. Quasi ohne Begrüßung. Es erfordert ein wenig Mühe, dahinter keine soziale Kälte zu sehen. Aber es ist wirklich ein Teil der chinesischen Alltagskultur, nicht „Ni hao“ zu sagen.

 
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